Weihnachten in Afrika


Mutembo Gaganga

Als ich mich endlich entschloss, mir einen Reisepass zu besorgen, war ich in einem Alter, in dem meine Altersgenossen wohl bereits sämtliche Kontinente besucht hatten. Ich aber dachte noch bis vor kurzem, meine Identitätskarte würde mir vollauf genügen, meine begrenzte Reiselust zu befriedigen. Erst die Bemerkungen meiner Kinder, ich sei eigentlich ein Feigling, nicht endlich den Rest der Welt zu besichtigen, liess den Wunsch aufkeimen, ihnen zu beweisen, dass auch ich noch nicht zum alten Eisen gehöre.
So besorgte ich mir also diesen roten Pass mit dem weissen Kreuz drauf, auf den meine Landsleute so stolz zu sein schienen und machte mich auch gleich auf in ein Reisebüro, um mich über ein paar einfachere Reisen in die anderen vier Kontinente zu erkundigen. Hier schien man offenbar gleich zu merken, dass ich reisetechnisch ein Greenhorn war. Jedenfalls musste ich das Personal wohl an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht haben, als ich mich nach einer Stunde noch nicht mal für einen bestimmten Kontinent entschliessen konnte. Wollte ich denn eigentlich und überhaupt?, begann ich mich nämlich zu fragen. Aber durfte ich, nachdem ich nun eine Stunde lang das Personal von einem Gestell zum anderen und durch den Computer gejagt hatte, einfach die Wahrheit sagen: „Tut mir Leid – ich will ja gar nicht!“? Nein, das wollte ich ja eigentlich auch nicht. Also beschloss ich, mal erst den nächstgelegenen Kontinent zu besuchen: Afrika.
Die nächste halbe Stunde wurde mir wieder ein Berg von Prospekten hingelegt. Nun aber, da ich schon den Mut aufgebracht hatte, mich für Afrika zu entschliessen, erinnerte ich mich der fantastischen Reiseberichte eines gewissen David Livingston, der nach Afrika reiste, um die Heiden gleich in Scharen zu bekehren. Neu zu entdecken gab`s aber wohl nichts mehr. Aber in die überlaufenen Zentren des Massentourismus` wollte ich auch nicht. So beschloss ich, mal erst einen Flug mit Hotel nach Nairobi zu buchen. Von dort aus war es gewiss möglich, mich von ortskundigen Spezialisten eine Reise nach Mass durch den Kontinent zusammenstellen zu lassen.
Als ich nach wenigen Stunden Flug in Nairobi ankam, nahm ich mir eines der vielen auf Kunden wartenden Taxis und liess mich zum Hotel „Casablanca“ fahren, wo ich eincheckte und mich nach einem ausgiebigen Bad in der Badewanne schlafen legte. Am anderen Morgen ging ich nach dem Frühstück gleich ins nächstgelegene Reisebüro und fragte, ob da jemand Deutsch verstehe. Ich staunte, denn alle Angestellten konnten es. Eine hübsche Schwarze nahm sich meiner Wünsche an. Erst druckste ich ein bisschen herum. Dann aber, als sie offenbar der irrigen Ansicht war, ich sei einer jener deutschen Bumstouristen, die nur schnell gucken wollten, ob es zwischen weissen und schwarzen Frauen einen Unterschied gebe, wurde ich etwas heftig und sagte: Wenn ich schon nach Afrika käme, dann möchte ich doch noch ein bisschen des Restes möglichst unverdorbenen Afrikas entdecken – und dabei meine ich gewiss nicht die armen Kinder, die auf den Strassen herum lungerten und auf geile alte Säcke warteten. Ich wüsste natürlich, dass Livingston mir schon alle besseren Destinationen vor der Nase weggeschnappt habe. Aber so ein kitzekleines Zipfelchen Afrika werde doch wohl noch irgendwo zu entdecken sein, das noch nicht von Touristen versaut worden sei. Die lustige kleine Angestellte lachte mich mit schneeweissen Zähnen an. Sie schien Gefallen an mir und meiner Einstellung zu finden. Wenn ich, so sagte sie, morgen wieder komme, werde sie mir einen jungen Verwandten von ihr vorstellen, der sich mir – falls ich einverstanden sei – als Führer zur Verfügung stellen werde. Ich atmete erleichtert auf, denn der Gedanke, auf eigene und alleinige Gefahr auf Entdeckungsreise zu gehen, war für mich ein Horror geworden.
Am nächsten Tag kam ich wieder. Schon von weitem lachte mir das sympathische Grinsen eines jungen Schwarzen entgegen, der mir seine rechte Hand entgegenstreckte und in recht gutem Deutsch mich willkommen hiess. Wir verstanden uns auf Anhieb. Er nahm sein Notizbüchlein aus dem Kittel und zeichnete eine Skizze, wo er mich hinführen könnte. Er habe in einem kleinen Dorf in etwa 1500 Kilometern Entfernung Verwandte, die er jedes Jahr mal besuche. Wenn ich wolle, könnte ich mich ihm anschliessen. Dort sei die Welt noch in Ordnung; kein TV, kein Massenverkehr, heile Afrikawelt wie vor hundert Jahren. Ich ging begeistert auf seinen Vorschlag ein und wurde schnell über die Kosten der Reise mit ihm einig.
Schon am nächsten Tag setzte ich mich zu ihm in seinen rostigen Jeep mit abgelaufenen Pneus und stinkendem Auspuff. Wir tankten noch und füllten gleich ein halbes Dutzend Kanister mit Benzin. Ich müsse aber nicht denken, sagte er, dass es unterwegs kein Benzin zu kaufen gäbe. Aber es gäbe da auch Spitzbuben, die unsauberen oder gepanschten Treibstoff verkaufen würden. Naja, er musste es ja schliesslich wissen – Hauptsache, dass ER keiner von ihnen war!
Die nächsten Tage fuhren wir von Ortschaft zu Ortschaft auf immer holpriger werdenden Strassen. Gegen Ende der Reise war der Ausdruck „Strasse“ aber nicht mehr gerechtfertigt; zwei Karrengeleise zeugten immerhin davon, dass da ab und zu gefuhrwerkt wurde.
Nach vier Tagen erreichten wir das Dorf, von dem Mumbubi, mein Führer gesprochen hatte: Wada Mogongo. Als wir ins kleine Dorf fuhren, sprangen uns fast und ganz nackte Kinder entgegen und rannten dann dem Jeep nach bis wir auf dem Dorfplatz anhielten. Und nun kamen auch aus allen Hütten die Einwohner gelaufen und umringten uns mit einem Lärm, dass mir fast schwindlig wurde. Mumbubi aber umarmte eine halbe Stunde lang sämtliche jungen und alten Frauen und Männer mehrmals und musste offenbar ein Dutzend mal erklären, wer ich sei und was ich wolle. Es wurde langsam stiller, die Einwohner standen in einem Halbkreis um uns herum und beäugten mich unverhohlen. Es wurde mir fast ein bisschen unheimlich beim Gedanken, dass hier vielleicht vor hundert Jahren noch Fremde in Kochtöpfen schmorten oder sotten!
Schliesslich begleitete uns das ganze Dorf zu einer Schilfhütte, die die anderen etwas überragte. Das sei das „Hotel“, bedeutete mir Mumbubi. Ich grinste vor mich hin, sagte aber nichts. Wir trugen unsere Koffer hinein und Mumbubi breitete ein paar Decken, die in einer Ecke lagen, in der Mitte der Hütte aus. Plötzlich wurde es Nacht. Ich war müde und wollte mich gleich schlafen legen. Aber Mumbubi sagte, das gehe nicht, denn man erwarte von mir, dass ich mich zu ihnen auf den Dorfplatz setze und von meinem Land und Leben erzähle. Denn Fremde seien für die Dorfbewohner immer noch die Brücke zu einer geheimnisvollen Welt da draussen. Also blieb mir wohl nichts anderes übrig. Gehorsam folgte ich Mumbubi auf den Dorfplatz, wo bereits ein Feuer loderte und eine halbe Ziege an einem Spiess gedreht wurde. Ich setzte mich in den Kreis der Dorfbewohner. Erwartungsvoll hingen sie an meinen Lippen, die ihnen Neuigkeiten aus der anderen Welt erzählen sollte. So begann ich denn, anfangs stockend, aber je länger ich erzählte – und je mehr ich von dem Tranke nahm, der mir laufend angeboten wurde, – umso leichter ging mir das Erzählen von den Lippen. Mumbubi kam kaum noch nach, meine Worte zu übersetzen. Die Augen der Dorfbewohner begannen im Schein des Feuers zu glänzen, nach jedem übersetzten Teil meiner Geschichte klatschten die Bewohner lauter und schrien vor Begeisterung. Meine Erzählung hatte längst von Tatsachen zu Fantasien gewechselt. Zwischendurch trank ich von dem bierartigen Getränk und ass von der Ziege.
Es fiel mir auf, dass hin und wieder Leute den Kreis verliessen, sich an den Rand des Platzes stellten und seltsam melodiös sangen: „Mutembo Gaganga....“ Und aus einiger Entfernung tönte es dann zurück: „Gaganga Cupato...“ Ich fragte Mumbubi, nachdem sich das Schauspiel zum fünften Mal wiederholt hatte, was denn diese Gesänge bedeuten würden. Er lachte nur und sagte, das würde ich noch früh genug zu merken bekommen.
Die Leute begannen schliesslich laut zu gähnen; einige schliefen einfach am Feuer ein; andere verschwanden in die Dunkelheit. Als wir bald allein waren, sagte ich zu Mumbubi, auch ich sei nun hundemüde und möchte mich schlafen legen. Aber vorher möchte ich noch ein gewisses Örtchen aufsuchen. Er lachte, führte mich an den Rand des Platzes, wo vorher dieser seltsame Singsang stattgefunden hatte, stand hin und sang: „Mutembo Gaganga....“. Und aus einer kleinen Hütte etwas vom Dorf entfernt tönte es zurück: „Gaganga Cupato...“. „Sie können noch nicht hinein“, sagte Mumbubi. Nach einer Weile sahen wir einen Schatten den Hütten zu eilen. Wieder sang Mumbubi: „Mutembo Gaganga....“. Es kam keine Antwort. „Nun können Sie gehen, sagte Mumubi, „das Klo ist frei“. „Was soll denn nun der melodiöse Gesang?“, fragte ich irritiert Mumbubi. Dieser lachte schallend und sagte: „Mutembo Gaganga heisst: Ich muss mal. Und Gaganga Cupato heisst: Das Häuschen ist besetzt!“


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