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Anthropologie / Psychologie Epigenetik: Beeinflussen traumatische Erlebnisse wie Kriege wirklich unsere Gene?

det
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Mitglied

Epigenetik: Beeinflussen traumatische Erlebnisse wie Kriege wirklich unsere Gene?
geschrieben von det
Vor gut 200 Jahren galt es noch als gut möglich, vor 50 Jahren längst als lachhaft: Die Umwelt verändert, was wir unseren Kindern vererben. Beeinflussen traumatische Erlebnisse wie Kriege wirklich unsere Gene?
geschrieben von Spektrum der Wissenschaft


Der ganze Artikel findet sich hier.
karl
karl
Administrator

Re: Epigenetik: Beeinflussen traumatische Erlebnisse wie Kriege wirklich unsere Gene?
geschrieben von karl
als Antwort auf det vom 30.07.2014, 19:54:24
Lieber det,

grums hatte letzte Woche ein Thema mit dem Titel "Pestizid macht noch die Urenkel krank begonnen. Dies beinhaltet die gleiche wissenschaftliche Fragestellung nach epigenetischen Mechanismen.

Ich habe Grums wie folgt geantwortet, das passt auch hier:
Epigenetische Vererbung ist ein relativ neues Forschungsgebiet. Besonders bei Säugetieren dauert die Phase der Einflussnahme des mütterlichen Organismus auf die Entwicklung der Nachkommenschaft lange. Hormone und kleine RNAs können beeinflussen, welche Gene in diesen aktiviert und welche inaktiviert werden. Der Phänotyp der Nachkommenschaft wird über Genaktivität und eben nicht nur über die Sequenz der Basen in der DNS bestimmt. Kinder ängstlicher Mütter sind so oft auch ängstlich und haben selbst wieder ängstliche Kinder. Das scheint nicht nur kulturelle Tradition (Erziehung), sondern teilweise eben auch epigenetisch bestimmt zu sein.

Meldungen wie diese von Dir Arno, die "Vererbung von Umwelteinflüssen" über mehrere Generationen beschreiben, sind also nicht abwegig. Oft wird darin eine Wiederbelebung der Lamarckschen Anschauung von der Vererbung erworbener Eigenschaften gesehen. Das muss aber differenziert betrachtet werden und es gilt leider nicht für unsere Fremdsprachenkenntnisse Meist verschwinden epigenetisch weitergegebene Merkmale auch sehr schnell (innerhalb weniger Generationen) wieder. Sie haben allerdings den positiven Effekt die Variabilität der Phänotypen in einer Population zu vergrößern, was deren Überlebenschancen unter schwierigen Umweltbedingungen verbessern kann.
geschrieben von Karl


Dein Link auf Spektrum.de Angst im Genom ist lesenswert.
Zwar steckt im DNA-Text des Erbguts der Bauplan für das Leben. Doch damit dieser überhaupt einen Sinn ergibt, regulieren epigenetische Mechanismen, welche Bereiche aktiv sind und abgelesen werden, damit neue Proteine entstehen, und welche stillgelegt werden, weil ihre Information in der jeweiligen Zelle oder unter den aktuellen Bedingungen nicht benötigt werden. So entscheidet letztlich die Epigenetik über die Funktion von Zellen und Organen, aber auch darüber, ob ein Mensch eher dick oder dünn ist, ob er zu Krankheiten neigt oder ob seine Psyche stabil ist.
geschrieben von Spektrum.de
Das sagt das Gleiche aus, wie ich es in der Antwort auf Grums ausgeführt habe. Wichtig ist letztendlich, welche Gene wie stark in unserem Genom aktiv sind und der Aktivierungsgrad eines Gens kann über mehrere Generationen vererbt werden.

Ich sollte aber anfügen, dass diese Art des Gedächtnisses keine speziellen "Inhalte" wie z. B. "Bilder" spiegelt, sondern quasi physiologische Zustände der Organismen "vererbt" werden. Die Formulierung in dem von Dir zitierten Artikel, dass Kriegserfahrungen "vererbbar" seien, ist also sehr reißerisch formuliert. Fest steht jedoch, dass auch die durch den Bombenterror auf Gaza ausgelösten Ängste die Menschen und ihre Nachkommen dort lange nicht loslassen werden.

Karl
schorsch
schorsch
Mitglied

Re: Epigenetik: Beeinflussen traumatische Erlebnisse wie Kriege wirklich unsere Gene?
geschrieben von schorsch
als Antwort auf det vom 30.07.2014, 19:54:24
Ich habe vor langer Zeit hier schon mal die Vermutung geäussert, dass sogar Erinnerungen mit den Genen weitergegeben werden. Nur so kann ich mir erklären, dass unter Hypnose z.B. Rückführungen in frühere Jahrhunderte möglich sind.

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karl
karl
Administrator

Re: Epigenetik: Beeinflussen traumatische Erlebnisse wie Kriege wirklich unsere Gene?
geschrieben von karl
als Antwort auf schorsch vom 31.07.2014, 11:38:42
Nur so kann ich mir erklären, dass unter Hypnose z.B. Rückführungen in frühere Jahrhunderte möglich sind.


Mein lieber Schorsch,

wenn Du das damit erklären kannst, dann fang einmal an damit, ich höre zu.

Karl

P.S.: Falls es Dir schwer fallen sollte, was ja möglich ist: Ist es nicht einfacher bei der Hypnose die Erinnerung an ein gutes, gelesenes Geschichtsbuch zu wecken?
Klausimann
Klausimann
Mitglied

Re: Epigenetik: Beeinflussen traumatische Erlebnisse wie Kriege wirklich unsere Gene?
geschrieben von Klausimann
als Antwort auf karl vom 31.07.2014, 15:41:16
Das Gelerntes/"Erfahrenes" ganz allgemein auch vererbt werden kann, werden wir am Menschen schwer nachweisen können.
Beim Tier ist man da weiter:

http://www.welt.de/wissenschaft/evolution/article3145615/Erlerntes-wird-an-den-Nachwuchs-vererbt.html

Sprich: das funktioniert bei den Mäusen auch, wenn keine da sind, von denen sie das gelernt haben.

Mich hat immer gestört, dass genetische Veränderungen nur zufällig auftreten sollen und dann nur die Auslese das Gute bestimmt.
karl
karl
Administrator

Re: Epigenetik: Beeinflussen traumatische Erlebnisse wie Kriege wirklich unsere Gene?
geschrieben von karl
als Antwort auf Klausimann vom 27.08.2014, 21:40:02
Hallo Klausimann,

ja, es ist störend, dass wir Erlerntes nicht über unsere Gene vererben können - findet mein Enkel, er könnte sich das Büffeln der englischen Vokabeln sparen. Aber es ist richtig, dass das Dogma, dass erworbene Eigenschaften nicht vererbt werden, in den letzten Jahren etwas aufgeweicht ist. Leider aber eben nicht in der Weise, dass es meinem Enkel helfen könnte.

Epigenetische Vererbung bedeutet eine generationenübergreifende Stillegung oder Aktivierung von Genen, aber noch nicht eine Veränderung der Basensequenz in der DNA. Die meisten epigenetischen Effekte verflüchtigen sich deshalb innerhalb weniger Generationen.

Bei den Mäusen in Deinem Link geht es auch nicht um Lerninhalte, sondern um die Lernfähigkeit. Die Ergebnisse sind auf der Linie der bekannten epigenetischen Effekte. Lamarck wird dadurch ein wenig rehabilitiert, aber wir müssen leider noch immer selber lernen - oder auf die Chips warten, die uns irgendwann implantiert werden könnten.

Beste Grüße, Karl

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schorsch
schorsch
Mitglied

Re: Epigenetik: Beeinflussen traumatische Erlebnisse wie Kriege wirklich unsere Gene?
geschrieben von schorsch
als Antwort auf karl vom 27.08.2014, 22:37:20
Ich bin überzeugt, dass man in einigen Jahrzehnten Wissen "wireless" von einem Hirn zum anderen transferieren werden kann.

Ich bin auch überzeugt, dass man dannzumal das gesamte Wissen eines Menschen auf Festplatten speichern werden kann.

Ob das aber eine Erungenschaft sein wird, die den Nachkommen dieser "Hirne" behagen wird, wage ich zu bezweifeln.
letters-for-ears
letters-for-ears
Mitglied

Re: Epigenetik: Beeinflussen traumatische Erlebnisse wie Kriege wirklich unsere Gene?
geschrieben von letters-for-ears
Ich glaub vieles ist schon drinn. Wir wissen noch zu wenig davon.
Gerdd
Gerdd
Mitglied

Re: Epigenetik: Beeinflussen traumatische Erlebnisse wie Kriege wirklich unsere Gene?
geschrieben von Gerdd
Ich finde Eure Beiträge ja unheimlich spannend!!!
Danach habe ich schon lange gesucht, nach "Schaltern" für die Gene - siehe meine Anfrage im Brett ´Fortschritte in der Hirnforschung`.

Bin zufällig hier draufgestoßen!
DANKE!
Gerdd
arno
arno
Mitglied

Re: Epigenetik: Beeinflussen traumatische Erlebnisse wie Kriege wirklich unsere Gene?
geschrieben von arno
als Antwort auf karl vom 27.08.2014, 22:37:20
Hallo Klausimann,

ja, es ist störend, dass wir Erlerntes nicht über unsere Gene vererben können - findet mein Enkel, er könnte sich das Büffeln der englischen Vokabeln sparen. Aber es ist richtig, dass das Dogma, dass erworbene Eigenschaften nicht vererbt werden, in den letzten Jahren etwas aufgeweicht ist. Leider aber eben nicht in der Weise, dass es meinem Enkel helfen könnte.

Epigenetische Vererbung bedeutet eine generationenübergreifende Stillegung oder Aktivierung von Genen, aber noch nicht eine Veränderung der Basensequenz in der DNA. Die meisten epigenetischen Effekte verflüchtigen sich deshalb innerhalb weniger Generationen.

Bei den Mäusen in Deinem Link geht es auch nicht um Lerninhalte, sondern um die Lernfähigkeit. Die Ergebnisse sind auf der Linie der bekannten epigenetischen Effekte. Lamarck wird dadurch ein wenig rehabilitiert, aber wir müssen leider noch immer selber lernen - oder auf die Chips warten, die uns irgendwann implantiert werden könnten.

Beste Grüße, Karl
geschrieben von karl


Moin, karl,

ich bin sehr froh, dass wir Erlerntes nicht über unsere Gene vererben können.
Ich will auch keinen Hirn-Chip kaufen, um mir die Zeit des Lernprozesses verkürzen zu können.
Ich möchte meine eigenen Fehler machen dürfen und eigene Ideen entwickeln können.
Die Epigenetik sehe ich als eine Entwicklungsvorstufe für die Evolution an.
Die Information der Epigenetik ist zwar wichtig, aber noch
nicht überlebenswichtig.
Die Nichtvererbarkeit des Wissens von Vorfahren ist die riesige
Chance für unsere Nachkommen.


Nichts ist schlimmer, als wenn Wissen festgeschrieben wird, denn
Wissen wird ständig erweitert.

Offenbarungen, Dogmen und in Religionsbüchern festgeschriebenes
Wissen von Viehzüchtern aus dem Orient, die vor mehr als 2000
Jahren lebten, sind ein fürchterliches Gift für die menschliche Entwicklung.

Gruß arno

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