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Geisteswissenschaft / Philosophie Gibt es eigentlich unnützes Wissen?

miriam
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Gibt es eigentlich unnützes Wissen?
geschrieben von miriam
Als Erstes sollte man wissen, dass dieser Thread keine Fortsetzung eines schon vorhandenen Themas ist, auch wenn der Titel dies vermuten lassen könnte.

Vielmehr sollte dieses Thema versuchen, sich der Erkenntnistheorie anzunähern – und die Frage beantworten, auf welcher Weise man - besser gesagt: wie wir - die Wertigkeit unseres Wissens erkennen.

Wie kommt es eigentlich zur Einstufung der Kenntnisse in nützlich oder unnütz?
Noch anders ausgedrückt: sind nicht Versuch und Irrtum Pflastersteine auf dem Weg zur Erkenntnis?

Es ist uns doch bekannt – rein aus unserer alltäglichen Erfahrung – dass wir sehr Vieles versuchen müssen, davon auch Vieles danach verwerfen – um zu erfahren was sinnvoll – bzw. nützlich ist, und was diesem Kriterium nicht entspricht.

Und so könnte man sagen, dass auch das so genannte Unnütze als Vergleich, unerlässlich – also nützlich ist.

Miriam
meli
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Re: Gibt es eigentlich unnützes Wissen?
geschrieben von meli als Antwort auf miriam vom 24.07.2013 11:08:51
Miriam,

ich denke über diesen Bereich seit einiger Zeit nach.

Meine Meinung dazu:

Was für den einen unnütz erscheint, mag dem anderen nützlich sein, interessant sein, ihn zum Lächeln oder Lachen bringen.
Schon dann hat es einen Nutzen, selbst wenn dieser nicht in einem fachlichen Bereich einzukreisen ist.

Es gibt unendlich viele Themenbereiche, die für irgendjemanden eine Daseinsberechtigung haben.

Dazu kommt, dass sich die Erfahrungen nicht stoppen lassen, die irgendwann durch Forschung zu einem Wissensgebiet führen oder es erweitern.

Alles andere wäre, denke ich, Stagnation und das ist immer Rückschritt.

Meli
erafina
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Re: Gibt es eigentlich unnützes Wissen?
geschrieben von erafina als Antwort auf miriam vom 24.07.2013 11:08:51
Hallo miriam,

man kann ja im Grunde selbstverständlich nicht sagen, dass irgendwelches, wie auch immer geartete, Wissen unnütz sein könnte - auch diese angeführten (ich hab aber nicht alle gelesen) Erkenntnisse sind doch Nebenprodukte.
Brösel, sozusagen, die beim Kuchenschneiden daneben fallen. Sie gehören zum Ganzen. Und man kann sie sich schnell in dem Mund schieben, wo sie ein Lächeln hervorzaubern können.

Früher in der Schule ist vermutlich vielen Menschen der Verdacht gekommen, dass sie nur unnützes Wissen vermittelt bekommen. Aber jetzt wissen wir doch, dass keine Energie verloren geht.
Nichts war vergebens - oder doch?

era
miriam
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Re: Gibt es eigentlich unnützes Wissen?
geschrieben von miriam als Antwort auf erafina vom 24.07.2013 11:40:05
Danke Euch Meli und Erafina - für Eure Überlegungen, die viel zum Thema beitragen - besser gesagt: es erweitern.

Ich spinne erst einmal meine Gedanken weiter - komme dann später nochmals auf Eure Beiträge zurück.

In wissenschaftlichen Überlegungen bzw. Debatten, werden ja sehr oft auch Erkenntnisse eingebracht, um sie dann zu widerlegen – bzw. eine neue Erkenntnis und ihre Bedeutung vorzustellen, bzw. sie zu unterstreichen.

Es wird also etwas erklärt, zugleich aber auch verworfen – um eigentlich das neu Entdeckte bzw. neu Erdachte, begreiflicher zu machen.

Auch in diesem Fall, scheint mir das Verworfene keine unnütze Erkenntnis. Es erklärt, manchmal rechtfertigt es sogar, das Neue.

Wir befassen uns ja viel zu wenig, mit der Bedeutung des Zweifelns – wir wollen klare, gültige unwiderrufliche Erkenntnisse – und warum?
Weil wir einfach in dieser schnelllebigen Gesellschaft, keine Zeit haben für eventuelle Nebenwege, die das Erreichen des Ziels (welches Ziel – eigentlich?) verzögern könnten.

Miriam
val
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Re: Gibt es eigentlich unnützes Wissen?
geschrieben von val als Antwort auf miriam vom 24.07.2013 11:55:17
'Das nutzlos Schöne ist das einzig Schöne', hörte ich meine Mutter öfter sagen.

Das fiel mir eben beim hier lesen wieder ein.
Damals nahm ich das so hin. Heute hätte ich gern ihre Begründung.
Gruss Val
chris33
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Re: Gibt es eigentlich unnützes Wissen?
geschrieben von chris33 als Antwort auf miriam vom 24.07.2013 11:55:17
meistens hängt wissen vom bildungsgrad der menschen, mit ihren unterschiedlichen interessen und bedürfnissen ab.wissen kann breit gefächert sein, ich unterscheide da zwischen wissenschaftlichem wissen, kulturellem und technischem wissen u.a.

allen voran sind da noch die gewissen vielwisser (verstehen von vielem wenig und das isset dann auch), die intelligenz vortäuschen möchten...

für mich zählt das wissen, welches für mich etwas bedeutet, was mein leben durch den zugang zum kulturellen (o.ä.) wissen bereichert. dieses wissen kann ich in meinem kopf speichern und ich vergesse es auch nicht wieder. viele informationen, die wahrscheinlich für andere "wissen" bedeuten, bezeichne ich als bildungsmüll oder wissensmüll. , womit ich keine wissenschaftlichen errungenschaften meine..

wie gut ist es, daß wir menschen unterschiedlich "gestrickt" sind!
chris33
miriam
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Re: Gibt es eigentlich unnützes Wissen?
geschrieben von miriam als Antwort auf meli vom 24.07.2013 11:17:09
Meli, du erwähntest in deinem Beitrag die Stagnation.

Darüber habe ich in meiner Mittagspause (bei Erdbeeren und Vanilleeis) – nachgedacht.
Ich denke, dass die Stagnation - eigentlich das Aufhören neugierig zu sein – für mich eines der größten Schreckgespenster des hohen Alters verkörpert.

Es geht mir dabei natürlich um das Geschehen in dieser Welt, und nicht um den alltäglichen Tratsch – wobei ich zugebe, dass man auch letzterem einen gewissen Charme – und eine belebende Rolle – zubilligen sollte.

Es ist ja nicht so sehr der Tod der uns beängstigt, sondern seine Endgültigkeit, die man auch durch das Wort Stagnation bezeichnen kann.
Leider begegnet uns dieses Phänomen des Stagnierens, der Einstellung all dessen was das Leben eigentlich ausmacht, all zu oft auch dort, wo wir erst Leben - vermutet haben.

Über die anderen Beiträge denke ich nach einer kurzen Pause - nach.

Miriam
olga64
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Re: Gibt es eigentlich unnützes Wissen?
geschrieben von olga64 als Antwort auf miriam vom 24.07.2013 16:14:42
Miriam - diesen Beitrag finde ich sehr gut - er regt mich sehr zum Nachdenken an. Ich war von jeher ein wissensbegieriges weibliches Wesen und habe es während meiner Berufstätigkeit oft vermisst, dass ich mich um Themen, die mich sehr interessieren, nicht sehr intensiv kümmern konnte, weil die Zeit und auch die gehirntechnischen Kapazitäten fehlten, die doch oft von den beruflichen überbeansprucht wurden.
Dies geniesse ich jetzt - dass ich einer Thematik mehr auf den Grund gehen kann, mir entsprechende seriöse Informationen beschaffe und auch GEsprächspartner habe, mit denen ich mich darüber austausche. SEhr gut finde ich dann andere Standpunkte,die mir wiederum einen anderen Blickwinkel ermöglichen.
Allerdings sollte sich niemand verzetteln - sonst wird aus Vielem ein Nichts und das ist dann richtig frustrierend. Ich beschränke mich auf einige Themen und arbeite mich dann vor. Hoffentlich kann ich dies noch recht lange machen, bevor mir z.B. die Medizin oder Alzheimer hier Stoppschilder setzen. Olga
qilin
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Re: Gibt es eigentlich unnützes Wissen?
geschrieben von qilin als Antwort auf miriam vom 24.07.2013 11:55:17
Hallo Miriam,
In wissenschaftlichen Überlegungen bzw. Debatten, werden ja sehr oft auch Erkenntnisse eingebracht, um sie dann zu widerlegen – bzw. eine neue Erkenntnis und ihre Bedeutung vorzustellen, bzw. sie zu unterstreichen.
Es wird also etwas erklärt, zugleich aber auch verworfen – um eigentlich das neu Entdeckte bzw. neu Erdachte, begreiflicher zu machen.
Auch in diesem Fall, scheint mir das Verworfene keine unnütze Erkenntnis. Es erklärt, manchmal rechtfertigt es sogar, das Neue.
Ja, das ist der Ausgangspunkt der Wissenschaft - in dem sehr interessanten Link[/url], den Mart1 hier schon mal 'reinstellte heißt es dazu:

Komisch, vom Newton gibt’s auch noch Statuen, und auch heute wird er noch als großer Physiker verehrt. Dabei ist die Newtonsche Physik doch sogar doppelt tot: Sie wurde von der Relativitätstheorie und von der Quantenmechanik abgeschafft.
Und wenn wir in die Physikbücher schauen, dann finden wir dort die Newtonschen Axiome immer noch. Sie gelten im Grenzfall großer Teilchen (keine Quantenmechanik) und kleiner Geschwindigkeiten (keine relativistischen Effekte). Und wenn ihr das Beschleunigungsverhalten eures Autos berechnet, werdet ihr vermutlich weder Quanten- noch relativistische Korrekturen anbringen (sonst fahrt ihr einen seeehr kleinen Kleinwagen oder habt einen seeehr stark getunten Motor).
Die Newtonschen Axiome sehen wir heutzutage nicht mehr als fundamental an – in vielen Situationen können wir aber die Formeln von damals auch heute noch anwenden.


Wir befassen uns ja viel zu wenig, mit der [u]Bedeutung des Zweifelns – wir wollen klare, gültige unwiderrufliche Erkenntnisse – und warum?
Weil wir einfach in dieser schnelllebigen Gesellschaft, keine Zeit haben für eventuelle Nebenwege, die das Erreichen des Ziels (welches Ziel – eigentlich?) verzögern könnten.
Ja, das sind unsere Wünsche, aber die Realität ist anders - klare und unwiderrufliche Erkenntnisse gibt es allenfalls in theoretischen Fachgebieten wie Mathematik und Logik - und selbst dort gab's schon Revolutionen...

Das 'Unnütze' am 'unnützen Wissen' ist, wie Karl schon schrieb, immer situations- und zeitbedingt - wir können heute vielleicht lachen über rückwärts schwimmende Fliegenspermien, oder die Entstehung von Gold beim Zusammenstoß von Neutronensternen - aber wir können nicht wissen, welche praktischen Folgen sich schon morgen daraus ergeben - die spezielle Relativitätstheorie war vor 100 Jahren für die Meisten 'abwegige Spinnerei' - ohne ihr exaktes Funktionieren wäre heute z.B. GPS-Ortung unmöglich...

() qilin
meli
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Re: Gibt es eigentlich unnützes Wissen?
geschrieben von meli als Antwort auf miriam vom 24.07.2013 16:14:42
Ich denke, dass die Stagnation - eigentlich das Aufhören neugierig zu sein – für mich eines der größten Schreckgespenster des hohen Alters verkörpert.


Die von Dir gewählte Erklärung der Stagnation in diesem Zusammenhang finde ich sehr treffend.

Das trifft für viele Hochbetagte zu und für andere nicht.

Mir sind viele hochbetagte Menschen begegnet, die nach wie vor wach und neugierig waren.

Was immer sie an Wissen noch aufnahmen, hatte für sie und evtl. nur für sie einen Sinn.

Meli