Forum Kunst und Literatur Fernsehen und Film Fernseh-Tip - "Let`s go"

Fernsehen und Film Fernseh-Tip - "Let`s go"

olga64
olga64
Mitglied

Fernseh-Tip - "Let`s go"
geschrieben von olga64
Heute Abend (20.15 Uhr ARD) kommt ein Film von Michael Verhoeven (Ehemann von Senta Berger) über eine Problematik, die nur sehr selten angesprochen wird: die Generation, die Kinder von überlebenden Holocaust-Opfern waren und dadurch lebenslang leiden mussten, weil Sprachlosigkeit im Elternhaus dominierte.
Michael Verhoeven ist ja bekannt dafür, gerade solche Themen gut aufzuarbeiten - bin gespannt auf diesen Film. Olga
hisun
hisun
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Re: Fernseh-Tip - "Let`s go"
geschrieben von hisun
als Antwort auf olga64 vom 08.10.2014, 15:55:29
Diesen Film habe ich gestern Abend gesehen und erst am Schluss
verstanden, warum die Mutter so grosse Mühe hatte mit Umarmungen,
vor allem ihrer Babys nach der Geburt, und der Vater immer „let’s go sagte“.

Stimmt Olga, über diese Problematik wird selten gesprochen, ist auch
mir erst jetzt so richtig bewusst geworden.

hisun
.*.
Medea
Medea
Mitglied

Re: Fernseh-Tip - "Let`s go"
geschrieben von Medea
als Antwort auf hisun vom 11.10.2014, 10:50:24
Danke Frau Olga für den Tip.
Dieser Film "warb" um Verständnis für die Generation der
den Holocaust überlebenden Eltern und deren Kinder, geboren
nach 1946 in Deutschland.
Der Mutter war es unmöglich, ihren beiden Töchtern Liebe und
Zuneigung entgegenzubringen oder sie zu berühren, ein tiefes
Trauma hielt sie gefangen. Der Vater übernahm mehr oder weniger
die Erziehung und Versorgung.

Es gab viele Zwischentöne in dem für mich sehr berührenden Fiulm,
ich kann ihn aus meiner Sicht empfehlen.

Medea.

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myrja
myrja
Mitglied

Re: Fernseh-Tip - "Let`s go"
geschrieben von myrja
als Antwort auf olga64 vom 08.10.2014, 15:55:29
Ich habe den Film gestern auch gesehen und war erschüttert, welch tiefgreifende und unüberwindliche Spuren in den Seelen der Eltern durch ihr Erlebtes zurückblieb.
Man hört zwar immer wieder davon, aber eigentlich ist es für die, die das nicht selbst erlebt haben, fast unvorstellbar.

Ich fand es gut, dass die "Erklärung" erst ziemlich zum Schluss kam. So musste ich versuchen, selbst zu verstehen und stellte fest, ich lag doch sehr daneben.

Es hat eine ziemliche Weile gedauert ehe ich danach schlafen konnte.

Myrja
Re: Fernseh-Tip - "Let`s go"
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf myrja vom 11.10.2014, 13:27:24
.
hallo hisun, medea, myrja,
freu, da haben wir gestern ja alle das gleiche gesehen ...
ich allerdings rein zufällig, da mir olgas hinweis nicht bekannt war.

schade, dass ich nicht das autogiographische buch von Laura Wace kenne ("von zuhause wird nichts erzählt"), das verhoevens arbeit zugrunde liegt.
für mich war dies irgendwie kein film, sondern eine "filmische erzählung", die mich leicht verwirrte, aber doch derart fesselte,
dass ich sie mir, obwohl sehr müde, bis zum ende ansah.

neben unterschiedlichen kritiken interessierten mich am meisten die eigenen gedanken von verhoeven zu seinem werk.
daher füge ich den link zum interview welt/verhoeven bei.

Im Film -Let's go!- zeigt Regisseur Verhoeven das München der Nachkriegszeit.

lg m./.
.
myrja
myrja
Mitglied

Re: Fernseh-Tip - "Let`s go"
geschrieben von myrja
als Antwort auf vom 11.10.2014, 15:11:58
Danke Margarit,

für den Link zum Interview mit Michael Verhoeven.

Myrja

Für alle, die keine Zeit oder keine Gelegenheit hatten den Film zu sehen, hier kann man ihn noch bis zum 17. Oktober in voller Länge schauen:

"Let's go"

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luchs35
luchs35
Mitglied

Re: Fernseh-Tip - "Let`s go"
geschrieben von luchs35
Den Film habe ich auch gesehen, er wurde ja um eine Woche nach dem Tipp von Olga verschoben.
Er hat in mir eine Erinnerung an meine frühe Teenagerzeit geweckt, als ich mich mit einem Mädchen, das in der Nachbarschaft mit seiner Mutter in eine kleine Dachwohnung einzog, anfreundete.
Sie erzählte damals allen, dass ihr Vater im Krieg in den letzten Tagen gefallen sei. Die Mutter war sehr unnahbar, eigentlich direkt abweisend, wenn man mit ihr mehr als ein paar Sätze wechseln wollte. Sie wurde als schrullig empfunden, vor allem,weil sie ihre Tochter am liebsten zu Hause eingesperrt hätte.

Trotzdem wurden wir gute Freundinnen, sie wollte aber nicht, dass ihre Mutter erfuhr, dass sie bei uns ein-und ausging. Wir nähten mit Hilfe meiner Mutter zusammen Kleider, bastelten oder machten Spiele.

Eines Tages sagte sie völlig aus heiterem Himmel wortwörtlich: " Ich bin eine Judenschickse, und wenn Du jetzt sagst, dass ihr Juden im Keller versteckt hattet, bringe ich Dich um! Das haben wir oft genug gehört! "
Ich war so verdattert, dass ich sie nur ansah. Dann bastelten wir einfach weiter. Später erzählte ich es meiner Mutter, die dann nur sagte, dass sie nun einiges verstehe und dass es besser sei, dass ich es niemand erzähle, habe ich auch nicht gemacht, obwohl ich den Hintergrund nicht wirklich verstand und ziemlich verunsichert war.

Zwei Jahre später zog sie mit ihrer Mutter nach Holland, und nach einem längerem Briefwechsel über Belanglosigkeiten , schlief die Freundschaft ein- nicht zuletzt, weil wir dann "das andere Geschlecht" entdeckten.

An all dies habe ich nicht mehr gedacht, bis ich nun diesen Film sah, und nun verstand ich plötzlich, was ich damals nicht bemerkte oder auch nicht bemerken konnte.

Ronny, so hiess sie, war zwar nach Kriegsende geboren, ihr Vater war nicht jener, der in Theresienstadt umgekommen war, aber die Sprachlosigkeit ihrer Mutter hatte sich auch auf sie übertragen. Alles, was mit ihrer Familie zusammenhing wurde verhüllt, so als ob sie noch immer in Angst lebten oder auch eine Grenze zu Nichtjuden zogen. Und ich war viel zu jung, um etwas zu begreifen.

Deshalb hat mich dieser Film sehr aufgewühlt und diese Erinnerung geweckt.

Luchs
olga64
olga64
Mitglied

Re: Fernseh-Tip - "Let`s go"
geschrieben von olga64
als Antwort auf luchs35 vom 11.10.2014, 18:29:48
Wenn man das erlebt hat, wird einen dieser sehr gute Film noch mehr aufgewühlt haben. Ich freue mich,dass er so vielen ähnlich gut gefiel wie mir. Man hört so wenig von diesen Nachkommen, deren Verwandte oder Eltern in KZ`s waren. Im Magazin der Südd. Zeitung war ein Interview mit Marion Göth, der Tochter von Amon Göth, welcher in einem KZ in Polen wahllos -wenn er Lust dazu hatte - auf die Insassen schoss (es gibt auch eine Szene in Schindler`s List hierzu). Diese Frau hatte lebenslang ein entsprechend ambilantes Verhältnis zu ihrer Mutter, die dann durch Selbstmord aus dem Leben schied. Olga
mane
mane
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Re: Fernseh-Tip - "Let`s go"
geschrieben von mane
als Antwort auf olga64 vom 13.10.2014, 16:45:39
Hier sprechen jüdische Einwanderer nach Israel u.a. über die Gründe ihres Schweigens.

Überlebende erzählen über ihr Leben nach dem Holocaust

In den Jahren nach dem Holocaust setzten sie sich immer wieder mit den schmerzvollen Erinnerungen auseinander. Sie hatten das starke Bedürfnis, anderen über ihre schrecklichen Erlebnisse zu erzählen, merkten aber, dass man ihnen oft nicht glaubte.

"Unsere Geschichten waren so unglaublich, außerdem konnte man manchmal zwischen den Zeilen die Anspielung heraushören, dass wir vielleicht etwas Unrechtes getan hätten, weil wir überlebt hatten"


Diese Reaktion führte dazu, lange Zeit nicht über das Vergangene zu reden.
olga64
olga64
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Re: Fernseh-Tip - "Let`s go"
geschrieben von olga64
als Antwort auf mane vom 14.10.2014, 07:23:44
Die wenigen Menschen, die dieses Grauen ja selbst erlebten, sterben allmählich aus. Übrig bleiben die Nachkommen, die ebenfalls sehr darunter zu leiden hatten.
Ich hätte es immer wichtiger gefunden, wenn diesen Menschen mehr zugehört worden wäre - dafür aber weniger denjenigen aus der Tätergeneration, die ausführlich über ihre Leiden auf der Flucht, ausgebombten Häusern, Luftschutzkellererfahrungen berichteten, bzw. unzählige Bücher schrieben. Oft fehlte denen ja auch ein wenig die Einsicht, dass eine Nation, die so viel Leid über die Menschheit brachte, auch eine gerechte Strafe zugefügt werden muss. Olga

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