Zeitzeichen

Die Leute im Dorf ernähren sich selbst, so gut es eben geht. Dieses und jenes wird heimlich geschlachtet, Butterfässer werden gedreht, in einigen Hausgärten sind die uralten Backöfen notdürftig repariert worden und nachts duftet es nach frischem Brot.
Es wird getauscht, Bauersfrauen packen mit an, wo Not am Mann ist, und das ist auf jedem Hof so, die Männer sind im Krieg oder schon für Führer und Vaterland unter der Erde. Weihnachten 1944 fällt auch für die Kinder sehr spärlich aus und Sylvester wird im Dorfkrug nicht gefeiert. Wir leben jetzt hier, geduldet, evakuiert aus Magdeburg.
Die Bäuerin, bei der wir wohnen, hat einen großen Jungen: Max.
Zum Spielen fehlt wohl die Zeit: Bubilein lernt von ihm füttern, melken, buttern und hier und da hilfreich zur Hand zu gehen.
Max ist fort, eingezogen in eine nahe Kaserne. Dort wird er anders angezogen und dazu erzogen, dem Führer widerspruchslos zu dienen.
Er lernt dort im Schnellverfahren erstens, alle Befehle sind sofort zu erfüllen, sonst wirst Du erschossen; zweitens, wo die Patronen ins Gewehr kommen und das immer in die befohlene Richtung zu schießen ist, sonst wirst Du erschossen; weglaufen geht nicht, sonst wirst Du erschossen. So sagt es jedenfalls der Max dem Bubilein, als Max vor dem Fronteinsatz einen Tag nach Hause darf. Max nimmt Abschied. Er weiß, er kehrt nicht zurück, das sagt er auch allen. Bubilein bekommt Maxens Taschenmesser geschenkt.

„Bubilein, morgen fahren wir nach Hause“, sagt die liebe Mama.
Wir haben Hunger. Wir könnten Äpfel besorgen, sehr gute und wohlschmeckende, die liegen im Keller unseres Häuschens an Magdeburgs Stadtrand. Davon brauchen wir mindestens zwei große Koffer voll, wir könnten sie hier eintauschen und vielleicht sogar ein Stückchen Speck und Brot bekommen.

In Magdeburg kommen wir an. Nicht am Hauptbahnhof. Wir finden nach Hause.
Sirenen heulen. Fliegeralarm. „Nur keine Aufregung“, sagen die Nachbarn und „Magdeburg ist rot, stirbt nie den Fliegertod.“
Viele, viele Flugzeuge, recht tief. Bubilein hat Angst, Angst, Angst...
Ein unbekanntes Leuchten ist am Himmel, die Erde zittert merklich. Aus der Stadt kommen Menschen in unsere Straße, einige schwer bepackt, geschwärzte Gesichter.
„Mami, wo kommen denn die vielen Mooren nur her?“

Mutter stopft Sachen in die Koffer. Keine Äpfel. Plötzlich sind Mooren im Haus.

Mami sagt: „Schnell weg hier!“ Wir schleppen uns und die Koffer in Richtung Hauptbahnhof.
Wieder heulen die Sirenen. Wieder ist der Himmel voller Lichter. Jemand will uns am Bahnhof in den Luftschutzkeller zerren. Mami will nicht. Sie will mit Bubilein raus aus der Stadt. Krach, Getöse, Hitze, Staub – die Häuser an beiden Straßenseiten fallen wie von Geisterhand in sich zusammen. Die Straße brennt an den Füßen. Die Koffer sind weg. Mami zieht Bubilein ganz dolle am Arm. Schnell, schneller – wir schaffen das!
Bubilein kommt am Adolf-Mittag-See zu sich. Den kennt er. Hier kennt er sich aus. Er kennt jede Bank und jeden Papierkorb, hier am Wasser war er früher öfter mit seinem Vati, der beim Gericht arbeitete und erst sehr spät in den Krieg musste.
Alles war sehr geheimnisvoll. Bubi steckt in Tiroler Klamotten, grünes Hütchen mit langer Feder, Lederhose, Rucksack. Der ist sehr schwer. Am See ist die Rucksackklappe offen. Vati steckt bedruckte Hefte in Papierkörbe, auch legt er Hefte auf Bänke, auf denen Bubilein sitzen und ausruhen durfte. War der Rucksack leer, kam der Hauptspaß: Rudern auf dem See, in einem Boot mit Vati.
-.-

So nach und nach bekam Bubilein mit, was da so ablief.
Ein lieber „Onkel“ aus Schönebeck, in Familie der „Rote Landrat“ geheißen, war sehr oft zu Besuch bei uns, kam aus Thüringen, geflüchtet vor seinem Gauleiter, der alle seine „Roten“ von Angesicht zu Angesicht kannte und selbst sehr bekannte Persönlichkeiten deshalb ihres Lebens dort nicht mehr sicher waren. In Thüringen war kein Wald dicht genug und kein Berg zu hoch, als das Saukel nicht Wege gefunden hätte, ein seinen Augen unwertes Leben zu vernichten.
Eine Großstadt bietet mehr Sicherheit. Der „Onkel“ wird am Gericht bei Vati angestellt.
Nun hat der „Onkel“ einen Roman gegen Hitler und den Nationalsozialismus verfasst. Der Roman muss unter die Leute – und deshalb kennt Bubilein den Adolf-Mittag-See.
-.-
Es Zug geht ab nach irgendwo. Bubilein ist halb vergiftet. Der Magen dreht sich um und um.
Im Schlaf hört Bubilein die Lok schnaufen: „So hilf mir doch, so schieb mich doch!“
Es geht über den Rennsteig.
Max ist inzwischen ein Held. Führer befiehl, wir folgen dir. Der Schnauzbart lebt, aber Max ist tot.

Die Einklassenschule im Dorf schließt. Der Lehrer, eigentlich ein Kriegskrüppel, wird wieder beim Militär gebraucht. Schulweg ab sofort etwa 5 Kilometer. Die Landstraße ist tief zugeschneit, Bubilein erstmals auf Skiern.
HILFE !
Bergan rutschen die Dinger immer zurück; und abwärts, noch viel schlimmer, ein Ski nach links, der andere nach rechts, Beine und Skier über Kreuz, Bubilein mittenmang im tiefen Schnee. Ein Gaudi für die sportliche, skierfahrene Dorfjugend. Doch es gibt Ratschläge, es gibt Hilfestellung, es geht voran. Der Morgen dämmert. Eine sehr lange, sehr verwehte, aber fast ebene Wegstrecke zwischen zwei Wäldern liegt vor uns.
Ein Flugzeug ist zu hören, jetzt auch zu sehen, ziemlich tief. Schüsse, Einschläge im Schnee.
Ein Glück, kein Kind wurde getroffen. Neuer Anflug. Der Junge vom Dorfkrug brüllt auf uns ein: „Nach rechts, nach rechts, darüber, schnell, schnell, alle hinter den vom Schneeflug gehäufelten Damm! Hinlegen, hinlegen!“ Wieder Schüsse, Einschläge ganz dicht! Bubilein geht es schlecht, die Kugeln sind mit allen Sinnen zu spüren, zu sehen, zu hören und auch zu riechen. Neuer Anflug – Straßenwechsel. Wir haben begriffen. Längst sind Bubileins Skier sonst wo, große Kinder ziehen und schleifen Bubilein mit von Straßenseite zu Straßenseite.
Der Flieger dreht ab, endlich! Bubilein bekotzt sich im Nachhinein. Einige haben Mitleid, auch ihnen geht es gar nicht so gut. Bubilein kommt wieder in die Bindungen. Wir kommen sehr verspätet zu Schule. Kein Lehrer glaubt uns.
Bubilein ist aufgenommen in die Schülergemeinschaft, er lebt sich ein auf dem Dorfe.
Der Friseur ist auch Glasbläser. Einen Kinderhaarschnitt gibt es für eine Stunde Blasebalg treten. Bubilein geht gern zum Friseur. Der ist einbeinig, - der Krieg halt. Aber seine Hände zaubern lustige Figuren aus Glas und bei guter Laune auch mal ein Flaschenteufelchen für Bubilein. Dafür wird der Blasebalg kräftiger getreten. Die Flamme zischt und erinnert an den Kugelhagel im Schnee. Der Friseur kennt das, er glaubt uns Kindern.
Nach der Schneeschmelze werden Geschosse gefunden.



-. -
Die großen Jungen werden aus den Häusern getrieben, bekommen Panzerfäuste in die Hände und bauen Panzersperren. Die amerikanischen Panzer sind mit tiefem Röhren zu hören.
Im feuchten Bierkeller des Dorfkrugs sitzen alle, die noch laufen konnten oder wollten, dicht gedrängt. Jeder hat einen Platz gefunden. Die schwere Tür wird zugemacht. In einem Seitengang trunkenes Grölen von Offiziere fern ihrer Soldaten.
Die Panzer kommen, die Motoren sind zu hören. Die Amis müssen vom Keller wissen. Die dicke Eichentür wird von einem Panzer in den Keller gedrückt. Schon stürmen Soldaten mit fremden Uniformen herein, die Gewehre auf uns gerichtet. Bubilein hat Angst, nur noch Angst.
Aus dem Seitengang kommen Männer in schmucken Uniformen, Bubilein sieht viele Orden und nimmt war, wie das Blech an den Jacken scheppert. Mutti hält den ersten am Arm fest, ist fassungslos und deutet auf die fremden Soldaten im Kellergang. „ Da kommt ihr nicht mehr durch.“ Sie wollen auch nicht; einer brüllt unverständliche Kommandos, die Gewehre werden eilends geschultert und im Eiltempo wird der Keller geräumt. Auch von uns, wir werden angebrüllt, auch grob angepackt. Nur raus, nur raus hier.
Mutti läuft mit Bubilein über den Dorfplatz, etwas klirrt neben uns, jetzt rennen wir, wir glauben, auf uns wird geschossen. Wir wollen in unser Zimmer, das geht aber nicht, der Schüssel ist weg.
Die fremden Soldaten schleppen inzwischen aus allen Häusern Wertgegenstände: Radios, Fotoapparate, Milchschleudern und anders bäuerliches Gerät.
Auf dem Dorfplatz fahren zwei Panzer über das Hab und Gut der Bauern. Das ist das Ende.
Verängstigt und fassungslos vom soeben Erlebten, doch von Zukunftsangst angetrieben, wagt der eine und der andere einen Blick auf den Dorfplatz, darauf hoffend, noch Brauchbares zu finden.
Mutti findet dort unseren Zimmerschlüssel; Bubilein kommt allmählich wieder zu Sinnen.
Bei uns steht das einzige Radio des Dorfes im Zimmer.


Pfingsten 1945. Große Freude, Vati ist aus dem Krieg zurück. Aus Russland. Zu Fuß und mit allen möglichen Fahrgelegenheiten, die sich so ergaben. Er ist da, er ist da, er ist da.
Männer kommen, holen ihn wieder weg. Mutti ist nun oft unterwegs, will wissen, wo Vati ist. Kriegsgefangenenlager. Mutti bekommt zu wissen, in welchem Vati steckt.
Irgendwann ist Vati wieder da. Er bringt ein langes, schmales Papier mit, bedruckt und beschrieben in mehreren Sprachen. Da steht es amtlich: „Zurück nach Magdeburg, sofort, unser Feld bestellen.“ Gemeint ist der Garten hinter unserem Häuschen. Das wichtige Papier wird sorgfältig gerollt und wirkt doch nur wie eine Rolle Klopapier.
Unruhe im Zug nach Magdeburg, es geht um und um, die Russen bekommen nach Magdeburg.
Wir kommen zu Hause an. Nicht eine einzige Fensterscheibe im ganzen Haus. Aus dem Schlafzimmerfenster ragt ein Ofenrohr. Das Haus ist besetzt. Wo sollen wir bleiben? Im Erdgeschoß haben die Amerikaner eine Kommandozentrale oder so. Vati präsentiert denen die „Klorolle.“ Jetzt geht alles ganz schnell, im Obergeschoß gibt es Krach, die Leute müssen für uns Platz schaffen, lauthals schimpfend zusammenrücken, die ehemalige Küche wird für uns geräumt. Alle anderen müssen fortan den im Schlafzimmer aufgestellten Herd benutzen.
Im Haus ist immer Trubel, Magdeburger und Aussiedler leben mit uns unter einem Dach, wohl nicht immer friedlich. Bubilein bewundert einen Aussiedlerjungen. Der bläst fast den ganzen Tag auf Bubileins Trompete. Gekonnt. Soll er doch. Bubilein ist richtig froh, so kann wenigstens für ihn vorerst von Instrumentalunterricht keine Rede mehr sein.




Vati sucht den „Roten Landrat“, der ist aber nicht mehr in seinem Haus in Schönebeck anzutreffen. Vati findet auch das Geld nicht, das ihm weiterhelfen soll.
Die „Neuen Kommunisten“ im Stadtteil bestimmen: Schwerste körperliche Arbeit für Vati.
-.-


Auf unserem Hof ist immer etwas los, ein Kinderparadies, fast wohngebietsoffen. Mit allerlei Hausrat, vom Kanonenofen bis zu Grammophon, ist die Garage eingerichtet. Das Ganze überragt ein riesiger Kirschbaum und seitlich steht Holunder. Eine Schaukel ist am dicken Rohrgestell eingehängt. Manchmal gibt es unter uns Kindern Gerangel: Wer darf wann und wie lange schaukeln? Derweil klettert Bubilein in den Holunder. Er kann die Schaukelröhre sehen. Ein Vogelnest? Nein nur Flachsfäden, wie sie Rohrleger verwenden. Aber dahinter, dahinter viele, viele Geldscheine. Die Kinder staunen, es wird ganz ruhig auf dem Hofe. Das beunruhigt Mutti, sie schaut nach uns, kommt mit einem Wäschekorb das schöne Geld einsammeln. Hurra, wir sind reich, wir sind jetzt reich!“
Der Geldsegen spricht sich herum. Ein Drogist holt sich abends das viele Geld, es sei seines, er hätte es dort versteckt. Nach allem Ärger mit den „Neuen Kommunisten“ und den Drohungen des Drogisten will Vati seine Ruhe: „Geld allein macht nicht glücklich.“
Was will ein Trümmerarbeiter gegen eine gutgehende Drogerie ausrichten? Den Laden gibt es noch immer, hat alle Zeiten überdauert, Karieremenschen eben.
-.-
Die Amerikaner lassen einen Block Preßtabak zurück. Vati baut eine Tabakschneidemaschine. Bubilein darf Tabak häckseln, darf Zigaretten drehen.
Vati hat sein Leben lang zu Rauchen.
Doch das Leben ist kurz. Ein sehr strenger Winter 1947. Vati hustet und hustet. Das Glas eines großen Bildes soll in ein Fenster. Es ist glatt auf den Straßen. Vati stürzt auf dem Wege zum Glaser, aus der Traum vom wirklichen Fenster.
Dann sagt der Arzt Lungenentzündung. Nicht die richtigen Medikamente aus der Apotheke.
Bubilein heult auf dem Friedhof.
-.-
Schon lange sind nun Russen im Erdgeschoß. Andere Hausbewohner werden immer weniger, auch der Junge ist mit Bubileins Trompete ausgezogen. Es wird still im Haus.
Die Russen haben Verpflegungsdosen in unserem Wäschekorb, alle Messer sind beim Dosenöffnen abgebrochen. Bubilein bekommt ab und zu ein Stück Brot und eine angefangene Dose mit undefinierbarem Inhalt. Gut gegen den Hunger.
Mutti bereitet für erkältete Russen Inhalationsbäder. Die überleben den Winter, wir durch ihre Hilfe auch.
Die Russen ziehen aus, ein anderer Stadtteil ist jetzt Hauptquartier.
Mutti handelt mit Möbellack, ist viel auf Reisen, so kommt etwas Geld in die Haushaltskasse.
Im Erdgeschoß wohnt eine Familie, wir haben die ganze Oberetage für uns.
Es ist Wochenende. Mutti kocht, es duftet aus der Küche. Hin und wieder bekommt Mutti für den Möbellack Mehl oder sogar ein Stück Fleisch. Glückliche Zeiten für Bubilein.
Es ist Lärm auf der Straße, Russen schleppen aus dem Haus gegenüber Möbel und Teppiche auf ihre Fahrzeuge. Wohl für die Offiziersvillen in Crakau. Mutti sieht, begreift und handelt schnell. Bretter werden auf alle Möbel genagelt, große bunte Flicken bekommen die Polstermöbel. Lange Gesichter, denen gefällt unsere Einrichtung nicht. Nur die Gardinen werden von den Fenstern gerissen.
Bubelein ist sehr einsam, kein Nachbarskind darf mit ihm spielen.
Wist
WIST

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Kommentare (2)

Traute Wunderbar Dein Stil diese Art Erlebnis so zu erzählen.
Ja so ähnlich war es, auch bei anderen, aber so habe ich das noch nicht gelesen.Die Tränen trocknen bevor sie aus den Augen kommen.
Man sollte die Zeit nicht begraben, als Mahnung und in der Weise erzählt soll man lesen wie es wieder werden könnte.
Mit freundlichen Grüßen und Gratulation für den Stil,
Traute
finchen alles mir sehr vertraute Orte, die ich auch zu Kriegszeiten kennenlernen mußte. Ich lebte damals in Dessau - und damals beobachteten wir immer die Bomber, welche Richtung sie nahmen. Und mit Erleichterung stellten wir fest: die sind ziemlich nördlich und noch hoch - die fliegen vermutlich nach Magdeburg. Welch ein Hohn, wenn man das heute liest, doch damals war es so.
Schönebeck bzw. Bad Salzelmen kam nach dem Krieg - dort war ich nach einer schlimmen Lungenerkrankung in Kur. Die dort mit Scharlach endete und ich in Schönebeck 8 Wochen im Krankenhaus lag.
Manchmal schüttelt es mich, wenn ich daran denke, was wir für Dreck und Essen um uns hatten.
Und doch haben wir überlebt - mit Zähigkeit durchgebissen und den Mut nicht verloren.
Eine schöne Kindheit wohl nicht, aber selbstbewußt sind wir geworden. Vorallem, nicht so leicht zu täuschen.
Vielen Dank für Deinen Beitrag, den ich als erlösend empfunden habe. Denn jeder unserer Generation trägt ein "Päckchen" dieser Art in sich rum.
Vielen Dank und ganz herzliche Grüße
das Finchen

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