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Aktuelle Themen Zur Schweizer Volksabstimmung

niederrhein
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Kleiner Querverweis (Monotheismus und Gewalt)
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf mart1 vom 08.12.2009, 10:29:34
[...] Es darf nicht übersehen werden, dass jede der monotheistischen Religionen auch heute sehr gewalttätige Strömungen hat; angefangen von evangelikale über jüdische bis eben islamische, meist "fundamentalistische" Menschen, die glauben und denen gesagt wird, dass gerade sie das Werkzeug "Gottes" sind.[...]


Dazu ein Hinweis auf das Buch von Jan Assmann:


Hier besonders S. 28 ff.



Jan Assmann nennt die "Erfindung" des Monotheismus vor etwa 3000 Jahren - d.h. die Ablösung des Polytheimus durch einen einen, absoluten Gott - eine menschheitsgeschichtliche Revolution, die er "Mosaische Unterscheidung" nennt; in seinem Buch beschreibt und erklärt er die fundamentalen Veränderungen, die der Monotheismus für unsere Vorstellung von der Welt, von unserem Menschenbild udn für unsere Ethik gebracht hat.

Daraus zitiert:

Auszüge (S. 27 ff.)
[Die] Anhänger primärer Religionen [haben] nicht an ihre Götter geglaubt, sondern von ihren Göttern gewußt, und dieses Wissen war nicht über »wahr und falsch« definiert, sondern ließ viele in unseren Augen widersprüchliche Aussagen nebeneinander zu.
[...] Die Mosaische Unterscheidung führt einen neuen Typus von Wahrheit ein: die absolute, geoffenbarte, metaphysische oder Glaubenswahrheit. Dieser fünfte Wahrheitstyp gehört nicht zu den »einfachen« oder ursprünglichen Wahrheiten, er stellt vielmehr eine Innovation dar. In der griechischen Wissensrevolution geht es um die vier einfachen Wahrheiten, vor allem die mathematische und die historische Wahrheit, in der monotheistischen Revolution dagegen um die fünfte Wahrheit, die mit ihr zusammen in die Welt kommt: Credo in unum Deum.


Kapitel 3: Intoleranz, Gewalt und Ausgrenzung

Von manchen Kritikern ist der Begriff der Mosaischen Unterscheidung als religionsfeindlich, ja geradezu als antisemitisch bzw. antichristlich empfunden worden, weil er in ihren Augen den Vorwurf impliziert, mit dem Monotheismus seien Haß, Intoleranz und Ausgrenzung in die Welt gekommen. [...] [Es läßt sich] ebensowenig aber bestreiten, daß sie gleichzeitig eine neue Form von Haß in die Welt gebracht haben: den Haß auf Heiden, Ketzer, Götzendiener und ihre Tempel, Riten und Götter. Wenn wir solche Überlegungen als »antisemitisch« zurückweisen, erlegen wir uns Denk- und Diskursverbote auf, die unsere historische Reflexion in gefährlicher Weise einschränken. Wer sich nicht mehr Rechenschaft abzulegen wagt über den Weg, den er zurückgelegt hat, aus Angst, das erreichte Ziel könnte gegenüber dem verlassenen Ausgangspunkt oder den ausgeschlagenen Optionen als kontingent, relativ, vielleicht sogar weniger wünschbar erscheinen, leistet einer neuen Form von Intoleranz Vorschub. Die Fähigkeit zur Selbsthistorisierung und Selbstrelativierung ist Vorbedingung jeder wirklichen Toleranz.
[Zur] These, daß der Monotheismus auf der Unterscheidung von wahrer und falscher Religion beruht [...]
Der Monotheismus hebt alle diese Differenzierungen [des Polytheismus] auf. Vor dem Einen Gott sind alle Menschen gleich. Der Monotheismus zieht keine Grenzen, im Gegenteil, er reißt sie ein. So schreibt etwa Klaus Koch: »Polytheistische Götter sind wesensmäßig partikular, regional verortet und mit ihrem Verehrerkreis vergesellschaftet, deshalb abweisend, wenn nicht feindlich, gegen alles Unreine und Fremde ... Konsequenter Monotheismus setzt hingegen eine Gottheit voraus, die jeden Menschen angeht, die an allen Orten zugänglich ist. Das schließt eine für alle gleichermaßen geltende Ethik ein, falls nicht eine geschlossene Gesellschaft von Erwählten den monotheistischen Horizont einschränkt. Je exklusiver die Gottheit, desto inklusiver die Menschheit.«
Bei Erich Zenger heißt es: »Der Monotheismus ist von seinem Ansatz her nicht partikular, sondern universal.« H. Zirker betont, daß es dem Monotheismus darum geht, »die Wirklichkeit als Einheit zu begreifen und für die Menschheit mit einer universalen Geschichte zu rechnen. Der Monotheismus hat seinen primären Sinn gerade nicht in der bloßen Behauptung, daß es nur einen Gott gebe statt vieler, sondern in seiner Bestimmung der menschlichen Welt: daß sie nicht gespalten sein soll im Widerstreit göttlicher Mächte und in der Verteilung unterschiedlicher Herrschaftsregionen, nicht zerrissen in einem unüberwindlichen Dualismus von Licht und Finsternis, von gutem und bösen Sein, nicht endgültig pluralisiert in der antagonistischen Selbstbehauptung der Völker.« Das ist christlich gedacht. Die eigentliche Unterscheidung, zu deren Aufhebung das Christentum antrat und die in Zirkers Liste fehlt, ist die durch das Gesetz, insbesondere die Beschneidung, gezogene Grenze zwischen Juden und Heiden. Das Christentum beruht in der Tat auf der Universalisierung der Mosaischen Unterscheidung, die nun nicht mehr nur für Juden, sondern für alle Menschen zu gelten hat.
Daher sind derartige Vorwürfe kaum von jüdischer Seite erhoben worden. Das Judentum ist eine Kultur der Differenz. Für das Judentum ist es völlig selbstverständlich, daß der Monotheismus eine Grenze zieht und daß die Juden diese Grenze zu bewahren haben. So wie für das Christentum die Unterscheidung ein Horror ist, ist es für das Judentum die Assimilation. Für jüdische Leser ist daher die Kategorie der Mosaischen Unterscheidung kein Problem, sondern eine Selbstverständlichkeit. Der Universalismus, der dem Monotheismus innewohnt, wird im Judentum in eine messianische Endzeit verlegt; in der Welt, wie sie ist, sind die Juden die Hüter einer Wahrheit, die zwar alle Menschen betrifft, aber zunächst einmal den Juden als einer Avantgarde anvertraut wurde. Für die Christen freilich ist diese Endzeit seit 2000 Jahren angebrochen, hier darf es keine Unterscheidungen mehr geben. Daher hat sich die christliche Theologie selbst blind gemacht für die ausgrenzende Gewalt des Monotheismus. Das Judentum ist eine Religion der Selbstausgrenzung. Durch die Erwählung grenzt sich (bzw. grenzt Gott) Israel aus dem Kreise der Völker aus. Das Gesetz zieht einen hohen Zaun um das erwählte Volk und verhindert jede Kontamination mit oder Assimilation an die Vorstellungen und Bräuche der Umwelt.
Zur Selbstausgrenzung bedarf es keiner Gewalt, zumindest keiner Gewalt gegen andere. Daher beziehen sich die Massaker, von denen die biblischen Schriften berichten, an den Verehrern des Goldenen Kalbs, an den Baalspriestern durch Elias und durch Josia, auf das eigene Volk, sie sollen den Ägypter bzw. den Kanaanäer »in uns« ausmerzen, in unserer Mitte und im eigenen Herzen, sie sind nach innen, nicht nach außen gerichtet. [...]
Das Christentum und der Islam hingegen haben diese Grenze nicht anerkannt und sind aus ebendiesem Grunde in der Geschichte immer wieder nach außen hin gewalttätig geworden.
Zum Prinzip der Selbstausgrenzung gehört der jüdische Glaube an die Auserwähltheit, zum Prinzip der Fremdausgrenzung das christliche Missions- oder islamische Unterwerfungsgebot. Indem Gott Israel als sein Volk erwählt, hebt er es aus dem Kreis der Völker heraus und verbietet die Assimilation an die Gebräuche der Umwelt. Indem Gott umgekehrt den Christen und Muslimen gebietet, die Wahrheit über den Erdkreis zu verbreiten, werden alle diejenigen ausgegrenzt, die sich dieser Wahrheit verschließen. Erst in dieser Form wird das dem Monotheismus innewohnende Ausgrenzungspotential gewalttätig. [...]



B.
schorsch
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Mitglied

Re: Zur Schweizer Volksabstimmung
geschrieben von schorsch
als Antwort auf olga64 vom 07.12.2009, 15:31:10
@: "...Ja, belassen sie die Volksabstimmung in der Schweiz und dann bitte auch die nächstfolgenden: Herr Blocher (der Initiator und Besitzer einer grossen Schweizer Chemie-Firma) plant schon die nächsten Schritte, darunter die Abschaffung der sog. Schweizer Freizügigkeit, um die vielen, oft nicht geliebten Deutschen aus dem Lande zu jagen....."

Dieser Herr Blocher spielt in der Schweiz etwa die gleiche Rolle wie Herr Berlusconi in Italien: "Gut ist, was mir nützt"! Und dafür versuchen beide, die Gesetze zu ihren Gunsten zu krümmen!

Schon im Mittelalter hat ein Rattenfänger es verstanden, das Volk zu manipulieren....

--
schorsch
carlos1
carlos1
Mitglied

Re: Nur eine Anmerkung und ein Hinweis (nicht nur...
geschrieben von carlos1
als Antwort auf niederrhein vom 08.12.2009, 17:37:55
[font=arial][/font]

Hallo niederrhein,

tut mir sehr Leid, aber die Neugestaltung des Forums ist zunächst einmal so verwirrend, dass ich nicht weiß, ob überhaupt etwas ankommt und dann wo.

Einen zu beantwortenden Text hätte ich gerne vor mir, würde ihn u. U. auch gerne ausdrucken, darauf schnell zurückgreifen können, daraus kopieren, damit ein erkennbarer thematischer Bezug hergestellt wird. Statt auf Inhalte einzugehen, zerbreche ich mir nun den Kopf wegen der Neuanordnung der einzelnen Postings.

Unklar ist auch, warum statt der letzten Beiträge zu diesem Thema nur die Eröffnung des Threads mit einigen wenigen weiteren Beiträgen und eben nicht die letzten erscheinen und schon gar nicht der Beitrag, auf den ich gerne antworten würde.



c.


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carlos1
carlos1
Mitglied

Re: Zur Schweizer Volksabstimmung
geschrieben von carlos1
als Antwort auf mart1 vom 08.12.2009, 10:29:34
Hallo mart1,
leider bin ich im Moment mehr damit beschäftigt die richtigen Stellknöpfe zu drücken, um im ein wenig umgestalteten Forum mich zurechtzufinden, als mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung.

Es geht ja längst nicht mehr um die Schweizer Abstimmung, vielmehr um die Art der Begegnung mit anderen Denkweisen und einer anderen Kultur.

Der Hinweis von mir, im Islam gebe es keine Exegese, war so gemeint, dass es keine Exegese gebe, wie sie in westlichen Ländern üblich ist, kritisch, beurteilend, wertend auf Grund von selbstgewählten Beurteiungskriterien.

Der von dir eingestellte Wikipeditext zeigt, wie die Auslegung in den so genannten Islamwissenschaften erfolgt. Es geht nicht um eine historisch-kritische dem eigenen Denken entsprungene (beurteilende, wertende, entmythoilogisierende) Auslegeung, sondern um eine Deutung im Sinne und nach dem Wort des Propheten. Der Koran ist Gottes Wort. Niemand steht es zu dies zu bewerten.

Der Text aus Wikioedia belegt es:

"Und wenn du diejenigen siehst, die über unsere Zeichen plaudern, dann wende dich von ihnen ab, bis sie über etwas anderes plaudern!“

– Sure 6, Vers 68: Übersetzung: Rudi Paret

Mit der gleichen Tendenz brachte man auch einen angeblichen Spruch Mohammeds in Umlauf, in dem er vor Leuten gewarnt haben soll, „die den Koran anders deuten als seine richtige Erklärung erfordert.“[4] Die einzig berechtigte und anerkannte Auslegung der Offenbarung erfolgt auf der Grundlage von „Wissen“ (ʿilm). Die Grundlagen dieses Wissens sind allerdings nicht die Ergebnisse des eigenen Denkens, sondern müssen auf die Belehrungen des Propheten selbst oder seiner Gefährten zurückgeführt werden können."


c.
george
george
Mitglied

Re: Zur Schweizer Volksabstimmung
geschrieben von george
als Antwort auf carlos1 vom 07.12.2009, 21:12:05


Niemand darf vergessen, dass in den Entwicklungsländern der Islam vielen Menschen einen inneren Halt gibt und ihnen Identität verschafft. Daraus resultiert eine große Empfindlichkeit. Das sollten wir beachten, wenn wir in einen Dialog eintreten.
c.
(Hervorhebung von mir)

Das ist der Knackpunkt.
Das ist ein Gedankensprung, der sich nicht logische einfuegt.

Wenn mir ein "innerer Halt" eine "Identitaet" verschafft, was hat das mit Empfindlichkeit zu tun ??

Empfindlickeit ist eine rein subjective Empfindung, aus der sich aber , einmal ins "Objective" instrumentalisiert, sehr bequem materiellen und immaterielen Vorteil herausschlagen laesst.
(i.e. die Berufsbeleidigten)

Lieben Gruss aus Saigon
George
carlos1
carlos1
Mitglied

Re: Zur Schweizer Volksabstimmung
geschrieben von carlos1
als Antwort auf george vom 10.12.2009, 16:44:56


Niemand darf vergessen, dass in den Entwicklungsländern der Islam vielen Menschen einen inneren Halt gibt und ihnen Identität verschafft. Daraus resultiert eine große Empfindlichkeit. Das sollten wir beachten, wenn wir in einen Dialog eintreten.
c.
(Hervorhebung von mir)

Das ist der Knackpunkt.
Das ist ein Gedankensprung, der sich nicht logische einfuegt.

Wenn mir ein "innerer Halt" eine "Identitaet" verschafft, was hat das mit Empfindlichkeit zu tun ??

Empfindlickeit ist eine rein subjective Empfindung, aus der sich aber , einmal ins "Objective" instrumentalisiert, sehr bequem materiellen und immaterielen Vorteil herausschlagen laesst.
(i.e. die Berufsbeleidigten)

Lieben Gruss aus Saigon
George
Hallo liebe niederrhein,
Hallo lieber George im fernen Vietnam,

Ich habe mich in der Diskussion auf die „islamische Revolution“, bezogen. Wem der Begriff nicht gefällt, der kann auch von „islamischer Resurgenz“ (Huntington) sprechen, dem „Erwachen der Muslime“ etc. Gemeint ist mit diesen Begriffen, eine seit Jahrzehnten sichtbare Bewegung großer Zahlen von Menschen in der islamischen Welt, (heute bilden Muslime etwa 18% der Weltbevölkerung) die ihrem Glauben (Islam) die einzige Quelle von Identität, Sinn, Stabilität, Legitimität, Entwicklung, Macht, Hoffnung und Geborgenheit sehen. Diese Bewegung gipfelt in der Parole: „Der Islam ist die Lösung.“ Diese islamische Bewegung ist nach Umfang und Tiefe ein weiterer Abschnitt in der Anpassung bzw. der Auseinandersetzung der islamischen Zivilisation mit dem Westen. Deutlich wird in dieser Bewegung, dass die Lösung nicht in westlichen Ideologien gesucht wird, wozu in den 60er bis 80erJahren auch neben dem liberal-demokratischen Modell auch der Marxismus zählte, sondern in den eigenen Wurzeln. Der Islamsteht in den Augen der Mehrheit der Muslime für Moderne, aber Ablehnung der westlichen Kultur. Der Sieg im Kalten Krieg, von Westlern gerne als Beweis für die Überlegenheit der liberal-demokratischen Ordnung empfunden und als universales Allheilmittel für die Weltprobleme. Dagegen steht die Bindung an den Islam als kulturelle, religiöse, soziale und politische Richtschnur für das leben in der modernen Welt. Der Islam ist also nicht nur religion, sondern eine Lebensform. „Wir Saudis wollen uns modernisieren, wir wolle nuns aber nicht unbedingt verwestlichen“, so eine Äußerung eines hochgestellten Saudis. Importe sind gut, wenn es um High Tech geht und glitzernde technische Produkte, aber Importe von sozialen und politischen Institutionen können gefährlich sein. Beim solchermaßen politischen Islam handelt sich um eine breite, umfassende Strömung, getragen vor allem von aufstrebenden gebildeten Schichten, Mittelschichten, nicht nur um Extremismus. Diese Indigenisierung wurde von den Intellektuellen, Studenten an den Univewrsitäten in den 70er Jahren eingeleitet. Zuerst in Ägypten, Pakistan und Afghanistan. Von dort aus griff sie über auf weitere islamische Länder.

Eine Studie über militante Führer islamistischer Gruppen in Ägypten fand heraus, dass 5 Merkmale für sie charakteristisch waren. Die Ergebnisse dürften auf andere Regionen übertragbar sein.

1. Sie waren jung, überwiegend zw. 20 und 40 Jahre alt
2. 60 % von ihnen waren Hochschüler oder Absolventen von Hochschulen
3. Merh als die Hälfte von ihnen kam von den Elite Colleges oder aus Bereichen mit technisch anspruchsvoller Spezialisierung (Medizin, Ingenieurwissenschaften)
4. Über 7ß% kam aus den unteren armen Mittelschichten, Aus sehr bescheidenen Verhältnissen, waren in ihrer Familie die ersten mit höherer Bildung
5. Sie hatten ihre Kindheit in Kleinstädten und ländlichen Gebieten mit agrarischer Struktur (Armut) verlebt, wohnten aber jetzt in Großstädten.

(Bei Huntington gefunden)

Islamisierung hat Prozesscharakter. Die soziale Mobilisierung (Bildung!), Urbanisierung im Zusammenhang mit dem Anwachsen der Millionenstädte durch Zustrom junger Migranten wie in Kairo, Istanbul, Ankara, Algier und Karatschi etc. hatte Folgen: Unsagbares Elend in den Slums, Schmutz, Krankheiten Hunger in den Elendsquartieren. Gerade dort profitierten die Massen der traumatisierten Elenden von den Angeboten an sozialen Dienstlesitungen islamistischer Organisationen (wie heute nochin Gaza durch die Hamas). Der Islam hat den entwurzelten Massen einen „inneren Halt“ gegeben, akademischer ausgedrückt eine „Identität in Würde. Die direkte Ansprache und Organisation der Entwurzelten und Elenden war für die Islamisten ein Erfolg. Die moderne Gesellschaft hat die Massen der Entrechteten und ‚Armen hervorgebracht, der revolutionäre Islam hat urbanen Zuzügler, ehemalige Bauern, in den aus ihren Nähten platzenden muslimischen Metropolen organisiert.

Die islamische Revolution oder islamische Resurgenz ist eine Bewegung von großer historischer Tragweite, ähnlich der französ. Revolution, der amerikanischen Revolution oder der russischen. Auch die protestanische Reformation des 16. Jahrhunderts kann hier eingeordnet werden, auch wenn nicht en detail eine – sehr ausführlich ausfallende - Begründung geliefert werden kann

Zur Empfindlichkeit, die bei einem Eintritt in einen Dialog zu beachten ist. Es geht nicht nur um einen politischen Dialog. Zur Debatte stehen in einem Diskurs auch ethische Fragen. K.O. Apel analysiert die Voraussetzungen eine Diskussion über Ethik. Er stellt fest, dass unabhängig davon, was jemand sagt, hat er schon einiges schon akzeptiert, indem er etwas sagt, Damit meint Apel die Diskursregeln wie Aufrichtigkeit, Wahrheitsanspruch, Widerspruchsfreiheit, , Anspruch auf Begründbarkeit der eigenen Aussagen und Gleichberechtigung der Diskursteilnehmer. Wer in einen philosophischen Diskurs (Apel meint nicht das Geplapper der Talkshows) eintritt und an philosophischer Argumentation teilnehmen will, der hat bereits implizit die angedeuteten Voraussetzungen als Apriori anerkannt, und er kann sie nicht bestreiten, ohne sich selbst die argumentative Kompetenz streitig zu machen.

Dies atmet die Höhenluft von Jürgen Habermas. Ich frage mich ob dies zu hoch gegriffen ist.

Mit freundlichen Grüßen
c

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george
george
Mitglied

Re: Zur Schweizer Volksabstimmung
geschrieben von george
als Antwort auf carlos1 vom 10.12.2009, 20:24:08
Lieber Carlos,
also ich wuerde die „Islamische Revolution“ nicht mit der Franzoesischen, Amerikanischen oder Protestantischen vergleichen und/oder gleichsetzen. Das waren mehr oder weniger Volksaufstaende gegen die Herrschaftssysteme / Knechtschaft im Sinne von Befreiung.
„Islamische Resurgenz“ trifft es auch nur zum Teil.
Die ganze Entwicklung hat doch begonnen mit dem Zusammenbruch der Vielvoelkerstaaten Jugoslawien und in Folge der Sowjet Union.
Diese Zusammenbrueche entliessen die betroffenen Voelker in einen ueberbordenden Nationalismus.
Ich hatte mich damals bereits gewundert, dass das derart moeglich ist, weil ich, „Nationalismus“ in Kenntnis der moeglichen Folgen, bereits ueberwunden glaubte.

Vorher hatten die Administrationen das Praktizieren der Religionen zwar reglementiert aber wenig dagegen und auch wenig dafuer gehabt. Die Menschen konnten also durchaus ihrem Glauben / Religion PRIVAT nachgehen und wer meinte die staatliche Reglementierung uebergehen / unterlaufen zu muessen, der wurde halt kassiert.
Nach den Zusammenbruechen, die nicht nur politisch sondern auch wirtschaftlich waren, gab es keine Reglementierungen mehr und in dies Vakuum stiessen die Islamisten und kehrten die politisch ideologische Seite des Islam hervor, ohne dass denen auf die Finger geklopft wurde.
Im Gegenteil die Islamisten werden finanziert mit Arabischem Oelgeld.

Der soziale Islam in den sog. Drittlaendern wird nicht erst neuerdings praktiziert, sondern das war schon immer so und auch mit Arabischem Oelgeld.
Die Identitaetsfindung auf Gund des sozialen Islam ist also nichts Neues.

Uebrigens, dort wo Muslime in sog. Drittlaendern in der Minderheit sind, sind sie ueberwiegend sehr erfolgreiche Geschaeftsleute und unterstuetzen unabhaengig vom Glauben auch die Armen. Davon konnte ich mich persoenlich in Afrika, auf Sri lanka und hier in Vietnam ueberzeugen.

Die Resurgenz gilt also nur fuer den politisch ideologischen Islam, da bleiben philosophische Betrachtungen erst einmal aussen vor.

Und nun zur Empfindlichkeit.
Wenn ich in einem Diskurs alles mit angeblicher Empfindlichkeit / beleidigt sein abbuegele, dann sind damit die beschriebenen / notwendigen Voraussetzungen eben nicht anerkannt / gegeben.
Und damit wird muslimische Empfindlichkeit / beleidigt sein zu einer Waffe. !!

Liebe Gruesse aus Saigon
George
mart1
mart1
Mitglied

Re: Zur Schweizer Volksabstimmung
geschrieben von mart1
als Antwort auf carlos1 vom 10.12.2009, 20:24:08
Carlos, du schreibst folgendes:
[i]Zur Empfindlichkeit, die bei einem Eintritt in einen Dialog zu beachten ist. Es geht nicht nur um einen politischen Dialog. Zur Debatte stehen in einem Diskurs auch ethische Fragen. K.O. Apel analysiert die Voraussetzungen eine Diskussion über Ethik. Er stellt fest, dass unabhängig davon, was jemand sagt, hat er schon einiges schon akzeptiert, indem er etwas sagt, Damit meint Apel die Diskursregeln wie Aufrichtigkeit, Wahrheitsanspruch, Widerspruchsfreiheit, , Anspruch auf Begründbarkeit der eigenen Aussagen und Gleichberechtigung der Diskursteilnehmer. Wer in einen philosophischen Diskurs (Apel meint nicht das Geplapper der Talkshows) eintritt und an philosophischer Argumentation teilnehmen will, der hat bereits implizit die angedeuteten Voraussetzungen als Apriori anerkannt, und er kann sie nicht bestreiten, ohne sich selbst die argumentative Kompetenz streitig zu machen.

Dies atmet die Höhenluft von Jürgen Habermas. Ich frage mich ob dies zu hoch gegriffen ist. (Zitat von Carlos)
[/indent]
Du schreibst an mich gerichtet auch, es ginge hier längst nicht mehr um die schweizer Volksabstimmung, sondern vielmehr um die Art der Begegnung mit anderen Denkweisen und einer anderen Kultur.

Na, ja .... für mich ist dieser Volksabstimmung, die sinnigerweise im Titel beibehalten wurden, ein gelebtes Beispiel für diese Art der Begegnung.

Du schreibst, Gemeint ist mit diesen Begriffen, eine seit Jahrzehnten sichtbare Bewegung großer Zahlen von Menschen in der islamischen Welt, (heute bilden Muslime etwa 18% der Weltbevölkerung) die ihrem Glauben (Islam) die einzige Quelle von Identität, Sinn, Stabilität, Legitimität, Entwicklung, Macht, Hoffnung und Geborgenheit sehen. Diese Bewegung gipfelt in der Parole: „Der Islam ist die Lösung.“


Abgesehen davon, dass "Clash of civilisation" nicht Krieg oder Kampf der Kulturen heißt, sondern Zusammenprall der Kulturen, was meiner M. nach ein beträchtlicher Unterschied ist, wirst du dir doch bewußt sein, dass du damit ein Schäuferl Angst vor den schweizer Muslimen nachlegst.



Ja, für mich ist diese Diskussion eindeutig zu hoch, ich bin auf dem Niveau von Talkshows, deshalb darf ich mir diese Beurteilung erlauben: Vor allem klingen mir deine Beiträge sehr hohl, verlogen und pseudointellektuell.

PS: Ich bin nicht blind, ich habe in der Vergangenheit leider sehr viel in Diskussionen im ST. dazu beigetragen, dass der politische Islam, ausgehend von Ägypten in best. Entwicklungslinien und in bestimmten Regionen Terrorismus fordert und fördert und durch das "Buch" legimitiert wird, als Gefahr für meine Lebensart (die aber nicht die von Hunz und Kunz ist) erkannt werden sollte. Ich war damals der Meinung, dass darüber unter den Teilnehmern hier eine gr. Unkenntnis herrschen würde.

Da ich aber den Ansprüchen, die du mit Habermas Worten an die Teilnehmer stellst, nicht genügen kann, werde ich mich hier ausklinken.


Edit: carlos, du schreibst "in früheren Beiträgen habe ich sehr wohl darauf hingewiesen, dass es kein Menschenrecht auf Minarettbau gibt und auch nicht geben darf und kann."

Wer, wenn nicht diejenien, die eine best. Religion bzw. Religionsrichtung ausüben, sollen bestimmen dürfen, was zur ihrer Religionsausübung notwendig ist?



mart1
mart1
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Re: Kleiner Querverweis (Monotheismus und Gewalt)
geschrieben von mart1
als Antwort auf niederrhein vom 08.12.2009, 18:46:59
Danke, Bertha, für den Hinweis auf das Buch von Jan Assmann über den Monotheismus mit ausführlichen Zitaten. Danke für deine Mühe. Sehr interessant, ich habe mich umfassend informiert, das über diesen Ägyptologen im Netz zu finden ist.

Am wichtigsten finde ich diesen Satz von Assmann: “Die Fähigkeit zur Selbsthistorisierung und Selbstrelativierung ist Vorbedingung jeder wirklichen Toleranz”

Meine Anmerkung zu folgender Bemerkung (Zitat von Erich Zenker ? aus dem eingestellten Text von niederrhein):
Auch das Judentum ist eine Religion der Selbstausgrenzung. Durch die Erwählung grenzt sich (bzw. grenzt Gott) Israel aus dem Kreise der Völker aus. Das Gesetz zieht einen hohen Zaun um das erwählte Volk und verhindert jede Kontamination mit oder Assimilation an die Vorstellungen und Bräuche der Umwelt.
Zur Selbstausgrenzung bedarf es keiner Gewalt, zumindest keiner Gewalt gegen andere.


Ich bin der Meinung, dass Selbstausgrenzung sehr wohl mit Gewalt zu tun haben kann, mit Gewalt gegen sich selbst und mit Gewalt gegenüber dem “anderen”. Wenn ich an Interviews mit israelischen “Neusiedlern” denke, die die Landnahme religiös legimitieren wollen, kommen mir sehr starke Bedenken gegenüber der von Zenker festgestellten Unterscheidung im praktischen, politischen Leben. Sehr viel Gewalt, sehr viel Überheblichkeit und ein Übermaß an fehlender Empathie. (Dabei ist es für die Realität unergeblich, ob diese Siedler nun eine richtige oder eine falsche Sicht ihrer Religion haben.)
carlos1
carlos1
Mitglied

Re: Zur Schweizer Volksabstimmung
geschrieben von carlos1
als Antwort auf mart1 vom 12.12.2009, 11:09:44
".... deshalb darf mir diese Beurteilung erlauben: Vor allem klingen mir deine Beiträge sehr hohl, verlogen und pseudointellektuell." mart1 an carlos1


Beiträge, die "hohl, verlogen und pseudointellektuell" sind, sollten gar nicht erst gelesen werden. Das würde dann auch Beleidigungne überflüssig machen.


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