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Internationale Politik Wirtschaftskrieg nach altem Muster

olga64
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Re: Wirtschaftskrieg nach altem Muster
geschrieben von olga64
als Antwort auf klaus vom 18.12.2014, 11:12:00
Beim Interview mit der ARD sagte Herr Putin ja noch vollmundig, die EU-Sanktionen würden Russland nicht treffen und prognostizierte ein Wirtschaftswachstum von mindestens 2% p.a. für die nächsten Jahre. Er wusste es sicher damals schon besser oder er hat seine Träume geschildert für ein Land, in welchem ja viele Putin-Versteher leben.

Die Leute, die dies schon frühzeitig anders gesehen haben, haben ihr Geld schon vor Monaten in Sicherheit gebracht - die Durchschnittsbevölkerung lebt jetzt von Löhnen und Renten, die noch weniger als die Hälfte wert sind. Bin gespannt, wie lange die sich die Alleinherrschaft eines Herrn Putin noch leisten können wollen.

IRgendwann muss Russland die Weltgemeinschaft zu Hilfe rufen, da auch die Staatsreserven dezimiert und nicht mehr nennenswert erhöht werden können, weil die Einnahmen seit Monaten zurückgehen.
Vielleicht ist dies dann ja ein WEg, um wieder vernünftig zusammen zu verhandeln mit dem Ziel, dass auch Russland zu den Versprechen steht, die es machte. Olga
carlos1
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Re: Wirtschaftskrieg nach altem Muster
geschrieben von carlos1
als Antwort auf olga64 vom 18.12.2014, 14:57:57
"...dass die Sanktionen Rußland nicht (wirklich) treffen würden und dass Rußland seine Wirtschaft darauf einstellen und die fehlenden Produkte selbst produzieren würde." ingo


ingo, Putin u. a. behaupteten sogar, dass Russland autark sei, d. h. unabhängig vom globalen Wirtschaftsgeschehen sich selbst mit allem Nötigen versorgen könne. Angesichts der Größe, dem Rohstoffreichtum des größten Flächenstaates der Welt ist dies für einen Laien zwar fast plausibel, nicht aber für Ökonomen. Schiere Größe allein macht nicht autark.

Minister Uljukajew war vor kurzem auf Besuch in Stuttgart (in einem Beitrag bereits erwähnt) bei der IHK und hat dort in einem sehr gut besuchten Vortrag über Investitionen in Russland gesprochen und dazu eingeladen. Eine Bemerkung von ihm wurde in der Presse zitiert: Man schlachtet doch kein Huhn, das goldene Eier legt. Dies auf die Frage, wie sicher Investitionen vor möglichen Verstaatlichungen seien.

Der Kapitalabfluss aus Russland macht sich jetzt auch in der Schweiz bemerkbar, die Negativzinsen auf ausländische Kapitaleinlagen ab einer bestimmten Größenordnung einführte.

Nicht nur "ausländische Einflüsse" (Putin) befeuern die Krise, sondern auch das Verhalten der russischen Konsumenten und Firmen. Privatleute tauschen seit längerer Zeit schon Rubel in Dollar/Euro. Räumen ihre Rubelkonten leer. Russische Exporteure, die zum Jahresende Steuern entrichten müssen, haben ebenfalls längst durch Umtausch in Hartwährungen vorgesorgt. Ein Kunde teilt mit: Einen 20-Dollarschein habe er in Rubel getauscht und damit die hohen Rechnungen für die Wohnnebenkosten, Telefon und Strom bezahlt. Zu normalen Zeiten hätte er dafür nicht mal ein Hundertdollarschein gereicht (Stuttgarter Zeitung, 18.12.14; Seite 11: "Russen zerrinnt das Geld zwischen den Fingern").

Olga meint, ich verfahre zu "milde" mit Putins Politik. Es gibt aber keinen Grund sich über die Auswirkungen der Sanktionen zu freuen. Russland ist unter Putin ein nach außen fest erscheinendes im Innern aber instabiles Gebilde geblieben. Die fehlenden Strukturreformen, die der russ. Wirtschaftsminister erwähnt, sind eine stehende Redewendung in der Diskussion. Absolut keine Neuigkeit. Ebenso die Abhängigkeit des Staatshaushaltes von den Rohstoffausfuhren. Wer Putin treffen wollte, musste sich nur die schwachen Stellen aussuchen. Nur Putin ahnt offiziell nichts von Schwachstellen. Schließlich hat er die olympischen Spiele ausgerichtet und wird die Fußball-WM veranstalten. Die Krim hat er auch heimgeholt ...... .

Kein Grund jedoch für Genugtuung, weil die Krisen eines Staates in einer globalisierten Weltwirtschaft negative Folgen in anderen nach sich ziehen. Deutsche Firmen in Russland leiden unter der fehlenden Kaufkraft der Russen ebenso wie russische Firmen. Die Erfahrungen aus internationalen Krisen zeigen, dass sie Ansteckungsgefahr groß ist. Örtlich begrenzte Krisen breiten sich rasch global aus oder verstärken negative globale Trends. Sind dann nur noch schwer einzudämmen. Ein Spiel mit dem Feuer. Die Befürworter von Sanktionen haben das noch nicht in Erwägung gezogen. Die 3% Anteil Russlands am dt. Außenhandel sind für sich nicht entscheidend. Das ist nur die Zahl, die unser Land betrifft. Die EU aber insgesamt ist auch betroffen.
ingo
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Re: Wirtschaftskrieg nach altem Muster
geschrieben von ingo
als Antwort auf carlos1 vom 18.12.2014, 18:40:44
Ich kann Deine Gedanken nachzuvollziehen, Carlos. Beim "Spiel mit dem Feuer" weiß ich allerdings nicht, wen oder was Du meinst. Meine Meinung: Putin hat mit dem Feuer gespielt und lange geglaubt, er könne allen Gegenwinden standhalten. Das war Selbstüberschätzung. Er hat m.E. bisher darauf vertraut, dass er den Westen mit seinen Öl- und Gasvorkommen abschrecken könne. Selbst rund 20 Gespräche mit Frau Merkel haben ihn nicht vom Ernst der Lage überzeugen können. Ich glaube allerdings, dass sein Wirtschaftsminister ihn gewarnt hat. Nun liegt das Kind im Brunnen, und ich habe keine Ahnung, wie man es da wieder rausbekommt. Putin will schließlich sein Gesicht nicht verlieren. Das Thema wäre ja sofort erledigt, wenn Putin die Ost-Ukraine wieder freigeben würde. Aber da bekäme man eher ein Kamel durchs Nadelör.
Was ich mir übrigens nicht zusammenreimen kann, ist, ob die US-Regierung aktiv am Ölpreis-Sinkflug beteiligt ist, um die Vormachtstellung der USA ins Blickfeld zu rücken. Das will auch ich nicht ausschließen. Das wäre allerdings brandgefährlich. Erfahren würden wir sowas aber nie. Deshalb wäre das nur Spekulation.

Hier noch eine Einschätzung aus der heutigen Neuen Presse, Hannover, die ich teile:

Verbale Kraftmeierei
Das Jahresende ist üblicherweise die Zeit der nachdenklich-besinnlichen Worte. Doch Russlands starker Mann bleibt sich treu. Statt Signale der Verständigung zu senden, trumpft Wladimir Putin mit Schuldzuweisungen auf. Der Präsident schiebt allein dem Westen die Schuld an der Ukraine-Krise zu, weil der sich angeblich in Sieger-Manier über russische Interessen hinwegsetzt und mit Waffen des Wirtschaftskrieges Moskau in die Knie zwingen will. Diese Auslegung der Dinge ist natürlich eine Geschichtsverdrehung, weil sie Völkerrechtsbruch und militärische Aggression ausblendet. Putins verbale Kraftmeierei verrät aber auch Nervosität. Erstmals hat der Kremlchef offiziell eingeräumt, dass die Sanktionen schmerzen. Putin macht sie sogar zu großen Teilen für den Absturz des Rubels verantwortlich. Auch das ist Propaganda, die von hausgemachten Problemen ablenken soll. Denn weit mehr als die Nadelstiche des Westens haben eine ruinöse Wirtschaftspolitik und die strukturelle Verletzbarkeit der russischen Ökonomie die Misere heraufbeschworen. Bezeichnenderweise sieht sein Wirtschaftsminister Uljukajew das genauso. Der Verfall des Ölpreises hat den russischen Staat an seiner Achillesferse getroffen, die Kapitalflucht ist nicht zu kompensieren. Was lange geleugnet wurde, tritt unübersehbar hervor: Auf Dauer kann Russland seine neoimperiale Machtpolitik nicht durchhalten. Die Kehrseite: Ein wirtschaftlich instabiles Russland ist auch ein Risiko. Vordergründig haben sich die Fronten zuletzt verhärtet. Das muss nicht so bleiben. Moskau ist auf den Handel mit den Europäern angewiesen. Man braucht sie nicht nur als Gaskunden. Sie können ihm bei der überfälligen Modernisierung helfen. Umgekehrt gilt: Ohne Russland gibt es keinen Frieden. Eine kluge Außenpolitik hat beides im Blick.
frank lindscheid
19.12.2014 / NP Seite 2 Ressort: NACH

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adam
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Re: Wirtschaftskrieg nach altem Muster
geschrieben von adam
als Antwort auf ingo vom 19.12.2014, 11:33:08
Ich glaube allerdings, dass sein Wirtschaftsminister ihn gewarnt hat. Nun liegt das Kind im Brunnen, und ich habe keine Ahnung, wie man es da wieder rausbekommt. Putin will schließlich sein Gesicht nicht verlieren.
geschrieben von ingo


Hallo ingo,

man sollte noch ergänzen, wie ungewöhnlich die Äußerungen von Wirtschaftsminister Uljukajew sind, denn er hat gesagt, daß die meisten Probleme Russlands hausgemacht sind und so Putin widersprochen. Das ist außergewöhnlich, da es selbst in Demokratien kaum vorkommt, daß demjenigen, der die Politik bestimmt, von einem Minister widersprochen wird.

In der Autokratie Russlands ist es schon bemerkenswert, ja gefährlich, daß dem Autokraten Putin so deutlich gesagt wird, daß eigentlich er die Verantwortung für die Wirtschfts- und Finanzprobleme trägt. Uljukajew kann so etwas nur machen, wenn er sich geschützt weiß, also entsprechend mächtige Hintermänner hat.

Das muß noch keinen Machtkampf bedeuten, zeigt aber, daß man sich im Kreml uneinig ist, was man tun soll. Es muß mindestens zwei Lager geben.

Vergessen werden sollte auch nicht, daß Putin ursprünglich so etwas wie eine "Kunstfigur" aus der zweiten Reihe war, geschaffen vom Jelzin-Clan und einigen sehr mächtigen Leuten, die ihre Pfründe, zusammengerafft in der Jelzinzeit, in die Zeit nach Jelzin retten wollten. Wie stark ist also Putins Hausmacht im Kreml? Kunstfiguren kann man schaffen und wieder abschaffen.

--

adam
ingo
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Re: Wirtschaftskrieg nach altem Muster
geschrieben von ingo
als Antwort auf adam vom 20.12.2014, 00:34:30
Uljukajew war noch viel deutlicher. Siehe weiter unten in "blau".

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