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Literatur Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe

Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 31.10.2021, 09:25:57
Liebe Clematis,

herzlichen Dank für die wunderbare Ergänzung zu meinem Beitrag. 
👌
Die Fotos laden ja direkt zu einem Spaziergang ein - tja wenn der Weg so weit nicht wär'. 😋
Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
 
LotteSchiller.jpg


Der Briefwechsel zwischen Schiller und Lotte (1788–1805, herausg. v. W. Fielitz, Stuttgart 1905) ist schönstes Zeugnis eines glücklichen deutschen Liebes- und Ehelebens.

3. August, Montag.
Ist es wahr, theuerste Lotte? darf ich hoffen, daß Caroline in Ihrer Seele gelesen hat und aus Ihrem Herzen mir beantwortet hat, was ich mir nicht getraute, zu gestehen? O wie schwer ist mir dieses Geheimnis geworden, das ich, solange wir uns kennen, zu bewahren gehabt habe! Oft, als wir noch beysammen lebten, nahm ich meinen ganzen Muth zusammen, und kam zu Ihnen, mit dem Vorsatz, es Ihnen zu entdecken – aber dieser Muth verliess mich immer. Ich glaubte Eigennutz in meinem Wunsche zu entdecken, ich fürchtete, dass ich nur meine Glückseligkeit dabey vor Augen hätte und dieser Gedanke scheuchte mich zurück. Konnte ich Ihnen nicht werden, was Sie mir waren, so hätte mein Leiden Sie betrübt, und ich hätte die schöne Harmonie unserer Freundschaft durch mein Geständniß zerstört, ich hätte auch das verloren: was ich hatte, Ihre reine und schwesterliche Freundschaft. Und doch gab es wieder Augenblicke, wo meine Hofnung auflebte, wo die Glückseligkeit, die wir uns geben konnten, mir über alle Rücksichten erhaben schien, wo ich es sogar für edel hielt, ihr alles Uebrige zum Opfer zu bringen. Sie konnten ohne mich glücklich seyn – aber durch mich nie unglücklich werden. Dieses fühlte ich lebendig in mir – und darauf baute ich dann meine Hofnungen. Sie konnten sich einem andern schenken, aber keiner konnte Sie reiner und zärtlicher lieben, als ich. Keinem konnte Ihre Glückseligkeit heiliger seyn, als sie es mir war und immer seyn wird. Mein ganzes Daseyn, alles was in mir lebt, alles, meine theuerste widme ich Ihnen, und wenn ich mich zu veredeln strebe, so geschiehts, um Ihrer immer würdiger zu werden, um Sie immer glücklicher zu machen, Vortrefflichkeit der Seelen ist ein schönes und ein unzerreißbares Band der Freundschaft und der Liebe. Unsre Freundschaft und Liebe wird unzerreissbar und ewig seyn, wie die Gefühle, worauf wir sie gründen.
Vergeßen Sie jetzt alles, was Ihrem Herzen Zwang auflegen könnte, und lassen Sie nur Ihre Empfindungen reden. Bestätigen Sie, was Caroline mich hoffen ließ. Sagen Sie mir, daß Sie mein seyn wollen, und dass meine Glückseligkeit Ihnen kein Opfer kostet. O versichern Sie mir dieses, und nur mit einem einzigen Wort. Nahe waren sich unsre Herzen schon längst. Laßen Sie auch noch das einzige fremde hinwegfallen, was sich bisher zwischen uns stellte, und nichts die freye Mittheilung unserer Seelen stören.
Leben Sie wohl theuerste Lotte. Ich sehne mich nach einem ruhigen Augenblick Ihnen alle Gefühle meines Herzens zu schildern, die in dem langen Zeitraum, daß diese Einzige Sehnsucht in meiner Seele lebt, mich glücklich und wieder unglücklich gemacht haben. Wie viel habe ich Ihnen noch zu sagen?
Säumen Sie nicht, meine Unruhe auf immer und ewig zu verbannen. Ich gebe alle Freuden meines Lebens in Ihre Hand. Ach, es ist schon lange, daß ich sie mir unter keiner andern Gestalt mehr dachte, als unter Ihrem Bilde. Leben Sie wohl, meine theuerste.

 
Sirona
Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
als Antwort auf Sirona vom 18.11.2021, 08:44:25
Lotte an Schiller.
Lauchstädt, 5. August, Mittwoch.
Schon zwei mal habe ich angefangen, Ihnen zu schreiben, aber ich fand immer, daß ich zu viel fühle um es ausdrücken zu können. Karoline hat in meiner Seele gelesen; und aus meinem Herzen geantwortet. Der Gedanke zu Ihrem Glück beitragen zu können steht hell und glänzend vor meiner Seele. Kann es treue, innige Liebe und Freundschaft, so ist der warme Wunsch meines Herzens erfüllt, Sie glücklich zu sehn. – Für heute nichts mehr, Freitag sehn wir uns. wie freue ich mich unsren Körner zu sehn! und Sie lieber in meiner Seele lesen zu laßen, wie viel Sie mir sind. Hier ist der Brief den ich Ihnen lezt bestimmte. Adieu! ewig
Ihre treue
Lotte.

Lotte an Schiller.
L. den 11ten Früh gegen 11. Dienstag.
Ich muß Ihnen ein Wort sagen. Sie fehlten mir so sehr, und es macht mir wohl Sie sehen zu laßen, daß ich Ihrer eben in diesen Momente dachte. Es ist mir so sonderbar zu Muthe wenn ich denke was alles hier unter uns vorgefallen ist; ich ahndete es nicht! Und noch oft ists mir wie ein traum, daß ich nun weis daß Sie mich lieben, daß Sie es nun klar fühlen können, wie meine Seele in der Ihrigen nur lebt. Ich möchte Sie wären hier, und ich könnte es Ihnen sagen, nicht durch worte, sondern in meinen Augen könnten Sies lesen. – Wo sind Sie jezt? in welcher Gegend? ich denke Sie mir nahe bei Jena. Line und ich blieben gestern ganz allein. – Da wurde ich unterbrochen weil ich an meine Mutter schreiben mußte, daß wir nun bald kommen. – Wir lagen auf unse Sophas, sprachen wenig, und überließen uns unsern Gedanken. Ich schrieb auch noch an Knebel, ohne etwas zu denken, und sagte auch der Stein einige Worte. Auch unser Papa kam noch, und sagte schöne Sachen. Caroline kam nach Hause, und trug uns ihre Begebenheilen vor, unter andern hat sie von der Schüzen gehört, daß sie sich sehr nach uns erkundigt habe, heute werden wir sie sehen glaube ich. – Es ist mir eigen zu Muthe mich wieder unter so viele Menschen zu sehen, die mir so gar nichts sind. – adieu jezt lieber.



 

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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf Sirona vom 20.11.2021, 10:04:40

@Sirona

ich danke Dir!
was für Briefe! was für Emotionen, was für eine Liebe!

Mir tun Briefe unendlich gut, in unserer Zeit der fast sekundlich
auf das Händy guckenden Menschen!
Sie brauchen schon Psychiater, um von diesem Apparat zeitweise
Abstand halten zu können.

Wo wirds enden?

Sei herzlich gegrüsst und bedankt!
Clematis
"Mitten im Lesen schreib ich Dir!, schreibt Rilke mal.

Er liest und antwortet gleichzeitig und wie nett teilt er es der/dem
Absender(in) mit.
Ich glaub, dass es eine Frau war, wahrscheinlich  schon.
 

Sirona
Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
Weih.-Motiv.jpgPixabay kostenlos

Weihnachtsbrief an Gottfried Keller von Theodor Storm (1817-1888)
Hademarschen, 22. Dezember 1882

Da bin ich, lieber Freund, um Ihnen, so Gutes durch so viel Ferne geschehen kann, zu dem mir ewig jungen Kindheitsfest die Hand zu schütteln. Unten spielt meine Jüngste allerlei süße Melodien, und im ganzen Hause weihnachtet es sehr. Zwei Tage lang nichts als Kisten gepackt und Pakete gemacht und Weihnachtsbriefe an alt und jung in alle Welt gesendet; ich habe diesmal nur meine zwei Jüngsten, die Gertrud und Dodo, zu Hause, und morgen kommt aus Varel noch mein Musikus, das heißt Musiklehrer. 

Aber die breitästige zwölf Fuß hohe Tanne steht schon im großen Zimmer, an den letzten Abenden ist fleißige Hausarbeit gehalten: der goldene Märchenzweig, dito die Traubenbüschel des Erlensamens und große Fichtenzapfen, an denen diesmal lebensgroße Kreuzschnäbel von Papiermaché sich anklammern werden, während zwei desgleichen Rotkehlchen neben ihrem Nest mit Eiern im Tannengrün sitzen, feine weiße Netze, deren Inhalt sorgsam in Gold und andere nach Lichtfarben gewählte Papiere gewickelt ist, alles liegt parat, und morgen helfe ich den Baum schmücken. 

Wenn dann aber am Weihnachtsbaum die Lichter brennen und die Kinder ihr Weihnachtslied anstimmen, dann überfällt’s mich doch: Wo sind sie alle, die sich einst mit dir gefreut? – Antwort: Wo auch ich bald sein werde. – Und das Geschick deiner Lieben? - Ein ewiges Dunkel für dich. 
Lieber Freund,  ich werde sentimental, und das schickt sich nicht für alte Leute. 

Also will ich Ihnen lieber erzählen, daß ich mir C. F. Meyers Gedichte und, um ihn nach Gebühr zu ehren, auch seinen Jürg Jenatsch zu Weihnachten geschenkt habe. Letzteren habe ich noch nicht, in ersterem aber schon manches und mit rechter Freude gelesen, auch wiederholt schon vorgelesen, wozu sich die Sachen, wie Sie schon schreiben, teilweise besonders eignen. Mich freut der Besitz dieses Buches,  man hat doch wieder etwas in der Hand, was bei einer Gedichtsammlung lange nicht mehr der Fall gewesen ist.  

Doch genug für heute. Die Meinen grüßen Sie mit mir. Möge auch über Sie die Märchenstille dieses Festes kommen!

Ich grüße Sie herzlich,  Ihr Th. Storm 



 
Sirona
Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
Sartorius.jpg
Bild: gemeinfrei

In der „Harzreise“ erwähnt Heine seinen Lehrer Hofrat Georg Sartorius mit folgenden lobenden Worten:

Und warum sollte ich es verschweigen, ich meine hier ganz besonders jenen viel teueren Mann, der schon in frühern Zeiten sich so freundlich meiner annahm, mir schon damals eine innige Liebe für das Studium der Geschichte einflößte, mich späterhin in dem Eifer für dasselbe bestärkte, und dadurch meinen Geist auf ruhigere Bahnen führte, meinem Lebensmute heilsamere Richtungen anwies, und nur überhaupt jene historischen Tröstungen bereitete, ohne welche ich die qualvollen Erscheinungen des Tages nimmermehr ertragen würde. 
Ich spreche von Georg Sartorius, dem großen Geschichtsforscher und Menschen, dessen Auge ein klarer Stern ist in unserer dunkeln Zeit, und dessen gastliches Herz offen steht für alle fremden Leiden und Freuden, für die Besorgnisse des Bettlers und des Königs, und für die letzten Seufzer untergehender Völker und ihrer Götter.




 

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Mitglied_3fbaf89
Mitglied_3fbaf89
Mitglied

RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von ehemaliges Mitglied

Schon sehr lange faszinieren mich  die  Liebesbriefe  von  Heinrich VIII, besonders die an  Anne Boleyn,  dieser sehr schönen  und  gleichzeitig auch hoch gebildeten und  kluge Frau. Dass  sie  trotzdem oder  gerade drum auf dem Schafott  sterben musste und dies durch den Mann, der ihr nur wenige Jahre zuvor solche Briefe schrieb ..kaum nachvollziehbar
 



Anne Boleyn used flirtation, fertility, and faith to seduce Henry VIII |  National Geographic
RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 15.02.2022, 11:33:49
Liebe @Sirona,

was für ein Lob und was für eine Sprache!

Und immer kommt mir etwas Wehmut auf, wenn ich an
unsere jetzige Jugend denke.
WAS haben sie für Handreichungen und Hilfen für ihre Nöte?

@Corgy, ich lerne immer wieder von Dir.
Ich werde mich heute in Ruhe um den Heinrich
kümmern....

Dankeschön!
AADanke!Rosenkranz-2-700-Test3.JPG
Clematis


 
caya
caya
Mitglied

RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von caya
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 16.02.2022, 08:30:36

Dieser Thread ist ein einziger Seelenschmeichler, liebe @Clematis und alle, die ihr wunderbare Sachen geschrieben habt.
Habt Dank, daß ihr diese frühere Art der einfühlsamen, tiefgehenden Kommunikation in dieser Art hier pflegt.

Ich nehme mir fest vor, hier immer mal wieder zu lesen, denn es ist nicht nur unterhaltsam sondern auch bildend und da kann immer noch was getan werden 😉

Es ist nur so, die Zeit muß man sich einfach nehmen und eintauchen in diese vergangene Zeit, und in Ruhe die wunderschönen Briefe lesen um die Gedanken der Schreiber nachzuempfinden.

Caya


 
RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf caya vom 17.02.2022, 19:03:38
Liebe Caya,

nur meine Freundin @Sirona schreibt immer mal wieder hier in diesem "Bildungs-Thread".
Dafür bin ich ihr unendlich dankbar.

Du hast Dich offenbar hier wohl gefühlt, und das ist gut so.

Briefe sind das Innerste, was wir von einem anderen Menschen erfahren
dürfen. Wenn mich ein Künstler interessiert, schau ich erstmal nach seinen
Briefen.

Doch in einem Forum ist es nicht durchzuhalten. Da sind kurze Lebensweisheiten,
die man fix und fertig im Internet zuhauf holen kann, einfach praktischer.

Ich freue mich aufrichtig, dass Du Dich gemeldet hast und wünsche Dir
einen frohen Tag!

Clematis

Blüthgen, Victor.jpg
 

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