Forum Kunst und Literatur Fernsehen und Film TV - Erstaufführung: "Harlan - im Schatten von Jud Süß"

Fernsehen und Film TV - Erstaufführung: "Harlan - im Schatten von Jud Süß"

miriam
miriam
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TV - Erstaufführung: "Harlan - im Schatten von Jud Süß"
geschrieben von miriam
Gestern, 23. September, zu später Stunde, zeigte der TV-Sender WDR den Dokumentarfilm von Felix Moeller - "Harlan - im Schatten von Jud Süß"

Sehr gut recherchiert, mit zahlreichen Dokumenten der Zeit - und mit Interviews der Nachkommen von Veit Harlan, war es auch sehr interessant zu sehen, wie unterschiedlich die zahlreichen Töchter, Söhne oder Enkelkinder von Veit Harlan, die Vergangenheit des Regisseurs sehen bzw. verarbeitet haben.

Da auch viel Privatmaterial aus den Familienarchiven im Rahmen des Dokufilmes für das erste Mal gezeigt wurde, bekam man auch ein ziemlich detailliertes Bild der damaligen Zeit bzw. der verheerenden Bedeutung des Filmes Jud Süß.

Für mich wie immer, ist Thomas Harlan (Sohn von Veit Harlan und der Schauspielerin Hilde Körber), derjenige der mich am meisten beeindruckt. (Ich habe schon des Öfteren im Forum über ihm geschrieben).

Der Dokumentarfilm wird am 30. September um 23:30 auf RBB wiederholt.

Miriam


pilli †
pilli †
Mitglied

Re: TV - Erstaufführung: "Harlan - im Schatten von Jud Süß"
geschrieben von pilli †
als Antwort auf miriam vom 24.09.2010, 18:31:14
ja miriam,

ich habe die hochinteressante doku gesehen und die sehr unterschiedliche haltung der familienmitglieder zu Harlan und dessen vergangenheit; aber vor allem der filmische vergleich der vorgetragenen standpunkte der familie zum thema "Schuld und Einsicht", das hat gezeigt, wie tief schuldhaftes verhalten auch starke familienbande sprengen kann.

Felix Moeller, der ausgezeichnetes hintergrundmaterial zum thema der Tagebücher von Goebbels besitzt, hat dennoch meiner meinung nach, sehr unaufgeregt die szenen zu den interviews in der doku komponiert und damit bei mir noch grösseres entsetzen bewirkt.

wissenswertes zu den hintergründen von Jörg Becker in der Neuen Zürcher Zeitung, zitiert von amazon:

Neue Zürcher Zeitung

Minister of Illusion – Publikationen zum «Filmminister» Goebbels

Die meisten Diktatoren dieses Jahrhunderts waren Film-Maniacs, als Regisseure und Hauptdarsteller in Personalunion mit dem Dreh ihrer eigenen real fiction in eitler Selbststilisierung befasst. Doch einen Vertreter der Staatsspitze, der noch Probeaufnahmen für die Besetzung von Nebenrollen sichtete, als die feindlichen Truppen bereits die Landesgrenzen überschritten hatten, den gab es nur in Deutschland:

Joseph Goebbels, «Reichslügenmaul» und Einpeitscher des «totalen Kriegs», «Bock von Babelsberg» und «Master Showman» des Hitlerreichs. Seit etwa zehn Jahren hat Felix Moeller die Tagebücher des NS-Propagandaministers erforscht, die mittlerweile, nach der Entdeckung der Glas-Mikrofichen in Moskau, nahezu vollständig vorliegen.

Die Filmstars als neuer Adel

«Der Filmminister», die höchst lesbare Fassung einer akademischen historischen Dissertation, bietet anhand der täglichen Eintragungen zwischen 1924 und 1945 einen quellenkritisch vergleichenden Blick auf die NS-Filmgeschichte über die Perspektive des Machthabers der Medien und zweiten Zensors hinter Hitler. Bisher wurde diese Quelle meist als flankierendes Illustrationsmaterial benutzt, das passende Zitat fand sich immer; Moeller dagegen lässt die Chronisten-Attitüde (täglich mindestens eine Stunde am Vormittag) des «Minister of Illusion» als eine manipulative Inszenierung für die Nachwelt erkennen.

So finden sich nicht nur Goebbels' Urteile und Kommentare zu Filmen, Künstlern und der Personalpolitik der Filmstudios («Der Minister entscheidet wie folgt: Stimme dünn, schon ziemlich alt für eine Anfängerin, Gesicht zu breit, zu dick in der Taille . . .» [16. 7. 1942]) ebenso wie protokollarische Notizen zur Herstellungsgeschichte sogenannter Grossfilme («Die Entlassung» von Liebeneiner, «Der grosse König» und «Kolberg» von Goebbels' Favoriten Veit Harlan).

Moeller bringt auch Dokumente wie die «Meldungen aus dem Reich», die Personalakten der Reichskulturkammer (aus dem Berlin Document Center), Akten und Nachlässe von Zensurbeamten, der Reichspropagandaleitung, der Ufa und der Deutschen Bank.

Der Krieg erscheint bei Goebbels auch als Kampf um mediale Einflusszonen, als globale Rivalität um Entertainment-Anteile mit Hollywood. So taucht bereits hier die Vorstellung vom grossbürgerlichen Euro-Unterhaltungsfilm auf, der leichten Muse in zeitlosem Ambiente nach Art von «Wir machen Musik», Gesellschafts- und Revuefilme im Künstler- oder Arztmilieu. Die allgemeinverständliche Unterhaltungsware ist als Abwehr- und Verdrängungslinie der Goebbels-Propaganda über das Kriegsende hinaus erhalten geblieben, während die politisch eindeutigen, völkisch-martialischen und militärischen Stoffe ihre ohnehin geringere Popularität in dem Masse einbüssten, in dem sich die Lage an der Front verschlechterte. «Die grosse Liebe» mit Zarah Leander (Tenor: über den Krieg zurück zum privaten Glück) hatte dagegen 28 Millionen Besucher.

Nicht mehr der Adel, sondern die Filmstars machten unter den Nazis die höhere Gesellschaft aus, Künstler in einem Hofstaat moderner Fürsten, die ihre Favoriten mit Traumgagen, fetten Jahresverträgen, Steuerbefreiungen und «arisierten» Villen, Intendanten- und Professorentiteln köderten. Kaum einer konnte dieser Verführung durch die Macht widerstehen, vermochte sich jedoch nach dem Krieg nicht mehr so recht zu erinnern. Zu Nazizeiten hatten manche Aushängeschilder des deutschen Films wie Rühmann und George die NS-Filmbudgets bis zuletzt hemmungslos ausgereizt, während «draussen» Opfertum propagiert wurde.

Der «Schutzpatron» seines «Künstlervölkchens» hielt die Namen all derer fest, die sich an ihn wandten, ihre Schwächen, Schulden und Affären sowie ihr Mitwissen um die Zielrichtung ihrer Produkte (so die Vorbereitung von Euthanasie und Holocaust). Endlich lassen sich zahlreiche Rechtfertigungsmemoiren ihrer Lügen überführen.

Willkommenes Nazi-Erbe

Was wurde aus den letzten Produkten der kriegswichtigen nazideutschen Filmindustrie in den Jahren nach Stalingrad? Im Zeichen des totalen Kriegs, der den Alltag der Deutschen zunehmend verdunkelte, entstanden in den grossen Studios – der Ufa, der Tobis, der Terra usw. innerhalb des Ufa-Staatskonzerns – an die hundert Spielfilme, die vor der Kapitulation des Nazi-Reiches nicht mehr an die Öffentlichkeit gelangten oder nicht mehr vollendet werden konnten. Ein Teil war fertig abgedreht und wurde anschliessend verboten – wie etwa der Katastrophenfilm «Titanic». Ein anderer Teil lag im Rohschnitt vor, und die Endfertigung konnte erst später, in den westlichen oder östlichen Besatzungszonen abgeschlossen werden. Der Filmhistoriker Holger Theuerkauf, Archivar am Filmarchiv des Bundesarchivs in Berlin, hat sich mit jenem bisher wenig durchforschten Randbereich befasst, den Werken, die in der Filmgeschichtsschreibung unter der vieldeutigen Rubrik «Überläufer» erfasst worden sind.

Fast ein Drittel seines Buchs besteht aus einer vollständigen, inhaltlich beschreibenden Filmographie jener Überläufer-Produktionen aus Goebbels' Filmindustrie über die Grenze der Stunde Null hin zu Adenauers Kino oder der Defa in Babelsberg.

Theuerkauf schildert etwa, wie das Berliner «Filmaktiv», eine personelle Vorstufe der Defa, 1946 den Operettenfilm «Die Fledermaus» mit Johannes Heesters für den sowjetischen Verleih «Sovexport» endfertigte und damit das Startkapital für die Defa erwirtschaftete; noch 16 weitere Ufa-Produktionen sollten nach solcher «Wiederaufarbeitung» vermarktet werden. Aus Mangel an Stoffen griff man sogar auf Ufa-Drehbücher zurück und drehte, wie etwa Wolfgang Staudte, Remakes ab («Der Mann, dem man den Namen stahl» hat der Autor rekonstruiert).

Theuerkauf weist nach, wie die Besatzungsmächte Filmkopien einheimsten und mit den meisten Ufa-Relikten nach 1945 eigentlich keine Probleme hatten; ein antibritisches Historienepos und Goebbels' Lieblingskind, «Ohm Krüger», wurde als Beutegutfilm in der Sowjetunion ins Verleihprogramm aufgenommen. Die ersten Verleihfirmen in der Bizone erhielten von den Briten und Amerikanern Überläufer-Filmkopien als Starthilfe. Der Hang zu Ausgrenzung und Wirklichkeitsflucht in der Bevölkerung war ungebrochen, und die neuen Verleiher passten sich bedenkenlos an.

«Goebbels' Filmerbe hatte der bundesdeutschen Filmindustrie aus der Wiege geholfen», sagt Theuerkauf: «Die Überläufer passten sich wie selbstverständlich in ein System des fliessenden Übergangs ein, das neue Themen und Botschaften erwarten liess und doch nur wieder im bewährten Ufa-Stil mündete.» Schreckensbilder der jüngsten Vergangenheit waren darin nicht vorgesehen, und für Trauer war erst recht kein Platz. Gerade im NS-Film der letzten beiden Kriegsjahre wird die Diskrepanz zwischen Zerstörung und Tod im Bombenkrieg über deutschen Städten und jenen zuckrig-leichten, zeitenthobenen Unterhaltungsgeschichten auf die Spitze getrieben. Titel wie «Am Brunnen vor dem Tore», «Don Juan wider Willen» oder «Geliebte meiner Jugend» waren für das Produktionsjahr 1944/45 fest eingeplant.

«Lasst totes Kapital tot sein und macht es nicht mit vollen Kassen lebendig, wenn es moralisch keine Zinsen tragen kann» – mahnte ein Kritiker 1949 sehr hellsichtig: «Es rächt sich, genau wie der falsche Gedanke, dass man den Überschuss der schlechten Filme brauche, um mit ihm gute herstellen zu können.»

geschrieben von Jörg Becker


(hervorhebung von mir)

das buch von Felix Moeller "Der Filmminister - Goebbels und der Film im Dritten Reich" ist bei amazon erhältlich ebenso wie eine DVD der gestrigen dokumentation zu Veit Harlan.

Filmminister


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pilli
clara
clara
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Re: TV - Erstaufführung: "Harlan - im Schatten von Jud Süß"
geschrieben von clara
als Antwort auf miriam vom 24.09.2010, 18:31:14
Miriam,

gerade habe ich den Dokumentarfilm angeschaut, den ich gestern aufzeichnete. Aus heutiger Sicht kann ich nicht nachvollziehen, wieso die Kitschfilme von Harlan diesen Riesenerfolg hatten. Obwohl viele unserer derzeitigen Film-und Fernsehproduktionen wahrscheinlich in einigen Jahrzehnten auch Kopfschütteln verursachen werden. Aber "Jud Süß" war ja nun von besonderer politisch motivierter Qualität, reine Nazipropaganda. 25 Millionen Menschen sahen den Film allein in Deutschland, weitere 25 Millionen in Europa! Ich habe ihn bisher allerdings nur in Ausschnitten gesehen, denke aber, dass es die maßgeblichen waren. Wichtige Szenen zeigt auch die Doku.

Harlan selbst wurde von Verwandten als zwiespältig dargestellt, einige meinten, er habe eben Filme drehen wollen, ohne über deren Aussage nachzudenken. Aber dieser Propagandafilm "Jud Süß" ist so negativ überzeichnet (Goebbels wünschte ja "Nachbesserungen") und die Absicht so klar zu erkennen, dass ich Harlan die Naivität einfach nicht abnehme. Zu Recht musste er sich wegen dieses Machwerks nach dem Krieg verantworten.

Clara

@ Pilli: Was Du über die Familienmitglieder sagst, ist mir auch aufgefallen!

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miriam
miriam
Mitglied

Re: TV - Erstaufführung: "Harlan - im Schatten von Jud Süß"
geschrieben von miriam
als Antwort auf clara vom 24.09.2010, 22:27:59

Aus heutiger Sicht kann ich nicht nachvollziehen, wieso die Kitschfilme von Harlan diesen Riesenerfolg hatten


Anders gefragt: kannst du es heute noch vollziehen, wieso Hitlers Politik so ein Erfolg in den 30. und 40. Jahren gewesen ist?

Es ist einfach der Film für diese politische Ideologie, der Millionen gefolgt sind. Mit der oft wiederholten Aufforderung der Massen: "Führer befiehl! Wir folgen dir!"

Bei dieser Gelegenheit von mir nochmals die Buchempfehlung:

Jean-Pierre Stephan: "Thomas Harlan - Das Gesicht deines Feindes"

Miriam
mart1
mart1
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Re: TV - Erstaufführung: "Harlan - im Schatten von Jud Süß"
geschrieben von mart1
als Antwort auf miriam vom 25.09.2010, 00:40:26
zu deinem "anders gefragt"

Ich konnte mir das immer sehr gut vorstellen. Ich kenne die Geschichte und die Hetzreden des Antisemitismus sehr gut. Leider kann ich mir seit kürzerer Zeit eine Wiederholung gut vorstellen!
miriam
miriam
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Re: TV - Erstaufführung: "Harlan - im Schatten von Jud Süß"
geschrieben von miriam
als Antwort auf mart1 vom 25.09.2010, 00:53:16
Mart - mich haben heute (eigentlich gestern!) einige der Reaktionen im Thread "Eklat bei Uno-Vollversammlung" sehr nachdenklich gestimmt.

Eine der Schlußfolgerungen: wenn man Ahmadinedschad mit seinen Verschwörungstheorien glauben kann, dann ist in der Tat auch noch anderes möglich.

Miriam

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mart1
mart1
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Re: TV - Erstaufführung: "Harlan - im Schatten von Jud Süß"
geschrieben von mart1
als Antwort auf miriam vom 25.09.2010, 01:04:07
Ja, den Originalfilm von 1940 gibt es im Internet mit englischen bzw. ungarischen Untertiteln und der "entsprechenden" Inhaltsangaben "Die Brisanz des Films liegt darin, dass ihm unumstößliche Tatsachen zugrunde liegen...."

Allerdings werden im Augenblick andere Sündenböcke aufgebaut - da könnte noch einiges Schlimmes kommen

PS: Der Antisemitismus in der arabische Welt sollte doch altbekannt sein - angefangen von diversesten Fernsehserien bis zum Bestseller eines eindeutig als Fälschung nachgewiesenen Buches.
miriam
miriam
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Re: TV - Erstaufführung: "Harlan - im Schatten von Jud Süß"
geschrieben von miriam
als Antwort auf mart1 vom 25.09.2010, 01:15:41

PS: Der Antisemitismus in der arabische Welt sollte doch altbekannt sein - angefangen von diversesten Fernsehserien bis zum Bestseller eines eindeutig als Fälschung nachgewiesenen Buches.


Ich wusste genau welches Werk du meinst, aber da mir der Titel nicht auf Anhieb einfiel, habe ich versucht danach zu googeln. Erschrekend wie umfangreich die Literatur zum Thema ist.

Einen sehr ausführlichen Artikel dazu (auch wenn er von 2002 stammt), stelle ich im Link - habe des Öfteren interessante Arbeiten bzw. Beiträge vom selben Autor gelesen.

Gute Nacht

Miriam
clara
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Re: TV - Erstaufführung: "Harlan - im Schatten von Jud Süß"
geschrieben von clara
als Antwort auf miriam vom 25.09.2010, 00:40:26
Anders gefragt: kannst du es heute noch vollziehen, wieso Hitlers Politik so ein Erfolg in den 30. und 40. Jahren gewesen ist? (Clara)

Nein, Miriam, die Taten kann ich nicht nachvollziehen. Aber warum sie großenteils so kritiklos geduldet wurden, schon. Die Saat, seit langem gelegt, war aufgegangen und die politische Situation in Deutschland günstig. Vieles passte zusammen. Veit Harlan war ein wichtiges Werkzeug dieser Ideologie.

Mit "Kitschfilm" meine ich die künstlerische Qualität, diese totale Überzeichnung fern der Realität in allen Harlan-Filmen, das Sentimentale. Es war eben die gewünschte Absicht. Heute gibt's dafür Rosamunde Pilcher, weniger gefährlich, wie ich meine.

Clara
olga64
olga64
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Re: TV - Erstaufführung: "Harlan - im Schatten von Jud Süß"
geschrieben von olga64
als Antwort auf clara vom 25.09.2010, 11:13:08
Harlan durfte ja nach dem Krieg nach einer angemessenen Pause weiterfilmen; ebenso seine Frau K. Söderbaum (Reichswasserleiche). Herrn Marian (ein schon recht unbedarfter Schauspieler, wie ich finde) nicht mehr; er starb ja dann m.W. recht bald weil er mit seinem Auto an einem Baum landete.
Auch Heinrich George spielte ja in solchen Filmen (Vater von Götz George) - der nahm ja auch ein bitteres Ende nach dem Krieg.
Ich sah den Doku-Film auch mit grossen Interesse. Insbesondere fand ich gut, wie die heutige Enkelgeneration der Familie Harlan erklärte,dass sie sich lebenslang mit diesem Namen und der Familiengeschichte konfrontieren müssten. Das gefällt mir schon besser, als die Aussagen Deutscher, die glauben selbst entscheiden zu können, wann ihre Schuld nicht mehr angesprochen werden dürfte. Olga

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