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Aktuelle Themen Warum schützt niemand Walter Jens vor seinem Sohn?

pea
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Re: Angst vor Demenz?
geschrieben von pea
als Antwort auf ehemaliges Mitglied_84475 vom 27.02.2009, 09:13:07
(nach Goethe das "Gesetz, wonach du angetreten")





Apropos Goethe,

hat eigentlich jemand T. Jens Schmähschrift über Goethe gelesen?








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pea
carlos1
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Re: Angst vor Demenz?
geschrieben von carlos1
als Antwort auf ehemaliges Mitglied_84475 vom 27.02.2009, 09:13:07
"Jeder geistig gesunde erwachsene Mensch ist für sein Handeln selbst verantwortlich und kann sich nicht einfach auf seine Erbanlagen (nach Goethe das "Gesetz, wonach du angetreten"), auf eine "schwere Kindheit", ungünstige Vorbilder etc. zurück ziehen. Das sehe ich wie wanda." Ursula

@ Ursula
Warum soll Herr Tilman Jens eine Entshuldigung abgeben? Wofür ist er verantwortlich? Er hat das Siechtum seines Vaters auss seiner Sciht beschrieben, geht an die Öffentlichkeit damit. Es geht um guten Geschmack, um Stil. Kritisieren heißt untersuchen und beurteilen. Das ist gute Tradition. Dafür gibt es veschiedene Maßstäbe und Vorbilder. Die Frage ist, ob der Sohn immer ein gutes Vorbild in seinem Vater gehabt hat. Ich darf darüber spekulieren.

"was wäre eigentlich wenn tilman jens über lieschen müller-meisenbach geschrieben hätte ? plumpudding


@plumpudding
Klar, es geht hier um eine Ikone, die Gefahr läuft geschändet zu werden. Die Ikone Jens in unseren Vorstellungen. Wobei die Ikone nicht mehr befragt werden kann. Das Bild von Walter Jens in unseren Köpfen und die Wahrheit ist wie bei allen Menschen etwas Grundverschiedenes.

Literatur und Literaturkritik ist immer ein spekulatives Geschäft.

c.

Re: Angst vor Demenz?
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf carlos1 vom 27.02.2009, 10:28:02
ja carlos mir gefallen deine beiträge zu diesem thema gut. aber was ist unsere wahrheit ? doch nichts anderes als eine illusion, die wir einem uns fremden menschen gegenüber haben.
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plumpudding

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Re: Angst vor Demenz?
geschrieben von ehemaliges Mitglied_84475
als Antwort auf carlos1 vom 27.02.2009, 10:28:02

@ Ursula
Warum soll Herr Tilman Jens eine Entshuldigung abgeben? Wofür ist er verantwortlich? Er hat das Siechtum seines Vaters auss seiner Sciht beschrieben, geht an die Öffentlichkeit damit. Es geht um guten Geschmack, um Stil. Kritisieren heißt untersuchen und beurteilen. Das ist gute Tradition. Dafür gibt es veschiedene Maßstäbe und Vorbilder. Die Frage ist, ob der Sohn immer ein gutes Vorbild in seinem Vater gehabt hat. Ich darf darüber spekulieren.


c.



@Carlos,

Ich glaube aus Deinem gestrigen Beitrag eine Art Entschuldigung für Tilman Jens heraus zu lesen, nach dem Motto: "Der Alte Jens ist doch selber schuld! Er bekommt von seinem Sprössling doch nur die Quittung für das, was er ihm selbst vorgelebt hat."

Oder hast Du das anders gemeint?

Selbstverständlich darf Tilman Jens seinen Vater kritisieren, aber er darf ihm dabei nicht die Würde nehmen und das tut er nach meiner Ansicht mit diesem Buch und den diversen anderen Veröffentlichungen ...
--
ursula
carlos1
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Re: Angst vor Demenz?
geschrieben von carlos1
als Antwort auf vom 27.02.2009, 10:34:02

"aber was ist unsere wahrheit ? doch nichts anderes als eine illusion, die wir einem uns fremden menschen gegenüber haben." plumpudding

Illusion ist Wahrheit, bis sie von einer anderen Illusion abgelöst wird, die auch wiederum wahr ist. ..... Peas Hinweis auf das Buch von Tilman Jens über Goethe im Goethejahr ist sehr hilfreich. Wir sollten aufhören fehlbare Menschen zu "vergöttern". Goethe zu lesen ist trotz alledem ein Hochgenuss.
c.

carlos1
carlos1
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Re: Angst vor Demenz?
geschrieben von carlos1
als Antwort auf ehemaliges Mitglied_84475 vom 27.02.2009, 10:54:01
@ Ursula

Eine Entschuldigung für Tilman Jens lag mir nicht im Sinn. Vielmehr wies ich darauf hin, dass die Denk- und Handlungsweise des Sohnes der seines Vaters entspricht. Deswegen erhebt sich kein Widerspruch. Der Sohn ist erwachsen und braucht sich nicht zu entschuldigen. Für was denn? Für beste Jennssche Tradition? Ob er die Grenzen des Anstandes und des guten Geschmacks verletzt hat, das sollen die Leser entscheiden. Gut, dass es einen Anlass gibt, darüber zu reden.

c.

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Re: Angst vor Demenz?
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf carlos1 vom 27.02.2009, 11:04:19
jetzt hab ich runde augen. heute morgen kam das buch und ich habe mich sofort hingelümmelt und angefangen zu lesen bis zur seite 142.

für mich ist in diesem buch sehr deutlich die enttäuschung von tilman jens spürbar, dass die mauer des schweigens nicht überwunden werden konnte. was ich ihm nicht verdenken kann. ich, die anfang der 50er jahre geboren wurde, kann und wird sich kein urteil darüber erlauben wann, wo und wer während der herrschaft hitlers in die partei ging und vor allen dingen warum. bedauerlich ist für tilman jens, dass niemand ihm seine fragen beantworten kann. nur er selbst kann für sich seine ruhe finden. für einen denunzianten halte ich ihn nicht. tilman jens wird noch lange seinen mut gebrauchen müssen, um gegen diese vorurteile anzugehen.

ich selbst fand einmal im „schätzkastchen“ meiner tante eine todesanzeige meines im kriege gefallenen onkels mit den worten „ gefallen für volk und vaterland“. mein opa war derart erbost über diese anzeige, dass er diese einkassierte und andere drucken lies. in diesem zusammenhang erfuhr ich, dass mein onkel in der kommunistischen partei mitglied war und dort auch seine zukünftige frau, die ich allerdings erst im zarten alter von mitte siebzig kennenlernte. warum, weil geschwiegen wurde.

auch die darstellung der demenz kann ich für mich nur so bestätigen. meine oma kam eines tages mit hut, mantel und täschken überm arm nach hause. und was musste meine arme mutter sehen, die unterhose war fein säuberlich über das handtäschken gelegt, das gummi war gerissen. oder sie ging einkaufen, sagte dann aber ich hab kein geld und meine tochter auch nicht. mein vater klapperte einmal wöchentlich die geschäfte ab und zahlte das was oma „eingekauft“ hatte. eine meiner tanten legte sich im pflegeheim in das bett eines mitpatienten, weil sie den weg in ihr zimmer nicht mehr fand. daraufhin wurde sie von dem mitpatienten unsanft und mit einem kinnhaken aus dem bett geworfen.

von daher gesehen finde ich, dass walter jens glück hat, in seiner familien liebevoll gepflegt zu werden. das dies mit den geschilderten nöten für die familie verbunden ist und keinesfalls in meinen augen als eine herabsetzung der person walter jens anzusehen ist, erachte ich als absolut menschlich.


--
plumpudding
eko †
eko †
Mitglied

Re: Angst vor Demenz?
geschrieben von eko †
als Antwort auf vom 27.02.2009, 14:55:37
Zitat plumpudding:

"von daher gesehen finde ich, dass walter jens glück hat, in seiner familien liebevoll gepflegt zu werden. das dies mit den geschilderten nöten für die familie verbunden ist und keinesfalls in meinen augen als eine herabsetzung der person walter jens anzusehen ist, erachte ich als absolut menschlich"

Dem kann ich nur zustimmen!

Und erst kürzlich kam in irgendeinem TV-Sender ein erschütternder Bericht über Walter Jens. Darin wurde aufgezeigt, dass auch so hochintelligente Menschen wie er nicht davor gefeit sind, eines Tages eben auch.........in Demenz zu verfallen.

Es kam auch zur Sprache, dass W.J. so gut wie täglich zu seiner "Pflegerin", einer Bäuerin geht und dort mit Hochgenuss ein belegtes Brötchen verspeist. Und dass er sich dabei sehr wohl fühle.
Das sehe ich als sehr wichtig an, nämlich, wie fühlt sich so ein dementer Mensch? Ist er trotz allem glücklich und zufrieden ?


Über das Klima, das in der Familie Jens herrschte, als er noch "alles beisammen" hatte, habe ich erst aus einigen Beiträgen hier etwas entnommen. Es ist ja nicht der erste Fall, wo ein Sohn unter der allzu strengen Fuchtel des Vaters zu leiden hatte und deshalb oftmals nie die Chance hatte, sich selbst zu entwickeln.

Möglicherweise war das auch im Hause Jens so der Fall. Wir wissen es alle nicht und deshalb sollten wir auch sehr vorsichtig mit entsprechenden Urteilen und Verurteilungen umgehen.

Wenn nun der Sohn Tilman Jens es für sich als erforderlich erachtet, mit seinem Problem an die Öffentlichkeit zu gehen, hat m.E. niemand das Recht, darüber zu urteilen oder zu verurteilen.

Wir alle haben unsere ganz eigene Lebensgeschichte und keine wird der anderen gleichen, höchstens mal ähneln.

Weil wir aber alle so unterschiedliche Vita's haben, werden wir auch in der Betrachtung nie auf einen und denselben Nenner kommen. Was der eine als Sturz eines Denkmals ansieht, betrachtet der/die andere als Aufarbeitung der eigenen Geschichte.
--
eko
Re: Angst vor Demenz?
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf eko † vom 27.02.2009, 17:39:21
ach weisst du eko, ich geh noch nicht mal davon aus dass tilman jens mit seinen problemen an die öffentlichkeit wollte. er hat für mein emfinden sehr stark mit dem verfall und dem langsamen sterben des vaters zu kämpfen aber eben auch mit der sprachlosigkeit. für mich ist die trauer in dem buch zu spüren.

es ist gut, dass wir alle unterschiedlich gestrickt sind.
--
plumpudding
Wenn der Mensch schweigt, sprechen die Dinge
geschrieben von ehemaliges Mitglied_84475
als Antwort auf vom 27.02.2009, 18:53:25
Gestern Abend hat Tilman Jens im Rahmen seiner Lesetour sein Buch einem Tübinger Publikum erstmals persönlich vorgestellt. Anlässlich dieses Ereignisses ist heute in der FAZ ein Artikel von Hubert Spiegel erschienen mit dem Titel "Wenn der Mensch schweigt, sprechen die Dinge" (ein Zitat von Walter Jens).

Ein lesenswerter Artikel, der u.a. eindrucksvoll beschreibt, welches Ansehen und sogar Zuneigung Walter Jens in Tübingen genießt! Darüber hinaus enthält der Artikel noch andere interessante Informationen, auch medizinische zur Demenzerkrankung von Walter Jens.

Hubert Spiegel zitiert hierzu zunächst Inge Jens:"Tilman glaubt, dass mein Mann aus Scham über sein Zögern und seine Schwäche krank wurde. Ich glaube, dass es umgekehrt war: Er hat damals so zögerlich und für ihn untypisch reagiert, weil er bereits schwer krank war....."

Dann heißt es in dem Artikel weiter:

"...Auch Konrad Beyreuther von der Universität Heidelberg, einer der führenden Demenz-Forscher, weist die These zurück. Er hält Jens für den „Prototypen eines Menschen“, der vor Alzheimer geschützt sein sollte. Denn rege geistige Aktivität wird als eine der wichtigsten Präventionsmaßnahmen angesehen. Dass Tilman Jens implizit unterstellt, Demenzkranke seien in der Lage, den Verlauf ihrer Krankheit zu beeinflussen, und somit auf gewisse Art selbst schuld an ihrer Lage, bezeichnet Beyreuther als zynisch. Er vermutet bei Jens das „Vorliegen einer genetischen Prädisposition“, also eines vererbbaren Krankheitsrisikos. Die genaue Diagnose würde allerdings ein anderes ethisches Problem aufwerfen, denn in diesem Fall müsste auch Tilman Jens mit dem Ausbruch der Krankheit rechnen: „Solange es keine wirksame Therapie gibt, bin ich gegen das Einholen derartiger Information“, sagt Beyreuther.

Laut FAZ hat sich Tilman Jens "zwar mit Fachliteratur beschäftigt, aber nie mit Experten über seine These gesprochen."

(vollständiger Artikel s. Link-Tipp)

Und da komme ich erneut zu einer Frage, die mich schon vor einem Jahr beschäftigte und dann immer wieder: Warum hat Tilman Jens vor seinen Veröffentlichungen eigentlich auf eine medizinische Recherche komplett verzichtet? Er ist doch ein erfahrener Journalist!

Oder brauchte er die (zusammen phantasierte) These unbedingt, um über seinen Vater überhaupt schreiben zu können?
Jedenfalls gäbe es das Buch nicht, würde man die entsprechenden Passagen herausnehmen ...!

Auch Beckmann fragte Tilman Jens am 16.02.2009 in seiner Sendung, ob er das Buch über die Erkrankung seines Vaters auch ohne die Enthüllungen von der NSDAP-Mitgliedschaft geschrieben hätte, worauf T.Jens nach einigem Zögern antwortete:"Ich glaube nicht ..."

Ein Schelm, der Böses dabei denkt!
--
ursula

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