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Aktuelle Themen Hilf Himmel, was ist mit der FAZ los?

niederrhein
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Hilf Himmel, was ist mit der FAZ los?
geschrieben von niederrhein
Hilf Himmel, was ist mit der FAZ los?

Das heißt: Mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Denn dort - Ausgabe vom 08.02.2009 - findet sich folgender Artikel. (Hier natürlich nur Auszüge)



Offenbar hängt nicht nur das Bankensystem an diesem Nagel ...
(Aufnahme von mir am 02.02.2009)


Die Krise hat erst begonnen

Ein System, in dem viele Unbeteiligte unter der Risikolust weniger leiden müssen, bekommt bald ein heftiges Problem. Heute geht es längst nicht mehr um die Rettung der Banken, sondern um die Abwehr des Zerfalls unserer Gesellschaft. Und das geht nicht mit Geld allein
Von Nils Minkmar

(Hervorhebungen von mir; Bertha)

[...] Seit Monaten sehen wir Angela Merkel oder Gordon Brown oder nun Barack Obama vor wechselnden Kulissen auf- und abtreten, ein Theater der Ratlosigkeit, in dem immer nur ein Motiv improvisiert wird: dass es bald schon weitergehen werde wie bisher. Bald sind die Banken gerettet, dann können sie wieder mit Quatschpapieren handeln. Bald ist das richtige Politikinstrument - irgendwo muss es doch liegen - gefunden, dann wird, Lieblingsvokabel des Politsprechs, die "Stellschraube" angezogen, und wir setzen die Fahrt fort wie zuvor, bitte entschuldigen und verkennen Sie die Tatsache unseres anhaltenden Absturzes.

Unsere Milliarden, die diversen Pakete, Schirme und Spritzen hätten die Krise längst beeindrucken müssen. Aber Pustekuchen. "Fast täglich", schreibt No-belpreisträger Paul Krugman über die dilettierenden Politiker, "kramen sie eine neue Fahne hervor, die sie den Mast emporziehen, um zu testen, ob jemand salutiert." Nichts passiert.
Politiker haben diese Krise nicht angezettelt und keinen Plan, sie zu stoppen. [...] Es ist längst Zeit, das Staunen über die irrwitzige Geschichte von den mehrfach gebündelten Schrottpapieren und den kriminellen Systemen, die ihre Verbreitung zum Geschäft gemacht haben, diesen Dealern mit gepanschten Finanzspritzen, zu überwinden und das ganze Ausmaß der sich gerade voll entfaltenden Weltkrise ins Auge zu fassen.
Das monatelange öffentliche Kümmern um die Banken hat wenig gebracht und führt dazu, die akute Gefahr kommender sozialer Krisen zu vernachlässigen. [...]
Krise ist keine Frage von Blasen und Buchungen, da geht es um durchgeheulte Nächte. Anderswo, unter den chinesischen Wanderarbeitern und bei den Illegalen, die aus Afrika nach Europa wollen, wird die Krise Leben kosten.
[...] Es gab bloß einen Wunsch nach Rendite, und die steigt nun mal mit dem Risiko. Lag der ganze Witz in diesen Systemen darin, die hohe Rendite vom Risiko zu trennen, in dem man es der Öffentlichkeit eines Nachts gebündelt auf die Straße kippt? Darf man fragen, ob diejenigen, die die Risiken eingingen, je die Absicht hatten, die Folgen eines negativen Ausgangs zu tragen? Ob sie alles unternommen haben, frühzeitig zu warnen und den Schaden zu begrenzen? [...]
Nichts gegen hohe Gewinne, aber wenn das Risiko dieser Spielchen nicht von denen getragen wird, die den Gewinn kassieren, dann ist die Spielanordnung ein Fall für den Staatsanwalt.
[...] Weniger Steuern und mehr Freiheiten für die Tüchtigen, dann geht es allen gut. Doch wir sehen: Nirgendwo gibt es so viele tüchtige und berühmte Millionäre wie in Kalifornien. Hollywood und Silicon Valley ziehen Talente aus der ganzen Welt an, und doch kann es sein, dass dieser reiche, dynamische Staat bald seine Lehrer nicht mehr bezahlen kann. Da ist mehr faul als nur ein Stapel Papiere. Wie lebt der Kalifornier, zu dessen Betriebssystem das große Versprechen auf ewige Verbesserung gehört, mit einer dauerhaft verbauten und überschuldeten Zukunft?

Die deutsche Gesellschaft hat auf die Krise erst mal recht liebevoll reagiert: Jemand ist süchtig geworden, hat alles Geld verbraucht und verlangt nun nach mehr. Also räumt man die Schränke aus, um ihm über die nächsten Tage zu helfen. So haben wir, obwohl der Haushalt fast ausgeglichen war, Schulden gemacht und Bürgschaften abgegeben [...]
Aber so kann es nicht weitergehen. Die Republik kann nicht länger koabhängig sein und muss auf die systemische Krise mit einem Systemwandel reagieren. Dem muss eine klare und öffentliche Analyse der Ursachen dieser Krise vorausgehen. In Washington wurden ja bereits parlamentarische Anhörungen vorgenommen, wenn Konzerne Steuergelder oder Garantien wollten. Es waren wichtige Anhörungen, auch für die Branchen selber.
[...] Angst vor dem Sozialismus rechtfertigt nicht das Vertuschen der Fehler der Kapitalisten. [...]
Es ist ein Skandal, dass der Bundestag zwar Gelder in Höhe der Wiedervereinigungskosten bereitstellt, aber nicht mal einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einsetzt, um zu fragen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Und ob es im Privatvermögen der Verantwortlichen nicht noch Reserven gibt, die man zur Begleichung des entstandenen Schadens heranziehen könnte, etwa in Form einer Härtefallstiftung für kleine Betriebe oder ländliche Gemeinden? [...]

Um die Gesellschaft vor Unruhen und kalten Bürgerkriegen zu bewahren, muss ein großer Dialog begonnen werden. Das alte System wird sich nicht fangen, für die Ramschpapiere gibt es keinen Markt, und es wird auch keinen mehr geben. [...]

Attac hat mit der jahrelangen Kampagne gegen die Zocker an den Finanzmärkten präziser gearbeitet als die im Bundestag vertretenen Parteien.


Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.02.2009, Nr. 6 / Seite 25


silhouette
silhouette
Mitglied

Re: Hilf Himmel, was ist mit der FAZ los?
geschrieben von silhouette
als Antwort auf niederrhein vom 12.02.2009, 22:40:18
Gratulation an die FAZ, das zu drucken.
Minkmar ist ein großer Freund der deutlichen Aussprache. Und somit meiner. Das war nicht sein erster schreibender Auftritt dieser Art.
Der Mann hat alles in allem recht in dem, was er hier schreibt. Aber wer will das so genau wissen? Und dass das niemand so genau wissen will, das ist genau sein Punkt.
--
silhouette
senhora
senhora
Mitglied

Re: Hilf Himmel, was ist mit der FAZ los?
geschrieben von senhora
als Antwort auf silhouette vom 12.02.2009, 23:11:01
Genau diese Diskussion vermisse ich auch. Wie milde bisher die Abrechnung mit den Verursachern der Krise umgegangen wird, ist katastrophal, bei anderer Gelegenheit fallen die Urteile dafür um so härter aus. Wie scheinheilig, unverbesserlich und fahrlässig.

Und dann höre ich gestern im Bundestag, die FDP will 80 Millionen Deutsche privat krankenversichern. Ja Himmel, wo wollen die mit dem riesigen Kapitalstock, der dann entsteht, denn hin? Fröhlich die Börse überschwemmen, spekulieren, verzocken? So entstehen doch neue Blasen, können die nicht oder wollen die nicht verstehen?
senhora

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eko †
eko †
Mitglied

Re: Hilf Himmel, was ist mit der FAZ los?
geschrieben von eko †
als Antwort auf senhora vom 13.02.2009, 08:41:09
Zitat senhora:

"Und dann höre ich gestern im Bundestag, die FDP will 80 Millionen Deutsche privat krankenversichern. Ja Himmel, wo wollen die mit dem riesigen Kapitalstock, der dann entsteht, denn hin? Fröhlich die Börse überschwemmen, spekulieren, verzocken? So entstehen doch neue Blasen, können die nicht oder wollen die nicht verstehen?
senhora"


Ja Himmel!!!
Also das ist ja nun eine völlige Verdrehung der tatsächlichen Situation. Dass die FDP diesen Vorschlag macht, ist ja nun keine aufregende Neuigkeit. Damit gehen sie schon seit Jahren hausieren.
Na und ?
Ist das einen Aufreger wert? Was will denn eine Partei durchsetzen, die höchstens als Junior-Partner an die Regierung kommt ? Sie braucht eine Mehrheit, um das durchsetzen können. Und soo falsch ist der Gedanke ja dann auch wieder nicht, schließlich haben sie auch eine Klausel darin, dass weniger bemittelte dann einen Zuschuss bekommen müssten.
Und ob sie dann den "riesigen Kapitalstock" ????? verzocken würden, das ist doch astreine Fantasie, oder ?
--
eko
baerliner
baerliner
Mitglied

Die Krise hat erst begonnen.....
geschrieben von baerliner
als Antwort auf niederrhein vom 12.02.2009, 22:40:18
Bertha,

als ich das von dir eröffnete Thema las, da hattest du noch einen ganzen Rattenschwanz von Artikeln aus der FAS reinkopiert, so dass ich verzweifelt das Lesen abgebrochen habe.

Ich werde mich mal in einer stillen Stunde mit dem vollständigen Artikel (siehe Linktipp) beschäftigen

--
baerliner
florian
florian
Mitglied

OT
geschrieben von florian
als Antwort auf eko † vom 13.02.2009, 09:17:35
Eko, ich weiß nicht warum, aber in der letzten Zeit bist du recht häufig am nörgeln
--
florianwilhelm18

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walter4
walter4
Mitglied

Re: Hilf Himmel, was ist mit der FAZ los?
geschrieben von walter4
als Antwort auf niederrhein vom 12.02.2009, 22:40:18
Grundsätzlich hat diese Finanzkrise auch einen guten Ansatz: Die rieseigen Kapitalreichtümer der Milliardäre wurden weitgehend eingedampft. Es war ja vielen schon aufgestoßen, daß dieser Personenkreis sein Vermögen in den letzten 10 Jahren etwa verdoppeln konnte. Diese Ungerechtigkeit könnte jetzt abgemildert werden, wenn die Staaten sich richtig verhalten.

Keineswegs kann hingenommen werden, daß dieser Personenkreis auf Kosten des Steuerzahlers entschädigt wird. Das will Steinbrück auch nicht tun. Er muß aber sensibel vorgehen, um das in Deutschland investierte Kapital nicht aus dem Land zu treiben. Daher wäre ein international abgesprochenes Vorgehen notwendig, eine konzertierte Aktion gegen die internationalen Finanzlobbyisten - zugegeben eine schwierige Aufgabe, aber eine große Chance.
--
walter4
hugo
hugo
Mitglied

Re: OT
geschrieben von hugo
als Antwort auf florian vom 13.02.2009, 15:55:39
hallo flori, du irrst.. das ist nicht erst neuerdings, nicht erst in letzter Zeit, das ist echt,,ich denke das ist angeboren,,

und nun zum Thema: "auf die systemische Krise mit einem Systemwandel reagieren"

da werden sich aber die "ewiggestrigen, hartgesottenen Verfechter des Althergebrachten" (wie schön das auch hugo für solche Ausdrücke mal Verwendung findet ohne das sie auf Ihn bezogen sind *g*) sehr schwer tun in eine andere Richtung denken zu müssen.

Wenn ich davon ausgehe das die Steinzeit irgendwann mal vorüber ging, auch die Bronzezeit, die Sklaverei, der Feudalismus, dann die sozialistisch angehauchten Zeiten und nun die soz Marktwirtschaft mal ihren Geist (den sie eigentlich nie so richtige praktizieren durfte) aufgibt,,,na ist das so schlimm ? kann es noch schlimmer kommen?

Wenn der Trend so anhält das unser aller Geld sich in immer kürzerer Zeit unter immer weniger Ärschen zusammenrottet,,und das trotz solch toller Begriffsfindung wie soziale Marktwirtschaft,, nee da gehts mir durch Mark und Bein und ich bin gerne bereit was Neues, Anderes auszuprobieren. *g*
--
hugo
eko †
eko †
Mitglied

Re: OT
geschrieben von eko †
als Antwort auf florian vom 13.02.2009, 15:55:39
Eko, ich weiß nicht warum, aber in der letzten Zeit bist du recht häufig am nörgeln
--
florianwilhelm18
geschrieben von florianwilhelm18



Findest Du ?

Ja, soll man denn allen Blödsinn, der hier gepostet wird, einfach so hinnehmen ? Ich denke eher, dass diejenigen am Nörgeln sind, die über alles herziehen und dabei doch gar keine Ahnung haben.
--
eko
karl
karl
Administrator

Re: Hilf Himmel, was ist mit der FAZ los?
geschrieben von karl
als Antwort auf niederrhein vom 12.02.2009, 22:40:18
Hallo Bertha,


nun, die Redakteure der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sind ja nicht dumm und sie haben erkannt, dass die Flickschusterei der Politiker bestenfalls ein rumdoktern an den Symptomen ist. Der Artikel von Nils Minkmar ist wirklich lesenswert! Ich teile seine Ansicht, dass wir uns etwas vormachen, wenn wir glauben, die Überschuldungskrise könnte durch neue Schulden geheilt werden. Wie Nils Minkmar richtig bemerkt: "Da ist mehr faul als nur ein Stapel Papiere. Wie lebt der Kalifornier, zu dessen Betriebssystem das große Versprechen auf ewige Verbesserung gehört, mit einer dauerhaft verbauten und überschuldeten Zukunft?".
Wir werden es wahrscheinlich überleben, aber ...
Anderswo, unter den chinesischen Wanderarbeitern und bei den Illegalen, die aus Afrika nach Europa wollen, wird die Krise Leben kosten.
geschrieben von Nils Minkmar


Die Parole "Weiter wie bisher" könnte fatal sein. Ich finde die Forderung nach einem Untersuchungsausschuss richtig und wichtig. Wenn nicht hierfür, wofür sonst sollte so ein Gremium gut sein?

so kann es nicht weitergehen. Die Republik ... muss auf die systemische Krise mit einem Systemwandel reagieren. Dem muss eine klare und öffentliche Analyse der Ursachen dieser Krise vorausgehen. ... Es ist ein Skandal, dass der Bundestag zwar Gelder in Höhe der Wiedervereinigungskosten bereitstellt, aber nicht mal einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einsetzt, um zu fragen, wie es überhaupt so weit kommen konnte.
...
Attac hat mit der jahrelangen Kampagne gegen die Zocker an den Finanzmärkten präziser gearbeitet als die im Bundestag vertretenen Parteien.
geschrieben von Nils Minkmar

Das ist wohl so, weil es den Angehörigen der politischen Kaste in dem System selbst sehr gut gegangen ist.
--
karl

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