Forum Allgemeine Themen Aktuelle Themen Nicht nur eine Frage der Ethik: In drei afrikanischen Ländern läuft derzeit ein Pilotprojekt mit dem Malaria-Impfstoff RTS,S.

Aktuelle Themen Nicht nur eine Frage der Ethik: In drei afrikanischen Ländern läuft derzeit ein Pilotprojekt mit dem Malaria-Impfstoff RTS,S.

Nicht nur eine Frage der Ethik: In drei afrikanischen Ländern läuft derzeit ein Pilotprojekt mit dem Malaria-Impfstoff RTS,S.
geschrieben von WoSchi

Eigentlich sollte man meinen, dass es so gross angelegte Versuche mit nicht zugelassenen Medikamenten im 21. Jahrhundert nicht mehr gibt -  aber das Gegenteil ist der Fall.

Aus der Ärztezeitung:


Der Malaria-Impfstoff „RTS,S“ (Mosquirix®) wurde von der EU-Arzneimittelagentur EMA zur Zulassung empfohlen. Die WHO prüft gerade in Feldversuchen in Malawi, Ghana und Kenia, ob die nur moderat wirksame Vakzine unter Alltagsbedingungen nützt. Dabei sollen bis 2022 insgesamt 720.000 Kinder damit geimpft werden.
Die Umsetzung des Feldversuchs verletze internationale ethische Standards, kritisieren jetzt Experten um Professor Charles Weijer von der Western University in Kanada. Missachtet würden die sogenannten Ottawa Statements, wird der Bioethiker in einem Bericht im „British Medical Journal“ zitiert


„Desaster für das Vertrauen der Bevölkerung“
Die Begründung von Weijer: Von den Eltern der teilnehmenden Kinder seien keine Einverständniserklärungen für die Impfung mit RTS,S eingeholt worden. Eltern hätten zum Beispiel über Sicherheitsbedenken aus den Zulassungsstudien informiert werden müssen, um selbstbestimmt über die Teilnahme an dem Feldversuch entscheiden zu können. So gab es in den Phase-III-Studien in den Malaria-Impfgruppen erhöhte Raten von Meningitiden, zerebraler Malaria und eine erhöhte Sterberate bei Mädchen.
„Ich denke, Eltern sollten über die erhöhte Sterberate bei Mädchen informiert werden. Würden sich nämlich diese Daten [aus den Phase-III-Studien] tatsächlich bestätigen, wie sollte man den Eltern dann erklären, dass ihre Kinder ohne ihr Wissen an einem riesigen Experiment teilgenommen haben, das von staatlichen Behörden geleitet wird?“ wird Professor Christine Stabell Benn von der Universität Southern Denmark im BMJ-Beitrag zitiert. „Das könnte ein Desaster für das Vertrauen der Menschen in Impfungen und Behörden bedeuten.“


Der ganze Artikel hier
 

Soviel ich weiss, war der letzte grosse Skandal dieser Art der "Feldversuch" mit der sog. Antibabypille in Puerto Rico ... persönlich finde ich die Vorgehenswweise der WHO in Malawi, Ghana und Kenia moralisch und ethisch absolut verwerflich und unanständig, nimmt man doch billigend in kauf, dass viele Kinder sterben werden.

WurzelFluegel
WurzelFluegel
Mitglied

RE: Nicht nur eine Frage der Ethik: In drei afrikanischen Ländern läuft derzeit ein Pilotprojekt mit dem Malaria-Impfstoff RTS,S.
geschrieben von WurzelFluegel
als Antwort auf WoSchi vom 27.02.2020, 15:37:20

4 Impfungen sind erforderlich, 3 davon im ersten Lebensjahr
das halte ich für eine enorme Hürde für den Erfolg

Eltern werden Hoffnungen gemacht. Sie werden wahrscheinlich nicht direkt angelogen, aber einige Fakten werden einfach nicht erwähnt, zB. die erhöhte Sterblichkeitsrate bei Mädchen
das Vertrauen in die mündliche Auskunft des Arztes ist sehr oft gegeben, schriftliche Informationsquellen werde nur teilweise genützt ( das ist übrigens auch in Europa oft so, das Kleingedruckte wird oft nicht so genau gelesen)

andererseits ist es auch so, dass erkrankte Kinder viel zu spät, oder gar nicht zum Arzt gebracht werden, weil die Symptome der Maleria, in diesen Gebieten sehr vertraut sind und lange nicht jeder daran stirbt

aber viele gehen auch deshalb nicht zum Arzt, weil sie nicht bezahlen können
wer einmal erlebt hat, wie verzweifelte Familien ihre Notgroschen zusammenkratzen um eine medizinische Behandlung bezahlen zu können, wird diese Eindrücke so schnell nicht wieder los
wenn nicht genug Bares vorhanden ist, gibt es keine Behandlung, außerdem sind Ärzte rar

möglicherweise werden besorgte Eltern, dieses Impfangebot, auch trotz Risiko annehmen, weil sie genau wissen, dass sie sich eine ärztliche Behandlung nicht leisten könnten, wenn ihr Kind erkranken sollte und diese Impfungen sind ja vermutlich kostenlos

da stehen komplexe Zusammenhänge dahinter, so einfach ist es mMn auch nicht zu sagen, diese Aktion ist gut oder schlecht
unzureichende Aufklärung, verschweigen von Risiko ist aber auf jeden Fall ein absolutes no go

WurzelFluegel

 

RE: Nicht nur eine Frage der Ethik: In drei afrikanischen Ländern läuft derzeit ein Pilotprojekt mit dem Malaria-Impfstoff RTS,S.
geschrieben von WoSchi
als Antwort auf WurzelFluegel vom 27.02.2020, 22:56:17

Man könnte natürlich sagen, dass es noch mehr Kindersterben gibt, wenn dieses Pilotptojekt NICHT durchgeführt wird und dass die Kinder, die aufgrund des noch in der Trial-Phase befindlichen Medikament sterben werden, als "Kolateralschaden" zum Wohle der Menscheit einkalkuliert sind - aber genau das ist doch das Verwerfliche . Das wid den Müttern nicht gesagt und wieder einmal sind es die Ärmsten der Armen, an denen die Pharmaindustrie herumexperimentiert  und das unter dr Zustimmung der WHO. Die Betroffenen werden nicht richtig aufgeklärt!

Immer wieder passiert es - so wie erst vor wenigen Jahren, als man den Wirkstoff Thalidomid - der Wirkstoff von Contergan, der vor ca 60 Jahren hier in Deutschland als Mittel zum besseren Durchschlafen vertrieben wurde und dadurch so viele Babys mit Fehlbildungen auf die Welt kamen. Genau dieses gefährliche Mittel wird u.a. in Brasilien zur Behandlung von Lepra einegsetzt.  Die Folge: Bis heute kommen Babys mit Fehlbildungen zur Welt.

aus dem Stern
Thalidomid ist in Brasilien nicht frei verkäuflich, es darf nur streng kontrolliert von Ärzten herausgegeben werden. So lautet die Vorschrift. Doch die Realität sieht anders aus. "In Brasilien gibt es sehr viele Lücken im Gesundheitswesen, es mangelt an gut ausgebildetem Personal", sagt Jochen Hövekenmeier von der Deutschen Lepra- und Tuberkolosehilfe e.V. (DAHW) dem stern. "Das führt dazu, dass diese Kontrolle gar nicht gewährleistet werden kann."
Dennoch hält Brasilien an Thalidomid fest. Laut DAHW gibt es dort jedes Jahr fast 40.000 neue Lepra-Erkrankungen. Und Brasilien hat viele Gründe, die für das umstrittene Arzneimittel sprechen. "Thalidomid ist bezahlbar", sagt Hövekenmeier. "Und oftmals ist es die letzte Alternative zur Amputation." Für die Behandlung der bereits erwähnten schweren Lepra-Komplikation gebe es bislang keine Alternative. 


Es  ist schon sehr fragwürdig, was da getrieben wird
Danke für Dein Interesse an dem Thema

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karl
karl
Administrator

RE: Nicht nur eine Frage der Ethik: In drei afrikanischen Ländern läuft derzeit ein Pilotprojekt mit dem Malaria-Impfstoff RTS,S.
geschrieben von karl
als Antwort auf WoSchi vom 28.02.2020, 08:34:22

@woschi, Du zitierst aber auch:

"... Und Brasilien hat viele Gründe, die für das umstrittene Arzneimittel sprechen. "Thalidomid ist bezahlbar", sagt Hövekenmeier. "Und oftmals ist es die letzte Alternative zur Amputation." Für die Behandlung der bereits erwähnten schweren Lepra-Komplikation gebe es bislang keine Alternative. "
Ein moralisches Urteil ist also nicht so eindeutig.


Karl
RE: Nicht nur eine Frage der Ethik: In drei afrikanischen Ländern läuft derzeit ein Pilotprojekt mit dem Malaria-Impfstoff RTS,S.
geschrieben von WoSchi
als Antwort auf karl vom 28.02.2020, 08:42:47
Das  Problem ist aber auch hier wieder mangelnde Aufklärung. So hatte man die Packungen aufgrund der vielen Analphabeten mit Piktogrammen versehen, um vor der Einnahme durch Schwangere zu warnen - zu sehen war eine stilisierte Schwangere mit einem roten X.

Viele Betroffene legten das aber falsch aus und dachten, es sei ein Verhütungsmittel und dadurch kam es wiederum zu missgebildeten Kindern , Inzwischen hat man die Abbildungen ausgetauscht und sehen so aus. Auch hier - einfach ein Versagen bei der Aufklärung der Betroffenen

karl
karl
Administrator

RE: Nicht nur eine Frage der Ethik: In drei afrikanischen Ländern läuft derzeit ein Pilotprojekt mit dem Malaria-Impfstoff RTS,S.
geschrieben von karl
als Antwort auf WoSchi vom 28.02.2020, 09:19:34

Aber es ist doch gut, dass man den Aufdruck jetzt verbessert hat. 

Karl


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schorsch
schorsch
Mitglied

RE: Nicht nur eine Frage der Ethik: In drei afrikanischen Ländern läuft derzeit ein Pilotprojekt mit dem Malaria-Impfstoff RTS,S.
geschrieben von schorsch

Dass man die Mittel dort testet, wo etwas damit erreicht werden kann, finde ich sinnvoll. Was würde es z.B. nützen, ein Malaria-Impfmittel in Grönland zu testen?

RE: Nicht nur eine Frage der Ethik: In drei afrikanischen Ländern läuft derzeit ein Pilotprojekt mit dem Malaria-Impfstoff RTS,S.
geschrieben von WoSchi
als Antwort auf karl vom 28.02.2020, 09:26:24

Natürlich ist das gut, aber warum konnte man das nicht gleich so machen und warum mussten erst wieder hunderte von Kinder mit den bekannten Missbildungen geboren werden , die nun ein elendes Leben führen müssen und der  Hersteller wieder keine Schuld bei sich sieht

WurzelFluegel
WurzelFluegel
Mitglied

RE: Nicht nur eine Frage der Ethik: In drei afrikanischen Ländern läuft derzeit ein Pilotprojekt mit dem Malaria-Impfstoff RTS,S.
geschrieben von WurzelFluegel
als Antwort auf WoSchi vom 28.02.2020, 09:55:39

die Hersteller haben ein sehr, sehr geringes, bis gar kein Risiko
besonder bei der Malariaimpfung

wer schon mal versucht hat einen Impfschaden in Europa bestätigt zu bekommen, der weiß, wie schwierig das ist
in den betroffenen Ländern Afrikas ist das so gut wie unmöglich, die Lage in Indien kann ich nicht einschätzen, weil ich zu wenig Informationen aus erster Hand habe

ich weiß nur, dass besonders in Indien gerne Medikamente getestet werden - man nutzt die Armut der Menschen aus und auch die Tatsache, das viele Menschen dort nicht lesen und schreiben können...wer sich dafür interessiert braucht nur googel zu befragen, es kommen so viele Berichte und Dokumente, dass einem übel wird, von unaufgeklärten Versuchspersonen, über gefälschte Studien und und und....

Medizinische Forschung ist nützlich und kann vielen helfen
aber spätestens in der Testphase von Medikamenten gibt es viele Praktiken die menschenverachtend sind und gestoppt werden müssen
aber bei uns passiert so etwas ja nicht und schon ist man aus der Verantwortung - ist man das?

WurzelFluegel


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