Internationale Politik Stolz auf die DDR ?

carlos1
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Re: Stolz auf die DDR ?
geschrieben von carlos1
als Antwort auf lupus vom 21.10.2014, 19:11:33
Stolz auf die DDR?

Die Beiträge insbesondere von Klaus fand ich sehr interessant. Und nicht nur sie. Ich kann mir eine Meinung bilden zu der Eingangsfrage. Sie beruht auf einem über Jahre sich erstreckenden Erlebnishintergrund, einmal, weil ich nicht immer im Westen lebte und dann in Berlin häufig Kontakte nach drüben hatte, auch nach dem 13.8.61. In vieler Hinsicht ausschlaggebend ist die informationelle Basis durch authentische Berichte, nicht von DDR-Gegnern sondern von Anhängern des Systems, die ein Scheitern verhindern und Missstände im anderen dt. Staat beseitigen wollten. Biermann, Bahro u.a. waren überzeugte Kommunisten, nur intelligenter als SED-Apparatschiks.

Als Beispiel eines solchen reformorientierten Kommunisten einige Links:
http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/40349849
http://www.amnesty.de/umleitung/1980/deu03/002
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40349158.html
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40349850.html
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40348754.html
http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/40349156

Klaus hat mehrfach auf die Zeit hingewiesen, in der seine völlig verarmte Mutter um die Rente kämpfte und sich in ihrer Not an den Staatspräs. W. Pieck wandte. Es ist ja nicht so, dass jeder sofort niedergeknüppelt wurde, der in der DDR anderer Meinung war und sich an die Staatsgrößen wandte. Jeder Bürger hatte das Recht, sich mit Fragen und Bitten an Politiker zu wenden. Auf dem Papier jedenfalls stand es geschrieben.

Der geschilderte Fall von Klaus´ Mutter fiel in die 50er Jahre. Es war die Zeit eines harten Umbruchs und der gesellschaftlichen Umgestaltung, die Millionen von Bürgern der DDR ihre Heimat verlassen ließ. Von 1945 bis 1990 waren es schließlich fast vier Mio Menschen, in Mitteldtld, die mit den Füßen abstimmten. Dem Staat DDR liefen die Menschen in Scharen davon.

Der Bau der Mauer (pardon: des antifaschistischen Schutzwalls) war ein Einschnitt in der Geschichte der DDR. Die Bürger mussten sich einrichten im Staat. Kennzeichnend für die Nach-Mauer-Generation war, dass sie Realität und Wirklichkeit gemäß den Ansprüchen der SED mit dem verglich, was sie mit den eigenen Augen sahen und erlebten. Sie benennen die Mängel des Systems und wollen es verbessern. Wir im Westen bezeichnen das als immanente Kritik des Systems. In der DDR wurde das anders gesehen. Sie betrieben, was der Chef-Ideologe Kurt Hager eine "undialektische Entgegensetzung von Ideal und Wirklichkeit" nannte. Was nichts anderes heißt, als dass das Ideal als bereits real vorhanden anzusehen und die Wirklichkeit nach dem Ideal (der kommunistischen Lehre also) zu bewerten sei. Wer das nicht tat, war eben ein Konterrevolutionär.

Die Zahlen, die für ÖKonomen vorlagen, ferner die eigene Erfahrung in der DDR, sowie das Westfernsehen, das ohnehin alles besser aussehen ließ als es wirklich war, wiesen auf eine Mängelwirtschaft hin mit Defiziten in Produktivität und Innovationsfähigkeit aber nicht auf einen Zusammenbruch des Systems. Nach Osten blickte man nicht, da hätte man stolz über das Erreichte sein müssen. Hinzu kam eine öde Propagandamaschinerie, ein Berichtswesen, bei dem jeder die Wirklichkeit so schilderte, wie sie von oben gewünscht wurde. Angesichts des militärischen Kräfteverhältnisses dachte aber niemand an einen Kollaps des Systems. Im Westen erst recht nicht.

Durch die Vorgänge in Polen, wo die Herrschaft der Partei eher Ende der 70er Jahre zur Fassade geworden war und längst eine Art Pluralismus herrschte, hätte man gewarnt sein können. Aber der Macht der Ideen traute man große Veränderungen nicht zu, was nicht an mangelnder Einsicht, sondern eher an der Lehre des Histomat lag.

Anders als in Polen, wo der Kampf um die nationale Befreiung auch bei den Intellektuellen Tradition hatte, wo die kath. Kirche starken Einfluss hatte, war in der DDR kein Wandel festzustellen. Woher auch? Im täglichen Leben der DDR manifestierte sich, wie ausländische Beobachter feststellten, die deutsche Tradition der Identifikation mit der Obrigkeit. Identifikation bedeutet in einem Überwachungsstaat eben auch Hörigkeit und Unterwerfungsbereitschaft. Das ist ein typisches Produkt der deutschen nationalen Geschichte. Die Arbeiter verrichteten pflichtgemäß ihre Aufgaben und legitimierten damit das System. Die Intellektuellen standen großenteils zum Staat und zur Partei. Die große Masse der Bevölkerung privatisierte, führte ein Doppelleben in der Nische und freute sich an den Parolen des Staates: "Wachstum, Wohlstand, Stabilität." Das sind übrigens auch bei den Parteien im Westen bekannte Slogans.

In Polen dagegen gab es eine über 200 Jahre alte Tradition der nationalen Behauptung und Selbstbefreiung. Ebenso in der Tschechoslowakei die Erinnerung an die Zwischenkriegsjahre- In der DDR aber nur die Erinnerung an die innerlich zerrissene Weimarer Republik mit zum Teil schlimmen Erinnerungen an Pereikämpfe. Die Demokratie ging bereits 1930 in eine Präsidialdiktatur über. Dann die Hitler-Diktatur.

Stasi-Chef Mielke wirkt für mich durchaus glaubhaft, wenn er die Tätigkeit seines Ressorts so charakterisiert: "Die Tätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit und die dabei erzielten Ergebnisse wären undenkbar ohne die tatkräftige Hilfe und Unterstützung der Bürger unseres Landes." Damit demonstrieren, meint er, die Bürger "hohes Staatsbewusstsein." Zumindest zeitweise schon. Das ist aber nicht Bekenntnis zum Sozialismus sondern Lobpreisung preußischer Tugenden. Deutsche Tugenden bewogen DDR-Bürger der DDR-Regierung eine beschränkte Legitimität zuzugestehen. Im Westen wurde das als durchaus zulässig angesehen. Wir sind mit diesen Einstellungen vertraut. Wie anders sollten Menschen aber auch dem dauernden Druck standhalten? Diese Frage muss gestellt werden. Der Staat garantiert Ordnung und Sicherheit und Wohlstand. Dafür wird dem Staat ein Platz im Herzen der DDR-Bürger eingeräumt. Ihr tägliches Plebiszit geben die Bürger durch die Qualität ihrer Arbeit. Ein modus vivendi. Wem das aber nicht passt, der kann gehen, wird gegangen oder zurecht gestutzt.

Der Staat erhebt den totalen Anspruch auf Kollektivierung des sozialen Lebens. Diesem Anspruch entzieht sich der Bürger durch Flucht in die Privatsphäre (Datschenkultur): Trennung von Privatleben und Politik. Deshalb auch die Suche nach freundschaftl Zusammenhalt unter den Menschen, den viele DDR-Bürger im Westen vermissen.

Der Kommunist Reiner Hoefer spricht in seinem Memorandum (s. Links) und seinem Brief an Honecker davon, dass Menschen "unmündig" gemacht werden. Ihm fehlt im Schulsystem die Schulung des selbstständigen Denkens. Der (aus der DDR ausgebürgerte) Kommunist Bahro spricht von der Subalternität der DDR-Bürger. Der Unterschied zu Polen wird damit deutlich. Der Kritiker Hoefer landete übrigens in Bautzen. Staat und Partei (die Avantgarde der Arbeiterklasse) benötigten keine Kritiker.

Lupus meint die Frage nach Minderwertigkeitskomplexen bei der Machtelite bejahen zu müssen. Aber der Blick nach Westen auf den Klassenfeind zeigt m E. keinen Minderwertigkeitskomplex. Dabei stützte man sich doch auf eine NVA, Kampfgruppen, eine Staatssicherheit, die GST und nicht zuletzt auf eine jederzeit einsatzbereite Westgruppe der Roten Armee, die feste Verankerung im Warschauer Pakt. Dazu die Geschlossenheit des sozialistischen Lagers, die Lehren der Klassiker (Marx; Engels, Lenin) und das gefestigte Bewusstsein,welches beanspruchte die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung zu kennen und in der Praxis danach zu handeln (Einheit von Theorie und Praxis).
pschroed
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Re: Stolz auf die DDR ?
geschrieben von pschroed
als Antwort auf lupus vom 22.10.2014, 17:54:11
Hallo Lupus.

Das ist schon hart, unvorstellbar wie wenig der Mensch respektiert wurde.

Phil.
wandersmann_1
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Re: Stolz auf die DDR ?
geschrieben von wandersmann_1
als Antwort auf lupus vom 22.10.2014, 17:54:11
Der Besenbindersohn erhielt kein Stipendium, da Sohn eines Selbständigen.
Der Gärtnersohn erhielt ein Stipendium, da Gärtnereien zur Landwirtschaft gezählt wurden.

Tragisch aber Tatsache.

lupus


Das muss dann aber in den 60-ern oder den frühen 70-ern gewesen sein, wobei es meines Wissens nach auch in dieser Zeit Stipendien für die Kinder von Selbständigen gab, diese richteten sich nach der Höhe des Unternehmensgewinns, wie sich auch das der Kinder von Arbeitern und Angestellten nach der Höhe des Bruttoeinkommens der Eltern richtete.
Zu meiner Studentenzeit bekam jeder ein Grundstipendium von 200 Mark. Wer zuvor 3 Jahre bei der Fahne war bekam 300, und wer mindestens 3 Jahre gearbeitet hatte - 280. Diese Stipendien wurden unabhängig vom Einkommen und unabhängig vom sozialen Stand der Eltern des Studenten gewährt. Der Platz im Studentenwohnheim der jeweiligen Uni kostete 10 Mark im Monat. Und wer nicht ganz aufm Kopp gefallen war, bekam ab dem 4. Semester zusätzlich noch ein Leistungsstipendium von 80 Mark.

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dutchweepee
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Re: Stolz auf die DDR ?
geschrieben von dutchweepee
als Antwort auf wandersmann_1 vom 22.10.2014, 19:04:05
@wandersmann

Deine Angaben sind hundertprozentig korrekt. Ich hatte 300 Mark Stipendium + hundert Mark weil ich für eine gewisse Anzahl Fallschirmsprünge das Bestenabzeichen der NVA bekommen habe.

Hinzufügen könnte man noch, dass jeder von uns für ein Zimmer im Studentenwohnheim (200 m Luftlinie zur Mensa) damals 19 Mark "Miete" bezahlt hat und ein belegtes Brötchen in der Mensa 20 Pfennig gekostet hat. Trotzdem habe ich nebenbei in der Kelterei Lockwitzgrund gejobbt, weil ein Glas Bier immerhin 50 Pfennig gekostet hat und davon haben wir ne Menge in den Studentenclubs ausprobiert.

P.S.: Stipendium ist übrigens nicht mit Bafög zu vergleichen - das musste man nicht zurück bezahlen.
lupus
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Re: Stolz auf die DDR ?
geschrieben von lupus
als Antwort auf wandersmann_1 vom 22.10.2014, 19:04:05
Ja, das war 1959.
Als Sohn eines Angestellten hätte ich keine Stippe bekommen, war jedoch selbst
5 Jahre Arbeiter, sodaß meine Herkunft nicht maßgebend war.

lupus
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Re: Stolz auf die DDR ?
geschrieben von lupus
als Antwort auf carlos1 vom 22.10.2014, 18:30:20
Hallo Carlos
ich leitete meine Meinung von einer tatsächlichen Begegnung ab, die kurz vor der Wende stattfand.
Ein Staatsekretär , immerhin die Leitungsebenen nach dem Minister, klagte über folgende Begebenheit:
Für seinen Urlaub am Schwarzen Meer durfte er, wie der normale Bürger, auch nur eine begrenzte Summe Geld tauschen. "Westgeld" besaß er nicht und erlebte nun die erniedrigende Situation, daß er sich das nicht leisten konnte, was ein Miturlauber, ein Handwerker aus der Bundesrepublik mit seinem Geld erreichte.
Auch hier zeigte sich die getrennten Denkweise. Privat fühlte er minderwertig, offiziell hätte er das nie gesagt oder sagen können.

lupus

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dutchweepee
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Re: Stolz auf die DDR ?
geschrieben von dutchweepee
als Antwort auf lupus vom 23.10.2014, 11:46:18
@lupus
Auf jedem VPKA und in jeder Sparkasse lagen die Umtauschformulare stapelweise rum. Jeder der nicht mit dem Klammerbeutel gepudert war wusste, dass man damit vor Ort Geld nachtauschen konnte. Als Student hatte ich selbst aber leider mehr Formulare, als Geld zum tauschen.

:)
Re: Stolz auf die DDR ?
geschrieben von klaus
als Antwort auf dutchweepee vom 23.10.2014, 12:02:15
"Auf jedem VPKA und in jeder Sparkasse lagen die Umtauschformulare stapelweise rum. Jeder der nicht mit dem Klammerbeutel gepudert war wusste, dass man damit vor Ort Geld nachtauschen konnte. Als Student hatte ich selbst aber leider mehr Formulare, als Geld zum tauschen."


Na - gucke - so einfach war das?

Lediglich bei Reisen in die Sowjetunion und Polen war die DDR-Mark frei eintauschbar, in die übrigen Länder war der Umtauschsatz auf 30 (CSSR bei mehrtägigen Reisen 40 Mark pro Tag) begrenzt. Für Ungarn Ende der 80-ger sogar mit einer Obergrenze v. gerade mal etwa 380 DDR-Mark für 13 Tage.
Dabei war es ohnehin schwierig ab Mitte der 70-iger z.B. nach Polen zu kommen.

Der Rest wurde ev. im Urlaubsland illegal "umgetauscht".
Dabei waren viele Länder ( ganz besonders Ungarn) an der DDR-Mark sehr wenig interessiert und man zahlte drauf. Besser zum Umtausch eigneten sich illegal eingeschmuggelte Waren - wobei sich die Waren-Favoriten je nach Land variierten und im Laufe der Jahre sich änderten. Man informierte sich vorher eben genauer.

Wie du auf die HERUMLIEGENDEN zusätzlichen Umtauschformulare bei der Sparkasse ( wenn schon - dann bei der Notenbank, denn die Sparkassen hatten mit dem Umtausch nichts zu tun) und bei der Polizei kommst, ist mir ein Rätsel.
Da musst du irgendwas verwechselt haben.
Beim VPKA bekam man die "Reisegenehmigung" und damit die Genehmigung im vorgeschriebenen Rahmen bei der Notenbank Geld zu tauschen.
puckin
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Re: Stolz auf die DDR ?
geschrieben von puckin
als Antwort auf klaus vom 23.10.2014, 15:48:02
Mir ist auch nix von irgendwelchen herumliegenden formularen bekannt.
Ich mußte immer den ausweis meiner mutter vorlegen um ein paar tschechenkronen mehr tauschen zu können.
Die mußte man dann noch unerkannt über die grenze bringen, ein auffliegen dieses "schmuggels" hatte böse konsequenzen, auch auf der arbeitsstelle.
Die beiträge von dutchwe lesen sich meist ganz lustig, manche aber auch als hätte er in einem anderen land gelebt.
Ich mußte leider vielfach weniger lustige erfahrungen machen.
lupus
lupus
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Re: Stolz auf die DDR ?
geschrieben von lupus
als Antwort auf dutchweepee vom 23.10.2014, 12:02:15
Oh, wenn ich das gewußt hätte, da brauchte ich keinen 50-Mark-Schein in den Akten als Notgeld versteckt mit auf Dienstreise nach Ungarn schmuggeln!

Es war aber wohl nicht so.

Kurios! Eines Tages mistete ich den Schreibtisch aus. Nahm aus dem Papierkorb ein Bündel zurück, blätterte durch und fand 50 Mark.

lupus

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