Wuwwerbözer - Der Berggeist in der Ruhl



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Der Berggeist in der Ruhl

Entsprungen hoch auf dem Gerwinstein*
rauscht die Rulaha* mit steinig‘ Geröll
steil ab in das tiefe Tal hinein,
wild schäumend, als käme sie aus der Höll‘,
endlich will sie das Licht erblicken
in lieblicher Aue am Hörselberg*,
möcht rasch dem dunklen Wald entrinnen,
hinaus aus dem schattigen Blätterwerk.


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Nah der Quelle bei hohen Bäumen
haust unter Mooswurzeln am Felsgestein
seit längst vergessenen Zeiträumen
ein uralter Berggeist im dunklen Hain.
Er herrscht bis in die höchsten Wipfel
der schlanken Buchen und stolzen Fichten,
die oben auf dem Ringberggipfel*
kräftige Zweige zum Himmel richten.

Es kennt der Waldgeist all die Erze,
die tief verborgen im Felsen liegen,
er wacht über die reichen Schätze,
die alles Gold dieser Welt aufwiegen.
Viele hundert Wichtel und Zwerge –
von den Menschen im Tal „Hütchen“ genannt –
schürfen geschäftig tief im Berge
nach Eisenerz, Silber und Diamant.

Sie sind in jedem Handwerk gewandt,
gewinnen kundig das Erz aus dem Stein,
gehen den Menschen fleißig zur Hand
und bringen sich überall nützlich ein,
schmieden Messer, Hacken und Nägel,
stellen Mulden, Töpfe und Kannen her,
werkeln laut mit Hammer und Schlägel –
den „Hütchen“ ist keine Arbeit zu schwer.

Auch der Berggeist ist Freund der Menschen,
er hütet die Landschaft im ganzen Land
mit all den Bächen, Tieren, Pflanzen,
bewahrt auch die Hütten vor Feuersbrand,
begleitet die Männer auf der Jagd,
schützt die Saat von Hafer und Gerste,
beim Butterschlagen hilft er der Magd,
sorgt rundherum für das Allerbeste.

Doch treibt er auch gerne Schabernack
und läuft durch das Dorf in fremder Gestalt,
nimmt auch den Pastor mal Huckepack,
kommt manchmal als Kräuterweiblein vom Wald,
das kichernd Zaubersalben verkauft,
mit Hexensprüchen die Zahnschmerzen heilt,
rennt als Hund durch die Gassen und schnauft,
bevor er laut bellend von dannen eilt.

Mitunter wandelt er unsichtbar
an der Rulaha zum kleinen Weiler,
wird er dort Streitereien gewahr,
tritt er plötzlich heraus aus dem Schleier
und mischt sich in die Zwistigkeit ein,
entscheidet streng zwischen Böse und Gut –
verfügt den Hartherzigen zur Pein*,
bis dieser reumütig Abbitte tut.

Mit Irrlichtern, Sturm und Donnerschlag
bözt* er die Menschen auf Waldgeisterart,
imitiert jämmerliche Wehklag‘
mit wildem Geheul und höllischer Fahrt
zur Mitternachtsstund‘ in dunkler Nacht –
da wuwwert* den Menschen aus Angst das Herz,
der Geist sich aber ins Fäustchen lacht!

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Deshalb heißt er „Wuwwerbözer“ im Scherz!


© Syrdal 2020


Gestaltet nach einer alten Sage aus Ruhla im Thüringer Wald

…………………...

Erklärungen:
 
*Gerwinstein = altdeutscher Name (um 1040) vom Granitfelsen Gerberstein (728,5 m ü. NN), dem ersten urkundlich erwähnten Berggipfel im Thüringer Wald („ältester“ Berg Thüringens)
*Ruhlaha = altdeutsche Bezeichnung für die „Ruhla“, einem kleinen, am Gerberstein (Thüringer Wald) entspringenden Bach, der als „Erbstrom“ am Hang des Breitenberges entlang fließend nach etwa 6 km in die Hörsel, einem Zufluss der Werra, mündet. Der Name ist abgeleitet vom „Geröll“, das er bei Starkregen mit den Wassermassen ins Tal reißt.
*Hörselberg = ein etwa 480 Meter hoher sagenumwobener Höhenzug im Wartburgkreis südöstlich von Eisenach
*Ringberg = nördlich von Ruhla gelegenes Bergmassiv (639 m ü.NN) im Thüringer Wald
*Pein = öffentliche Vorführung am Pranger
*bözen = mit Unerklärlichem ängstigen
*wuwwern = schnell und heftig schlagen

 

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Kommentare (6)

henryk

Mein lieber Syrdal..ich habe auch die Angst erhalten...Danke fuer viele neuen Weisheiten...aus  der deutschen Literatur....SUPER!

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Syrdal

@henryk

Aber, lieber henryk, dein lustiger Seilradfahrer – es ist wohl eher eines von den „Hütchen“ – scheint keine Angst zu haben. Ihm „wuwwert“ das Herz nicht, denn es ist ganz sicher auf dem hohen Seil.

Und auch du musst vor dem Waldgeist, dem „Wuwwerbözer“ aus dem Thüringer Wald keine Angst haben, denn er hat sein wildes Treiben und den lustigen Schabernack längst aufgegeben und lebt nur noch ruhig und zurückgezogen unter seinen schönen Mooswurzeln oben am Gerberstein. Gönnen wir ihm seine Ruhe…

… eine angstfreie Herbstzeit mit viel Sonne und schönen Spaziergängen im fallenden Buntlaub wünscht dir mit lieben Grüßen vom Vogelsberg
Syrdal 

Roxanna

Der Wuwwerbözer, lieber Syrdal, erinnert mich ein wenig an Rübezahl. Ich weiß nicht, ob du diese Geschichten kennst. Oder an das Glasmännlein im Schwarzwald. So hat jede Region ihre "Geister", mit denen sich die Menschen wahrscheinlich irgendwelche Naturphänomene erklärt haben. Viel Arbeit hast du dir gemacht um uns die Geschichte vom Berggeist in der Ruhl zu erzählen. Dafür sei dir gedankt.

Herzliche Grüße
Brigitte

Syrdal

@Roxanna

Es muss wohl um 1954/55 gewesen sein, als ich den Film von Hauffs wunderbarem Märchen „Das kalte Herz“ mit meinem späteren Nachbarn Erwin Geschoneck als „Holländer-Michel“ gesehen habe. Der DEFA-Film hat auf mich einen derartig tiefen Eindruck gemacht, dass ich mir damals als Schulkind vorgenommen habe, unbedingt den Schwarzwald zu sehen, diese wunderbaren Wälder mit den hohen Tannen, in dem das bezaubernde Gläsmännchen wohnt und spricht:

Schatzhauser im grünen Tannenwald,
bist schon viel hundert Jahre alt,
dir gehört all Land, wo Tannen stehn,
lässt dich nur Sonntagskindern sehn...
 
Und, liebe Brigitte, im August 1990 – also im ersten Sommer nach der Grenzöffnung – hatte ich auf Einladung von Dr. Maria Hippius-Gräfin Dürckheim Gelegenheit, in Todtmoos-Rütte im Existential-psychologischen Institut einen Vortrag zu halten. So hat sich mein Wunsch aus Kindheitstagen erfüllt und ich habe auf dieser Reise endlich das „Glasmännchenland“ besuchen können.

Nun hast du mich auf feine Weise daran erinnert. Und ja, der Wuwwelbözer dort im Thüringer Wald ist auch so ein guter Waldgeist, wie auch der Rübezahl, von dem mir mein alter Onkel erzählt hat, der in Oberschreiberhau im „Rübezahlland“ gelebt hat. Das alles waren die faszinierenden Geschichten unserer Kindheit, die wir gerne gehört und mit viel eigener Fantasie im Gedächtnis behalten haben.

Danke für deinen so wohltuend erinnernden Gedankenanstoß sagt mit frohen Wochenendgrüßen zu dir
Syrdal
 

Monalie

Lieber Syrdal diese Sage,habe ich noch nicht gekannt. Das hast du aber gut erzählt,nur gut das ein Berggeist  nicht hier herumgeistert,sonst hätte ich angst .lieben Gruß Mona

Syrdal

@Monalie

Nun ja, liebe Mona, diese Sage habe ich auch erst im gerade vergangenen Sommer bei einem Besuch des sehenswerten Modellparks „mini-a-thür“ in Ruhla kennengelernt. Sie hat mich aber gleich begeistert und zu diesem Gedicht angeregt. Aber vor dem „Wuwwelbözer“ muss man sich nicht ängstigen, er war und ist ja ein durchaus gutartiger Geselle, der die Menschen gerne hat und nur ab und zu mal seine Späße mit ihnen treibt. Heute macht sein Schabernack den Leuten rechte Freude und sie lachen alle mit ihm gemeinsam. Also lachen wir mit...

Ein fröhliches Wochenende wünscht
Syrdal  


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