Wie man merkt, dass man eine Sache wirklich vergeigt hat...


Phase 1:
Est ist die Sylvesternacht 2006/2007, genauer gesagt schon der Neujahrsmorgen, denn es hat schon geknallt und der Sekt wurde schon getrunken. Die Leute im Pub sind also alle in Sektlaune, plus der vorherigen Biere, plus der Single-Malts oder weiß der Geier was noch für Getränken. Die Auswahl ist beachtlich. Sie war auch alleine da, das hattest du schon bemerkt. Sie setzt sich nun zu dir - ausgerechnet - und ihr habt eine wirklich nette Unterhaltung. Stundenlang noch. Irgendwann im Laufe des Morgens, als die meisten anderen längst gegangen sind, trennen sich auch eure Wege an diesem Tag. Du gibst ihr deine Telefonnumer, aber du kannst dir ihre nicht merken. Hatte sie die dir überhaupt gegeben? Es war spät und irgendwie auch ein wenig neblig - alkoholbedingt. Sie ruft nicht an.

Phase 2:
Es ist auf den Tag genau 10 Monate später. Sie kommt an diesem Abend in deinen Pub, aber du bist nicht da. Nun gut: jeden Tag in den Pub zu gehen, das ist auch mehr etwas für die jungen Leute. DUH!

Phase 2a:
Am nächsten Tag kommt sie nochmal vorbei, weil sie vorher in einem Theater ganz in der Nähe war. Du sitzt Gott sei Dank! an dem Platz, an dem du als Mobiliar dieses Ladens erwartungsgemäß auch zu sitzen hast. Wenigstens das klappt ja. Sie kommt schnurstracks auf dich zu, sagt "Hallo!" und setzt sich neben dich. Natürlich hast du sie sofort erkannt - was sind denn schon 10 Monate? Das Theaterstück hieß "Die große Freiheit", sagt sie - aha. Eure Unterhaltung geht da weiter, wo ihr vor 10 Monaten aufgehört hattet, und du merkst, dass diese letzten 10 Monate wohl auch wesentlich netter hätten verlaufen können.

Sie fragt dich unter anderem, ob du "Die Entdeckung der Langsamkeit" gelesen hast. Das hast du nicht, aber du bist schon einmal, vor vielen Jahren, von deiner damaligen Freundin darauf angesprochen worden. So, wie du nun einmal gestrickt bist, merkst du aber nichts - absolut überhaupt gar nichts.

Phase 2b:
Der Wirt wird langsam ungeduldig und klappert immer symbolischer mit den Gläsern. Sie sagt dir ihre Telefonnummer, aber du bist zu betrunken, um sie dir zu merken. Du sagst ihr deine noch einmal, weil sie ja viel leichter zu merken sei (was sie auch ist). Bei der Verabschiedung nimmt sie dich in den Arm, bedankt(!) sich für den schönen Abend - du grinst völlig breit und faselst irgendeinen Schwachsinn von "Bloß nichts überbewerten." zum Abschied. Warum haut dir eigentlich niemand aufs Maul, wenn es, wie in dieser Situation, dringend nötig wäre?

Phase 2c:
Statt mit ihr gemeinsam mit dem Nachtbus zu fahren, was sie noch vorgeschlagen hatte - ihr wäret einen ganzen Teil des Weges gemeinsam gegangen - wartest du lieber darauf, dass der Wirt auch dich endlich hinauskehrt. Nebenan hat eine junge Dame, die dort mit ihrem Lover saß, eure filmreife Verabschiedung mitbekommen und natürlich auch, dass du zu schusselig warst, um nach einem Fetzen Papier und einem Stift zu fragen und dir ihre Telefonnummer zu notieren. Die junge Dame schiebt dir jetzt ein Stück Papier und einen Stift rüber und schlägt, weil sie die Szene so toll fand, vor, die Telefonnummer doch jetzt noch zu notieren. Du hast sie aber bereits vergessen. Krebse sind _so_ bescheuert!

Phase 3:
Der Tag danach. Schädelbrummen, tausendfache Selbstbezichtigung als dämlichster Idiot, den sich die Schöpfung bisher ausgedacht hat. Irgendwo hast du so etwas ähnliches auch schon einmal gelesen: diese Idiotie und diese Katastrophen bei dem kläglichen Versuch, jemanden näher kennen zu lernen, in den man sich ganz schrecklich verliebt hat. Bei Douglas Adams, na klar! Du schlägst dann sicherheitshalber bei Wikipedia noch einmal nach, worum es in "Die Entdeckung der Langsamkeit" eigentlich ging. Aha: Schiffahrt, damals noch mit zwei F.

Phase 3a:
Immerhin 3 Ziffern der (sehr wahrscheinlich) sechsstelligen Nummer glaubst du noch zu kennen. Ihren Vornamen weißt du auch und den Ortsteil, in dem sie wohnt. Nicht gerade ideale Voraussetzungen für eine Inverssuche, aber wozu bist du eigentlich Programmierer? Nach einigem widerspenstigen Rumgezicke und Bocken hast du endlich ein Shellscript, das mit Hilfe von wget von telefonbuch.de die 1000 Telefonnummern des in Frage kommenden Bereiches scannt und nach dem Vornamen sucht. Der erste passende Eintrag wird angerufen - es meldet sich eine (offensichtlich) Tochter und du bist etwas zu langsam zu bemerken, dass ihre Mutter die falsche Frau sein muss, weil deine Gesuchte ja einen Sohn hat.

Phase 3b:
Am nächsten Tag lässt Du das Script noch bis zum Ende laufen und es gibt eine weitere Frau mit dem passenden Vornamen. Der Anruf landet auf einem AB, die Stimme darauf klingt nicht sehr vertrauenerweckend und auch überhaupt nicht nach ihr. Ein Rückruf bleibt natürlich auch aus.

Phase 3c:
Das Script wird verbessert und der Bereich auf 10000 Nummern ausgedehnt, denn du bist dir bei der 3. Stelle der Nummer nun auch nicht mehr sicher. Irgendwann steht bestimmt das SEK vor der Tür, weil man bei deinen Aktionen einen terroristischen Hintergrund vermutet. Bei dem Dutzend Einträgen mit dem passenden Vornamen, die dabei herauskommen, kommst du auch endlich auf die glorreiche Idee, die dazugehörigen Anschriften mit einem Stadtplan daraufhin zu untersuchen, ob sie wirklich im passenden Stadtteil liegen. Es bleibt eigentlich nur ein Eintrag übrig, bei dem alles zusammenpasst. Du rufst an, jedoch geht niemand an den Apparat.

Phase 4:
Du besuchst deine beste Freundin und berichtest ihr, die die Geschichte und deine unselige Lage schon seit Tagen mitverfolgt und dich bemitleidet, von deinen neuen Erkenntnissen. Nach einiger Diskussion über das Für und Wider gelangt ihr beide zu dem Schluss, dass auch die zuletzt gefundene Nummer die falsche sei muss, weil einige andere Informationen aus den zwei Gesprächen gegen diese Adresse bzw. den Adresszusatz sprechen... eine ganz schön verwickelte Situation.

Das feierliche Besäufnis, das Musikhören, das Quatschen und überhaupt der ganze Abend mit der besten Freundin und ihre abschließende Versicherung, dass sie dich lieb hat, geben dir ein wenig Selbstvertrauen zurück. Immerhin bist du offenbar ein liebenswerter Idiot.

Phase 5:
Du liest am darauffolgenden Sonntag das Was War? - Was Wird? bei heise.de und Hal Faber schreibt über "Die Entdeckung der Langsamkeit" und meint, dass ihre Umsetzung ein tugendhaftes Unterfangen sei. Du könntest da vielleicht ein oder zwei Worte dazu sagen und auch darüber, dass es selbst für einen zu Teilzeit-Asperger neigenden Nerd gelegentlich einmal Zeiten gibt, zu denen er es mit der Verehrung dieser Langsamkeit auch ein wenig übertreiben kann.

Phase 6:
Abwarten.

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Kommentare (3)

cariha
cariha
Mitglied

...wie du solche Situationen beschreibst! Es war eine Freude, dies lesen zu dürfen.
meli
knapp daneben ist auch vorbei! Ich habe mich sehr amüsiert und bin dankbar, mal wieder an Nodolny erinnert zu werden. Danke für diesen Lesespaß.
meli
knapp daneben ist auch vorbei! Ich habe mich sehr amüsiert und bin dankbar, mal wieder an Nodolny erinnert zu werden. Danke für diesen Lesespaß.

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