Weihnachten in Afrika die Zweite


Weihnachten in Afrika. II


Diese Geschichte ist so lang, dass man damit ein Buch füllen könnte. Aber wir haben ja heute schliesslich nicht fünf Stunden oder gar mehr Zeit, dass ich euch alles im Detail erzählen könnte. Darum muss ich mich darauf beschränken, einiges wegzulassen und den Rest in konzentrierter Form zu erzählen.

Angefangen hat eigentlich alles mit einem Lottogewinn. Die Mutter der vierjährigen Zwillinge Fränzi und Sigi Zäch war Ärztin in einem Regionalspital, der Vater eigentlich gelernter Schlosser. Da aber Mutter Heidi eine Arbeitszeit von über 60 Stunden hatte, und weil die Eltern die Kinder nicht in einem Tagesheim aufwachsen lassen wollten, beschlossen Mutter und Vater Zäch, der Vater solle vorübergehend den Beruf an den Nagel hängen und Hausmann spielen. So kochte, putzte und flickte denn Vater Erwin, während die Mutter Heidi mit ihrem Ärztelohn, der ja um einiges höher war als der des Vaters, für den Lebensunterhalt der Familie sorgte. Die Kinder waren glücklich mit dieser Lösung, denn Vater hatte nebst seiner Hausarbeit jede Menge Zeit, mit ihnen zu spielen und zu basteln.

Eines Tages las Vater Erwin in der Zeitung, im Lotto-Jackpot habe sich eine Summe von gegen fünf Millionen Franken angesammelt. Er hatte zwar noch selten Lotto gespielt. Am Abend, als Mutter Heidi von der Arbeit kam, meinte er aber so spasseshalber: „Was meinst du, Heidi, wollen wir es nicht mal wieder probieren? Wäre doch schön, so mit ein paar Milliönchen im Rücken die Arbeit Arbeit sein zu lassen und sich ein paar Jährchen in der Welt rumzutreiben!“
Heidi lachte ihn aus. „Glaubst du wirklich, diese Millionen hätten gerade auf uns gewartet? Wir wollen doch glücklich und zufrieden sein mit dem, was wir haben!“
Aber Erwin liess nicht locker. „Nun ja“, lachte er, „nötig hätten wir das Geld ja nicht unbedingt. Aber stell dir mal vor, wir hatten doch früher, bevor unsere Kinder auf der Welt waren, immer die Idee, einmal die ganze Welt zu bereisen. Hast du denn keine Wünsche mehr an das Leben, als in Ehren alt und grau zu werden?“
„Doch, doch“, erwiderte Heidi. „Die Wünsche sind noch immer vorhanden. Also, wenn du willst, dann mach halt wieder einmal Lotto. Dann bist du zwar nicht um einige Millionen aber um eine Erfahrung reicher geworden!“
Erwin holte zwei Lottoscheine im Kiosk. Nicht etwa, dass er im Sinn gehabt hätte, beide komplett auszufüllen. Aber er wusste von früher her, dass man schnell einmal ein Kreuzchen zuviel in die kleinen Vierecke gemalt hatte. Dann rief er die Kinder und sagte: „So, jetzt kann mir jedes von euch sagen, in welche Vierecke ich die Kreuze schreiben soll. Jedes darf zweimal sechs Zahlen antippen. Und ich werde dann noch selber gleichviel Kolonnen ausfüllen.“
Die Kinder waren mit Begeisterung dabei. Und noch am gleichen Tag brachte der Vater den Zettel ausgefüllt zurück ins Kiosk.
Aber als die Ziehung der Lottozahlen am Samstag im Fernsehen kam, hatte er die Sache schon wieder vergessen und schaltete den TV nicht ein. Erst als er zwei Wochen später im Dorfladen einkaufen ging und eine Kundin zur Verkäuferin sagen hörte: „Haben Sie`s gelesen? Da hat doch einer den Jackpot abgeräumt und das Geld noch nicht mal abgeholt!“ erst dann kam ihm der Lottozettel wieder in den Sinn. Daheim angekommen suchte er in den Tageszeitungen nach den Zahlen der damaligen Ziehung und verglich sie mit seinem Lottozettel. Das Herz wollte ihm fast aussetzen, als er feststellte, dass er selber diesen noch nicht angemeldeten Sechser hatte! Als er sich wieder gefasst hatte, war sein erster Gedanke, der Mutter ins Spital zu telefonieren und ihr die freudige Nachricht schonend beizubringen. Er besann sich aber dann doch anders, denn er dachte sich, es wäre für die Patienten gar nicht gut, wenn die Ärztin plötzlich in ihren Gedanken abgelenkt würde. Also legte er den Lottoschein und den Zeitungsausschnitt mit den gezogenen Zahlen, am Abend unter Mutters Teller, dass gerade noch ein Zipfelchen davon hervorgüxelte. Die Kinder hatte er schon vorher informiert und ihnen aufgetragen, ja nichts zu verraten, bis die Mutter die Zettel selber fand.
Am Abend setzten sich alle drei gespannt mit Mutter an den Tisch. Sigi platzte plötzlich heraus: „Mammi, ich sage dir nicht, dass unter deinem Teller fünf Millionen Franken sind!“ Alle lachten. Mutter nahm die beiden Zettel unter dem Teller hervor. Sie machte grosse Augen. Zuerst dachte sie, ihr Mann habe sich wieder mal einen Scherz mit ihr erlaubt, oder sie liege im Bett und träume. Aber wie sie auch wieder und wieder kontrollierte: Es war weder ein Scherz noch ein Traum.
Klar, dass an Schlaf in dieser Nacht bei den Eltern nicht zu denken war. Die ganze Nacht lagen sie wach und überlegten, was mit soviel Geld denn nun gemacht werden sollte. Und schliesslich kamen sie auf die Idee, falls sie die schon lange geträumte Weltreise mal machen wollten, wäre es jetzt noch die beste Zeit dafür. Denn wenn die Zwillinge später in die Schule mussten, wäre an eine solche lange Reise nicht mehr zu denken.
Am anderen Tag ging die Mutter mit schwerem Kopf ins Spital an ihre Arbeit und, nachdem sie einsah, dass ein konzentriertes Arbeiten heute nicht möglich war, ging sie zu ihrem Chef um bei ihm einen Jahresurlaub einzugeben. Der Verwalter war zwar gar nicht froh über diesen Bericht. Aber er musste schliesslich die Gründe der Ärztin Zäch als stichhaltig akzeptieren.
Vater Erwin fuhr mit den Zwillingen heute ausnahmsweise in die Stadt einkaufen, weil er sich Unterlagen bei Reisebüros und Prospekte für ein Wohnmobil holen wollte. Diese Unterlagen studierten dann die Eltern am Abend bis ihre Köpfe fast zu rauchen anfingen. Sie einigten sich schliesslich darauf, dass die Reise nach Afrika gehen und das Wohnmobil noch Solarzellen auf das Dach montiert bekommen sollte. Schliesslich sollte, wenn man schon in einen Erdteil reisen wollte, in dem die Sonne ihre volle Kraft entfaltete, diese Sonnenkraft auch genutzt werden.

Die folgenden Wochen waren hektisch. Das Wohnmobil musste umgebaut und mit den nötigen Utensilien für eine lange Reise versehen werden; die nötigen Schutzimpfungen mussten gespritzt werden; die Reisepässe mussten bestellt werden; die Bekannten mussten orientiert werden; jemand musste beauftragt werden, für das Haus, den Garten und die ankommende Post zu sorgen; die Schiffsreise musste für vier Personen und ein Wohnmobil gebucht werden, und schliesslich musste Vater Erwin sich und seine Familie bei den Behörden noch für ein Jahr abmelden.

Nach etwa einem Monat war es so weit. Verwandte und Bekannte standen eines Morgens vor dem Haus und winkten dem Wohnmobil nach, das Richtung Spanien startete. Sie fuhren bis an den äussersten Zipfel von Europa und nahmen dann in Gibraltar die Fähre nach Marokko.

Wir wollen die Reise mit dem Wohnmobil und auf dem Schiff weglassen. Dabei hatten die beiden Zwillinge sooo viel erlebt, dass sie manchmal die Eltern fast wahnsinnig machten mit Fragen und Erzählen. Wir wollen auch den Start in Afrika weglassen, der nicht gerade so gut verlief, wie sie es ich vorgestellt hatten. Wir wollen auch weglassen, dass sie jeden Abend, wenn sie irgendwo parkierten, alles, was draussen nicht niet- und nagelfest war, in das Wohnmobil nehmen mussten, weil es sonst am Morgen einfach nicht mehr vorhanden gewesen wäre. Denn unterwegs hatte es tausende von armen Leuten, die auch vor einem Diebstahl nicht zurück schreckten, wenn sie damit ein paar Tage zu essen kaufen konnten.
So ging es denn an der Küste Afrikas entlang mit kurzen Abstechern ins Landesinnere. Sie lernten die Länder entlang des Meeres kennen und machten Fotos und Videoaufnahmen der Märkte und der Handwerker in jedem Land. Sie besuchten aber auch die Sehenswürdigkeiten, wie sie sie aus den Prospekten der Reisebüros herausgepickt hatten. Mutter Heidi machte an jedem Abend, wenn die Kinder in ihren Kajüten lagen und schliefen, Aufzeichnungen darüber, was sie an diesem Tag wieder Neues erlebt hatten.

So kamen sie denn nach etwa drei Monaten im Lande Kamerun an. Hier kamen sie zur Einsicht, dass sie bis heute eigentlich nur immer rechts das Meer und links das Land mit seinen Städten und zivilisierten Dörfern gesehen und erlebt hatten. Und sie merkten auch, dass, wenn sie weiterhin dem Meer entlang wollten, gerade so knapp innert dem Jahr wieder zuhause sein würden. Also machten sie in Douala einen neuen Plan, nämlich über das Land Tschad und einen Zipfel des Sudan nach Ägypten zu fahren. Denn schliesslich wollten sie ja auch die weltberühmten Pyramiden sich noch ansehen, von denen sie schon in der Schule so viel Abenteuerliches gelesen und gehört hatten. Im Sudan, kurz vor der Wüste trafen sie aber im kleinen Dorf Abu Bajal auf ein deutsches Missionarsehepaar, bei dem sie sich sofort so wohfühlten, dass sie beschlossen, hier mal eine oder zwei Wochen Pause zu machen.
Aus den geplanten ein, zwei Wochen wurde ein Monat und sie hatten immer noch keine Lust, sich weiter auf die Reise durch die Wüste zu machen. Herr Braun, der Missionar beschränkte sich nicht darauf, den Menschen das Evangelium beizubringen. Da er eigentlich von daheim aus Bauer gewesen war, lehrte er die Einwohner des Dorfes, dass man sich nicht allein auf den Herrgott verlassen durfte, wenn man gute Ernten wollte. Das Hauptproblem war das wenige Wasser, das die Eingeborenen in vier vor Jahrhunderten gegrabenen tiefen Brunnen von Hand holten. In heissen Jahren sank der Wasserspiegen jeweils so tief ab, dass es kaum mehr für die Menschen und die wenigen Ziegen reichte. Die meisten Pflanzen verdorrten. Und hätte der Missionar nicht in Europa gute Menschen gekannt, die immer wieder Nahrungsmittel und Medikamente schickten, die Menschen in Abu Bajal wären wohl längst ausgewandert oder an Seuchen und Hunger gestorben.
Die Zächs staunten immer wieder, wie man mit primitiven Mitteln leben und froh sein konnte. Mutter Heidi und die Kinder Fränzi und Sigi beobachteten die Frauen, wie sie Hirse stampften, die Ziegen molken, aus Ziegenfellen Kleidungsstücke nähten und aus ihren Hörnern allerlei Gerätschaften schnitzten. Die Männer schmiedeten auf primitiven Öfen Werkzeuge aus Eisen, die sie in den Feldern und zum Holzen benötigten. Sigi und Fränzi strolchten aber auch den ganzen Tag mit ihren schwarzen Spielgenossen rings ums Dorf auf Erkundungsausflügen und halfen beim Wasser holen. Vater Erwin aber, der ja von Beruf Schlosser war, sah in Gedanken, wie aus einem Wasserloch eine Pumpstation werden könnte. Man müsste, so dachte er, doch das Loch tiefer graben, die Wände befestigen und zuunterst eine Wasserfassung installieren können, aus der das kostbare Nass mit einer mit Sonnenenergie gespiesenen Pumpe nach oben in ein Reservoir gefördert werden könnte. Von diesem Reservoir aus könnte man es in einen Wassertank pumpen, in den man auch ein Luftkissen pumpte, damit immer genug Druck vorhanden war um mittels Leitungen das Wasser ins Dorf und in die Felder zu leiten.
Herr Braun lachte zwar am Anfang herzlich über Erwins Pläne. Aber mit der Zeit liess auch er sich überzeugen, dass sie - rein theoretisch natürlich, wie er betonte - umzusetzen wären. Ja, wenn nur genügend Geld und Material vorhanden wäre, seufzte er.
An einem Abend, als die Kinder friedlich schliefen, überraschte Erwin seine Frau mit seinen Plänen. „Was nützen uns eigentlich unsere Millionen“? sagte er. „In ein paar Monaten sind wir wieder zuhause und lassen es uns wohlergehen, während hier in Abu Bajal weiterhin Not herrscht!“
Mutter Heidi hatte sich als Ärztin auch schon ihre Gedanken gemacht. „Wenn ich sehe, wie diese Menschen bei kleinen Verletzungen schon Komplikationen bekommen, krampft sich mir das Herz zusammen!“ sagte sie „Es sollte doch möglich sein, einige der Frauen zu einfachen Pflegerinnen auszubilden. Sie könnten dann ja ihre altüberlieferten Heilmethoden mit unserer westlichen Medizin verbinden. Und das wäre natürlich auch für mich eine wertvolle Bereicherung in meinem Wissen, wenn ich da mitmachen könnte!“
Noch lange wurde in dieser Nacht diskutiert über das Wie und Was. Wie sollten zum Beispiel all die benötigten Sachen aus der Schweiz zu ihnen kommen? Wer in der Heimat könnte als Helfer mitmachen? Schliesslich wurden sie sich einig, man könnte Erwins alten Schulkollegen Markus in der Schweiz anfragen, ob er als Kontaktmann mitmachen wolle, und Erwin sollte am nächsten Tag die Funkstation des Missionars ein bisschen auf ihre Tauglichkeit prüfen. Denn jede andere Verbindung wäre zu kompliziert oder unmöglich gewesen.
Herr Braun rief also am anderen Tag im Verbindungsbüro der Mission in Kairo an und erklärte dort das vorgesehene Projekt dem Leiter. Dieser war zwar ziemlich skeptisch, versprach aber, die Verbindung zur Schweiz herzustellen. Sobald diese klappe, werde man in Kairo die beiden Orte miteinander verbinden.
Es wurde allerdings recht spät in der Nacht bis es soweit war. Die Ver-bindung war erst noch so schlecht, dass sich die beiden Männer nur brüllend miteinander unterhalten konnten. Markus war sofort begeistert, mitzumachen. Und er sicherte Erwin zu, er werde noch weitere Personen für das Projekt interessieren. Gewiss würde man auch noch ein paar Hersteller der benötigten Waren und Geräte dazu bringen, diese entweder gratis oder doch massiv billiger zu liefern. Nun konnte Erwin seinem Kameraden die Liste der benötigten Teile durchgeben. So war eigentlich nur noch ein Problem, allerdings ein riesiges: Wie kam das Zeugs von der Schweiz nach Abu Bajal? Aber Markus versprach, er werde alles Nötige in die Wege leiten. Denn von der Schweiz aus sei dies bestimmt viel einfacher als vom „Ende der Welt“ aus, wie er Abu Bajal scherzhaft nannte.

Die folgenden Wochen verliefen wie im Flug und waren voller Spannung. Endlich der erlösende Anruf über das Funkgerät: In einem Monat sei alle benötigte Ware - und dazu viele Einrichtungen und Medikamente für Mutter Heidis Sanitätszimmer - auf dem Weg über Ägypten und den Sudan. Einen alten Lastwagen und einen Jeep der Armee habe man günstig kaufen können. Die beiden Fahrzeuge würden mit weisser Farbe umgespritzt und mit der Aufschrift „Help for Abu Bajal“ beschriftet.

Alles klappte wie am Schnürchen. Fünf Wochen nach dem letzten Anruf kam wieder einer. Diesmal aus Kairo. Markus berichtete voller Freude, sie - das heisst er, seine Frau und zwei Arbeitskollegen von ihm - würden morgen von Kairo aus starten. Es wäre allerdings von Nutzen, sagte er, wenn Erwin sie in Faya, ein paar hundert Kilometer von der sudanesischen Grenze entfernt, abholen würde, damit sie das Dorf Abu Bajal auch wirklich finden würden. Die Wüste würden sie allerdings meiden, denn sie wollten nicht riskieren, so kurz vor dem Ziel noch stecken zu bleiben. Und noch eine Überraschung kündeten sie an: Weil ja in einigen Wochen Weihnachten sei, habe man drei kleine Tannenbäume in Töpfe verpflanzt, und die nötige Dekoration sei auch gut verpackt dabei!
Natürlich wollten die Zwillinge auch mit auf die Reise. Aber die Eltern erklärten ihnen, es wäre besser, sie unter der Obhut von Frau Braun zu lassen. Denn die Fahrt durch die Steppen sei denn doch ein wenig zu beschwerlich für sie. Und sie liessen sich auch durch das Bitten und Betteln von Fränzi und Sigi nicht umstimmen.

Um ganz sicher zu sein, dass man sich nicht verfehle, starteten Erwin und Heidi mit ihrem Wohnmobil bereits drei Tage nach dem Anruf. Die Wartezeit in Faya wollten sie mit Einkäufen verbringen. Auch nahmen sie nur gerade das Notwendigste mit auf die Reise. Jeden Tag gegen Abend bildeten sich in den letzten Tagen am Horizont einige Wolken. Jeden Tag ein paar mehr. Die Menschen schauten sehnsüchtig nach ihnen. Erwin und Heidi fragten den Missionar, ob wohl mit Regen auf der Reise zu rechnen sei. Herr Braun lachte etwas traurig. „Schön wärs“, sagte er. „Aber leider halten diese Wolken uns nur zum Narren. Das Land lechzt nach Wasser. Aber erfahrungsgemäss sind diese Wolken nichts anderes als die Bestätigung, dass es sie tatsächlich noch gibt!“

Die Kinder vertrieben sich die Zeit mit ihren neu gewonnenen Freunden mit dem Erstellen einer Hütte aus Ruten, Erde und Ästen. Zuerst steckten sie dicke Ruten in den Boden, flochten dann die dünneren Ruten dazwischen, rührten einen dicken Brei aus lehmiger Erde, den sie zwischen das Geflecht strichen, und schliesslich deckten sie das „Haus“ mit einigen Ästen.
Als die Hütte stand, war es zwar ein paar Tage lang ganz lustig, sich als Familie aufzuspielen und dem trocknenden Lehm zuzuschauen, wie er langsam Risse bildete und hart wurde. Dann aber wurde es ihnen ohne die Eltern recht langweilig. Sie begannen, die aus dem Wohnmobil zurückgelassenen Gegenstände nach ihrer Brauchbarkeit als Spielzeug zu durchsuchen. Dabei stiessen sie auf einen Bund Kerzen, den die Eltern als Sicherheit mitgenommen hatten, falls es einmal in der Nacht zu einem Stromausfall kommen würde. „Wir feiern Weihnachten!“ schrien die Kinder voller Tatendrang. Flugs rannten sie, eine ganze Schar Kamerädlein hinter sich herziehend, mit den Kerzen und einigen Feuerzeugen aus dem Dorf in die Steppe, wo auf einem Hügel ein verdorrtes Akazienbäumchen stand. Sie erinnerten sich, wie die Eltern jeweils etwas Wachs der brennenden Kerzen hatten in die Halter tropfen lassen, wenn sie zu wenig Halt hatten. Da aber überhaupt keine Halter vorhanden waren, probierten sie halt, die Kerzen direkt auf den Ästen zu befestigen. Nach einigen missglückten Versuchen gelang dies denn auch. Nun wollten die anderen Kinder aber auch probieren. Es kam wie es kommen musste: Eines war so unvorsichtig, die brennende Kerze ins dürre Gras fallen zu lassen. Wie Zunder entzündeten sich die umliegenden Gräser. Ein kleiner Windstoss tat das seinige dazu. Bald stand eine Fläche von einem Dutzend Quadratmeter in Flammen. „Schnell Wasser holen!“ schrien die schwarzen Kamerädlein. Sie rannten dem nächsten Wasserloch zu, gar nicht daran denkend, dass sie ja nicht mal Eimer dabei hatten. Erst als sie am Wasserloch anlangten merkten sie es. Aber da war es bereits zu spät: Der Rückweg ins Dorf war durch eine breite Feuerwand versperrt, die immer näher kam. In panischer Angst liefen die Kinder schreiend aus der Gefahrenzone hinaus ins Niemandsland.
Endlich, nach vielen Kilometern erreichten sie eine grosse Fläche, auf der kein Gräslein, kein Baum oder Strauch zu sehen war. Hier liessen sich die Kinder ermattet auf den Boden sinken.

Erwin und seine Frau mussten nur zwei Tage in Faya auf die Freunde warten. Sie benutzten die Zeit, möglichst viel Esswaren, Seife, und Treibstoff für die Fahrzeuge, zu organisieren. Es gab ein grosses Freudengeschrei, als sie sich nach so vielen Monaten wieder trafen. Da man aber keine Zeit verlieren wollte, starteten sie noch am gleichen Tag in Richtung Abu Bajal, Erwin und Heidi mit ihrem Wohnmobil voraus, die anderen beiden Fahrzeuge in Einerkolonne hintendrein.
Als sie etwa dreissig Kilometer vor dem Dorf waren, sahen sie in seiner Richtung eine dunkle Wolkenwand. „Aha, also doch Regen!“ sagte Erwin zu Heidi. „Das können doch keine Regenwolken sein!“ erwiderte Heidi. „Herr Braun hat doch ausdrücklich gesagt, es werde keinen Regen geben in der nächsten Zeit.“ Trotzdem beschleunigten sie ihre Fahrt. Irgendetwas beunruhigte sie. Als sie noch etwa zehn Kilometer vom Dorf entfernt waren, schnupperte Heidi plötzlich Rauch. „Da brennt`s ja!“ rief sie erschrocken. Und nun rochen es auch die anderen. „Vollgas!“ schrie Erwin. Er winkte aufgeregt den hinter ihnen fahrenden Kameraden zu und diese begriffen sein Winken wohl richtig, denn auch sie drückten nun auf das Gaspedal, dass der Sandstaub hinter den Fahrzeugen zu einer undurchsichtigen Mauer wurde.

Die Kinder waren atemlos an einer Kilometer entfernten Wasserstelle ange-langt. „Hier hinunter!“ rief Enea, der älteste der Buben seinen Fluchtgefährten zu. Sie purzelten vor Aufregung fast die ausgetretenen Stufen hinab. Unten angekommen kauerten sie sich eng zusammen. Ihre Füsse steckten in zähem Brei aus Wasser und Erde. Denn das Wasserloch war seit vielen Jahren nicht mehr benutzt worden und daher ungepflegt. So warteten sie auf das Feuer und hofften, der Rauch möge nicht bis zu ihnen herunter kommen. Die beiden Zwillinge begannen zu weinen. Aber Enea tröstete sie so gut es eben mit dem bescheidenen Kauderwelsch ging, den die Kinder untereinander ausgetauscht hatten.
Plötzlich blitzte es, und ein paar Sekunden später folgte der Donner. Der Himmel über ihnen, der von den Rauchschwaden schon dunkel geworden war, wurde nun fast schwarz. Dann kamen die ersten Regentropfen, gross und schwer. Die Kinder schauten erschreckt nach oben. Dann plötzlich goss es wie aus Kübeln. Die Stufen des Wasserloches begannen sich aufzulösen und schwammen in gelben Bächen zu ihnen herunter. Die Kinder stellten sich in die Mitte des Loches, denn nun flossen solche breiigen Ströme von allen Wänden. Bald standen sie bis zu den Knien in diesem Brei. Sie hielten sich an den Händen, die Köpfe nach unten gerich-tet, damit ihnen die schweren Tropfen nicht in die Nasen liefen.

So plötzlich wie es angefangen hatte, liess das Gewitter wieder nach. Noch ein paar Minuten floss der Regen herunter, dann wurden die Sturzbächlein zu kleinen Rinnsalen und hörten ganz auf. Die Kinder lachten erleichtert. „Wasser gut, kein Feuer mehr!“ schrie Enea. Dann stampfte er im gelben Brei herum, dass es nur so spritzte. Die anderen schrien im Chor: „Wasser gut, Wasser gut“, und stapften hinter ihm her. Jedes der Kinder hatte seine Hände dem vorderen auf die Schultern gelegt. So tanzten sie ausgelassen im Kreise herum. „Jetzt nach Hause“, kommandierte Enea. Aber zu ihrem Schrecken mussten sie feststellen, dass überhaupt keine Stufen mehr vorhanden waren, auf denen sie hätten nach oben gelangen können. Wie gelähmt standen sie im Loch und hielten sich ängstlich umarmt. „Rufen!“ sagte Enea plötzlich. Im Chor begannen sie um Hilfe zu schreien. Aber wer hätte sie denn hören sollen?

Als der Regen aufhörte, begannen Herr und Frau Braun die Kinder im Dorf zu suchen. Aber wo immer sie fragten, schaute sie nur jedermann erstaunt an. Alle meinten, die Kinder seien im Missionshaus. „Wir müssen sie suchen bevor es Nacht wird“, rief Frau Braun aufgeregt. Sie bat die Dorfbewohner, alles was Licht hergeben konnte, zu sammeln und dann in immer weiteren Kreisen um das Dorf nach den Kindern zu suchen. Sie bildeten nun Gruppen und schwärmten in alle Windrichtungen aus. Natürlich hatten auch sie das Feuer auf der Steppe gesehen. Da sich aber immer wieder solche durch Blitzschlag oder gar von selber durch die Sonne entzündeten, kam ihnen gar nicht die Idee, die Kinder seien die Ursache der brennenden Steppe. Erst als sie die ganze unverbrannte Umgebung ohne Erfolg abgesucht hatten, kam der Verdacht auf, die Kinder seien vor dem Feuer geflüchtet. Nun begannen sie auch die verkohlte Gegend abzusuchen. Es eilte, denn in wenigen Stunden würde die Nacht fast schlagartig hereinfallen.

Als die Fahrzeugkolonne über die verbrannte Steppe zu fahren begann, verlangsamten die Fahrer das Tempo. Denn die Asche hatte mit dem Regen zusammen eine glitschige Unterlage gemacht. Fast im Schrittempo ging nun die Fahrt vorwärts. Auf einigen an den Wurzeln angekohlten Bäumen sahen sie im Geäst einige Wildkatzen liegen, die sich offenbar nicht mehr herunter getrauten, weil die unteren Äste verbrannt waren. Erwin fuhr direkt auf die Bäume zu und hielt darunter an. Dann stieg er aus um sich die Sache näher zu besehen. Auch Heidi stieg aus. Die anderen hielten in einiger Entfernung ebenfalls an und stiegen aus. „Ich steige mal auf den Camper und schaue, was da zu machen ist“, sagte Erwin. „Vielleicht lassen sich die Katzen dazu bewegen, auf das Dach des Wohnmobils zu springen.“ Er kletterte die hinten angebrachte Leiter hoch. Als er oben ankam, fauchten ihn die Wildkatzen an. Erwin blieb in respektvoller Entfernung stehen und hoffte, wenn sich die Tiere erst mal an seine Gestalt gewöhnt hätten, würde es ihnen vielleicht doch noch einfallen, die Hilfe anzunehmen. Aber die Katzen kletterten noch höher statt tiefer. Erwin wollte schon aufgeben, als es ihm war, er höre in der Nähe leises Rufen. „Seid mal still“ rief er den anderen Wartenden zu. Da, wieder, ganz eindeutig das Rufen von Kindern. Aufgeregt kletterte er die Leiter wieder hinunter und deutete auf ein in der Nähe liegendes Wasserloch. „Da drüben, da sind Stimmen zu hören!“
Und nun hörten es auch die anderen. Schnell liefen sie zu der Wasserstelle. Sie erschraken mächtig, als sie in der Tiefe ihre eigenen Kinder in Begleitung einer Gruppe Kinder aus dem Dorf sahen. „Was macht denn ihr da drunten?“ fragte Erwin verdattert. Da riefen die Kinder von unten in einem solchen Durcheinander von Stimmen, dass man oben kein eiziges Wort verstand. „Den Wagen mit der Seilwinde her!“ rief Markus plötzlich und rannte zu seinem Lastwagen. Er startete und kam so schnell gefahren, dass er beim Bremsen beinahe auch noch in das Loch gestürzt wäre. Dann löste er den Splint der Seilwinde und zog am Seil. Das Ende band er zu einer Schleife. Dann liess er diese ins Loch gleiten. „Nun soll eins ums andere mit den Füssen in die Schlinge treten und sich am Seil festhalten!“ rief er ins Loch hinunter.
Nach ein paar Minuten waren alle Kinder gerettet. Fränzi und Sigi fielen, dreckig wie sie waren, den Eltern um den Hals. Die anderen Kinder standen verlegen im Halbkreis um sie herum. „Nun aber aufsitzen, aber alle hinten, ihr Schweinchen!“ befahl Erwin lachend. Die Kinder gehorchten. Auf der Fahrt ins Dorf wollte jedes am meisten Mut gezeigt und am wenigsten Angst gehabt haben!

So kamen also die weissen und die schwarzen, die grossen und die kleinen Kinder doch noch zu ihrem Weihnachtsfest! Und während die Vorbereitungen dazu getroffen wurden, begannen das Gras und die Bäume in der Steppe neu grün zu spriessen. Und die Gärten und Pflanzungen der Dorfbewohner trugen in diesem Jahr eine ganz besonders reiche Ernte. Und als alle am Weihnachtsabend unter dem schönsten der drei mitgenommenen und geschmückten Tannenbäume sassen, sangen sie ganz besonders innig ihre Weihnachtslieder.

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