Seit ein paar Tagen trinke ich meinen Kaffee mit Zucker. Laut WHO dürfen es bis zu sechs Teelöffel Weisszucker pro Tag sein. Ich komme mit Mühe und Not auf fünf. Denn ich bin keine "Süsse". Ich war noch nie versessen auf Süssigkeiten, auch als Kind nicht. Überhaupt habe ich mir nie viel aus Ernährungsthemen gemacht. Essen war sozusagen ein notwendiges Übel, das mich von wichtigeren Dingen wie z.B. Hausaufgaben machen oder Brieffreundschaften pflegen abhielt. Sonst beschäftigte es mich nicht gross. 

Mit 16/17 änderte sich plötzlich etwas. Ich begann, das Frühstück auszulassen und später dann nur noch einen Apfel pro Tag zu essen. Ich wurde unzufrieden mit meinem Körper. Das war kurz nachdem ich in der Schule sitzengeblieben war. Mein Körper musste für mein Versagen büssen. Seitdem war er immer irgendwie aus dem Gleichgewicht. 

Nun, mit 47, also dreissig Jahre nachdem diese Essstörung eingesetzt hat, hat sich mein Essverhalten weitgehend normalisiert. Aber der Körper hat das Seine durchgemacht. Er tut immer irgendwo ein bisschen weh. Da tauchen erste Altersflecken auf, graue Haare sowieso, eine gewisse Steifheit morgens beim Aufwachen. Gott sei Dank wurde ich aber von Operationen und schweren Krankheiten bisher verschont. Ich würde die dreissig Jahre jetzt auch nicht unbedingt als Essstörung bezeichnen wollen. Es war wohl vielmehr eine Suche nach dem, was mir guttut und was nicht. 

Jedenfalls bin ich jetzt beim Zucker gelandet. 

Meine Oma war der Meinung, Zucker sei gut für Zähne und Knochen, weil deren gemeinsamer Nenner die weisse Farbe sei. Milch hingegen, die auch weiss ist, mochte sie gar nicht. Sie ernährte sich praktisch von Salz, Kaffee und Zucker, arbeitete hart auf den Feldern und starb kerngesund und 100-jährig. Auch für sie stand die Ernährung ganz weit unten auf der Prioritätenliste. 

Ich fühle mich in diesem Land so eingesperrt. Ich möchte zurück in die Schweiz. Alles in mir wehrt sich dagegen, hier zu sein. Hier, im Hier und Jetzt. Aber ich sehe keinen Ausweg. 

Mir kommt gleichzeitig eine Episode aus der Fernsehserie "Lindenstrasse" in den Sinn. Da hatte eine der Figuren gerade erfahren, dass sie schwanger war und äusserte ebenfalls diesen Gedanken, keine Luft mehr zu kriegen. Daraufhin meinte jemand anders: "Jetzt kochen wir erstmal Pasta." Erstmal im Hier und Jetzt bleiben, einen Schritt nach dem anderen tun. Genau das will ich gerade nicht. Ich würde mich am liebsten, wie ein trotziges Kind, unter der Bettdecke verkriechen und gar nicht mehr aufstehen. Ich will das alles nicht. Sogar das Atmen in diesem Land empfinde ich als Verschwendung. Am liebsten würde ich die Luft anhalten. Am liebsten würde ich sterben. Manchmal denke ich, dass ich schon tot bin und mein Körper nur noch eine leere Hülle ist, ein Gespenst, eine emotionslose, ausdruckslose Fratze. 

Inmitten dieses Gedankenwusts der letzten Wochen und Monate hat meine Hand eines Morgens wie fremdgesteuert zur Zuckerdose im Küchenschrank gegriffen, einen Teelöffel vom Zuckerstrahl abgemessen und jenen dann im Kaffee verrührt. 

Die Zuckerdose aus Plexiglas hatte immer an derselben Stelle im Küchenschrank gestanden, zwischen einer noch ungeöffneten Zuckerpackung und einer Dose Backkakao. Es ist Omas Zuckerdose. Ausser ihr hatte sie sonst niemand in der Familie benutzt. Als ich sie wieder in den Schrank stelle, kommt es mir so vor, als hätte die Dose monate-, ja jahrelang auf diesen Moment gewartet. Irgendwann würde sie wieder zum Einsatz kommen. Und jetzt war der Moment da. 

Ich denke, dass das ein erster Versuch war, mich mit meinem Schicksal auszusöhnen - wie das Pastakochen bei der Fernsehfigur. Spanien ist nunmal das Land meiner Vorfahren. Hier - also 200 Kilometer von hier - ist Omas Haus. Hier hat sie gewirkt und ihre Spuren hinterlassen. Indem ich hier bin, übernehme ich die Staffel, die Erbschaft. Kein Geld, sondern die Zuckerdose. Und mit ihr die Weiterführung der Arbeit, die sie begonnen hat. 

Muss das hier sein, in diesem Land? Fern vom Rhein, von der Helvetia, von der halbdirekten Demokratie den grünen Drämlis und den Velowegen? Immerhin stammt die Zuckerdose aus dem Basler Coop an der Gundeldingerstrasse. Oma hat dort gelebt. Fast dreissig Jahre. Warum darf ich ihr Lebenswerk nicht dort fortführen? In diesen Fragen meldet sich der Widerstand meiner Mutter, die es meiner Oma immer zum Vorwurf gemacht hat, ohne Vater aufgewachsen zu sein. Sie wollte nie so sein wie ihre eigene Mutter, hat sie immer abgelehnt und als naiv und dumm verachtet. Das alles schwelt und schwebt in meiner Psyche herum und macht sich bemerkbar.

Meine Mutter wollte weder ihr Schicksal noch das ihrer Mutter annehmen. Was ist mit mir? Was mache ich aus dem Ganzen?

Dieselbe Frage hat sich Oma wohl gestellt, als sie ihrerseits ihr abgelegenes Bergdorf verliess, um in die Schweiz zu ziehen. Ich kann gerade hautnah empfinden, wie sie das damalige Franco-Regime verfluchte, nichts gegen Spaniens Abschottung zu unternehmen und die verarmte Landbevölkerung geradezu zur Emigration zu zwingen.

Ich bin Oma, nur in einer anderen Zeit. Meine Emigration lief in die andere Richtung. So wie sie in Bettingen starb, 2000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt, werde ich wahrscheinlich hier sterben, wiederum in 2000 Kilometer Entfernung von meiner Heimatstadt Basel. Die Heimatorte haben sich vertauscht, die Geschichten wiederholen und verbinden sich, in einer Zuckerdose aus Plexiglas. 


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