Forum Kunst und Literatur Literatur Erinnerung an einen deutschen Dissidenten und an diejenigen, die ihn quälten

Literatur Erinnerung an einen deutschen Dissidenten und an diejenigen, die ihn quälten

wolfgang
wolfgang
Mitglied

Erinnerung an einen deutschen Dissidenten und an diejenigen, die ihn quälten
geschrieben von wolfgang
Jügen Fuchs, geboren 1950, gestorben 1999. Ein Dissident. Ein Neinsager. Kein devoter Untertan. DDR-Schergen haben ihn auf dem Gewissen. Der Hass der DDR-Nostalgiker aus Ost und West verfolgte ihn bis in die Nachrufe zu seinem Tod.

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Wolfgang

Die Achse des Guten, 16.12.2010
Sein Tod kam viel zu früh - Hommage für Jürgen Fuchs
Von Vera Lengsfeld


[...]

In der DDR galt der gut aussehende Fuchs als der Kopf der literarischen Opposition. Früh und scheinbar angstfrei sprach er aus, was andere kaum zu denken wagten: die systematische , zerstörerische Schikane gegen die Soldaten der Nationalen Volksarmee, die Rekruten bis zum Selbstmord trieb, die Jagd auf desertierte sowjetische Soldaten, die immer tödlich endete, die Zensur von Veröffentlichungen, die Hohlheit der staatlichen Rituale. Dabei war nicht nur der Inhalt seiner Gedichte oder Prosa bemerkenswert, sondern auch ihre ausgereifte literarische Form.

[...]

miriam
miriam
Mitglied

Re: Erinnerung an einen deutschen Dissidenten und an diejenigen, die ihn quälten
geschrieben von miriam
als Antwort auf wolfgang vom 19.12.2010, 13:00:45
Danke dir für dieses sehr wichtige Thema, Wolfgang.

Seit dem Erscheinen der "Vernehmungsprotokolle" von Jürgen Fuchs, habe ich mich wiederholt mit seinen Aufzeichnungen befasst – und stelle immer wieder fest: die Zeit lässt sie nicht erblassen und die Erinnerung an Jürgen Fuchs wird - unter anderem durch diese Aufzeichnungen – nicht in dem Hintergrund geschoben, nein - man liest heute seine Aufzeichnungen auch mit der Befürchtung, dass sich so etwas, irgendwo in der Welt auch heute abspielt – und dass wir es vielleicht nicht wahrnehmen.

Wo fanden diese Vernehmungen statt? Im Zentralen Untersuchungsgefängnis der Stasi, in Hohenschönhausen.

Dieses Gebäude suchte man seinerzeit umsonst auf den Stadtplänen von Ost-Berlin, es existierte einfach nicht, so wie auch die Insassen des Gefängnisses im Grunde genommen, nicht existierten.

Die Behandlung der sie unterzogen wurden, nannte sich "operative Zersetzung" – ihr Ziel war die ideologische Zurückgewinnung – oder die Vernichtung z.B. durch die Unterziehung der Unwilligen, einer Überdosis von Strahlen. Jürgen Fuchs und auch einige andere, starben nach nur wenigen Jahren an Leukämie.

Auf dem Cover seiner Vernehmungsprotokolle, ist folgender Text zu lesen:

Zitat:


Das Erschreckende und Beispiellose besteht nicht in dem gewöhnlichen, alltäglichen Vorgang einer Verhaftung, der unzählige Entsprechungen hat. Das Nicht-Sagbare besteht darin, dass du verhaftet wirst. Du und kein anderer. Auf eine Art und Weise wie viele andere.
Warum ist es kein Krimi, warum keine Erzählung, warum kein Traum, meinetwegen ein Angsttraum, bei dem man aufwacht und schreit?
Warum ist es die Wirklichkeit? Alles ist so wie du es geahnt hast, und das gerade ist das Furchtbare, das Banale.


Zitat Ende.

Meines Erachtens ist dies eines der wichtigsten Themen, die hier im Unterforum Literatur oder auch bei Politik, in der letzten Zeit eröffnet wurden.

Miriam
Hinweis auf das Hörbuch "Das Ende einer Feigheit"
geschrieben von mart1
als Antwort auf miriam vom 19.12.2010, 15:06:47
Hier mit diversen Rezensionen auf Perlentaucher.

(Ich habe bisher noch nie von ihm gehört.)

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wolfgang
wolfgang
Mitglied

Re: Erinnerung an einen deutschen Dissidenten und an diejenigen, die ihn quälten
geschrieben von wolfgang
als Antwort auf miriam vom 19.12.2010, 15:06:47
"Er hat sich dadurch wie kaum jemand sonst exponiert. Viele Leute müssen ihn auf sich beziehen. Von den Einen, in deren Namen er spricht, (zu denen ich mich zähle), wird er bewundert. Von den Anderen, die seine Wahrheit nicht aushalten, gehasst und verleumdet. Die Einen bestätigt er im Eigenen, den Anderen verrutscht die Lebenslüge samt fix eingerichteter Rechtfertigung. Für beide Seiten wurde Jürgen Fuchs zum Symbol. Und beide Seiten sprechen oft über die politische Person Jürgen Fuchs, aber selten von der Qualität seiner Literatur."

1999 verlieh man den Hans-Sahl-Preis postum an JÜRGEN FUCHS. Das Zitat stammt aus der Laudatio von HERTA MÜLLER.

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Wolfgang
hugo
hugo
Mitglied

Re: Erinnerung an einen deutschen Dissidenten und an diejenigen, die ihn quälten
geschrieben von hugo
als Antwort auf wolfgang vom 19.12.2010, 16:56:44
sein 60. Geburtstag war ein Anlass für einige rückbesinnliche Stunden, vermutlich ist auch deshalb wolfgang auf dieses Thema gestoßen

von der Sorte Menschen gabs in der DDR nicht all zu viele. Und wenn, dann wurden sie entweder noch vor der Wende "gewendet" oder abgeschoben.

Also gibts viel weniger echte Zeitzeugen die sich trauen offen zu sprechen und zu berichten was sie erlebten,(wer spricht schon gerne von Seiner Kehrtwende, von seiner Ausrichtung, von seinem späteren Mittun ?)

sogar die kleinen Mitläufer sinnen und trachten seit 1990 danach eine halbwegs saubere neue Weste vorzeigen zu können,, bis hin zu unserer Bundeskanzlerin, falls sie kein besonderen Beweise Ihres Wiederstandes vorlegen können,,und wer außer Fuchs und einigen die nachweislich in ähnliche Situation gerieten, können das schon.

das zweite große Problem seh ich in der starken Position in welche sich die (wolfgang nennt sie DDR-Schergen ) nach 1990 bringen konnten. Die hatten und haben einerseits wenig Interesse an einer gründlichen Aufklärung und andererseits saßen einige von ihnen bzw sitzen wohl noch heute, in einflussreichen Positionen.
(und da meine ich nicht die bekannten linken Politiker, die kennt ja eh Jeder die sind die ungefährlichen, die weniger belasteten,)

Das ging und geht sogar soweit das ehemalige Stasi-Bedienstete -(J.Fuchs kritisiert das ja auch und verließ deshalb empört die Gauck-Behörde)in diesen Behörden beschäftigt wurden und wiederum andere, effektive Seilschaften über die Treuhand mit bundesdeutschen Schwerenötern, zur eigenen Bereicherung knüpften

Naja und die vielen anderen Vorwürfe welche den Nachwenderegierungen (besonders jener von Kohls Gnaden)zu machen ist, nimmt doch sowieso kein Mensch mehr richtig ernst,,,wie oft wurde angesprochen das mal veröffentlicht wird was Schalk Golodkowski in seinen Koffern dem Schäuble übergab,
wie oft wird noch heute enttäuscht darüber berichtet das einige tolle Wendegewinnler geworden sind und andere um ein paar € Entschädigung kämpfen müssen,,

nee eine Aufarbeitung des Geschehens wurde nie so richtig in Angriff genommen und vor Gericht kamen die -von denen Fuchs übers Foltern schreibt- sowieso nicht. Die hatten und haben wohl ihre Gewährsleute, ihre Beschützer schon beizeiten an sich gezogen, denn sie wussten ja was kommen würde,,

Da beruht so Einiges auf Gegenseitigkeit, da wurden viele Hände gegenseitig gewaschen, da passten Leute wie J.Fuchs weder vorher noch nachher ins Bild dieser "Feinen Gesellschaft".

"Im Auge der Macht- die Bilder der Stasi" falls ordentlich recherchiert, hätte ich gerne mal komplett gesehen und was sich rund um Havemanns Grundstück abspielte -in welchem J.Fuchs Obhut fand- wäre sicher auch interessant mal von einigen FDJ-Aktionären die damals dabei waren, zu erfahren,,,


hugo
miriam
miriam
Mitglied

Re: Erinnerung an einen deutschen Dissidenten und an diejenigen, die ihn quälten
geschrieben von miriam
als Antwort auf hugo vom 19.12.2010, 19:27:37
Das Thema über Jürgen Fuchs lässt mich nicht los – auch staune ich, wie wenig Anklang es hier findet.
Kann eine Wiedervereinigung als erfolgreich betrachtet werden, wenn man die Vergangenheit der einen Hälfte so wenig kennt, bzw. wenn sie auf so ein kleines Interesse stößt?

Nach meiner Auffassung, würde dies dazu gehören – und zwar als Bedingung sine qua non.

Aber es erstaunt ja nichts mehr: Jürgen Fuchs verlies die Gauck-Behörde, als er feststellte, dass ehemalige Stasimitarbeiter nun da mitmachten. (Hugo wies auch darauf).

Vergleichbar damit ist auch, dass unzählige ehemalige Nazi-Mitarbeiter, sich in Bundes- oder Landesministerien einnisteten, gleich nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, im Jahr 1949 – ein ähnliches Phänomen, welches unter anderem auch vom Fehlen eines Schuldbewusstseins zeugt.

Zu empfehlen wäre noch der Roman von Jürgen Fuchs "Ende einer Feigheit"

Zitat aus dem heutigen Artikel aus Welt Online zu Jürgen Fuchs:


In den Romanen "Fassonschnitt" und das "Ende einer Feigheit" zeigt er, wie schwer es ist, "in der Wahrheit zu leben", wie leicht Anpassung in der Diktatur ist, warum Anpassung der bequeme Weg ist und warum ein Angepasster noch lange nicht überzeugt sein oder gar zum Täter werden muss. Und hier wird auch deutlich, dass es völlig nebensächlich ist, ob es eventuell auch irgendetwas gab, was nicht schlecht war. Die entscheidende Frage ist nicht "gut" oder "schlecht", sondern "frei" oder "unfrei". Und wer kann schon ernsthaft bestreiten, dass die DDR ein extrem unfreiheitliches System darstellte? Die Mauer ist dafür zwar nur ein Sinnbild, aber das noch immer wirkungsmächtigste.

Miriam
olga64
olga64
Mitglied

Re: Erinnerung an einen deutschen Dissidenten und an diejenigen, die ihn quälten
geschrieben von olga64
als Antwort auf miriam vom 21.12.2010, 13:52:44
Einer der grössten, deutschen Irrtümer ist der Begriff "Wiedervereinigung". Es war ein Beitritt der Ex-DDR zur BRD, hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen, bzw. Hoffnung darauf und manifestiert durch die ersten, gemeinsamen Wahlen.
Nicht nur in Deutschland kamen ehemalige Nazis schon bald wieder zu Ehren - die Creme de la Creme haben sich die Amerikaner sofort geschnappt; sie führten dort ein gutes, hochbezahltes Leben. Einige andere flohen nach Südamerika, wo es ihnen mehrheitlich ebenfalls sehr gut ging - Unterstützung erhielten sie vom alten Netzwerk, das teilweise noch heute existiert (Auswärtiges Amt). Olga

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