Innenpolitik 9. Oktober 1989

Tina1
Tina1
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9. Oktober 1989
geschrieben von Tina1
"Alle hatten Angst, dass geschossen wird"

"Seine Aufnahmen schrieben Geschichte: Siegbert Schefke filmte heimlich am 9. Oktober 1989 in Leipzig auf der bis dahin größten Montagsdemonstration. "Alle hatten Angst, dass geschossen wird", erinnert er sich 25 Jahre danach im heute.de-Interview. Seine Aufnahmen wurden geschmuggelt - und kamen ins Westfernsehen."
silhouette
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Re: 9. Oktober 1989
geschrieben von silhouette
als Antwort auf Tina1 vom 09.10.2014, 19:16:22
Die zig-tausend in Leipzig und in den anderen großen Städten, die da auf die Straße gegangen sind, das waren Helden. Die können stolz sein, und zwar auf sich, nicht auf das stailinistsche Regime, dem sie wegen der drohenden Gefahren für sich selbst 40 Jahre lang ausgeliefert waren. Ihre Leistung ist in der Geschichte einmalig. Denn dass Gorbi keine Lust (und keine Kohle, was ein gewisser Kohl jetzt auf gut Pfälzisch als Bimbbes bezeichnet) mehr hatte, diese Bonzen zu unterstützen, war bis da hin absolut nicht sicher.
Die Anspannung und die Angst ist im Westfernsehen in den herausgeschmuggelten Filmsequenzen gut zu spüren gewesen.
wandersmann_1
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Re: 9. Oktober 1989
geschrieben von wandersmann_1
als Antwort auf silhouette vom 09.10.2014, 19:36:36
In den vor wenigen Tagen veröffentlichten Interviews äußerte sich Kohl auch zu der Revolution in der DDR. Nach Auffassung des Altkanzlers hat nicht in erster Linie die Bürgerrechtsbewegung zum Zusammenbruch des Regimes in Ost-Berlin beigetragen.

"Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert", sagte Kohl. Vielmehr sei die Schwäche Moskaus ursächlich gewesen für den Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur in der DDR. "Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte", sagte Kohl.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich Hrn. Kohl eines Tages mal
beipflichten müsste, aber in dieser Position bin ich bei ihm.

Seit Gorbatschow Mitte der 80-er die Führung der Sowjetunion übernommen hatte, ging hierzulande das Gerücht um, dass er die DDR frei gegeben hätte. Und ganz offensichtlich war es auch an dem, denn Gorbatschow war Realist genug, zu sehen, dass es so nicht weiter gehen konnte.
Die Sowjets wären nie auf die Idee gekommen, die Demonstrationen in Leipzig zu unterbinden. Letztlich war dies alles in ihrem Sinne, denn ohne großen Einsatz waren sie die teure DDR los.
Die Demonstration um den Leipziger Ring kam doch sowas von gut an. Die Demonstranten glaubten vermutlich selbst daran, dass sie mit ihrer Latscherei durch Leipzig ein diktatorisches System beseitigt hätten.

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Re: 9. Oktober 1989
geschrieben von klaus
als Antwort auf wandersmann_1 vom 09.10.2014, 23:20:48
"Die Demonstranten glaubten vermutlich selbst daran, dass sie mit ihrer Latscherei durch Leipzig ein diktatorisches System beseitigt hätten."


Die "Latscherei" durch Leipzig, wie du die Demonstrationen abwertend und diskriminierend bezeichnen musst, um sie nicht als als Teil einer friedlichen Revolution dastehen zu lassen, war schon nicht ganz ungefährlich. Schon auf den Demos vor dem 9. November gab es hunderte Festnahmen.

Am. 9.Okober gab es schon gegen 13 Uhr die ersten Festnahmen.
Auf Beschluss der SED-Bezirksleitung wurden 8000 "Sicherheitskräfte" zusammengezogen , dazu - Bereitschaftspolizei, fünf Kampfgruppen-Hundertschaften, Wasserwerfer, Armee-Einheiten mit aufmunitionierten Schützenpanzerwagen und tausende "gesellschaftliche Kräfte" in Zivil, die sich störend unter die Demonstranten mischen sollen.
Die Krankenhäuser wurden angewiesen eine große Anzahl v. Blutkonserven zu ordern. Die Freigabe erfolgte durch durch den 1. Sekr. der SED-Leipzig Wötzel höchstpersönlich ...

Dass ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Demos die Politik v. Gorbatschow war, ist ja nun nichts Neues mehr und auch Kohl hat schon 1990 darauf hingewiesen bei seinen Besuchen in der SU.
Das als neue Erkenntnis zu deklarieren, wie du es machst ist höchst peinlich.
silhouette
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Re: 9. Oktober 1989
geschrieben von silhouette
als Antwort auf klaus vom 10.10.2014, 09:07:41
Ist es nicht toll, dass jetzt auch noch ausgerechnet dieser widerwärtige Kohl herhalten muss, um seine eigenen Landesleute zu beschimpfen?
Ich habe eher damit gerechnet, dass da mal wieder die Behauptung kommt, der imperialistische Westen hätte das heimlich angezettelt, um den sozialistischen Osten zu destabilisieren.

Mir scheint, da besteht nicht bloß eine weiter schwelende "Beziehungskrise" zwischen Ost- und Westdeutschen, sondern der eine Beziehungspartner hat ernsthafte Probleme mit sich selber.

Da rennt auch jemand mit seinem "Insider-Wissen" wie Du gegen die Wand.
justus39 †
justus39 †
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Re: 9. Oktober 1989
geschrieben von justus39 †
Die Demos und die allgemeine Ausreisestimmung, die Öffnung der Grenzen in Ungarn, die Ausreisewilligen in der Botschaft, die man noch einmal durch die DDR karrte, Gorbatschows Reformkurs und schließlich der legendäre Versprecher von Günter Schabowski, der life über das Fernsehen den Sturm auf die Grenze auslöste und die ratlosen Grenzwächter überforderte waren es in ihrer Zusammenwirkung, was die Mauer schließlich zu Fall brachte.

Besser als dies alles ablief, hätte es kein Mensch planen und organisieren können.

justus

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hafel
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Re: 9. Oktober 1989
geschrieben von hafel
als Antwort auf wandersmann_1 vom 09.10.2014, 23:20:48
@ Wandersmann: " Die Demonstranten glaubten vermutlich selbst daran, dass sie mit ihrer Latscherei durch Leipzig ein diktatorisches System beseitigt hätten."

Es ist diskriminierend, wie Du über die friedlichen Demos in Leipzig urteilst. "Latscherei". Es mag nicht in Dein persönliches politisches Kalkül gepasst haben, aber diese "Latscherei" hat - auch wenn es Dir nicht passt - Geschichte geschrieben. Ich selbst bin von Kiel an einem Montag angereist und bin mit gelatscht, weil ich meinte, dass ich das meiner Geburtststadt schuldig bin ( die Demo, die mit leuchtenden Kerzen statt fand, falls Dir das etwas sagt?).

Hefel
justus39 †
justus39 †
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Re: 9. Oktober 1989
geschrieben von justus39 †
als Antwort auf wandersmann_1 vom 09.10.2014, 23:20:48
Es war ja nicht nur in Leipzig.
In vielen Orten wagten die Menschen plötzlich, darüber öffentlich zu diskutieren, Kerzen anzuzünden, sich in Kirchen zu versammeln und öffentlich ihre Meinung zu äußern.
Als die Flüchtlinge aus der Prager Botschaft in geheim gehaltenen Zügen noch einmal in die DDR mussten, versammelten sich Menschenmengen an den Bahnhöfen.
In unserem Ausreisezug fuhren Jugendliche mit, die sich nach einer Demo in Dresden in die Kreuzkirche geflüchtet hatten und denen man schriftlich die Ausreise versprochen hatte wenn sie dazu noch einmal zu ihrer Wohnanschrift zurückkehren.

Das ganze Land war in einer Aufbruchstimmung und das staatstragende System war aufgeweicht. Als ich bei der Polizei meinen Personalausweis abgab und die Ausreisepapiere abholte, drückte mir ein Poliziste heimlich die Hand und wünschte uns alles Gute.
Die Staatsmacht war ratlos und wusste nicht gegen wen sie vorgehen sollte, es gab keinen Angriffspunkt und keine Handhabe. Gegen die friedlichen Massen waren sie machtlos.

"Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen erreicht."

Vielleicht hätten sie Karl Marx besser studieren sollen.

justus
wandersmann_1
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Re: 9. Oktober 1989
geschrieben von wandersmann_1
als Antwort auf klaus vom 10.10.2014, 09:07:41
@ klaus

Natürlich ist es despektierlich, von "Latscherei" zu sprechen, es ist allerdings auch grob geschichtsverzerrend, die Leipziger Demonstrationen als ursächlich für den Fall der DDR und der Mauer herauszustellen. Dies aber geschieht gerade mal wieder, ok, es ist der 25. Jahrestag, da muss man das vermutlich so hinnehmen. Es ist doch unbestritten, dass eine Teilnahme an den allersten Demos Mut verlangte, weil keiner so recht wusste, wie das alles ausgehen wird. Ab Ende Oktober waren die Demonstrationen eher fröhliche Happenings, an denen sich in meiner Heimatstadt auch Polizisten in Uniform beteiligten. Ich selbst war bei der 2. und 3. Demo dabei, und stellte mir immer wieder die Frage, ob es denn tatsächlich so wenig bedarf, ein komplettes Gesellschaftssystem zu Fall zu bringen.

Du hast oben selbst bestätigt, klaus, dass diese friedliche Umwälzung nur stattfinden konnte, weil es die politische Großwetterlage hergab. Die DDR war Mitte der 80-er politisch und ökonomisch platt, da ging nichts mehr. Dass sich etwas gravierend ändern musste, war allen klar. Und ab 1985, nach den ersten Reden und Auftritten Gorbatschows, war auch allen klar, wohin die Reise gehen wird, zumindest jenen, die die Antennen dafür hatten. Er hatte die DDR quasi frei gegeben, nur konnte sich keiner recht vorstellen, was nun folgen sollte. Honecker reagierte mit einer massiven Lockerung der Ausreisebestimmungen, so dass nahezu Jeder, der irgendeinen fernen Verwandten im Westen hatte, zu jedem unrunden Geburtstag "rüber" konnte. Ich hab die Zahlen jetzt nicht präsent, aber es konnten aber Mitte der 80-er jährlich mehrere Millionen zu Besuchen in die Bundesrepublik reisen, was einen Quantensprung zu den vorherigen Jahren darstellte. Letztlich aber beschleunigten diese "Reisewellen" nur noch das Ende der DDR, denn die Vergleiche, die die Leute nun mit eigenen Augen ziehen konnten, fielen natürlich nicht günstig für die DDR aus.

Die heute so glorifizierten Demonstrationen hätten weder in der Ära Breschnew, noch unter Andropow oder Tschnernenko stattfinden können. Niemals hätten die das zugelassen. Dieser Umbruch brauchte den freien Geist eines Gorbatschow, eine DDR, die sich bereits im Todeskampf wand, sowie entschlossene Bürger. Dass die Wende unblutig und friedlich verlief, zeugt darüber hinaus auch von der damals vorhandenen hohen politischen Reife der Bevölkerung.
adam
adam
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Re: 9. Oktober 1989
geschrieben von adam
als Antwort auf silhouette vom 09.10.2014, 19:36:36
Die zig-tausend in Leipzig und in den anderen großen Städten, die da auf die Straße gegangen sind, das waren Helden. Die können stolz sein, und zwar auf sich, nicht auf das stailinistsche Regime, dem sie wegen der drohenden Gefahren für sich selbst 40 Jahre lang ausgeliefert waren. Ihre Leistung ist in der Geschichte einmalig. Denn dass Gorbi keine Lust (und keine Kohle, was ein gewisser Kohl jetzt auf gut Pfälzisch als Bimbbes bezeichnet) mehr hatte, diese Bonzen zu unterstützen, war bis da hin absolut nicht sicher.
Die Anspannung und die Angst ist im Westfernsehen in den herausgeschmuggelten Filmsequenzen gut zu spüren gewesen.


Genauso sehe ich das auch, denn die DDR-Bürger konnten nicht wissen, wie sehr die Sowjetunion am Ende war und das sture politische Verharren von Honecker, gegen die Reformen Gorbatschows, rechtfertigten durchaus Ängste, daß es zu staatlicher Gewalt hätte kommen können. Ein einziger Schuß hätte gereicht, um eine Katastrophe auszulösen.

Im Westen konnten wir nur staunend verfolgen, was da passierte und bangend hoffen, daß nichts passierte, wobei niemand einen Dunst hatte, was eigentlich passieren sollte. Wer dachte denn an eine Wiedervereinigung? Wer konnte vermuten, daß der kalte Krieg einen derartigen Verlauf nehmen konnte? Und wie wir heute wissen, gab es durchaus Leute, die es gerne gesehen hätten, wenn die Rote Armee eingeschritten wäre. Nicht nur in der DDR, weil eine ganze Ideologie ad absurdum geführt wurde.

--

adam

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