Forum Politik und Gesellschaft Diskussion historischer Ereignisse 13.9.1964 - Martin Luther King predigt in Ost-Berlin

Diskussion historischer Ereignisse 13.9.1964 - Martin Luther King predigt in Ost-Berlin

wandersmann_1
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Mitglied

13.9.1964 - Martin Luther King predigt in Ost-Berlin
geschrieben von wandersmann_1
Am Rande seines Westberlinbesuches, der auf Einladung Willy Brandts erfolgte, geschah etwas sehr überraschendes. Ein Abstecher in den Ostteil der Stadt.

"Kirchenhistoriker Stolte erzählt, dass King dann am frühen Abend des 13. September den Checkpoint Charlie lediglich passieren konnte, weil ein Grenzoffizier in dem Besucher vor ihm den auch von den DDR-Offiziellen hofierten Bürgerrechtler erkannte und ihn mit dem Segen seiner Vorgesetzten passieren ließ. Die Rechnung des State Departement der USA ging also nicht auf, denn die Beamten dort sollen King zuvor den Pass abgenommen haben, um so zu verhindern, dass er auch in den Osten kam. Den Ostbehörden reichte zur Identifizierung des Bürgerrechtlers die Kreditkarte."

Martin Luther King in Ostberlin

Er predigte zunächst in der Marienkirche, ließ sich aber aufgrund des großen Interesses dazu überreden, dieselbe Predigt wenig später in der Sophienkirche noch einmal zu halten.

Ein Historiker ist derzeit dabei, nach noch vorhandenen Tondokumenten zu recherchieren.
justus39 †
justus39 †
Mitglied

Re: 13.9.1964 - Martin Luther King predigt in Ost-Berlin
geschrieben von justus39 †
als Antwort auf wandersmann_1 vom 13.09.2014, 13:52:31

" Die Rechnung des State Departement der USA ging also nicht auf, denn die Beamten dort sollen King zuvor den Pass abgenommen haben, um so zu verhindern, dass er auch in den Osten kam. Den Ostbehörden reichte zur Identifizierung des Bürgerrechtlers die Kreditkarte."

Es wäre ja ein gefundenes Fressen gewesen wenn die DDR Martin Luther King abgewiesen hätte.

Bürgerrechtler werden gern von Allen dazu benutzt um gegen den politischen Gegner zu argumentieren, gleichzeitig aber auch von beiden Seiten mit Misstrauen beobachtet

Sowohl das FBI begann 1961, King und andere Funktionäre der Bürgerrechtsorganisation SCLC zu beobachten und versuchte Martin Luther King in Verruf zu bringen und auch das MfS wird ein waches Auge auf ihn gerichtet haben.

Am 13. September 1964 werden in der St. Marienkirche sicherlich viele Kirchgänger gewesen sein, die man sonst nie dort antrifft.

justus
Re: 13.9.1964 - Martin Luther King predigt in Ost-Berlin
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf justus39 † vom 13.09.2014, 16:29:05
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hallo wandersmann_1 und justus 39,

bitte, lest den artikel der berliner zeitung, um euch zu erinnern, was am 13.9.1964 noch in berlin passierte.

hier ausschnitte aus der berliner zeitung, die lt. wiki von 1945 bis 1990 nur in ost-berlin erschien.
"[b]Es war 5.20 Uhr an diesem Septembermorgen,
als der damals 21 Jahre alte Michael Meyer aus Fredersdorf in der Nähe des Grenzübergangs Heinrich-Heine-Straße über die Mauer zu fliehen versuchte. DDR-Grenzsoldaten eröffneten sofort das Feuer, Meyer wurde von fünf Kugeln getroffen und blieb auf dem Todesstreifen liegen. Nach einem minutenlangen Feuergefecht zwischen Ost und West gelang es einem US-Sergeant, Michael Meyer mit einem Seil über die Mauer auf West-Berliner Gebiet zu ziehen." ...


... "Am Abend sollte der Bürgerrechtler in Ost-Berlin predigen (anmerkung: aufgrund einer privaten einladung). Allerdings hatten ihm die US-Besatzungsbehörden den Pass abgenommen, weil sie um Kings Sicherheit in Ost-Berlin fürchteten.
Doch der ließ sich nicht abhalten: Gegen 19 Uhr am Sonnabend fuhr King am Checkpoint Charlie vor und bat um Einreise. Den DDR-Grenzern legte er seine American-Express-Kreditkarte vor. Nach einer halben Stunde durfte der Gast aus Amerika passieren ..."
geschrieben von berliner zeitung

interessant ist sicher auch folgendes, was die berliner zeitung schreibt:
"In den DDR-Zeitungen wurde an den kommenden Tagen nur mit ein paar Zeilen über den Auftritt des Amerikaners in Ost-Berlin berichtet"
(und anm.: eigenzitat)
"Die Berliner Zeitung schrieb über die Predigt lediglich, der „bekannte Negergeistliche Dr. Martin Luther King … bezeichnete den Kampf um die Befreiung von rund 20 Millionen amerikanischen Negern aus der Finsternis der Rassentrennung als eine große soziale Revolution“.
Kings Sätze über die Mauer blieben unerwähnt."
geschrieben von berliner zeitung


berliner zeitung, 13.9.1964 und 13.9.2014

*** *** ***

ich freue mich, dass die predigten des von mir sehr verehrten bürgerrechtlers martin luther king, der ca.4 jahre spätter einem attentat zum opfer fiel,
durch festlichkeiten vor ort in erinnerung gebracht wurde/wird.
und hoffe,
dass auch der fluchtversuch erwähnung findet,
um den grund des einzugs des passes nicht verzerrt darzustellen.

vielleicht kommt sogar (zumindest hier im st?) ein kleines dankbares gedenken des (unbekannten) US-sergeants, der am 13.9.1964 den seiner heimat entfliehenden bürger der "ehemaligen ddr" rettete?

m./.
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wandersmann_1
wandersmann_1
Mitglied

Re: 13.9.1964 - Martin Luther King predigt in Ost-Berlin
geschrieben von wandersmann_1
als Antwort auf vom 13.09.2014, 19:09:21
Martin Luther King genoss in der DDR zweifellos Anerkennung in der Bevölkerung für seinen Mut als Bürgerrechtler. Freilich wurde er von der Staats- und Parteiführung in einer bestimmten Weise auch instrumentalisiert und irgendwie auch mit einem Arbeiterführer im thälmannschem Sinne verwechselt, der er nicht war.

Allerdings hatten ihm die US-Besatzungsbehörden den Pass abgenommen, weil sie um Kings Sicherheit in Ost-Berlin fürchteten.
geschrieben von margarit


Ja klar. Die US-Behörden fürchteten um Kings Sicherheit.
Der war gut! Die hätten ihn lieber früher als später tot gesehen.

ich freue mich, dass die predigten des von mir sehr verehrten bürgerrechtlers martin luther king, der ca.4 jahre spätter einem attentat zum opfer fiel,
durch festlichkeiten vor ort in erinnerung gebracht wurde/wird.
und hoffe,
dass auch der fluchtversuch erwähnung findet,
um den grund des einzugs des passes nicht verzerrt darzustellen.
geschrieben von margarit


Er hat diesen erfolgreichen Grenzdurchbruch eher metapherartig in seinen beiden Predigten erwähnt. Möglicherweise hat er es deshalb nicht weiter vertieft, weil derartiges für ihn und seine schwarzen Brüder in den USA blutiger Alltag war. Noch in den 50-ern reichte ein flüchtiger Kuss eines 9-jährigen Schwarzen auf die Wange eines weißen Mädchen, diesen zu 15 Jahren Haft zu verurteilen.

Die Menschen, die ihn damals in Berlin erleben durften, zehren sicher heute noch von diesem Erlebnis.
Re: 13.9.1964 - Martin Luther King predigt in Ost-Berlin
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf wandersmann_1 vom 13.09.2014, 19:49:23
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ich erlaube mir, nicht deiner und justus (gefunenes fressen) meinung zu sein, wandersmann.

allerdings stimme ich deinem schluss-satz zu
"Die Menschen, die ihn damals in Berlin erleben durften, zehren sicher heute noch von diesem Erlebnis."

m./.
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justus39 †
justus39 †
Mitglied

Re: 13.9.1964 - Martin Luther King predigt in Ost-Berlin
geschrieben von justus39 †
als Antwort auf wandersmann_1 vom 13.09.2014, 19:49:23
Martin Luther King genoss in der DDR zweifellos Anerkennung in der Bevölkerung für seinen Mut als Bürgerrechtler. Freilich wurde er von der Staats- und Parteiführung in einer bestimmten Weise auch instrumentalisiert und irgendwie auch mit einem Arbeiterführer im thälmannschem Sinne verwechselt, der er nicht war.

Wie ich schon schrieb war Martin Luther King in erster Linie ein Humanist und Bürgerrechtler, der beiden Seiten als Argument gegen die Andere sehr willkommen aber wegen seiner unparteilichen Stellungnahme auch wieder sehr unangenehm war.
Es gab keinen Grund, um seine Sicherheit zu bangen, wenn er den Ostteil der Stadt besucht, im Gegenteil, so bewacht wie da, wäre er wahrscheinlich nirgends gewesen.
Der Westen hätte es sehr gern gesehen, wenn er auf Grund des Grenzzwischenfalls seinen Besuch in Ostberlin abgesagt hätte, und der Osten wäre sicherlich auch erleichtert gewesen wenn er den beiden Kirchen ferngeblieben wäre.

Das FBI hat King misstrauisch überwacht, weil es in seiner Weltanschauung kommunistische Reformen befürchtete, und das MfS sah ihn wieder in Verbindung mit religiösen und kapitalistischen Idealen als ideologisches Problem.
In Wirklichkeit sah er aber sowohl den Marxismus als auch den Kapitalismus als einseitig und unvollkommen an.
„Das Lesen von Marx überzeugte mich davon, dass die Wahrheit weder im Marxismus noch im traditionellen Kapitalismus zu finden ist. Beide repräsentieren eine Teilwahrheit. Historisch gesehen übersah der Kapitalismus die Wahrheit gemeinschaftlicher Unternehmen und der Marxismus erkannte nicht die Wahrheit individueller Unternehmen. Der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts beachtete die sozialen Aspekte des Lebens nicht und der Marxismus übersah und übersieht, dass das Leben individuell und persönlich ist. Das Königreich Gottes ist weder die These von individuellen Unternehmungen noch die Antithese von kollektiven Unternehmungen, sondern stellt eine Synthese dar, welche die Wahrheiten beider vereinigt“
geschrieben von Martin Luther King


Auf jedem Fall war es gut, dass er da war, und es ist sehr aufschlussreich wie er politisch vermarktet wurde und noch wird.

justus
Re: 13.9.1964 - Martin Luther King predigt in Ost-Berlin
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf justus39 † vom 13.09.2014, 22:28:32
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@wandersmann, bitte achte darauf, dass du den/die schreiberin der von dir zitierten passagen nicht verwechselst. dein erstes zitat war NICHT von mir, sondern von der berliner zeitung[/indent].
na ja, DIR könnte hier ein fehler unterlaufen sein ...

Wie ich schon schrieb war Martin Luther King in erster Linie ein Humanist und Bürgerrechtler ...
geschrieben von justus' beitrag nr.2
fettmarkierung von mir.

@ustus,"wie du schon schriebst ... ?" was soll das?

WO hast du hier "schon geschrieben", dass
[i]"martin luther king in erster linie ein humanist ... war
"?

du hast hier nur folgendes geschrieben (ich zitiere deinen kompletten beitrag nr.1
Es wäre ja ein gefundenes Fressen gewesen wenn die DDR Martin Luther King abgewiesen hätte.

Bürgerrechtler werden gern von Allen dazu benutzt um gegen den politischen Gegner zu argumentieren. gleichzeitig aber auch von beiden Seiten mit Misstrauen beobachtet.

Sowohl das FBI begann 1961, King und andere Funktionäre der Bürgerrechtsorganisation SCLC zu beobachten und versuchte Martin Luther King in Verruf zu bringen und auch das MfS wird ein waches Auge auf ihn gerichtet haben.

Am 13. September 1964 werden in der St. Marienkirche sicherlich viele Kirchgänger gewesen sein, die man sonst nie dort antrifft.
justus


m./.
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Re: 13.9.1964 - Martin Luther King predigt in Ost-Berlin
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf vom 14.09.2014, 04:36:10
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falls es jemanden interessiert:

hier die rede vom 13.9.1964 von martin luther king (englisch).
East or West - God's Children A sermon by Dr. Martin Luther King, Jr. East Berlin, Marienkirche (Transcript) September 13, 1964

m./.
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