Forum Kunst und Literatur Literatur Grosse Risiken bei der eigenen Entdeckung seines verspäteten SChriftsteller-Talents

Literatur Grosse Risiken bei der eigenen Entdeckung seines verspäteten SChriftsteller-Talents

karl
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Administrator

Re: Grosse Risiken bei der eigenen Entdeckung seines verspäteten SChriftsteller-Talents
geschrieben von karl
als Antwort auf marina vom 28.07.2011, 17:56:21
Kirk, das stimmt zwar, was du schreibst, aber es ist allemal viel besser für einen Schriftsteller, wenn er in einem richtigen, renommierten Buchverlag publizieren kann. Die Selbstvermarktung funktioniert bei weitem nicht so wirkungsvoll wie die der offiziellen Verlage.
Gut, aber wer will denn Schriftsteller werden? Die meisten Leute finden es aber schön, wenn sie ihre eigenen Gedanken einmal in der Hand halten können. Ein gutes Geschenk im Verwandten- und Freundeskreis ist es doch immer. Ich würde mir, wenn ich denn den Ehrgeiz hätte, gerne professionelle Hilfe nehmen, aber vorher den Kostenrahmen abstecken.

Karl
Re: Grosse Risiken bei der eigenen Entdeckung seines verspäteten SChriftsteller-Talents
geschrieben von Mareike
als Antwort auf enigma vom 28.07.2011, 21:36:46
Hier einfach mal eine Kostprobe aus: Abstand von Jörg Hannemann:
"Woher dann plötzlich die Hornisse kam, wußte ich schon gar nicht. Wahrscheinlich hatte sie den Unwettertag verschlafen und war nun durch die Wärme der Neonröhre erwacht. Und begann sofort zu rumoren, um das Licht herumzufliegen, knallte gegen die Sichtblende,was einen Knacklaut ergab, flog zurück zum Licht, platsch, an dem sie sich verbrannte, und zurück zur Sichtblende, die Wege zurückgelegt in einem surrenden Brummton, oder umgekehrt, also einem brummenden Surrton. Und dann wieder zum Licht, als sei es der himmlische Vater, dem sie sich zu opfern gedenke. Dass sie nicht in Ohnmacht viel, wegen des ständigen Anrempelns an und Aufknallens auf die harten Gegenstände des Menschen, war mir unverständlich. Und unverständlich war mir auch, warum eine Hornisse nicht davon lassen kann, sich mit intensivsten Flügelschlag gegen eine Lichtquelle zu schmeißen, an der sie sich verbrennen muß, das schmerzt doch, immerhin, und zurück gegen einen Widerstand, an dem ein Aufprall auch schmerzen muß und schmerzt. Jede Hornisse hat genügend Zeit, sich tagsüber der Sonne entgegenzubewegen,und sich, dort angekommen, verbrennen zu lassen. Warum benutzt sie mein Schlafzimmer dazu, warum machen die Hornisse in der Nacht eine Glühbirne oder Neonröhre zum Zentrum ihrer Existenz, oder zum Ziel ihrer Sehnsucht?
Beate, so könnte man sagen, kreischte, jedenfalls klang es hysterisch, ich solle die Hornisse sofort töten. Als das Tier endlich tot war, sagte sie, die Hornisse habe wahrscheinlich verzweifelt ihr Glück gesucht, jedenfalls das, was sie dafür gehalten habe. Warum sagte sie das?....................
Vor der Fahrstuhltür dachte ich schließlich, daß die Hornisse unsonst gestorben war."


Mareike
Re: Grosse Risiken bei der eigenen Entdeckung seines verspäteten SChriftsteller-Talents
geschrieben von marina
als Antwort auf Mareike vom 28.07.2011, 22:33:56
Mich erinnert diese Art und das, was ich in deinem vorher eingestellten Link gelesen habe, an Wilhelm Genazino, kennst du ihn?
Ich habe sehr gern einige seiner Bücher gelesen, der Protagonist ist immer ein Eigenbrötler und macht sehr scharfsinnige Alltagsbeobachtungen, die manchmal auch ein bisschen ins Philosophische gehen, aber kein bisschen prätentiös, sondern im Gegenteil oft ganz lakonisch, das gefällt mir gut.
Hannemann scheint ihm etwas ähnlich zu sein, auch ein wenig eigenbrötlerisch und mit viel Beobachtungsgabe, wenn ich das richtig sehe.

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enigma
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Mitglied

Re: Grosse Risiken bei der eigenen Entdeckung seines verspäteten SChriftsteller-Talents
geschrieben von enigma
als Antwort auf Mareike vom 28.07.2011, 22:33:56
Hallo Mareike,

danke für die Leseprobe.
Da kann ich Marina folgen in ihrem Vergleich mit Genazino.
Denn auch der Stil von Jörg Hannemann wirkt ja eher nüchtern-beobachtend, auf keinen Fall schwülstig, eher “Abstand” haltend, doch zum Ende des Textauszugs hin mit einer tatsächlich fast ins Philosophische gehenden Schlussfolgerung.
Ich werde mal versuchen, in unserer größten Buchhandlung am Ort noch mehr in dem Buch zu schmökern.


Hallo Marina,

Von Genazino habe ich nur ein Buch gelesen, und zwar dieses:

Aber ausgerechnet das bietet ja einen gewissen Bezug zu unserem Thema, weil sich da der Protagonist vom Schulversager zum Schriftsteller entwickelt hat.

Gruß, Enigma

Re: Grosse Risiken bei der eigenen Entdeckung seines verspäteten SChriftsteller-Talents
geschrieben von Mareike
als Antwort auf enigma vom 29.07.2011, 07:30:31
Ja, so schreibt er: "Scharfsinnige Alltagsbeobachtungen, die manchmal auch ins Philosophische gehen, aber kein bisschen prätentiös, sondern im Gegenteil oft ganz lakonisch!" Ich würde sogar sagen, das ist gelebte Philosophie vom feinsten.
Und dann muss ich die Altersangabe noch berichtigen: Er ist wie er selbst sagt älter als 60 , wurde 1942 in Hoyer geboren und lebt in Hamburg.


Gruss
Mareike
Re: Grosse Risiken bei der eigenen Entdeckung seines verspäteten SChriftsteller-Talents
geschrieben von Mareike
als Antwort auf Mareike vom 29.07.2011, 08:25:37
Auch der lakonische Blick aufs älter werden fehlt nicht:
"Ich fragte sie (seine neue Freundin) ob sie sich von ihrer Lebenslast ausruhen wolle, sie könne sich ein wenig hinlegen, hier auf mein Bett, es sei zwar schmal, aber...
Dafür sei es noch zu früh, sagte sie.
Das Wörtchen noch kann tatsächlich Hoffnung schaffen, ich mochte es kaum glauben; es ist also nicht nur zerschmetternd, wie wenn man zum Beispiel sagt: Er geht noch jeden Tag spazieren, oder: er ist noch nicht inkontinent, oder: noch kann er alles essen, oder: er raucht noch jeden Tag seine Zigarre, undsofort."
(Aus Abstand, Jörg Hannemann)

Mareike

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Re: Grosse Risiken bei der eigenen Entdeckung seines verspäteten SChriftsteller-Talents
geschrieben von marina
Enigma, wir haben uns über das von dir eingestellte Buch von Genazino vor langer Zeit schonmal im ST ausgetauscht, ich hatte es mal bei den literarischen Rätseln eingestellt, erinnerst du dich? Inzwischen habe ich einige mehr von ihm gelesen, ich mag seine lakonische Sprache und seinen subtilen, untergründigen Humor. Manche Leute, die ich kenne, können gar nichts mit ihm anfangen, seine Inhalte sind ja nicht so spannend, er beschreibt fast nur Alltagsbeobachtungen, manche finden das langweilig, ich nicht.
Mareike, dein Begriff „gelebte Philosophie“ trifft im Zusammenhang mit Genazino oder seinen Protagonisten nicht zu. Unter „gelebte Philosophie“ verstehe ich, dass jemand nach einem bestimmten moralischen oder ethischen oder irgend einem philosophischen Konzept, das er im Kopf hat, lebt. Die Protagonisten von Genazino tun genau das Gegenteil, sie leben in den Tag hinein – ganz und gar ohne Prinzipien.
Ich meinte mit meiner Bemerkung über das „Philosophische“, dass der Protagonist während seiner Beobachtungen manchmal so gedankliche Schlenker in diese Richtung einstreut, die sind aber nie tiefergehend, sondern werden ganz nebenbei gleichsam fallen gelassen. Und leben tut er nicht danach, er beobachtet und macht Notizen in seinem Kopf.

Ob das alles auch auf Hannemann zutrifft, kann ich natürlich nicht beurteilen. Vielleicht ist das bei ihm völlig anders.


Re: Grosse Risiken bei der eigenen Entdeckung seines verspäteten SChriftsteller-Talents
geschrieben von Mareike
als Antwort auf marina vom 29.07.2011, 10:13:39
Zitat: die sind aber nie tiefergehend, sondern werden ganz nebenbei gleichsam fallen gelassen. Und leben tut er nicht danach, er beobachtet und macht Notizen in seinem Kopf.

Ich habe den Eindruck bei Hannemann, dass er auch so lebt, alles, auch sich selbst, mit etwas Abstand und Augenzwinkern betrachtend, fast alles wird unwichtig oder gleich-wichtig, auch das ist Philosophie, in meinen Augen die Beste. Keine große Theorien sondern LEBEN, dieses merkwürdige Leben, welches sich beschäftigt mit Essen und Trinken, Putzen und Blumen kaufen, immer mit der Vorstellung irgendwann RICHTIG zu leben.

Mareike
enigma
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Re: Grosse Risiken bei der eigenen Entdeckung seines verspäteten SChriftsteller-Talents
geschrieben von enigma
als Antwort auf marina vom 29.07.2011, 10:13:39
Hallo Marina,

das hatte ich aber total vergessen, dass wir Genazino bei den Rätseln hatten.

Jetzt kann ich, um in der Nähe des Hannemann-Textes zu bleiben, (danke Mareike, auch für den zweiten Beitrag!) vielleicht nicht mehr darauf hoffen, dass jemand von mir sagt: aber ein gutes Gedächtnis hat sie noch...

Damit muss ich dann aber auch leben.

Gruß, Enigma

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