Zeitschnitt des Wandels aus meinem surrealen Tagebuch


Die zerrissene Nacht brach ab, zerfetzte den Morgen, fahlblaue Seidentücher eilten erschreckt davon, ich hatte meine Träume verloren, war entsetzt über die gleißende Sonne, welche die frühe Zeit durchschnitt - wie eine Machete meine namenlosen Gedanken entzweit. Der Sonne Strahlen durchdrangen bar Fuß meinen gläsernen Leib, erhellten Herz und Seele und forderten Einsicht und Erkenntnis.
Ich tastete mich aus dem Schlafgemach über abgelegte Zeitschriften und verdorrtes Gras für den Tagesbedarf meiner Vögel und wusste nicht mehr, was ich hatte denken wollen. Vorgestern werde ich nach Hause wollen, fiel mir ein und das unheilvolle Morgen verstrich wie alle vorangegangenen Tage in der vornehmen Gelassenheit des Wartens, während ich Berichte über unergründlich verloren gegangene Knochen verfasste. Wie eine Pervertierung alles Seienden erschienen mir Vergangenheit und Zukunft vertauscht, das Gestern nach Morgen und das Morgen nach Gestern verkehrt.
Der Himmel trug Trauer und die Berge im Westen lagen schwer wie die Sanddünen am Rande eines drohenden Meeres, an dessen Strand sich mächtig und von beängstigender Gewalt Lovemann aufgerichtet hatte, eingehüllt in ein weißes Leinentuch über das der Glanz der Sterne floss gleich geschmolzenem Silber.
Seit Jahren stand ich in seinen Diensten, begleitete verstorbene Männer, Frauen und Kinder in ihren Särgen und unter Baldachinen zur Kanzlei der Seligen, zuletzt am gestrigen Tag Hieronymus Bosch, den Maler.
„Fünf Uhr ist´s, lass uns gehen“, sonst wird die Nacht hereinbrechen“, sagte ich zu dem in Satin Gebetteten und schob ihn auf einer rustikalen Bahre in seiner verdeckten Behausung aus Ebenholz mit der Aufschrift „Für immer“ zur Kanzlei, schob ihn über vermoderndes, zartbraunes Blattwerk, das Jahrhunderte und Jahrzehnte Zeit gezähl, Jahre, Monate und Tage.
Der Abend hatte seine Blässe verloren und mein Herz die Not der vergangenen Jahre verborgen. Ich betrat auf traurigen Pfaden das unheilvolle Dunkel der Kanzlei. Die jämmerlichen Bittgesuche der Toten waren verstummt in ihren aderlosen Köpfen unter massiven Sargdeckeln, wo sie von weißem, steifen Linnen bedeckt wie unter riesigen von Vergänglichkeit gekennzeichneten Löschblättern ruhten. Ein süßlicher Geruch hatte wie ein nur langsam entweichender Nebel die Kanzlei erfüllt.
Dann dies: Ein dumpfer aber harter Schlag auf den Boden erschüttert die Kanzlei als ich diese eben abschließen und verlassen will. Das Leben im Kampf mit dem Tod als
Wurzel der Finsternis musste den Deckel von Hieronymus Sarg geschoben haben. Der Geist des Malers erhebt sich und ruft mir zu: „Hey, wir sind angekommen. Wohin willst du gehen?“
Seine Worte erreichen mich nicht mehr. Sie verklingen in imaginärem Raum und irregulärer Zeit.

© Horst Ditz








Anzeige

Kommentare (3)

marlenchen Schön geschrieben,da kommt man ins Nachdenken,ob man will oder nicht,lg Marlenchen
Düster, sehr düster die Fiktion der "seligen Ewigkeit". Kein rauschendes Fest des „über den Tod hinaus leben“. Mein Vater, mein Vater, …. fleht im Erlkönig das Kind und deutet dem Vater … hörest du nicht, siehst du nicht dort?
Keine Widerauferstehung und selbst wenn, bleibt diese unbemerkt. Auch ich habe diese düsteren Bilder der Endlichkeit des Seins in mir und trage Gedanke für Gedanke mein Leben in ihre Kammer bis zum bitteren Schluss.
Ein Genuss in jeder Hinsicht der Auszug aus deinem surrealistischen Tagebuch – sowohl Sprache als auch der Denkanstoß.

Herzlicher Gruß, Regina
minu Die Geschichte und Das Bild lösen in mir tiefe Traurigkeit aus.
Erinnert mich an den Tod meiner Mutter.
Zehn Jahre habe ich getrauert, bis sie mir im Traum sagte,
Hör auf zu trauern, mir geht es doch gut.

Anzeige