Forum Allgemeine Themen Aktuelle Themen Warum schützt niemand Walter Jens vor seinem Sohn?

Aktuelle Themen Warum schützt niemand Walter Jens vor seinem Sohn?

Medea
Medea
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Re: Darf ich noch eine Frage hinzufügen?
geschrieben von Medea
als Antwort auf oessilady vom 23.02.2009, 16:50:36
Ich frage mich schon die ganze Zeit, warum uns hier Diskutierenden der "Fall Walter Jens" so berührt, so unter die Haut geht? Da ist zum einen die Art und Weise des Sohnes Tilman, die befremdlich und auch unmenschlich erscheint, zum jetzigen Zeitpunkt ein Büchlein über seinen berühmten Vater herauszugeben, der durch seine fortschreitende unheilbare Krankheit nicht mehr reagieren kann und nur noch ein menschliches Wrack ist. Irgendwie gehört sich so etwas nicht, das empfinde ich ebenso.

Aber was geschieht noch, das dieses Geschehen emotional so die Gemüter bewegt und erregt?
Das muß auch mit "uns", der politischen 68er-Generation und nachfolgende zu tun haben, Walter Jens war eine Ikone, angesehen, bewundert, mutig, couragiert, ein großer Rhetoriker mit scharfem Verstand, der seine Studentinnen und Studenten begeisterte, zu dem man aufblicken konnte. Ein Leitbild gewissermaßen. Mit Sicherheit auch idealisiert.
Und nun? "Demontiert" vom eigenen Sohn, der offenbar die Schwächen dieses großen Mannes schonungslos aufzeigt - ist das verzeihbar? Eine menschliche Tragödie allemal.

M.

niederrhein
niederrhein
Mitglied

Weiterer Hinweis
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf niederrhein vom 23.02.2009, 16:23:27
Weiterer Hinweis zum Thema
Besprechung und Interview im SWR 2

Interview zum Anhören
(Kann auch als MP3-Datei heruntergeladen werden; siehe ganz unter auf der entsprechenden Webseite des SWR 2)

Verantwortlich

Die Bertha
vom Niederrhein
tilmanjens
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Mitglied

In eigener Sache
geschrieben von tilmanjens
als Antwort auf niederrhein vom 24.02.2009, 12:17:43
Betrübt und auch fassungslos lese ich, wie mein Buch in Ihrem Forum debattiert wird. Selbstverständlich steht es jedem frei, über ein Text den sie/er kennt, heftig zu streiten. Unterstellungemn aber scheinen mir fehl am Platz. Kurzum: Mit keiner Zeile geht es in meinem Buch um "Abrechnung", mit keiner Zeile wird die Würde meines Vaters verletzt. Und die Unterstellung, mir sei es mit diesem Buch ums liebe Geld gegangen, ist schlicht absurd. Ich habe, um diesen Text zu schreiben, ein gutes halbes Jahr mit meiner freiberuflichen journalistischen Arbeit pausiert. Die Einnahmen aus dem Buchverkauf werden den Verdienstausfall kaum kompensieren.

Da ich mir wünsche, dass dieses Buch, das ausschließlich eine Auseinandersetzung mit dem Tabuthema Demenz ist, diskutiert wird, stelle ich interessierten Benutzern dieses Forums gern drei meiner Belegexemplare kostenfrei zur Verfügung.
--
tilmanjens
tilman.jens@vodafone.de

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pea
pea
Mitglied

Re: In eigener Sache
geschrieben von pea
als Antwort auf tilmanjens vom 24.02.2009, 13:21:10
Ich kann natürlich nicht einschätzen,
ob Sie wirklich der Sohn von Walter Jens sind,
aber eins würde mich schon interessieren,
warum - ausgerechnet in der Bild-Zeitung - diese Berichterstattung?

Hätten es nicht seriöse Medien getan -
in denen Walter Jens wirklich ein Begriff war/ist
wenn denn überhaupt... ???


--
pea
tilmanjens
tilmanjens
Mitglied

Re: In eigener Sache
geschrieben von tilmanjens
als Antwort auf pea vom 24.02.2009, 13:40:42
Über BILD kann man streiten, in der Tat. Dort aber wurden ausschließlich Passagen vorabgedruckt, die sich mit der Demenz (und dem Umgang mit dieser Krankheit) befassen. Mir ging es um eine breitestmögliche Diskussion. Mein Vater übrigens war, als er noch schrieb, durchaus offen im Umgang mit dem Boulevard. Es gibt von ihm z.B. mindestens ein Dutzend Kolumnen und Kommentare in der BUNTEN. Man muss nicht jedes Medium mögen, um es zu nutzen. Trotzdem: da stelle ich mich gern jeder Kritik.

Beste Grüße
Tilman Jens
--
tilmanjens
niederrhein
niederrhein
Mitglied

Hinweis auf ein Interview
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf niederrhein vom 24.02.2009, 12:17:43
Hinweis auf ein Interview
im Deutschlandradio Kultur


Von der Webseite
Tilman Jens weist Vorwurf des "literarischen Vatermords" zurück/ Journalist und Autor: Walter Jens und ich hatten immer ein gutes Verhältnis
Der Journalist und Autor Tilman Jens hat den Vorwurf zurückgewiesen, er habe mit dem jetzt veröffentlichten Buch über die Demenzerkrankung von Walter Jens Rache an seinem Vater üben wollen.
Es gebe nichts Absurderes als den Vorwurf des "literarischen Vatermords", sagte Jens. Eine entsprechende Kritik an dessen Buch "Demenz" ist in einem heute erschienenen Zeitungsartikel von Gert Ueding geäußert worden, dem Nachfolger von Walter Jens auf dem Lehrstuhl für Rhetorik in Tübingen.
"Warum sollte ich meinem Vater irgendetwas Böses wollen. Wir haben ein gutes Verhältnis immer gehabt miteinander", äußerte Jens. Er habe ein Buch über eine tabuisierte Krankheit geschrieben, daran sehe er nichts Ehrenrühriges.
Auch die Kritik, er habe aus den Details der Krankheit seines Vaters ein "gespenstisches Schauspiel" inszeniert, wies Jens zurück. Er habe lediglich an einem konkreten Fall, den er erlebt habe, die Veränderungen eines Menschen zeigen wollen: "Warum ist Krankheit etwas Unwürdiges? Ich verstehe es nicht. Also, was für eine Bewertung von Krankheit spielt dann da eine Rolle? Also, ich bin fassungslos."[/indent]
Das vollständige Gespräch mit Tilman Jens kann, so die Information auf der Webseite, mindestens bis zum 17.07.2009 gehört werden; auch als MP3-Datei zum Herunterladen.

Noch ein Interview mit Tilman Jens

Verantwortlich
[i]
Die Bertha
vom Niederrhein


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Artikel von Prof. Ueding
geschrieben von ehemaliges Mitglied_84475
als Antwort auf niederrhein vom 24.02.2009, 14:06:45
... und der Vollständigkeit halber unten noch einmal der Link zum Artikel von Prof. Gert Ueding "Tilman Jens begräbt den lebenden Vater", auf den der Autor in dem Interview reagiert.

Ich habe das Buch 1 Tag nach dem Erscheinen gelesen und (um mein Urteil zu überprüfen) einzelne Passagen daraus inzwischen ein zweites Mal.
Unverändert schließe ich mich Gert Ueding weitgehend an!
(vgl. Beiträge weiter oben)

--
ursula
niederrhein
niederrhein
Mitglied

Gruß und Anmerkung für Herrn Tilman Jens
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf tilmanjens vom 24.02.2009, 13:21:10
Betrübt und auch fassungslos lese ich, wie mein Buch in Ihrem Forum debattiert wird. Selbstverständlich steht es jedem frei, über ein Text den sie/er kennt, heftig zu streiten. Unterstellungen aber scheinen mir fehl am Platz. [...]
tilman.jens@vodafone.de



Einen schönen guten Tag!


Sicher bin nicht nur ich erstaunt darüber, daß Sie, Herr Jens (unter der Voraussetzung, Sie sind es - in der virtuellen Welt ist man sich dessen nicht unbedingt sicher!), diese Diskussion hier in dieser kleinen virtuellen Kommunität gefunden haben und sich in diesem kleinen Kreis äußern - nachdem ja Buch und Sie als Autor im Augenblick das Interesse der allgemeinen Medien sind.

Ihre Betrübnis und Ihre Fassungslosigkeit können nun wirklich kaum ihren Ursprung in der kleinen Diskussion hier haben, da ja etwa Rezensenten in der SZ und FAZ sich zum Buch, Autor und dessen Intention geäußert haben bzw. Argumente, kritische Einwände, Vermutungen, „Unterstellungen“, wie Sie es aus Ihrer Sicht heraus nennen, etc. haben ja nicht hier, in dieser kleinen Senioren-Kommunität, ihren Ursprung, sondern wurden und werden ja laufend in der medialen Öffentlichkeit geäußert.

Ich gehöre zu den Menschen, die Ihr Buch bis jetzt noch nicht gelesen haben, doch aufgrund der Rezensionen habe zumindest ich den Eindruck, daß es wohl nicht nur um eine öffentliche Auseinandersetzung über die Problematik von Demenzerkrankungen geht? Oder?
(Oder sind alle diesbezüglichen Rezensionen, Kommentare etc. bösartige Unterstellungen Ihnen gegenüber?)

Nach der Lektüre von Montefirores Buch über den jungen Stalin, Röhls dreibändige biographische Darstellung über Wilhelm II. und vor allem Florian Havemanns Buch über seinen Vater ist die, lies: meine Vermutung nicht unberechtigt, daß innerfamiliäre Strukturen, in concreto: Verhältnis zwischen prominenten Vätern/Eltern und ihren Kindern, nicht unproblematisch sind und Auslöser für eine – wie auch immer geartete – literarische Auseinandersetzung sein können (Konjunktiv!).

Nun denn – weiteres zu schreiben ist sicher nur möglich und sinnvoll, wenn man Ihr Buch gelesen hat.

Ohne weiter Ihrer These bzw. Vermutung nachzugehen, daß die Demenzerkrankung Ihres Vaters (den ich aus meiner Tübinger Zeit kenne) und die Tatsache (ich berufe mich auf die Darstellungen in der Presse), daß er „er selbst einmal, etwa 20 Jahre alt, [...] offensichtlich einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP gestellt hatte“ Quelle (24.02.2009; 14.47 h) in einer Interdependenz stehen würden, hat gerade dieser Gedanke mich dazu geführt, (erneut) nach der persönlichen Stellungnahme und Bewältigung anderer (nicht nur) prominenter Menschen zu fragen ... Grass, Lenz etc. (Die Problematik eines individuellen und kollektiven Verdrängungsprozesses ist ja nun kein spezifisch deutsches Phänomen.)

Ich werde die öffentliche Diskussion aufmerksam weiter verfolgen; Ihnen einen freundlichen Gruß

Die Bertha
vom Niederrhein

(Jahrgang 1935)

P.S. Zur Antwort von Tilman Jens (siehe oben!)- Auf die Rezension der Frankfurter Rundschau wurde per Link schon in dem Beitrag vom 23.02.09/ 16.23h hingewiesen.

P.P.S. Aus der Rezension von Christian Geyer; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.02.2009 Seite 6

Bestechend wird das Buch, wo es die unergiebige These von der Krankheit als Verdrängungsleistung hinter sich lässt und zu seinem Thema findet: Wie begegnet man einem geistig verwirrten Menschen, von dem bekannt ist, dass er genau diesen Zustand des Verwirrtseins, des Nicht-mehr-sprechen- und schreiben-Könnens, nie erleben, sondern lieber aktive Sterbehilfe erfahren wollte? Darin liegt die Brisanz der Causa Jens: Er hat öffentlich den „selbstbestimmten Tod“ gefordert, „statt als ein dem Gespött preisgegebenes Etwas zu sterben, das nur von fern her an mich erinnert“. Damit war auch die Situation des Demenzkranken gemeint, in der er nun selber steckt, ohne freilich dadurch nach Einschätzung seiner Angehörigen zu einem „Etwas“, zu einer Unperson geworden zu sein.


Ob der Link zur FAZ für Nicht-ePaper-Abonnenten funktioniert?
tilmanjens
tilmanjens
Mitglied

Re: Artikel von Prof. Ueding
geschrieben von tilmanjens
als Antwort auf ehemaliges Mitglied_84475 vom 24.02.2009, 14:28:04
Nur der Vollständigkeit halber, es gibt auch Rezensionen mit gänzlich anderem Tenor, z.B. Frankfurter Rundschau am Samstag und FAZ vom gestritgen Montag. Beides im Netz auffindbar. Sags ja nur. tj
--
tilmanjens
Re: Artikel von Prof. Ueding
geschrieben von ehemaliges Mitglied_84475
als Antwort auf tilmanjens vom 24.02.2009, 15:04:15
Sie haben Ihrem Buch (vorausgesetzt Sie sind der Autor) ein Zitat Ihres Vaters vorangestellt, aus dem hervorgeht, dass dieser sich vor nichts mehr fürchtete als davor, in einen Zustand zu geraten, den er als "ein dem Gespött preisgegebenes Etwas" bezeichnet, "das nur von fernab an mich erinnert." Und dass dieses "letzte Bild" bleiben und "für die Nachfahren auf lange Zeit die Impressionen" überdauern wird, "da ich ein ICH und kein ES, ein denkendes Wesen ... war ... "

(Originalzitat zu finden in Jens/Küng: Menschwürdig sterben, 1995)

Statt alles dafür zu tun, dass das "letzte Bild", das von Ihrem Vater bleibt und seinen Tod überdauert das des "denkenden Wesens" ist, tun Sie genau das, wovor er sich am meisten fürchtete: Sie (nicht die Krankheit!) machen ihn zu "einem dem Gespött preisgegebenen Etwas"!


--
ursula

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