Forum Allgemeine Themen Aktuelle Themen Warum schützt niemand Walter Jens vor seinem Sohn?

Aktuelle Themen Warum schützt niemand Walter Jens vor seinem Sohn?

Re: Darf ich noch eine Frage hinzufügen?
geschrieben von ehemaliges Mitglied_84475
als Antwort auf niederrhein vom 23.02.2009, 11:34:22
Darf ich noch eine Frage hinzufügen?
Bzw. die - für mich entscheidende - Frage noch erweitern?

Es ist ja nicht nur diese offensichtlich absurde These von einem solchen "Verdrängungsprozeß", die man geklärt haben möchte, sondern die Frage, was bewegt einen Sohn dazu, mit einem solchen Buch den Vater so darzustellen, zu denuntieren (? - Ich kenne das Buch eben noch nicht!))?

Was ist inter-familiär abgelaufen? Welche Konstellationen bestanden, haben sich weiterhin ergeben?
)

Die Bertha
vom Niederrhein





Hallo Bertha,

über die Frage nach möglichen familiären Hintergründen kann man als Außenstehender nur spekulieren und das auch nur, wenn man das Buch gelesen hat!!!

Gert Ueding (Jens-Nachfolger auf dem Tübinger Rhetorik-Lehrstuhl) hat sich mit dieser Frage bereits am 17.02.09 in einem Artikel in WELT ONLINE beschäftigt.

Wie ich schon in meinem Beitrag vom 21.01.2009, 13:03Uhr schrieb, kann ich seine Überlegungen gut nachvollziehen. Trotzdem bleibt es natürlich Spekulation. Im Link-Tipp noch einmal der Artikel von Gert Ueding.

Gruß, Ursula

PS: Für mich ist die Frage nach schwerwiegenden unbearbeiteten familiären Konflikten zwar interessant, aber nicht ausschlaggebend.
Natürlich haben Söhne und Töchter das Recht, ihre Eltern zu kritisieren, meinetwegen auch mit ihnen "abzurechnen" - allerdings nur, wenn dies sachlich und fair geschieht.
Im Fall Jens ist schon das Gebot der Fairness aufs Übelste verletzt, weil sich der Vater infolge seiner Krankheit ja nicht mehr äußern bzw. wehren kann.

Für mich ist das Problem nicht, DASS Tilman Jens mit seinem Vater "abrechnet", sondern der Zeitpunkt und WIE er das tut. Er nimmt seinem Vater das letzte Bisschen Würde, das dieser noch hat!
pea
pea
Mitglied

Eher OT
geschrieben von pea
als Antwort auf niederrhein vom 23.02.2009, 11:34:22
Mich erinnert die (auto)biografische Aufarbeitung einer problematischen
Vater-Sohn-Beziehung an das vor einigen Jahren gelesene Buch von Ken Wiwa
über seinen berühmten Vater






Auch eine Abrechnung mit dem unerreichbaren Vater...




--
pea
longtime
longtime
Mitglied

Aus der SZ: Kriti k an Tilman Jens
geschrieben von longtime
als Antwort auf pea vom 23.02.2009, 12:03:26
Nachtrag zu der Tilman-Leier von seines Vaters Abtauchen in Scham und Schuld:

Aus „Perlentaucher“ (21.02.09) über eine Rezension von A. Rühle in der SZ:

„Mitleidig eher noch als kritisch blickt Alex Rühle auf dieses Buch [von Tilman Jens].
Er könnte sich, schreibt er, durchaus vorstellen, dass man über die Demenzerkrankung seines Vaters ein tiefsinniges Werk, mit Reflexionen über die "Fleischlichkeit" des Menschen zum Beispiel, schreiben kann. Nur bräuchte es dafür einen Autor von einem Kaliber, das Tilman Jens nicht einmal in Ansätzen, so Rühle, besitzt. So gebe es, zusätzlich zum schon in der Zeitungsartikelfassung absurden Versuch, den Gedächtnisverlust mit der von Jens stets abgestrittenen NSDAP-Mitgliedschaft zu verbinden, vor allem "Kitschpfützen" und "Kolportage". Nichts als Wirrnis kann Rühle da ausmachen, Vorwürfe, die Jens seinem Vater implizt mache, nehme er dann gleich wieder zurück. So schlimm kommt dem Rezensenten dieser Sohn vor, dass er eine Alternativthese zu des Vaters Demenz im Scherz erwägt: Vielleicht wollte Walter Jens ja nur Ruhe haben vor diesem Tilman.“


Diese Rezension, schärfer und kritischer als die von Irene Radisch in der ZEIT, stand am 21./22.02 in der SZ:
Alex Rühle: Die Rache des Spätgeborenen. - Mutiger Gelehrter, lieber Papi, ruhmsüchtiger Egozentriker: Tilman Jens rechnet mit seinem Vater ab.(S. 17)

Die Kritik ist dort noch nicht online gesetzt. Ich rechne erst Mittw./Donnerst. damit.


--
longtime

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niederrhein
niederrhein
Mitglied

Ganz spontan ...
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf ehemaliges Mitglied_84475 vom 23.02.2009, 11:56:05
Ganz spontan ...

[...] Für mich ist die Frage nach schwerwiegenden unbearbeiteten familiären Konflikten zwar interessant, aber nicht ausschlaggebend.(1) Im Fall Jens ist schon das Gebot der Fairness aufs Übelste verletzt, weil sich der Vater infolge seiner Krankheit ja nicht mehr äußern bzw. wehren kann. (2) Für mich ist das Problem nicht, DASS Tilman Jens mit seinem Vater "abrechnet", sondern der Zeitpunkt und WIE er das tut. Er nimmt seinem Vater das letzte Bisschen Würde, das dieser noch hat! (3)


(1) Das ist natürlich nur eine Fragestellung, die mich aber - vermutlich aufgrund persönlicher Beweggründe interessiert. Da wiederum sind zwei Punkte jetzt zu nennen.
Auf der einen Seite eben das von mir hier schon öfters erwähnte Buch von Florian Havemann, das sicher auch oder vor allem das Buch eines Vater-Sohn-Konflikts ist (ein weiß Gott nicht unbekanntes Thema!).
Zum anderen aber auch die "Aufarbeitung" der nationalsozialistischen Vergangenheit der Eltern durch ihre Kinder.
Ich vermute (!) zwar, daß hier im Falle Tilman Jens der Hinweis auf die Vergangenheit seines Vaters eher ein Vorwand war, aber generell habe ich die Kinder der NS-Verantwortlichen und NS-Täter immer bedauert.
Mag mein Leben durch Flucht, Kindheit in der Schweiz, Verlust (Ermordung) der Eltern und Verlust der familie und des Elternhauses, nach der Rückkehr in Deutschland Leben in Waisenhäusern, Kinderheimen, Pflegeeltern etc. schwer gewesen sein - Wie lebt man, wenn der Vater etwa Himmler, Schirach, Frank, Mengele etc. hieß?

http://community.seniorentreff.de/storage/pic/userbilder/a30f1d57825f100a5a9ba38c76fffe20/buchtitel01-17.12.2008/136622_1_Buchtitel_01_-_17.12.2008.jpg[/img]



Und ich fand es seinerzeit sehr gut, daß Peter Sichrovsky seinem Buch Kinder der Opfer dann Die Kinder der Täter folgen ließ.
(Ich weiß, mit diesen Zeilen weiche ich jetzt von Tilman Jens ab, aber ich habe ja angedeutet, in welchem Kontext eben bei mir das Ganze gesehen wird.)

(2) Nicht nur, daß ich Deiner Ansicht zustimme ... es liegt der Verdacht nahe (also eine [i]Vermutung
meinerseits), daß dieser Zeitpunkt vielleicht (un)bewußt gewählt worden ist?

(3) Auch hier stimme ich Dir zu ... aber nimmt sich Tilman Jens - vorausgesetzt, die Dinge sind so, wie sie jetzt in der Öffentlichkeit diskutiert werden und wie es in den Rezensionen (SZ, ZEIT) dargestellt werden - selbst jede Glaubwürdigkeit und moralische Integrität? Er demontiert sich offenbar selbst ...


Noch eine Anmerkung

Nicht nur, daß das Ganze offenbar ein medialer "Knüller" zu sein scheint (würde sich sonst BILD daran beteiligen?), sondern ich habe den Verdacht, daß auch von Seiten der verschiedenen Medien eine nachträgliche Rechnung mit dem "linken" Walter Jens beglichen wird (zumindest werde ich auch diesbezüglich aufmerksam die weitere Debatte verfolgen.)


Die Bertha
vom Niederrhein



P.S. Danke für den Link/Hinweis!

P.P.S. Dank auch an PEA für den Literaturhinweis!
Re: Aus der SZ: Kriti k an Tilman Jens
geschrieben von ehemaliges Mitglied_84475
als Antwort auf longtime vom 23.02.2009, 13:25:58
Hallo Longtime, da ich die SZ nur sporadisch lese, bedanke ich mich für die Vorankündigung.


In seinem Artikel vom 22.02.2009 mit dem Titel "Böser Abschied von einem bösen Vater" schreibt Thomas Schmid in WELT ONLINE (Ausschnitt, Hervorhebung durch mich):

"...Tilman Jens hat ein Buch über seinen seit einigen Jahren dementen, aber noch lebenden Vater Walter Jens geschrieben. In das hat er alles hineingepackt. Er rechnet politisch mit dem langjährigen Rhetorikprofessor aus Tübingen ab, der zu den Koryphäen des linkliberalen Kulturmilieus der Bundesrepublik gehört hat. Er rechnet persönlich mit einem Vater ab, der ein ewig parlierender, ewig belehrender Besserwisser war, der dem kleinen Tilman offensichtlich wenig Platz gelassen hat. Er tut das in dem Moment der größten Schwäche seines Vaters, der nicht weiß, wer er war, der nicht mehr lesen kann, der sich nicht mehr wehren kann und der als ein hilfloses Bündel Mensch durch das Tübinger Haus der Familie Jens und durch die Seiten dieses dünnen Buches schlurft.

Das Degoutante des Buches, das in einer seltsamen Mischung aus kalter Erregtheit und Dennoch-Liebe zum Vater geschrieben ist, liegt darin, dass es eine - berechtigte - politische Abrechnung ist, deren Autor zugleich die Gelegenheit nutzt, den dementen Vater in all seinen kläglichen Lebensumständen der Öffentlichkeit vorzuführen. Auch wenn er es nie ausspricht, es weht doch die hämische Botschaft durch die Seiten: Mit deiner Krankheit, deinem elenden Sterbensprozess hast du endlich die verdiente Quittung bekommen. ... "

(vollständiger Artikel s. Link-Tipp)

Ähnlich ging es mir beim Lesen: Obgleich nirgends ausgesprochen, empfinde ich in diesem Buch durchgehend eine unerträgliche Häme ...
--
ursula
carlos1
carlos1
Mitglied

Re: Aus der SZ: Kriti k an Tilman Jens
geschrieben von carlos1
als Antwort auf ehemaliges Mitglied_84475 vom 23.02.2009, 14:52:06
"....eine - berechtigte - politische Abrechnung ist, deren Autor zugleich die Gelegenheit nutzt, den dementen ..... Vatger vorzuführen." Ursula

Ich frage mich bei diesen Äußerungen über die Äußerungen des Sohnes von Jens, ob er nicht verzweifelt einen Resonanzboden sucht für seine Schreibarbeiten. Er hätte früher, als sein Vater noch Herr seiner Sinne war, vielleicht besser die Gelegenheit für eine persnliche Auseinandersetzung wahrgenommen. Unsere Zeit neigt dazu, überall den Schleier des Vergessens wegzuziehen und Geheimnisse preiszugeben, für die sich nur wenige interessieren. Verletzte narzisstische Tendenzen liegen bei dem Sohn verborgen. Vielleicht liegt ihm darfan, eine ebenolche Wirkung in der Öffentlchkeit zu erzielen wie der Vater. Mit seinen Mitteilungen über dessen Demenz wird er sein Ziel wohl nicht - oder nur kurzfristig - erreichen, auch wenn BILD eingeschaltet wird.

Ich sehe keine Notwendigkeit solche Dinge zu lesen.

c.

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niederrhein
niederrhein
Mitglied

Noch zwei Hinweise
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf niederrhein vom 23.02.2009, 13:54:30
Ein Hörbeitrag aus Bayerischen Rundfunk; nur zum Hören, nicht zum Herunterladen.

Besprechung des Buches in der Frankfurter Rundschau

B.

Hörbeitrag im Bayerischen Rundfunk


Hier der komplette Link:
http://www.br-online.de/bayern2/kulturwelt/
schicksal-gedaechtnisverlust-tilman-jens-und-sein-buch-
demenz-abschied-von-meinem-vater-literatur-ID1234855841683.xml

(Wegen der Übersichtlichkeit hier getrennt)

oessilady
oessilady
Mitglied

Re: Darf ich noch eine Frage hinzufügen?
geschrieben von oessilady
als Antwort auf ehemaliges Mitglied_84475 vom 23.02.2009, 11:56:05
Nun ja ich meine einfach ,daß hier von anderen zu aggressiv kritisiert wird. Ob dieser Herr jens etwas mit der SS oder dergleichen zu tun hatte ist doch nicht mehr relevant,da sowieso nicht mehr zu ändern auch wenn er zu dieser zeit Schuld durch irgendwelche schlimmen Taten auf sich geladen hätte.Ich denke dazu,daß es irgendwann genug ist-darüber zu urteilen.Was geschehen ist ,ist sowieso nie mehr wieder gut zu machen und es gibt so hoffe ich diese eine gerechtigkeit vor dem eigenen Gott oder gewissen das all diese Taten spätestens dann präsent macht für den der Täter war,wenn er auf dem letzten Weg ins Jenseits ist.Deshalb finde ich,daß es endlich einmal aufhören müßte davon zu reden.Und der Jugend diese Geschehnisse in den geschichtsstunden zu erläutern.
Krieg ist immer eine grausame sache für die die ihn erleben müssen und auch diejenigen die mit ihrem Leben dafür herhalten müssen.Und Greueltaten geschehen von den
Siegern immer wieder überall auf der Welt und immer sind es die Menschen,die sowieso nicht im Wohlstand leben,die am meisten darunter leiden.
Aber zu Walter Jens zurück,ich glaube nicht daß man sich eine Krankheit wünschen kann,um etwas Unangenehmes nicht sagen zu müssen.Daß der Sohn auf diese Weise mit dem dominanten Vater abrechnen will,das halte ich für eine Spekulation.
--
oessilady
marianne
marianne
Mitglied

Re: Noch zwei Hinweise......Tilmann(?)
geschrieben von marianne
als Antwort auf niederrhein vom 23.02.2009, 16:23:27
Tilmann -wer?!
ich habe nachgedacht.

Tilmann Moser schrieb das Buch "Gottesvergiftung".. und andere Werke.

Ich entsinne mich, da waren ebenfalls Anklagen drin gegen die Herkunftsfamilie..

Marianne
silhouette
silhouette
Mitglied

Re: Darf ich noch eine Frage hinzufügen?
geschrieben von silhouette
als Antwort auf ehemaliges Mitglied_84475 vom 23.02.2009, 11:56:05


PS: Für mich ist die Frage nach schwerwiegenden unbearbeiteten familiären Konflikten zwar interessant, aber nicht ausschlaggebend.
Natürlich haben Söhne und Töchter das Recht, ihre Eltern zu kritisieren, meinetwegen auch mit ihnen "abzurechnen" - allerdings nur, wenn dies sachlich und fair geschieht.
Im Fall Jens ist schon das Gebot der Fairness aufs Übelste verletzt, weil sich der Vater infolge seiner Krankheit ja nicht mehr äußern bzw. wehren kann.


Vielleicht sind solche innerfamiliären Generationenkonflikte - oder wie soll man das nennen - viel häufiger verbreitet. Die Leserzuschriften zu dem Artikel deines links sind in diesem Sinne recht aufschlussreich. Da gbit es noch etliche weitere "Abrechner". Und wenn es eines Tages nicht mehr die Abrechnung mit einer Nazivergangenheit sein kann, wird es vermutlich trotzdem Kinder geben, die aus einer Familie hervorgegangen sind, in der eine erschreckende Sprachlosigkeit herrschte, als eine Konfliktlösung noch möglich gewesen wäre.

--
silhouette

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