Das Weihnachtslamm

Als Josef und Maria zum Stall von Bethlehem kamen, war dieses etwas verlotterte Gebäude natürlich nicht unbewohnt. Ein Ochse, eine Kuh und eine Schafmutter mit ihren drei Lämmern lagen friedlich auf dem Boden und wiederkäuten rülpsend vor sich hin. Josef beschaute sich die Situation. „Da machen wir halt das beste daraus“, sagte er leise zu Maria, die von ihrer Schwangerschaft und der langen Reise recht gezeichnet war. Dann ging er in den Stall und rückte die Futterkrippe ein wenig zurecht. Die Tiere waren von diesem unerwarteten Eindringen recht erschrocken und stellten sich geschwind auf ihre Beine. Einen Moment lang senkte der Ochse seinen Kopf und drohte Josef mit lautem Schnauben. Als er aber sah, dass keine Gefahr zu erwarten war, gab er dies seinen Stallgenossen mit einem leisen „Muuh“ zu verstehen.
Josef putzte die Futterreste aus der Krippe und füllte sie mit Heu und Stroh, welches sich in einem separaten kleinen Raum, angebaut an den Stall, befand. Dann führte er Maria herein.
Maria legte den kleinen Neugeborenen, den sie in ein Tuch gewickelt hatte, auf die weiche Unterlage und setzte sich mit Josef davor. Beide schauten verzückt auf den kleinen Erdenbürger, der, soeben von seiner Mutter gesäugt, friedlich schlummerte.
Der Esel, dem es draussen doch recht einsam und kalt geworden war, dachte, wenn doch im Stall so viele fremde Tiere einen Unterstand gefunden hätten, wäre doch gewiss auch für Ihn noch genügend Platz vorhanden. Etwas ungestüm drückte er sich zwischen die heilige Familie und die Tiere. Der Ochse, der ja am nächsten stand, erschrak. Er wich nach hinten aus. Die Kuh, nun vom Gebaren des Ochsen auch erschrocken, wich ebenfalls aus und trat nach der Schafmutter. Diese erschrak wohl am meisten, denn sie hatte gar nicht mitbekommen, dass da noch ein weiterer vierbeiniger Geselle in den Stall gekommen war. Ohne daran zu denken, dass hinter ihr noch ihre drei Jungen lagen, sprang sie in die hinterste Ecke des Stalles. Zwei der Lämmer stellten sich zwischen ihre Beine, das dritte aber fand keinen Platz mehr. Es suchte und fand ein kleines Loch hinten in der Wand, wo es durchschlüpfen konnte. Nun stand es draussen in der Kälte. Blökend drückte es sich an die Aussenwand, dort den Schutz suchend, den ihm eigentlich seine Mutter hätte geben sollen.
Maria sah wie ihr kleiner Junge vor Kälte zu schlottern anfing. Und sie hörte das hilflose Lamm hinter dem Stall. Sie flüsterte zu Josef: „Ach bitte Josef, hol doch das arme Geschöpf und bring es zu mir“. Josef tat wie geheissen. Das Lamm wollte sich zwar zuerst nicht anfassen lassen. Als ihm aber Josef gut zusprach, legte es sich auf den Boden und liess sich hochheben. Josef brachte es zu Maria, welche es zu sich auf den Schoss nahm und streichelte. Dann aber sagte sie zu Josef: „Bitte, nimm doch unser Kind einen Moment aus der Krippe“. Josef wusste zwar zuerst nicht, was Maria wollte, tat aber wie geheissen. Maria legte nun das weiche Lamm in die Krippe. Dann nahm sie den kleinen Jesus Josef aus den Armen und legte ihn zum Lamm in die Krippe. Das Lämmchen erschrak zwar zuerst. Als es aber merkte, dass auch von diesem Lebewesen eine himmlische Wärme ausging, schlief es friedlich schnarchend ein. So kam es also, dass sich zwei unbeholfene kleine Geschöpfe gegenseitig erwärmten. Maria und Josef aber besahen sich das friedliche Bild, schauten einander in die Augen und dankten Gott dafür, dass er sie zu diesem Stall geführt hatte.

Dezember 98 Schorsch

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Kommentare (4)

Willy Vielleicht war es sogar so und die Evangelisten haben es nur vergessen aufzuschreiben.
b.G.
W.
pippa bis jetzt hat mir das Kind in der Krippe immer so schrecklich Leid getan.
Nun ist das endlich anders und ich frage mich, warum die" Erfinder" der Weihnachtsgeschichte nicht auf diese wunderschöne Idee gekommen sind.
Liebe vorweihnachtliche Grüße
Pippa
Roxanna schorsch, geht richtig zu Herzen. Ich habe sie gerne gelesen und denke sie ist auch gut geeignet, sie Enkelkindern vorzulesen.

Gruß
Roxanna
APet die etwas andere Weihnachtsgeschichte. Mir gefällt sie.
Agathe

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