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Aktuelle Themen Warum schützt niemand Walter Jens vor seinem Sohn?

niederrhein
niederrhein
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Eine Anmerkung
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf ehemaliges Mitglied_84475 vom 20.02.2009, 11:13:51
Eine Anmerkung

Man - d.h. ich weiß gar nicht, wie man sich diesem Vorgang neutral nähern soll, denn - so ging und geht mir offenbar nicht allein, wie ich lesen konnte - man ist vom Ganzen persönlich berührt.
Und es ist zu befürchten, daß eine Stellungnahme zum Ganzen mehr über die eigene Befindlichkeit aussagt als über den ganzen Vorgang selbst.

Auch hörte ich vor geraumer Zeit von der These Tilman Jens', daß die Demenz, das Vergessen dann einsetzt, als der Vater mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Und als ich den Hinweis auf die ZEIT hier in ST setzen wollte, sah ich, daß inzwischen darüber eine Diskussion stattfindet.



Ich sehe mehrere Problemkreise.


Einmal das Problem der Alzheimerschen Demenz
; für den Erkrankenden, wenn er von dieser Diagnose hört. (Eine junge Ärztin teilte mir vor einiger Zeit mit, daß die Zahl der Selbsttötungen bei Erkrankten mit einem intellektuellen Profil proportional höher sei - relata refero)
Wie gehen die Betroffenen = Erkrankten, wie gehen die Angehörigen, wie geht die Gesellschaft mit der ständigen wachsenden Anzahl der Alzheimer-Patienten um? Mit der Vergreisung der Gesellschaft steigt die Zahl der Erkrankungen rapide, wie man weiß.
Welche sozialen, psychischen, wirtschaftlichen Probleme kommen da auf die Betroffenen und auf die Gesellschaft zu? (Vor einigen Jahren las ich da schon in der FAZ Leserbriefe mit "Lösungsvorschlägen", die ich hier lieber nicht zitieren will.)
Ob da das Buch von Tilman Jens irgendwie aufschlußreich, informativ etc. ist, vermag ich nicht beurteilen. (Hier wird wohl die Lektüre des Buches unerläßlich sein?)


Offenbar spielt hier vermutlich das Vater-Sohn-Verhältnisauch oder vor allem eine bzw. die entscheidende Rolle?

Spontan fallen mir hier Niklas Frank (seine Bücher und Abrechnung mit seinem Vater und seiner Mutter) und Florian Havemann (Artikel in der ZEIT) ein; vom letzteren schreibt der Rezensent Christoph Dieckmann, daß "Florian Havemann nicht nur ans väterliche Denkmal" pinkele, "sondern erlegt den Vater mit der Mistforke. Er zeichnet ihn als verbummelten Bock und Kognakschwenker, der »nach seiner Entlassung aus der Humboldt-Universität in keinster Weise mehr wissenschaftlich gearbeitet hat«.

An anderer Stelle las ich, daß dieses Buch eine einziges Dokument eines traumatisch gekränkten Narzismus sei.

Die Frage ist: Sind Kinder tatsächlich durch diese Über-Ich-Eltern traumatisiert, geschädigt? Sind diese Väter und Mütter (Claire Goll in ihrem autobiographischen Buch Die Traumtänzerin über ihre Mutter!) eben gar nicht so liebevoll väterlich oder mütterlich, sondern gleichsam in ihrer Egomanie etc. als Elternteil alles andere pädagogisch ideal? So daß die, eben eine solche öffentliche Reaktion verständlich [nicht unbedingt menschlich?] wäre?
(Aber ... siehe oben! ... ein Verdikt sagt u.U. mehr über den (Ver)Urteilenden aus als über die Beurteilten.)


Zwei weitere Aspekte sehe ich noch ...

Die Frage der/einer nationalsozialischischen Vergangenheit, wobei ich - trotz oder gerade wegen meiner Herkunft! - unterscheiden möchte zwischen all jenen 15-,16-, 17-Jährigen, die in etwa 1943,1944 als Jugendliche in diese Nazi-Organisationen aufgenommen wurden und der eigentlichen Tätergeneration.
Offenbar charakteristisch und/oder typisch ist dieser individuelle und/oder gesellschaftliche Verdrängungsprozeß, der u.a. ein Auslöser der 68er-Bewegung war.
Als ich von der ehemaligen NSDAP-Mitgliedschaft von Walter Jens (den ich aus meiner Tübinger Zeit kannte bzw. kenne) erfuhr, fiel mir sofort der Fall von Hans Ernst Schneider alias Hans Schwerte ein, dessen hochschulpolitisches und auch sonst politisches "linkes" Engagement vielleicht eine (bewußte, unbewußte?) Reaktion auf seine nationalsozialistische Vergangenheit war?
Offenbar gibt es hier noch viel Aufklärungs- und Erkenntnisbedarf. (Vielleicht erinnert sich hier in der ST-Kommunität noch die beiden Bücher von Peter Sichrovsky: [i]Kinder der Opfer
, Kinder der Täter)

Und ein Letztes: Die mediale Aufbereitung und/oder Inszenierung, die leider oft auch mehr über die Medien und die Vermarktung eines Problems aussagt als eben etwas zur eigentlichen Problematik.
Wie sagte bzw. schrieb neulich hier jemand: Sobald ein marktträchtiges Thema auftaucht, wird es wie eine sau durch das mediale Dorf gejagt ...
Die Wahrheit bleibt zugunsten der Medienquote (Leser, Zuschauer, Hörer) dabei wohl auf der Strecke.

Die Bertha
vom Niederrhein


niederrhein
niederrhein
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Hier die Besprechung von Christian Geyer
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf longtime vom 22.02.2009, 11:55:41
Hier die Besprechung
von Christian Geyer

Aus der FAZ vom 23.02.2009 (von mir gekürzt; B.)



Es muss ja nicht gerade heute passieren

Walter Jens ist dement. Wie erleben seine Angehörigen das Drama eines Mannes, der früher lieber sterben wollte, als geistig verwirrt zu sein? Sein Sohn Tilman Jens antwortet mit dem Buch „Demenz“. Und Inge Jens, die Frau des Kranken, legt einen knappen Essay vor.

Der Hass, der diesem Buch entgegenschlägt, der Eifer, es als Teufelswerk eines Geltungssüchtigen hinzustellen – dieser Affekt der Kritik macht neugierig. Ob man sich, statt wutschnaubend über die Motive des Autors zu spekulieren, nicht mit dem Text des Buches beschäftigen könnte?
Walter Jens, legendärer Rhetor der Nation, ist dement, geistig verwirrt – und sein Sohn schreibt die Krankenakte, liefert das Porträt seines dahindämmernden Vaters, der allmählich Sprache und Gedächtnis verliert. Nein, das Buch ist keine Denunziation, keine Aburteilung, keine Abfertigung. Der Sohn geht hart mit dem Vater ins Gericht – ja.
Aber doch nicht, ohne über sich selbst Gericht zu halten, über sein eigenes Kneifen davor, dem Vater die zeitlebens benutzten bequemen Metaphern zu entreißen und ihn in die unliebsame Wirklichkeit zu zwingen.
Die unterschwellige Vater-Sohn-Problematik (1) wird, mit anderen Worten, systemisch angegangen, ganz so, wie Familientherapeuten es gerne sehen. Darf dieser Sohn Tilman Jens seinen Vater Walter Jens, der noch lebt und sich nicht wehren kann, derart in seiner Schwäche vorführen? So fragt man jetzt allerorten und lässt über dieser Frage den Text selbst kaum zu Wort kommen.

Überlassen wir die „Darf der das?“-Frage der mutmaßlich robusten Psyche des Autors. Dessen sehr weitgehende Bereitschaft, Vertrauensverhältnisse zu vergegenständlichen, mag beunruhigen. Der Text indessen will so genommen werden, wie er da steht.
„War es wirklich ein Zufall – an den Du, der Kenner, Interpret und Übersetzer antiker Tragödien, ohnehin nie geglaubt hast –, dass Dich das große Vergessen, die Demenz, der heimtückische Nebel, so hat es John Bayley gesagt, just in dem Augenblick überkam, als ein philologisches Fachlexikon die Existenz der NSDAP-Mitgliedskarte 9265911 offenbarte?“
So die rhetorische Frage von Tilman Jens an seinen Vater. Der Autor hat die fixe Idee, Walter Jens sei 2004 in die Demenz geflohen, um der Debatte über seine kurz zuvor gefundene NSDAP-Mitgliedschaftskarte zu entgehen.

Bestechend wird das Buch, wo es die unergiebige These von der Krankheit als Verdrängungsleistung (2) hinter sich lässt und zu seinem Thema findet: Wie begegnet man einem geistig verwirrten Menschen, von dem bekannt ist, dass er genau diesen Zustand des Verwirrtseins, des Nicht-mehr-sprechen- und schreiben-Könnens, nie erleben, sondern lieber aktive Sterbehilfe erfahren wollte?
Darin liegt die Brisanz der Causa Jens: Er hat öffentlich den „selbstbestimmten Tod“ gefordert, „statt als ein dem Gespött preisgegebenes Etwas zu sterben, das nur von fern her an mich erinnert“. Damit war auch die Situation des Demenzkranken gemeint, in der er nun selber steckt, ohne freilich dadurch nach Einschätzung seiner Angehörigen zu einem „Etwas“, zu einer Unperson geworden zu sein.
Wie also verfahren? Was genau heißt es, wenn Walter Jens zum wiederholten Male sagt, er wolle sterben? Vor dieser Frage stehen seine Angehörigen beinahe täglich. Sie haben Anlass zu der Annahme, bei dem Sterbeappell sei das Gesagte mit dem Gemeinten nicht identisch. „Für meinen kranken Vater bleibt der zunehmend unduldsam geäußerte Todeswunsch eigentümlich abstrakt. Immer wieder, wenn meine Mutter oder ich ihm nachgeben, Verständnis artikulieren für sein Verlangen, weicht er zurück.
Nun ja, es muss ja nicht gerade heute passieren. Er will, denke ich manchmal, tot sein, ohne zu sterben.“ Wenig später heißt es: „Als es ernst wird und er spürt, wie ihn sein Verstand allmählich verlässt, zögert mein Vater, den eigenen Thesen über ein menschenwürdiges Sterben zu folgen.“
Man muss das Protokoll dieser sich anbahnenden und schließlich doch nicht ausgeführten Tötung eines Demenzkranken im Wortlaut zur Kenntnis nehmen, um das Buch als wichtigen Beitrag für die Sterbehilfedebatte würdigen zu können. [...]
Nach einer weiteren Odyssee durch Spitäler und geschlossene psychiatrische Abteilungen kommt es noch einmal zu einer Wende im Leben des Walter Jens. Ihm wird mit der Bäuerin Margit Hespeler eine Haushaltshilfe zur Seite gestellt, die faktisch eine Allround-Betreuung des Kranken leistet und darin eine Berufung sieht. „Binnen weniger Tage ändert sich das Leben meines Vaters von Grund auf. Er hat nun einen neuen höchst emotionalen Bezugspunkt. Eine Gefährtin, die nicht notgedrungen traurig ist, weil die vertrauten Gespräche, die Fundament einer langen Ehe waren, verstummt sind, sondern den Kerl, so wie er ist, ganz einfach gern hat. [...]
Der früher einmal geäußerten Ansicht von Walter Jens – „unangefochten von auch nur dem leisesten Zweifel“ –, dass ein Kranker, der seine Angehörigen nicht mehr erkennt, „im Sinne des Humanen kein Mensch mehr sei“, hält Tilman Jens das Leben seines Vaters mit Margit Hespeler entgegen und fragt: „Sieht so ein Leben aus, das – wie er einst dachte – im Sinne des Humanen keines mehr ist? Braucht, wer eine Margit hat, einen Doktor Max Schur?“ (Schur war der Arzt, der das Leben von Sigmund Freud beendete.)
Es lohnt unbedingt, das „Nachwort in eigener Sache“ von Inge Jens zu lesen, das in dem jetzt aktualisierten Buch „Menschenwürdig sterben“ (als Plädoyer für aktive Sterbehilfe vor Jahren gemeinsam verfasst von Walter Jens und Hans Küng) neu aufgenommen wurde. Hier schildert Inge Jens in einem knappen Essay ihre Erfahrungen mit der Krankheit ihres Mannes. Sie sind im Blick auf die Sterbehilfedebatte um einiges analytischer gehalten als der ausführliche Bericht ihres Sohnes, im Ganzen bietet sich aber derselbe Befund. Inge Jens fühlt sich an das Versprechen gebunden, das sie ihrem Mann vor Jahren gab, ihn nicht im Zustand geistiger Verwirrung am Leben zu lassen. [...]

Hinsichtlich der Voraussetzungen jedoch, das heißt in der Analyse jener Grenzsituationen, in denen Hilfe zum Sterben geleistet werden sollte, habe ich heute die mir damals noch unvorstellbaren Erfahrungen der letzten Jahre mit zu berücksichtigen. Ich bin vorsichtiger geworden, vielleicht zögerlicher geworden; ich habe gelernt, die Kategorien lebens-unwert und lebenswert neu zu durchdenken, meine Vorstellungen von Würde und Glück zu differenzieren und die Nichtlösbarkeit gewisser Antinomien, jedenfalls für mich, zu akzeptieren.“
Es fällt einem kein Kommentar zum Thema Sterbehilfe ein, der derart unter die Haut geht und Gewissheiten zerstäubt wie diese Krankenakte von Walter Jens, die seine Frau und sein Sohn hier angelegt haben.

Christian Geyer



Tilman Jens: „Demenz“. Abschied von meinem Vater. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009. 142 S., geb., 17,95 €.
Walter Jens, Hans Küng: „Menschenwürdig sterben“. Ein Plädoyer für Selbstverantwortung. Mit einem Text von Inge Jens. Piper Verlag, München 2009. 248 S., geb., 16,95 €.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.02.2009 Seite 6

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Verantwortlich
Die Bertha
vom Niederrhein




(1) Gegenüber meinem vorausgegangenen Beitrag ein zusätzlicher Aspekt, den es zu beachten gilt.

(2) Individuelle und kollektive Verdrängung und ihre Folgen für den/die Verdrängenden - Ein Sachverhalt, dem nachzugehen auch sehr interessant wäre.
marianne
marianne
Mitglied

Re: Hier die Besprechung von Christian Geyer
geschrieben von marianne
als Antwort auf niederrhein vom 23.02.2009, 07:48:01
Danke, Bertha!

Da ich die FAZ grundsätzlich nicht lese..(alte Prinzipien, die wohl jetzt zu hinterfragen wären...),
bin ich froh, dies von dir jetzt gelesen zu haben.

Marianne

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senhora
senhora
Mitglied

Re: Hier die Besprechung von Christian Geyer
geschrieben von senhora
als Antwort auf niederrhein vom 23.02.2009, 07:48:01
Nun ja, der Beitrag aus der FAZ ist eine Meinung, ich habe eine andere.
Die Einstellung von Walter Jens zu einem würdevollen Alter und Sterben ist der Familie bekannt, wie keinem anderen. Ihn jetzt und zu seinen Lebzeiten genau in der Situation der Öffentlichkeit vorzustellen, die er auf keinen Fall wollte, halte ich für Verrat. Es ist für mich auch Verrat, ihm keine Möglichkeit gegeben zu haben, die Wahrheit über seinen Zustand zu erfahren, um so in einer Phase eine Entscheidung treffen zu können, in der es noch möglich war.
Den Verlauf einer Demenzerkrankung kennt inzwischen jeder durchschnittlich gebildete Mensch, da bedarf es keiner detaillierten Beschreibung über Inkontinenz, Gefühlsschwankungen und der gleichen.

Ich falle nicht wutschnaubend über den Autor her, es ist eher Entsetzen und Erstaunen, wie wenig der Wunsch des hilflosen Erkrankten in der Familie respektiert wird. Wäre die Einstellung und der Wunsch von Walter Jens nicht allgemein und öffentlich bekannt, ich hätte vielleicht anders empfunden.

Gerade weil sich der Autor in dem Fall K.-J. W (gleiche Situation, auch öffentliche Person) völlig anders und sehr kritisch über die Medien-Berichterstattung geäußert hat, bei seinem Vater aber ähnlich handelt wie die damals kritisierten Medien, ist mir sein Motiv um so verschwommener.

Das ist meine Meinung, aber vielleicht habe ich ja auch nur ein zu schlichtes Gemüt.

senhora
Medea
Medea
Mitglied

Re: Hier die Besprechung von Christian Geyer
geschrieben von Medea
als Antwort auf senhora vom 23.02.2009, 08:49:52
Wer möchte schon seine Angehörigen in "unlösbare Konflikte" hineinkatapultieren, wenn plötzlich eine zwar oft durchgespielte, aber noch weit entfernte, doch plötzlich hautnah gewordene unheilbare Krankheitssituation zu bewältigen ist?
Die Mutter eines Freundes bat ihren Sohn dringlich, sie zu erschießen, wenn sie unheilbar und nur noch dahinsiechend erkrankt sei - ich selbst stehe einer aktiven Sterbehilfe bei mir in solch einem Fall auch positiv gegenüber - aber kann von liebenden Angehörigen so etwas eingefordert werden?
Bei Walter Jens wird in aller Öffentlichkeit schonungslos von Außenstehenden und Familie Stellung bezogen, der Betroffene selbst ist nicht mehr in der Lage, sich zu artikulieren - ein Drama, das die Nation hier unmittelbar erlebt.

Medea
aurora
aurora
Mitglied

Re: Hier die Besprechung von Christian Geyer
geschrieben von aurora
als Antwort auf senhora vom 23.02.2009, 08:49:52
Danke Bertha
für die Informationen.

Natürlich ist bekannt, dass es diese Krankheit gibt und wie sie verläuft - und j e d e r wünscht sich, dass es ihn nicht betrifft - auch ich. Und es kann eben nicht "nur" dich und mich betreffen, sondern auch solche großartigen Persönlichkeiten wie Walter Jens. In einem Interview vorige Woche bei MDR Radio Figaro äußerte Tilman Jens, dass er sehr verwundert darüber war, wie diese Krankheit seines Vaters auch von den behandelnden Ärzten tabuisiert wurde, dass er sich sehr wohl und sehr lange darüber Gedanken gemacht hat, ob und wie er über den Zustand seines Vaters berichtet und an die Öffentlichkeit geht. Er hat, nach seinen Worten, einen zweiten Vater kennengelernt. Es kann also nicht sein, dass das Sensationshascherei oder sogar Geldgier ist, wie es mancher glaubt. In einem Moment geistiger Klarheit hätte sein Vater verlangt, ihm beim Sterben zu helfen, - um nach einer Pause mit dem Blick auf einen Baum zu sagen, "aber schön ist es doch". Es ist ein sehr komplizertes Thema, und manchmal denke ich, man sollte nicht darüber nachdenken, was wäre, wenn...Wenn es soweit ist, muss man sowieso handeln und sehen, wie man mit der neuen Situation fertig wird.
Noch ein Hinweis: am 26.22.09 geht es im MDR artour um 22.05 Uhr auch um dieses Thema Walter Jens und Sterbehilfe
--
aurora

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longtime
longtime
Mitglied

Re: Hier die Besprechung von Christian Geyer
geschrieben von longtime
als Antwort auf niederrhein vom 23.02.2009, 07:48:01
Da Bertha hier die Buch-und Familienbesprechung des Geyer in der FAZ kürzt, wo sie will - und nicht mal den ganzen Text verlinkt, tue ich es.

*

Ihr vorheriger, hingeschwätzter Vergleich des Lebens und Werks von Walter Jens mit dem kriminellen und lebenslangen Lügner und Schwindler Hans Ernst Schneider alias Hans Schwerte (SS-ler aus dem Verbrecher-Zentrum Himmlers), ist unerhört dumm.

Wenn Frau Niederrhein hier nicht für die unwissenden Plappernden und Lesenden die nötige Unterscheidungen aufzählen kann, werde ich sie aufzeigen.

--
longtime
niederrhein
niederrhein
Mitglied

Buch von Tilman Jens/ Rezension aus der SZ 21.02.2009
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf niederrhein vom 23.02.2009, 07:48:01
Zum Buch Demenz von Tilman Jens
Rezension aus der SZ 21.02.2009
(Kürzungen von mir)

Die Rache des Spätgeborenen

Mutiger Gelehrter, lieber Papi, ruhmsüchtiger Egozentriker: Tilman Jens rechnet mit seinem Vater ab

Als Walter Jens im vergangenen Jahr 85 Jahre alt wurde, feierten ihn die Feuilletons als "letzten großen Intellektuellen der Republik" und "sprachmächtigen Aufklärer". Den Walter Jens, von dem sie sprachen, den Rhetorikprofessor und Gelehrten, der das Neue Testament übersetzt und Romane verfasst hat, der Zeitschriften herausgegeben und während des Irak-Kriegs US-Deserteure bei sich versteckt hat, diese einmalige Mischung aus sozialdemokratisch engagiertem Protestbürger und humanistisch professoraler Lichtgestalt, den gab es da schon nicht mehr.
Noch immer lebt ein Mann gleichen Namens in Tübingen, der aber weiß nichts mehr von sich und der Welt. Walter Jens ist seit fünf Jahren dement.

Ein Geburtstagsartikel fiel damals aus dem Rahmen: Tilman Jens schrieb in der FAZ von der Krankheit seines Vaters, interpretierte diese aber ausschließlich als Zeichen des moralischen Versagens einer ganzen Generation: 2003 waren im Bundesarchiv in Berlin Unterlagen aufgetaucht, die belegen, dass Walter Jens seit September 1942 als NSDAP-Mitglied 9265911 geführt wurde. Jens hat zwar beteuert, er sei ohne eigene Kenntnis aufgenommen worden. Sein Sohn aber argumentierte, Walter Jens habe das alles sehr wohl gewusst und sich so dafür geschämt, dass er sich davor ins jahrzehntelange Schweigen und zuletzt in die Krankheit geflüchtet habe, die "fatale Schweige-Krankheit, an der so viele Köpfe zerbrachen." [...] Demenz als feige Ausweichstrategie. Darauf muss man erst mal kommen.

Nun hat Tilman Jens diesen Artikel zu einem Buch aufgeblasen. Es heißt "Demenz" und hätte bei einem Autor von anderem Format vielleicht gewinnbringende Lektüre sein können. [...] An einem "Fall" wie dem von Walter Jens hätte man vielleicht gut herausarbeiten können, wie Demenz unser Bild vom Menschen als selbstbestimmtem Subjekt gnadenlos destruiert, indem sie an den fleischlichen Ursprung des Verstandes erinnert, daran, dass das Gehirn, wie Jonathan Franzen in einem Text über den Verfall seines Vaters schrieb, "der mit Abstand komplexeste Gegenstand ist; und zugleich ist er ein Klumpen Körpermasse".

Auch könnte man gerade an Jens" Erkrankung die erbitterte Debatte um die Patientenverfügung und Sterbehilfe und die Hilflosigkeit der Angehörigen gut aufrollen: Schließlich schrieb er selber mehrfach, dass er nicht mehr leben wolle, wenn er nicht mehr schreiben und denken könne. Hans Küng, mit dem Jens 1995 in dem Buch "Menschenwürdig sterben" für die aktive Sterbehilfe plädierte, sagte, als er zehn Jahre später vor dem dementen Alten stand, auf Inge Jens" Frage, ob er ihm ein Ende bereiten könnte: "Nein, das kann man nicht." [...]
Um interessant über den Verfall seines Vaters oder über die Dilemmata der Sterbehilfe zu schreiben, bräuchte Tilman Jens aber schriftstellerische und diskursive Fähigkeiten. Und von denen - die Welt ist ungerecht - hat sein Vater ihm leider nicht viel vererbt. Ein paar Kitschpfützen hier, ein wenig Kolportage da, mehr ist da literarisch nicht zu holen.

Bliebe die Option, journalistisch sauber die NSDAP-Geschichte noch mal aufzurollen: Ist dem Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte zu trauen, das meinte, Jens die Kenntnis der Mitgliedschaft nachweisen zu können? Oder hatte der Historiker Götz Aly recht, der am Ende seiner Analyse schrieb, Jens sei ahnungslos in einer kollektiven Prozedur zum Parteimitglied erklärt worden?

Auch als Journalist aber versagt Tilman Jens. Er hat gar keine Zeit für eine saubere Kommentierung, muss er doch das Leben seines Vaters nach Indizien für seine These von der Krankheit als Verdrängung durchforsten. Die sehen dann beispielsweise so aus: Die Journalistin Stella Braam hat in einem Buch über ihren dementen Vater beschrieben, wie er zu Beginn der Krankheit überall Zettel anbrachte, im verzweifelten Bemühen, den Verfall vor seiner Umwelt zu verbergen. Nun der Beweis für Jens" strategische Flucht in die Demenz: "Mein Vater tut nichts dergleichen. Warum auch? Wer vergessen will, wer sich nicht mehr erinnern mag, die Verbindungen zur Vergangenheit kappt, der braucht keine Gedächtnisstützen."

Persilschein und infames Gerede
Dass der alte Jens seine Autobiographie nicht mehr zu schreiben vermochte, ist seinem Sohn Beweis dafür, dass er nicht über seine Nazivergangenheit schreiben wollte. Dass Walter Jens an seinen schriftstellerischen Qualitäten zweifelte; dass er mehrfach sagte, sein Tübinger Gelehrtenleben sei nicht interessant genug für ein ganzes Buch gewesen - alles Lüge. [...]
Dauernd ist da vom mutigen Gelehrten oder vom lieben "Papi" die Rede, der aber im selben Atemzug zum geschickten Strategen oder ruhmsüchtigen Egozentriker gemacht wird.
Und das, man merkt es beim Lesen immer mehr, ist der eigentliche Vorwurf, den Tilman Jens seinem Vater macht: Er war kein liebevoller Vater. Der Asthmatiker nahm dem Rest der Familie allen Platz zum Atmen. Selbst das hätte Thema eines interessanten Buches sein können. Aber Tilman Jens schreibt, kaum dass er den Vorwurf geäußert hat: "Nein, du hast mich nie in deinen Schatten gestellt." Wirrer wurde selten argumentiert. So scheint das Buch nicht so sehr Zeugnis abzulegen vom Verfall des Vaters als vielmehr von den ungelösten familiären Konflikten des Sohnes, von Verdrängung und Umdeutung. Dass er selbst im Dezember 2003 für aspekte ein verhörähnliches Interview mit dem Vater machte, rechtfertigt er heute so: "Ich sah darin die Chance, endlich mehr zu erfahren." Zweite Antwort, einige Zeilen weiter: Es sei ein "Weg, dem von den Medien waidwund Geschossenen die Flucht nach vorn zu ermöglichen." In einem Fünf-Minuten-Interview, aufgenommen unter hektischen Umständen in Berlin, im Beisein von Kameraleuten und Technikern, auf dem Höhepunkt des medialen Kesseltreibens? Was für ein fadenscheiniger Selbstbetrug. Und wenn irgendjemand jemals versucht hat, Walter Jens "waidwund" zu schießen, dann sein Sohn mit diesem Buch.

Aber vielleicht ist das ja die gerechte, wenn auch späte Strafe. Schließlich hat sich der kleine Tilman seinerzeit nur beim alten Ehepaar Schaich wirklich zu Hause gefühlt, "den Nachbarn, die mir die Kindheit zur Kindheit machten". Ein ganzes Kapitel widmet er diesem Tübinger Idyll, das natürlich ein trügerisches war, denn am Ende stellt sich heraus, dass der alte Schaich, Tilmans Ersatzvater, ein richtig harter Nazi war, inklusive Blut an den Händen. Auch der hat später geschwiegen, genau wie Walter Jens.

Diese Parallelmontage ist derart grotesk, dass einen fast Fremdscham beim Lesen überkommt. Oder dass man beinahe versucht ist, die Krankheit des Vaters selbst metaphorisch umzudeuten, als Flucht vor dem infamen Gerede seines Sohnes.

ALEX RÜHLE


TILMAN JENS: Demenz. Abschied von meinem Vater. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009. 141 Seiten, 17,95 Euro.

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.43, Samstag, den 21. Februar 2009 , Seite 17


Verantwortlich

Die Bertha
vom Niederrhein


P.S. Um Mißverständnissen vorzubeugen (offenbar neigt der eine oder andere dazu, seinen Eifer, seine Meinung, seine Wut mit Tatsachen zu vermengen?) ... Diese von mir gekürzte Version dieser Rezension dient nur zur Meinungsildung Interessierter; es stellt keine persönliche Meinungsbildung meinerseits zu diesem ganzen Komplex dar. (Das hier besprochene Buch selbst ist mir [noch] unbekannt.)

P.P.S. Auch eine Rezension ist letztlich eine Meinungsäußerung, von der eben der Leser dann, weiß ich aufgrund welcher Kriterien, entscheiden muß, ob diese Meinungsäußerung dem Sachverhalt gerecht wird und zutrifft.
Medizinische und historische Fakten
geschrieben von ehemaliges Mitglied_84475
als Antwort auf aurora vom 23.02.2009, 09:25:23
Ich möchte einmal die ungeheuerliche und medizinisch völlig abwegige These des Autors herausgreifen, der Vater habe sich 2004 in die Demenz geflüchtet, um sich einer Diskussion über die 2003 publik gewordene NSDAP-Mitgliedschaft zu entziehen und aus Scham darüber, dass er dies bis dahin verschwiegen habe.

(Im Herbst 2003 war bekannt geworden, dass Walter Jens seit 1942 von der NSDAP als Mitglied geführt worden war.)

Die Behauptung, sein Vater sei aus Scham in die Demenz geflüchtet bzw. er sei "an der Scham zerbrochen" hat Tilman Jens erstmals am 4. März 2008 in einem FAZ-Artikel aufgestellt, hat diese These danach mehrfach wiederholt und widmet ihr auch in seinem nur 141 Seiten umfassenden Buch ganze 50 Seiten!

Dies ist umso unverständlicher als Walter Jens sich 2003 u.a. in einem Interview mit der Sueddeutschen Zeitung zu dem Vorwurf der NSDAP-Mitgliedschaft (so gut er es damals noch konnte)ausführlich geäußert und versichert hat, er könne sich an keinen Aufnahmeantrag erinnern, die Mitgliedschaft müsse ohne sein Wissen zustande gekommen sein.

Diese Aussage von Walter Jens wird im Januar 2004 von dem Historiker Götz Aly in einem ZEIT-Artikel anhand verschiedener Quellen gestützt. Götz Aly kommt nach sorgfältiger Recherche ebenfalls zu dem Ergebnis: "Wahrscheinlich geschah seine Aufnahme in die NSDAP ohne eigene Kenntnis" (Link-Tipp)

Übrigens ist laut Auskunft der Ehefrau, Inge Jens, die Demenzerkrankung ihres Mannes Folge einer "zerebralen Mikroangiopathie", also eines radiologisch objektivierbaren Gefässprozesses, der sich vermutlich über sehr viele Jahre entwickelt hat!

Meine Frage:

Was veranlasst Tilman Jens - entgegen der ihm bekannten medizinischen und historischen Fakten -, auf seiner These über den "wahren Grund" der Demenzerkrankung seines Vaters zu beharren und diese jetzt auch in Buchform weiter zu verbreiten?

Was Tilman Jens hier treibt, liefert nach meiner Ansicht genügend Material für eine Verleumdungsklage! Aber bedauerlicherweise gibt es wohl niemanden, der den wehrlosen Walter Jens schützt!?



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ursula
niederrhein
niederrhein
Mitglied

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geschrieben von niederrhein
als Antwort auf ehemaliges Mitglied_84475 vom 23.02.2009, 11:16:17
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Bzw. die - für mich entscheidende - Frage noch erweitern?

[...] Meine Frage: Was veranlasst Tilman Jens - entgegen der ihm bekannten medizinischen und historischen Fakten - auf seiner These über den "wahren Grund" der Demenzerkrankung seines Vaters zu beharren und diese jetzt auch in Buchform weiter zu verbreiten? [...] ursula

Es ist ja nicht nur diese offensichtlich absurde These von einem solchen "Verdrängungsprozeß", die man geklärt haben möchte, sondern die Frage, was bewegt einen Sohn dazu, mit einem solchen Buch den Vater so darzustellen, zu denuntieren (? - Ich kenne das Buch eben noch nicht!))?

Was ist inter-familiär abgelaufen? Welche Konstellationen bestanden, haben sich weiterhin ergeben?
Selbst keine Familienerfahrungen und lange Zeit meines Lebens "Familienaufstellungen" etc. etwa gegenüber skeptisch - jedoch neige ich zur Ansicht, daß hier wohl der Schlüssel zu suchen ist.
Psychoanalytiker würden sich vielleicht fragen, was hat der Sohn durch den Vater erlitten, daß er so reagiert und handelt?

Verbunden ist auch die grundsätzliche Frage nach familiären Konflikten und gegenseitigen Traumatsierungen und deren Aufarbeitung bzw. Folgen; ich hatte hier vor einiger Zeit auf Wilhelm II. (als historisches Beispiel) und hier, in dieser Diskussion, auf Florian Havemann und dessen Buch über seinen Vater hingewiesen. (Siehe der Link in dem vorausgegangenen Artikel von mir.)

Und ich frage mich, ob nicht bei einem solchen Thema die persönliche Meinungsäußerung ebenfalls von den eigenen Familienerfahrungen (unbewußt) geprägt ist? (Selbstverständlich schließe ich mich da ein.)

Die Bertha
vom Niederrhein

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