Geisteswissenschaft / Philosophie Erkenntnistheorie

karl
karl
Administrator

Erkenntnistheorie
geschrieben von karl
Eines der wichtigsten Erkenntnisse der evolutiven Erkenntnistheorie ist, dass unsere Sinne sich so an die Erfordernisse des Überlebens angepasst haben, dass sie uns in den meisten Situationen sinnvolle Informationen übermitteln.

Allerdings nehmen wir notgedrungen immer nur Ausschnitte unserer Umwelt wahr. Klassisches Beispiel sind elektromagnetische Wellen, von denen wir nur das sichtbare Spektrum sehen (Wellenlängen von etwa 380 - 780 nm). Kürzere oder längere Wellenlängen bleiben für uns unsichtbar, es sei denn Röntgengeräte, Nachtsichtgeräte, Wärmebildkameras, Radios werden als "Sinneserweiterungen" verwendet (indem sie die Informationen in seh- oder hörbare Schwingungen umwandeln).

Unser Gehirn hilft sich, in dem bruchstückhafte informationen durch "situationsgerechte Hypothesen" ergänzt werden. Wir machen uns immer ein Bild vom Ganzen, dieses kann allerdings grottenfalsch sein.

Das wird wunderbar durch folgende Geschichte illustriert:

[i]Zwei der Ausbildungsschwadron zugeteilte Kriegsschiffe üben seit Tagen bei schwerem
Wetter Manöver.
Es zog so dichter Nebel auf, dass der Kapitän des Leitschiffes vorsorglich selbst spät auf Deck blieb.
Kurz nach Anbruch der Dunkelheit meldete der Ausguck: Licht steuerbord voraus!
Bleibt es stehen, oder bewegt es sich achteraus?
Der Ausguck antwortete: Es bleibt, Kapitän.
Das hieß, dass sich das Schiff auf einem gefährlichen Kollisionskurs mit dem anderen Schiff befand.
Da rief der Kapitän dem Signalgast zu: Senden Sie dem Schiff: Sind auf Kollisionskurs,
empfehlen 20 Grad Kursänderung.
Zurück kam das Signal: Empfehlen Ihnen, den Kurs um 20 Grad zu ändern.
Etwas vedutzt liess der Kapitän antworten: Ich bin der Kapitän des Leitschiffes, Kurs um 20 Grad ändern.
Ich bin einfacher Seemann , lautete die Antwort. Sie sollten Ihren Kurs wirklich ändern.
Der Kapitän wurde wütend.
Er schimpfte: Signalisieren Sie, dass wir ein Kriegsschiff sind. Er soll den Kurs um 20 Grad
ändern.
Prompt kam die Antwort zurückgeblinkt: Ich bin ein Leuchtturm.
Der Kapitän ließ den Kurs ändern.
[/indent]

Das Mehr an Information führte zu einer Änderung des Bildes von der Welt.

Karl
miriam
miriam
Mitglied

Re: Erkenntnistheorie
geschrieben von miriam
als Antwort auf karl vom 30.11.2012, 11:36:58
Ein schönes Thema Karl – nach meinem Gefühl auch so facettenreich, dass man vielleicht lieber nur einzelne Aspekte vertiefen sollte.

Natürlich sollte man, bei diesem Thema mit Descartes anfangen.
Ich aber mache einen gewaltigen Sprung - und möchte hier manches zur Sinneserweiterung schreiben - ein Thema welches mich schon lange (aber nicht kontinuierlich!), beschäftigt.

Welcher ist mein ganz direkter bzw. persönlicher Bezug zum Thema Sinneserweiterung?
Natürlich das Bauhaus – und von deren Repräsentanten, László Moholy-Nagy.

Um es kurz zu fassen: László Moholy-Nagy benutzt bezüglich Sinneserweiterung, eine Vernetzung von Malerei, Fotografie und Fotogramm – dabei auch Elemente der kinetischen Kunst.

Natürlich erzielt er dadurch nur eine Wahrnehmung der "Ausschnitte unserer Umwelt" (dein Ausdruck - Karl) – aber müssen wir uns die Welt nicht selber zusammensetzen aus solchen Ausschnitten?

Dies ist ja auch das faszinierende dabei – und führt letztendlich zur so genannten "subjektiven Wahrnehmung".

Miriam
miriam
miriam
Mitglied

Re: Erkenntnistheorie
geschrieben von miriam
Es erreicht mich gerade ein kleiner Zwischenruf von Ernst Bloch:

"Woher stammt nur der Aberglaube, dass die Wahrheit sich selber Bahn breche?"


Miriam

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justus39 †
justus39 †
Mitglied

Re: Erkenntnistheorie
geschrieben von justus39 †
als Antwort auf karl vom 30.11.2012, 11:36:58
Der Mensch kann mit seiner Ausrüstung, die ihm die Natur mitgab, nur das wahrnehmen, was diese "Sensoren" an Messwerten empfangen und was der "Rechner" daraus macht. Es ist dann an ihm, auf Grund von Erfahrung und Wissen daraus seine Schlüsse zu ziehen.
Der Kapitän bekam nur die Wahrnehmung des Ausgucks übermittelt, und der sah nur ein Licht welches sich nicht bewegte.
So konnte es dazu kommen, dass er einen Leuchtturm zum Kurswechsel bewegen wollte.
Das ist eine lustige Geschichte über die es sich nachzudenken lohnt.

Wie oft ziehen wir falsche Schlüsse und treffen ungerechte oder falsche Entscheidungen, nur weil wir eine ungenügende Information auf unsere gewohnte Art gedeutet haben.

justus
Re: Erkenntnistheorie
geschrieben von Mareike
als Antwort auf karl vom 30.11.2012, 11:36:58
Eines der wichtigsten Erkenntnisse der evolutiven Erkenntnistheorie ist, dass unsere Sinne sich so an die Erfordernisse des Überlebens angepasst haben, dass sie uns in den meisten Situationen sinnvolle Informationen übermitteln.

...
Karl
geschrieben von karl


Wenn ich den Begriff Erkenntnis aus dieser Perspektive betrachte,
und alle andere Theorien der Erkenntnisgewinnung mal außen vor lasse, dann
entdecke ich ganz pragmatische Möglichkeiten: Ich habe die Möglichkeit mein Gehirn zu trainieren, nicht durch Denken, sondern durch Übungen.

Neuroplastizität – gezielt das Gehirn verändern

Das Gehirn ist formbar: Neustart im Kopf

Mareike
sarahkatja
sarahkatja
Mitglied

Re: Erkenntnistheorie
geschrieben von sarahkatja
als Antwort auf Mareike vom 30.11.2012, 13:32:14
Das wundert mich aber sehr, dass Wissenschaftler annehmen konnten,
dass das Gehirn als ein fest installiertes, unveränderliches Organ angenommen werden konnte.
Dann befänden wir uns ja noch im Urzustand.

Beweist doch die Fähigkeit zur Weiterentwicklung des Gehirns und somit des Menschen überhaupt, die ganze Entwicklung des homo sapien, dass eine zwar langsame aber stetige Verbesserung dieses Organs möglich war und ist.

Es ist doch nur natürlich, dass wir durch Lernprozesse und
neue Informationen, die das Gehirn speichert, unseren Horizont erweitern können.

Nun hat sich, in diesem speziellen Fall, das Hirnareal, samt Nervenzellen und Synapsen des Kapitäns des Leitschiffes,
um die Erkenntnis erweitert, dass ein Licht nicht unbedingt ein Schiff auf Kollisionskurs sein muß, sondern das Warnlicht eines Leuchtturmes. Köstlich - und ich bin sicher, er wird es in Zukunft mit bedenken.

Sarahkatja
Re: Erkenntnistheorie
geschrieben von Mareike
als Antwort auf sarahkatja vom 30.11.2012, 18:55:11
Nee, nee, nicht unveränderlich sondern formbar.

Mareike

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