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Literatur Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe

Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
als Antwort auf Michiko vom 09.10.2021, 10:33:30
Freiwillig ging Janusz Korczak mit den Kindern seines Waisenhauses in den Tod

In einer Zeit, in der Lehrer ihre Schüler üblicherweise prügelten und Erziehung oftmals darin bestand, den Willen der Heranwachsenden zu brechen, ging er einen radikal anderen Weg. Er betrachtete Kinder und Jugendliche als vollwertige Menschen, die ebenso Rechte hatten wie die Erwachsenen und ihnen ebenbürtig waren. „Kinder werden nicht erst Menschen, sie sind es bereits“, lautete sein Credo.

Mehr unter:
https://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/nationalsozialismus/vor-75-jahren-in-treblinka-ermordet-nicht-jeder-ist-ein-schuft-freiwillig-ging-janusz-korczak-mit-den-kindern-seines-waisenhauses-in-den-tod_id_7393370.html

 
Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
Brief Feder.jpg
Samuel Johnson an Miß Boothby

31. Dezember [1755].
Mein süßer Engel, ich habe Dein Buch gelesen, doch fürchte ich. Du wirst denken: ohne viel Nutzen. Ich weiß nicht, ob Du meine Anmerkungen wirst lesen können, Du solltest Dich nicht darüber aufhalten, ich bin vielleicht nicht weniger aufrichtig als die Verfasserin ... In allen irdischen Dingen will ich mich von Deinem Einfluß führen lassen und, was Du anordnest, nehmen oder liegen lassen – aber meinen Glauben darf ich von keiner Menschenhand annehmen. Trotzdem möchte ich mich gern belehren lassen, ich bin weit entfernt, mich für vollkommen zu halten.
Ich bitte Dich, das Buch zurückzuschicken, wenn Du es gelesen hast. Ich hätte meine Randbemerkungen nicht hineingeschrieben, wenn ich es nicht von Dir gehabt und sie Dir nicht hätte mitteilen wollen.
Ich habe dabei eine neue Überzeugung gewonnen: daß in solchen Büchern nicht viel Neues steht, abgesehen von der neuen Form, die vielleicht mitunter von dem Verfasser selbst für eine neue Lehre gehalten wird. Ich hoffe aufrichtig, daß Gott, dem Du so aufrichtig dienen willst, Dich segnen wird und Dich wieder gesund macht, wenn es so am besten ist. Sicherlich kann keine menschliche Einsicht um ein zeitliches Ding anders als bedingt beten. Teurer Engel, vergiß mich nicht; mein Herz ist voll Zärtlichkeit.
Gott hat es gefallen, mich wohler werden zu lassen, ich hoffe, daß es Dich freuen wird.

Erlaube mir, der viel über Arzneikunst nachgedacht hat, Dir ein einfaches und, wie ich glaube, sehr zuverlässiges Mittel gegen Verdauungsstörungen und Schlüpfrigkeit der Eingeweide anzugeben. Dr. Larvence hat mir Deinen Fall erzählt. Nimm eine Unze fein zerstoßene Orangenschale. Teile sie in Quentchen und nimm nicht mehr als ein Quentchen auf einmal, am besten trinkst Du sie vielleicht mit einem Glas roten heißen Portwein, oder Du nimmst sie zuvor und trinkst den Wein danach. Wenn Du Zimt oder ganz gering Muskatnuß damit mischst, so kann es nichts schaden, aber es wird vielleicht zu dick und zu beschwerlich. Dies ist eine nicht unangenehme, wohlfeile und bequeme Arznei, die man, wenn sie nicht hilft, leicht wieder meiden kann.
Ich möchte aber nicht, daß Du dem Doktor davon als von meinem Mittel erzählst. Ärzte lieben kein Dreinreden, immerhin nimm es nicht ohne seine Erlaubnis. Aber laß Dich nicht zu leicht davon abbringen, weil es nach meinem Gutachten wirklich sehr heilsam für Dich sein dürfte und nicht wohl schaden kann; nimm es aber nicht zu viel in Eile, ein Quentchen in jeder dritten Stunde, oder ungefähr fünf täglich dürften für den Anfang genügen, oder noch weniger, wenn es Dir peinlich wird. Zucker dazu zu nehmen, halte ich für schlecht, höchstens alten Sirup von Quitten, aber selbst der gefällt mir nicht. Ich zöge getrocknete Schlehen vor. Hat der Doktor die Rinden erwähnt? Zerstoßen kannst Du sie kaum einnehmen, vielleicht als Tee.
Halte mich nicht für lästig, weil ich so besorgt bin. Ich liebe und achte Dich und möchte Dich ungern verlieren. A dieu, je vous recommande usw.

Meinen Bückling, meine teuere Miß!
_____________________________

Wie nett von Miß Boothby, dass sie diesen Brief aufbewahrt hat. So erfahren wir von einem wirksamen Mittel gegen Darmstörungen  und „Schlüpfrigkeit der Eingeweide“. 😃

Wer war Hill Boothby? Hier Informationen aus Wiki:
Hill Boothby (27. Oktober 1708 - 16. Januar 1756) war eine Freundin und spätere Liebe von Samuel Johnson. Man nannte sie die sublimierte methodistische Hill Boothby, die ihre Bibel auf Hebräisch las. Boothby lernte Dr. Samuel Johnson während seines Aufenthalts bei Dr. John Taylor kennen. Johnson spricht sie als süßen Engel und Liebste an und versichert ihr, dass er „keine andere hat, auf die sein Herz ruht.“ Er schloß eine Ehe mit Hill Boothy nicht aus.
In seinen Briefen erzählt er ihr von seinem Heilmittel. Er glaubte, dass Wein und getrocknete Orangenschalen gut für den Darm seien. (siehe oben!)
Boothby starb am 16. Januar 1756. Ihre Briefe wurden gesammelt und später veröffentlicht.


 
Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
als Antwort auf Michiko vom 09.10.2021, 10:33:30
@Michiko, ich habe den Film gesehen und war tief beeindruckt von der Menschlichkeit dieses Mannes. Dein Beitrag hat in mir noch einmal die Gefühle hervorgerufen, die ich beim Anschauen des Filmes hatte. Welch' ein Vorbild für alle Erwachsene, denen Kinder anvertraut werden. Hier muss ich an die schändlichen Mißbrauchsfälle sogar von Klerikern denken, Korzcak würde sich im Grab umdrehen wenn er dies noch hätte erleben müssen. 

Władysław Szpilman wurde von einem deutschen Offizier (Wilm Hosenfeld) vor dem Hungertod gerettet. in dem Film "Der Pianist" wird die Geschichte von Szpilman erzählt. Sein Retter kam in russ. Gefangenschaft, und trotz großer Bemühungen von Szpilman seine Entlassung zu bewirken, wurde Hosenfeld nicht entlassen, er starb an Krankheit und Entkräftung im russ. Lager. Später war Szpilman wieder als Pianist tätig, bei YouTube gibt es sogar ein Video von ihm.




 

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Michiko
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Michiko
als Antwort auf Sirona vom 18.10.2021, 11:21:15

@Sirona

Das sind so Lebensläufe, die man nicht nachempfinden kann. Wilm Hosenfeld starb 1952 in Kriegsgefangenschaft, wie Du schon schreibst, und 2008 wurde ihm postum der Titel "Gerechter unter den Völkern" in der Gedenkstätte Yad Vashem verliehen. Und in seinem Film "Der Pianist" hat Roman Polanski, selbst jüdischen Glaubens, das Leben von Władysław Szpilman eindrucksvoll nachgezeichnet.

Auch Roman Polanski war zeitweise im Warschauer Ghetto, ihm gelang es zu fliehen. Seine Mutter wurde 1943 in Auschwitz umgebracht.
In dem Film "Schindlers Liste", der in s/w gedreht wurde, taucht an manchen Stellen ein Mädchen im roten Mantel auf, in Farbe.  Dieses Mädchen hat es wirklich gegeben und anders als im Film überlebte sie, ihr Name ist Roma Ligocka und sie ist die Cousine von Roman Polanski. Auf seiner Flucht hat Roman Polanski kurzzeitig bei ihr und ihren Eltern gelebt. Sie hat ein Buch über ihre Erinnerungen geschrieben, es heisst:  "Das Mädchen im roten Mantel", sie ist Autorin und Kostümbildnerin und lebt abwechselnd in Krakau und München.

LG Michiko
Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
theodor-storm-house-3687479_960_720.jpgStormhaus in Husum - Pixabay kostenlos

An Ludwig Pietsch
Husum, 22. Mai 1865

Meine lieben treuen Freunde,

Constanze ist nicht mehr; nachdem sie am 4. d.M. eine Tochter geboren, ist sie am 20. d.M. früh gegen 6 Uhr morgens nach schwerem Kampf, zuletzt aber sanft, ihre Hand in der meinen, entschlafen; ein Opfer unserer Heimkehr, denn sie ist am Kindbettfieber gestorben, das hier epidemisch zu werden scheint. Am letzten Nachmittag ließ ich die vier ältesten Kinder heraufkommen und bat Constanze ihnen die Hand zu geben, sie tat es schwach und schweigend, nur als Ernst hereinkam und mit bebender und daher wohl ziemlich lauter Stimme sagte: „Guten Abend, Mutter“, sagte sie vernehmlich: „Guten Abend“ oder wie er meinte „Gute Nacht, mein Kind, ich sterbe!“ 
Nachher hat sie nicht viel mehr gesagt, der Körper kämpfte wohl nur mechanisch seinen Kampf zu Ende. Ihr Todesstöhnen war hart und dauerte lange, zuletzt aber wurde es sanft wie Bienengetön, dann plötzlich, ich kann nur sagen in vernichtender Schönheit, ging eine wunderbare Verklärung über ihr Gesicht, ein sanfter blauer Glanz wandelte flüchtig durch das gebrochene Auge und dann war Frieden, und ich hatte sie verloren.
Bei ihrem Sterben war auch Hans, unsere alte Freundin Käthe Feddersen, die die letzte Nacht mit mir wachte, und ihr treuer brüderlicher Arzt, unser junger Physikus, der, wie mir scheint, fast ebenso gebrochen ist wie ich selbst. Den Tag darauf ist sie, auch von Freundeshänden, in einen Notsarg gelegt, ihren armen Kopf nahm ich in meinen Arm, so hatten wir es uns in gesunden Tagen versprochen. Heute ist sie in den großen Sarg gelegt, der geliebte Leib verwest schnell, übermorgen früh 3 Uhr wollen wir sie in unsere Gruft bringen, wenn dann die neugierige Stadt erwacht, so habe ich schon all mein Glück begraben.
So muss ich denn nun weiter leben ohne sie, muss – denn vor mir – wie es in jenem Gedichte heißt – liegt Arbeit, Arbeit, Arbeit!
Und nun die Bitte, es Menzels, Krigars, Rose Stein, der Dengel und Löwe bekannt zu machen, ich kann diese fürchterlichen Briefe nicht hundertfach schreiben.
Herzzerreißend ist das Geschrei meiner kleinen Lucie, das zwischen dem Spielen noch immer wiederkehrt: „Ich habe keine Mutter mehr, ich habe keine Mutter mehr, und ich hatte sie doch so lieb! Sie kann nicht mehr sehen, ihre Augen sind ganz zu.“
Ich will diesen Brief schließen. Gern hielt ich Eure treuen Hände in den meinen, das geht ja denn nicht. Gedenkt meiner in dieser schweren Zeit. 
Sie wird auch wohl nicht leichter werden, denn ich habe das Herz verloren, an dem mein müder Kopf allein die Ruhe finden konnte.

Die Mitglieder meines Gesangvereins haben gebeten sie zu Grabe tragen zu dürfen. Ihr schlichtes, gütevolles Wesen hat auch hier überall schon Anerkennung gefunden, es war eine stille Gewalt darin, der so leicht niemand widerstand. 

Seid herzlich alle gegrüßt – Euer Theodor
RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf Sirona vom 20.10.2021, 11:08:38
Liebe Sirona,
solche Briefe, die den Sterbeprozess eines Menschen so beschreiben,
berühren immer sehr.
Und doch sind sie auch immer Wegweiser, wie es sein kann, dann....

Hier war ich bei Storm in Husum 1996 mit meiner Schwester Lotte.
Sie ist 2004 verstorben.
Was mich aber wundert  - und weshalb ich die Fotos einstelle -
ist das Haus. Damals war es ein hübsches Backsteinhaus.
Kann es sein, dass es so "überklebt" wurde? Das wäre schade.

Husum-Stormhaus-Foto_2021-10-21_084103.jpg
Husum-Stormhaus-2-Foto_2021-10-21_084103.jpg
Ich danke Dir.
Lieben Gruß
Clematis



 

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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 21.10.2021, 08:53:48
Nachtrag zu Theodor Storm-Haus Husum - Foto: Andrea Lammert
Husum_Hohle_Gasse_Storm_k.jpg

wohl ein paar Jahre nach uns fotografiert, denn die Sträucher sind
größer geworden.

nochmal 1993 - Korrektur: unser Urlaub war schon 1993!


Husum-Stormhaus-2-Foto_2021-10-21_084103.jpg
Clematis
 
Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 21.10.2021, 08:53:48
Liebe Clematis,

das Backsteinhaus existiert auch noch, es ist das Elternhaus von Th. Storm, in dem er eine Zeitlang lebte. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil wohnte er mit seiner Familie in dem Haus, das ich eingestellt habe. Dieses Haus habe ich 2001 besichtigt. 

So habe ich es wenigstens in Erinnerung. 😋

Liebe Grüße
Sirona


 
Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
Kupferstich.jpg
Franziska und Carl Eugen, Kupferstich von Johann Friedrich Knisel, 1787

Dieser Kupferstich ist in seinem Ursprungsland und in anderen Ländern und Gebieten, in denen der Urheberrechtsbegriff das Leben des Autors plus 100 Jahre oder weniger ist, gemeinfrei.



Herzog Karl von Württemberg an Franziska von Hohenheim
(1790) Kirchheim a. H. 1/2 3Uhr.

Herzallerliebstes Franzele!
Schon der Anfang meiner Fahrt war sehr angenehm um 4 Uhr bin ich hier angekommen und habe bis auf diesen Augenblick einen fatiguanten Augenschein eingenommen; jetzo stehen zwanzig Personen vor meinem Tisch um einen Vergleich wo möglich zu erzielen welches noch lange dauern wird, doch werde ich mein Möglichstes thun um nicht gar zu spät zu kommen, aber ich lasse nicht nach bis es verglichen ist, ich kann fast nicht mehr reden.

Aber schönstes Weible! Das wichtigste!
Hast du mich auch gern? Ich habe hundertmal an Dich gedacht, auch daß du meine Geduld beloben würdest, ja mein Franzele ist mir immer vor Augen. Adieu Engel! Ich küsse Dich tausendmal in Gedanken und bin von ganzem Herzen dein bis in den Tod.
Adresse: der regierenden Herzogin meiner allerliebsten Frau in Stuttgardt.
Jeder Tag ist Dir geweiht, doch besondere Fälle gestatten den Drang des Herzens im volleren, im mehr als gewöhnlichem Maß. Franziskens Name ist mir so angenehm, so wichtig, weilen Ich Dir heute Geliebteste, die Gesinnungen erneuern darf, die mein Dich so zärtliches Herz empfindet, mit echter Wärme empfindet.
Wortgepräng, Schmeichelei, fliehn auf immer, der treue Freund, Gatte, tritt an die Stelle, und mit der aufrichtigen Herzenssprache, die dein Edles benehmen mit Recht fordern darf, ruft Er dir laut zu: Bleibe ferner die Beruhigung meiner Tage, und mache mich zum Glücklichsten der Sterblichen nämlich - Zum Werkzeug Deines Glücks, so denkt so schreibt am Franziscenstag
Dein ewig treuer
Carl H Z-W.


 
RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf Sirona vom 30.10.2021, 12:20:25
Liebe Sirona,
ich freu mich sehr über diesen Brief! Vielen Dank!

Als ich auf den Fildern wohnte, war ich oft in Hohenheim, erfreute mich
an den Gärten.
Oft sonntags kurz ins Auto - Ferien vom Lernen und in-Bücher-gucken,
und ab nach Hohenheim.
Auch die Gärten sind Lehrgärten, d. h. jede Pflanze ist beschriftet.

alle Foto: Wikipedia
Hohenheim GärtenKarte.jpg


Hohenheim-700-er_Jägerallee.jpg

Hohenheim-700-Gardens-pjt1.jpg

Hohenheim-Wiki700--Gardens_in_Schloss_Hohenheim_IMG_3763.jpg

lieben Gruß
Clematis
 

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