Forum Politik und Gesellschaft Internationale Politik Twelve Stars Philosophie-Projekt III: Betriebe sollten von Arbeitnehmer/innen geführt werden und die EU sollte solche neuen Formen fördern

Internationale Politik Twelve Stars Philosophie-Projekt III: Betriebe sollten von Arbeitnehmer/innen geführt werden und die EU sollte solche neuen Formen fördern

TNolte
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Twelve Stars Philosophie-Projekt III: Betriebe sollten von Arbeitnehmer/innen geführt werden und die EU sollte solche neuen Formen fördern
geschrieben von TNolte
"Die zwölf Sterne in Europas Flagge stehen für Europas Einheit in Vielfalt. Das Twelve Stars Project bringt Bürger/innen und praktische Philosoph/innen aus ganz Europa ins Gespräch über Vorschläge zur Zukunft der Europäischen Union.
Über zwei Dutzend Philosoph/innen haben zunächst im Netz konkrete Vorschläge gemacht."

So steht das auf der Website des Philosophie-Projekts "Twelve Stars".


Lisa Herzog (Philosophin) wird im Wikipedia-Personeneintrag als geboren 1983 in Nürnberg, als deutsche Philosophin und Sozialwissenschaftlerin vorgestellt. - "Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre, Philosophie, Politikwissenschaft und Neuerer Geschichte wurde sie 2011 an der University of Oxford mit einer Arbeit über Märkte und politische Theorie im Denken von Adam Smith und Georg Wilhelm Friedrich Hegel promoviert. Die Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Sir Ernest Barker Prize for Political Theory. 2012 erhielt sie den Ernst-Bloch-Förderpreis." 

Ihre Kernthese lautet:
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Die EU sollte neue Formen der Unternehmensführung fördern. Diese können vielfältige Strukturen haben: von selbstorganisierten Teams über Unternehmen mit zwei Kammern für Arbeit und Kapital bis hin zum traditionellen Genossenschaftskonzept, bei dem der Betrieb den Mitarbeiter/innen gehört."

Herzog kritisiert m.E. zu Recht die Macht der multinationalen Konzerne, die über die nationalstaatliche Macht und deren finanzkapitalen Fähigkeiten hinausgeht.

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Am Arbeitsplatz der Zukunft werden Roboter und Algorithmen eine immer größere Rolle spielen." - Und die Autorin fragt zurecht: "Werden wir in Zukunft alle für niedrige Löhne und unter schlechten Arbeitsbedingungen schuften, so wie es die Angestellten in Amazons Warenlagern bereits heute tun? Werden wir zu jenen Clickworkern gehören, die per Internet Kleinstaufgaben für Unternehmen verrichten? Werden Arbeitnehmer/innen, so wie es bereits Marx befürchtete, bloße Anhängsel der Maschinen sein, deren Arbeitsbedingungen von den Besitzer/innen jener Maschinen diktiert werden? Oder können wir optimistischer in die Zukunft blicken und auf ein Szenario hoffen, in dem Arbeitnehmer/innen Roboter und Algorithmen für Routineaufgaben benutzen und den Kopf so für humanere und sozialere Aufgaben frei bekommen?"

Lisa Herzog fordert deshalb mehr Mitbestimmung in herkömmlichen Unternehmen und erinnert genossenschaftliche Mitbestimmung in Landwirtschaft und Banken, die die EU im Rahmen von Privatisierung des Kapitals abschaffen wollte. Erst die Finanzkrise 2007 offenbarte die Stärke genossenschaftlich organisierter Banken.

"Der digitale Wandel verleiht dem alten Konflikt zwischen Kapital und Arbeit eine neue Dringlichkeit, da er Arbeitnehmerrechte zu untergraben droht."

Die Digitalisierung kann klassische hierarchische Machtstrukturen zu Gunsten von horizontalen, mitbestimmten "flachen Hierarchien" ablösen. - Warum nimmt die EU systematische Steuervermeidung in dreistelliger Milliardenhöhe von global agierenden Konzernen hin und fördert stattdessen so wenig mitbestimmte Klein- und Mittelbetriebe? - Ist es der negative Lobbyismus der Konzerne und ihrer weltweit agierenden Steuerkanzleien, der ein Umdenken und Handeln verhindert?

Lisa Herzog schlägt in Unternehmen zwei Kammern vor – eine für Kapital und eine für Arbeit.

"Derweil erlebt die traditionelle Idee der Genossenschaft eine Renaissance im sogenannten Platform Cooperativism, der das genossenschaftliche Prinzip, dass Arbeiter/innen auch Eigentümer sind, auf Onlineplattformen anwendet."

Das ist eine durchaus machbare Idee, die staatlicherseits gefördert werden müsste. - Man denke aktuell allein an die exorbitant ansteigenden Großstadtmieten, weil Finanzkonzerne mit Wohnungen (ein Menschenrecht) riesige Gewinne zu Gunsten ihrer Aktionäre machen.

Im Wirtschaftsleben fordert Herzog: "Die Machthaber/innen schulden denjenigen Rechenschaft, über die sie ihre Macht ausüben."

"Die EU könnte [...] Startkapital für Firmen bereitstellen, die neuartige, arbeitnehmerfreundlichere Strukturen ausprobieren." propagiert Herzog.

Vielfach wird gegen eine stärkere Arbeitnehmer-Beteiligung eingewendet, "dass Arbeitnehmer/innen nicht die Fähigkeiten besitzen, die es braucht, um Unternehmen zu führen." - Ich frage mich, wozu gibt es Gewerkschaften und Volkshochschulen, um den ArbeitnehmerInnen das nötige Wissen zu vermitteln?

Außerdem sprechen die zahlreichen durch Manager herbei geführten Verluste (mit anschließendem "goldenen Handschlag" per Abfindung) und Insolvenzen (ohne Antastung des Privatvermögens) gegen deren Kompetenz.

Herzog spricht sich aus Gründen mangelnder betriebswirtschaftlicher Kenntnisse des einzelnen Arbeitnehmers gegen eine direkte, aber für eine repräsentative Demokratie am Arbeitsplatz aus. 

Sie thematisiert auch das Unternehmerrisiko, das einfache Arbeitnehmer nicht ohne weiteres tragen können / wollen. Sie erinnert daran, dass Eigentumsrechte von Firmeninhaber/innen auch "stets durch gewisse Vorschriften beschränkt [sind], etwa im Bereich der Umweltverträglichkeit oder Arbeitssicherheit."

Positiv merkt Herzog an, "Mitarbeiter/innen demokratisch geführter Unternehmen dürften motivierter sein und weniger zur Sabotage oder Zeitverschwendung neigen, wenn sie die Firma als eine gemeinsame Unternehmung erleben, an der sie Anteil haben."
 
Wer mag dem widersprechen?
 
 
 
RE: Twelve Stars Philosophie-Projekt III: Betriebe sollten von Arbeitnehmer/innen geführt werden und die EU sollte solche neuen Formen fördern
geschrieben von dicker68
als Antwort auf TNolte vom 10.04.2019, 01:24:07

Karl Marx, einer der großen Philosophen, hatte schon ähnliche Gedanken. Ein Großfeldversuch wurde auch in den "sozialistsch geführten Ländern" durchgeführt. Das Endergebnis war fatal - ein Mißerfolg.

Versuch der Ursachenanalyse:

  • Jeder Mitarbeiter konnte sich qualifizieren und Kariere machen bis zum Betriebsleiter. Er führte mit einem beratendem Gremium den Betrieb. Diese Form hat sich bewährt, da die Mitarbeiter unmittelbar das Betriebsklima mit beeinflussen konnten. Bewertung: positiv
  • Jeder Betrieb war in seinem Produktionsprofil dem Staat unterstellt. Der Betrieb hatte keinen bis kaum Einfluß auf was gefertigt wurde. Mengen und weitere Pararmeter wurden vorgegeben. Die Mitarbeiter durften lediglich den Produktionsprozess optimieren. Bewertung: negativ
  • Alle Roh- und Hilfsstoffe wurden zentral gesteuert vergeben. Da an allem Mangel herrschte eine stetes Problem. Mitarbeiter durften durch Optimierung Einsparungen erzielen, diese kamen aber den Betrieben nicht unmittelbar zu gute. Eingesparte Materialien wurden wieder der zentralen Vergabe anheim gestellt. Bewertung: negativ
  • Die Preisgestalltung erfolgte durch den Staat. Viele Preise waren aus politischen Gründen extrem niedrig gehalten und damit eigentlich unwirtschaftlich. Für nicht auskömmliche Preise erhielt der Betrieb Stützung. Bewertung trotzdem: negativ
  • Der Staat verteilte den "Mehrwert" der Produktion nach unwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Die Betriebe erhielten zu wenig Mittel zur Instandhaltung/Erneuerung der Produktion. Viele Ausfälle waren zwangsläufig. Die Betriebe wurden auf "Verschleiß gefahren". Wesentliche Mittel wurden für politische Zwecke ausgegeben (Militär, Grenzsicherung, staatliche Überwachung der Bevölkerung, Propaganda)
Im wesentlichen lief alles über den Entusiasmus der Menschen ab. Ohne sie wäre so manches mal die katastrophale Entscheidungslage der staatlichen Führung noch katastrophaler ausgegeangen.

Nun machen sich Philosophen wieder Gedanken. Eigentlich gut, nur wieder mit den gleichen Fehlern..? Oder will man dieses mal nicht auf den Entusiasmus der Menschen setzen..? So wie ich den Beitrag von dir, lieber @TNolte, verstehe wohl ja. Ich bin mir nicht sicher wie das funktionieren soll, denn die Menschen haben sich bereits einmal eingesetzt und nichts zurück bekommen.
Ich sehe eine "genossenschaftliche" Basis in den Betrieben mit einer sich einmischenden Politik sehr kritisch. Ich fürchte das der Erfolg wiederum ausbleibt.
karl
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Administrator

RE: Twelve Stars Philosophie-Projekt III: Betriebe sollten von Arbeitnehmer/innen geführt werden und die EU sollte solche neuen Formen fördern
geschrieben von karl
als Antwort auf dicker68 vom 10.04.2019, 13:41:04

So wie ich dies verstanden habe, ist ja nicht die Abschaffung des Kapitalismus geplant, sondern die Beteiligung der Mitarbeiter an den Firmen im kapitalistischen System. 

Im Grunde wird dies im großen Ausmaß bisher nur bei den Spitzenmanagern durch Aktienoptionen bei Großbetrieben so gehandhabt. Damit sollen diese motiviert werden, sich reinzuhängen. 

Warum soll das nicht auch bei normalen Mitarbeitern in Kleinbetrieben funktionieren?

Wenn Freiwilligkeit gegeben ist und dies nicht mit staatlichem Enteignungszwang abläuft, finde ich das gut. 

Karl


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schorsch
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RE: Twelve Stars Philosophie-Projekt III: Betriebe sollten von Arbeitnehmer/innen geführt werden und die EU sollte solche neuen Formen fördern
geschrieben von schorsch
als Antwort auf TNolte vom 10.04.2019, 01:24:07

@".... Werden wir zu jenen Clickworkern gehören, die per Internet Kleinstaufgaben für Unternehmen verrichten? ....."

Bitte eine grosse "Motivation" der Unternehmer nicht vergessen: Der Arbeitnehmer wird so zum Kleidungsstück, das man nach Bedarf und nach Lust und Laune aus dem Kleiderkasten auswählt - und nach Gebrauch wieder ruhigen Gewissens an den Kleiderbügel hängen kann nach dem Motto: Der Profit gehört mir, das Risiko dem Klickworker!

RE: Twelve Stars Philosophie-Projekt III: Betriebe sollten von Arbeitnehmer/innen geführt werden und die EU sollte solche neuen Formen fördern
geschrieben von dicker68
als Antwort auf karl vom 10.04.2019, 14:48:02
So wie ich dies verstanden habe, ist ja nicht die Abschaffung des Kapitalismus geplant, sondern die Beteiligung der Mitarbeiter an den Firmen im kapitalistischen System. 

Im Grunde wird dies im großen Ausmaß bisher nur bei den Spitzenmanagern durch Aktienoptionen bei Großbetrieben so gehandhabt. Damit sollen diese motiviert werden, sich reinzuhängen. 

Warum soll das nicht auch bei normalen Mitarbeitern in Kleinbetrieben funktionieren?

Wenn Freiwilligkeit gegeben ist und dies nicht mit staatlichem Enteignungszwang abläuft, finde ich das gut. 

Karl
geschrieben von karl
In den Großbetrieben bedeutet "sich reinhängen" von seiten der Cheffetage das der Malocher unten einen Tritt bekommt - von "Mitsprache und so" ist da keine Rede.
Und beim Kleinbetrieb soll das funktionieren..? Die sind meist Zulieferer der Großen und entsprechend klein ist die Marge. Und da soll der Cheff sich auch noch was sagen lassen..?

Mag sein das es in Lummerland klappt, aber in Europa..?
RE: Twelve Stars Philosophie-Projekt III: Betriebe sollten von Arbeitnehmer/innen geführt werden und die EU sollte solche neuen Formen fördern
geschrieben von mart1

Das  GERÄTEWERK MATREI ist seit vielen Jahrzehnten so organisiert und fährt gut damit.


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