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Literatur Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe

Sirona
Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
ehe.jpg
Bild: gemeinfrei

Gleichgültigkeit und Entfremdung in der Ehe

(Auszug aus einem Brief von Th. Storm an seine Verlobte Constanze - 1846)

 
Ich habe heute auf meinem Spaziergang darüber nachgedacht, und ich denke natürlich oft darüber nach, wo die Quelle zu finden ist, dass in den meisten Ehen die Innigkeit, statt zu wachsen, immer mehr und zuletzt ganz zugrunde geht.
Die meisten Menschen denken nicht, dass für die Erhaltung oder leichte Wiederherstellung derselben in den ersten Jahren die Sinne starke Helfer sind, dass diese Bundesgenossen sie aber auf der Hälfte des Weges und früher verlassen.
Viele Eheleute tragen z.B. schweigend, was ihnen an ihrem Gatten unlieb ist, gegen Dritte aber, gegen Kinder und Verwandte sprechen sie es aus oder sie gehen darauf ein, wenn diese den Gatten tadeln - schweigen aber gegen ihn selbst.


Storm war ein guter Beobachter, und dass er sich in Beziehungen gut auskannte beweisen seine vielfältigen Novellen, bei denen er immer Zwischen-menschliches in den Vordergrund rückte und auch analysierte.
War dieser obige Auszug eine leise Warnung an seine Braut in der Hoffnung dass ihnen eine Entfremdung in ihrer Ehe erspart bleiben würde? Wie bekannt bestand zu Anfang der Ehe ein sog. Dreiecksverhältnis, da Storm sich leidenschaftlich in die junge Dorothea Jensen verliebt hatte. Daran drohte die Ehe mit Constanze zu zerbrechen. Erst nachdem Dorothea Husum verlassen hatte näherte sich das Ehepaar Storm innig an. Wie sehr Storm seine Frau Constanze geliebt hat zeigen seine Trauergedichte nach ihrem frühen Tod.
Und obwohl er später seine frühere Geliebte zur Frau nahm, stand immer der Schatten von Constanze zwischen ihnen; die einst so leidenschaftliche Liebe glitt zunehmend in eher freundschaftliche Gefühle ab.



 
RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf Sirona vom 24.02.2022, 09:36:01
Danke, liebe @Sirona,
ich hab hier eine schöne Ergänzung - Tod von Constanze

Brief von Theodor Storm an Eduard Mörike



Husum 3. Juni 1865

Mein verehrter Freund!

Nach langer Zeit komme ich wieder mal zu Ihnen; dies Mal aber als ein Mann, dessen Lebensglück zu Ende ist, und über dessen Zukunft die Worte stehen, die Dante über seine Hölle schrieb.

Aus der Zeitung haben Sie vielleicht erfahren, dass ich im Frühjahre v. J. zu einer ehrenvollen Stellung in die Heimat zurückberufen wurde. Seit März v. J. bin ich als Landvogt (.d h. Justizbeamter und Polizeimeister des Amtes - Landbezirks - Husum) constituiert und wohne wieder in der alten "grauen Stadt am Meer". Im Mai v. J. folgte mir meine Frau mit den sechs Kindern von Heiligenstadt hierher. So lebten wir denn wieder, wo wir einst gelebt, mit den beiden noch rüstigen Eltern und einem jungen so ganz zu uns gehörigen Geschwisterpaar, meinem jüngsten Bruder, einem vielbeschäftigten Arzte, und seiner Frau, einer jüngern Schwester der meinigen; vor einigen Wochen bezogen sie ein Haus neben uns, so dass wir durch die Zaunlücken unsrer Gärten zu einander kommen konnten.
Wie in Heiligenstadt hatte ich schon einen grossen Gesangverein begründet, in dem auch die beiden lieben Frauen mitsangen. - Aber es sollte nicht so bleiben; die eine ist von uns gegangen; meine Constanze.
Nachdem sie am 4. Mai d. J. unser siebentes Kind, eine Tochter, geboren, ist sie am 20. d. M. nach schwerem Kampfe, zuletzt doch sanft, an dem überall jetzt epidemisch auftretenden Kindbettfieber gestorben. Nachdem ich mit Freundeshilfe sie, wie wir es uns in gesunden Tagen versprochen, selbst in ihren Sarg gelegt, wurde sie in der Frühe eines köstlichen Maimorgens von den Mitgliedern meines Gesangvereins nach unserer Familiengruft getragen; als die neugierige Stadt erwachte, hatte ich schon all mein Glück begraben. Gleichwohl bin ich nicht der Mann, der leicht zu brechen ist, ich werde keines der geistigen Interessen, die mich bis jetzt begleitet haben und die zur Erhaltung meines Lebens gehören, fallen lassen, denn vor mir - wie es in einem Gedichte heisst - liegt Arbeit, Arbeit, Arbeit! Und sie soll, so weit meine Kraft reicht, getan werden.

Nun aber kommen meine Kinder und ich bei Ihnen betteln. Sie besitzen ein Bild unserer geliebten Toten, das am genauesten ihre äußere Erscheinung wiedergibt, wenn auch jener Ausdruck süßester, holdester Herzensgüte nicht darin lebendig geworden ist, der, wo sie immer gelebt hat, alle Menschen entzückte und ihr alle Herzen gewann. Wenn Sie das Bild noch besitzen, so geben Sie es uns zurück! Ich werde Photographien davon machen lassen, und Ihnen davon eine, sowie später auch eine Photographie eines schönen en face aufgenommenen Kreidebildes schicken, an dem der Maler, mein Freund Ludwig Pietsch, der es in glücklicher Zeit gezeichnet hat, aber noch eines etwas fremden Zug um den Mund beseitigen muss. Wenn Sie die Güte haben, uns jenes Typbild zu schicken, so sind Ihre Frauen wohl so freundlich es in ein sicheres Kästchen fest einzulegen, denn ich zittre vor einer Verletzung dieses unersetzlichen Kleinods.

Wenn Sie mir dann vielleicht ein Wort dabei schreiben, werde ich dann auch über Sie, Ihre Frau, Ihre Schwester und Ihre Kinder etwas hören? Meine Lisbeth soll, denke ich, im Laufe des Sommers als Gegengabe für Fanny und Schwesterchen im Bilde bei Ihnen erscheinen: zu Weihnachten hoffentlich auch ein Büchlein "drei Märchen" - "die Regentrude" - "Bulemanns Haus" - "der Spiegel des Cyprianus" - die ich alle noch unter den Augen der geliebtesten Frau geschrieben habe.

Mit herzlichem Gruß an Sie und die Ihrigen
Theodor Storm

aus:
Mörike - Alte unennbareTage
mit Zeichnungen von Eduard Mörike
Herausgegeben und eingeleitet
von Hermann Hesse
Insel Taschenbuch 246


Zur besseren Übersicht hab ich einige Absätze gemacht.
Clematis



 
Sirona
Sirona
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 24.02.2022, 15:07:59
An Ludwig Pietsach schrieb er zum Tode seiner Frau folgendes:

Husum, 22. Mai 1865

Meine lieben treuen Freunde,

Constanze ist nicht mehr; nachdem sie am 4. d.M. eine Tochter geboren, ist sie am 20. d.M. früh gegen 6 Uhr morgens nach schwerem Kampf, zuletzt aber sanft, ihre Hand in der meinen, entschlafen; ein Opfer unserer Heimkehr, denn sie ist am Kindbettfieber gestorben, das hier epidemisch zu werden scheint. Am letzten Nachmittag ließ ich die vier ältesten Kinder heraufkommen und bat Constanze ihnen die Hand zu geben, sie tat es schwach und schweigend, nur als Ernst hereinkam und mit bebender und daher wohl ziemlich lauter Stimme sagte: „Guten Abend, Mutter“, sagte sie vernehmlich: „Guten Abend“ oder wie er meinte „Gute Nacht, mein Kind, ich sterbe!“ 
Nachher hat sie nicht viel mehr gesagt, der Körper kämpfte wohl nur mechanisch seinen Kampf zu Ende. Ihr Todesstöhnen war hart und dauerte lange, zuletzt aber wurde es sanft wie Bienengetön, dann plötzlich, ich kann nur sagen in vernichtender Schönheit, ging eine wunderbare Verklärung über ihr Gesicht, ein sanfter blauer Glanz wandelte flüchtig durch das gebrochene Auge und dann war Frieden, und ich hatte sie verloren.
Bei ihrem Sterben war auch Hans, unsere alte Freundin Käthe Feddersen, die die letzte Nacht mit mir wachte, und ihr treuer brüderlicher Arzt, unser junger Physikus, der, wie mir scheint, fast ebenso gebrochen ist wie ich selbst. Den Tag darauf ist sie, auch von Freundeshänden, in einen Notsarg gelegt, ihren armen Kopf nahm ich in meinen Arm, so hatten wir es uns in gesunden Tagen versprochen. Heute ist sie in den großen Sarg gelegt, der geliebte Leib verwest schnell, übermorgen früh 3 Uhr wollen wir sie in unsere Gruft bringen, wenn dann die neugierige Stadt erwacht, so habe ich schon all mein Glück begraben.
So muss ich denn nun weiter leben ohne sie, muss – denn vor mir – wie es in jenem Gedichte heißt – liegt Arbeit, Arbeit, Arbeit!
Und nun die Bitte, es Menzels, Krigars, Rose Stein, der Dengel und Löwe bekannt zu machen, ich kann diese fürchterlichen Briefe nicht hundertfach schreiben.
Herzzerreißend ist das Geschrei meiner kleinen Lucie, das zwischen dem Spielen noch immer wiederkehrt: „Ich habe keine Mutter mehr, ich habe keine Mutter mehr, und ich hatte sie doch so lieb! Sie kann nicht mehr sehen, ihre Augen sind ganz zu.“
Ich will diesen Brief schließen. Gern hielt ich Eure treuen Hände in den meinen, das geht ja denn nicht. Gedenkt meiner in dieser schweren Zeit. 
Sie wird auch wohl nicht leichter werden, denn ich habe das Herz verloren, an dem mein müder Kopf allein die Ruhe finden konnte.

Die Mitglieder meines Gesangvereins haben gebeten sie zu Grabe tragen zu dürfen. Ihr schlichtes, gütevolles Wesen hat auch hier überall schon Anerkennung gefunden, es war eine stille Gewalt darin, der so leicht niemand widerstand. 

Seid herzlich alle gegrüßt – Euer Theodor


Danke Dir ganz herzlich für Deine Ergänzung, liebe Clematis.

 

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caya
caya
Mitglied

RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von caya
als Antwort auf Sirona vom 24.02.2022, 16:34:16

@Sirona @Clematis,

Diese große, echte, tiefe Liebe nachzuempfinden tut irgendwie weh, wenn man sie in dieser Form nicht
erleben durfte......

Ihr beide habt auch euer Herz hinein gegeben in diesen Thread und euch beiden danke ich für die Einblicke in dieser konzentrierten Form.

Liebe Grüße
Caya

RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf caya vom 24.02.2022, 17:47:18
Guten Morgen!

Eduard Mörikes Brief-Antwort an Theodor Storm
wird noch nachgeliefert.

....und Storm hat Mörike nochmal geschrieben.

Bis denne
Clematis


Im Winterboden schläft, ein Blumenkeim ...
 
Im Winterboden schläft, ein Blumenkeim, 
Der Schmetterling, der einst um Busch und Hügel
In Frühlingsnächten wiegt den samtnen Flügel; 
Nie soll er kosten deinen Honigseim. 
 
Wer aber weiß, ob nicht sein zarter Geist, 
Wenn jede Zier des Sommers hingesunken, 
Dereinst, von deinem leisen Dufte trunken, 
Mir unsichtbar, dich blühende umkreist? 
 
Eduard Mörike 
(1804-1875)

Clematis




 
Mitglied_3fbaf89
Mitglied_3fbaf89
Mitglied

RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von ehemaliges Mitglied

Es ist soooooo wohltuend, diese einfühlsamen und sprachlich brillanten Briefe dieser großartigen Dichter und Literaten hier zu lesen - ich wusste bisher gar nicht, wie nahe Mörike und Storm sich standen. Liebe @Sirona und liebe @Clematis , ich kann mich den Ausführungen von @caya nur anschließen. Bei all dem Unheilvollen und wenig Motivierendem, was in der Welt passiert - quasi vor unserer Tür und was hier im ST nicht immer besonnen diskutiert wird, ist das eine wahre Wohltat. Habt Dank dafür 


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Sirona
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Mitglied

RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 25.02.2022, 08:50:08
Storm und Mörike kannten sich gut und haben ständig im brieflichen Kontakt gestanden.
Gelesen habe ich auch dass Storm Mörike in seiner Heimat besucht hat. 
Ich muss einmal nach weiteren Briefen forschen, ich meine sogar ein Büchlein zu besitzen, da muss ich einmal suchen. 
😋
Ich finde es auch wunderbar dass Clematis hier eine Möglichkeit geschaffen hat, diese Kleinode unserer Dichter und Denker einzubringen, dafür auch ein herzliches Dankeschön!

LG Sirona


 
Mitglied_3fbaf89
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RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von ehemaliges Mitglied

Ich habe auch einen Brief für Euch - dieses Mal von einem Großvater an seinen Enkel und der Großvater ist kein geringerer als Umberto Eco, einem der großen Intellektuellen unserer Zeit, sprachgewaltiger Kosmopolit, aber vor allem Italiener , der allen durch den Roman bzw den Film "Im Namen der Rose" bekannt sein wird.

Es ist ein ganz wunderbarer Brief, den Umberto Eco zu Weihnachten an seinen heranwachsenden Enkelsohn  schrieb, leider weiß ich nicht das genaue Datum, aber es gab schon das iPad, also muss er zwischen 2010 un  2016, dem Todesjahr des Autors, entstanden sein.

Aus dem Brief geht ein grundlegende Konzept hervor, dass wir Älteren alle übernehmen können, für uns selbst und um es weiterzugeben an unsere Enkel, Kinder, Neffen, Nichten usw. Es ist ein Brief voller nützlicher Tipps und Themen für jene Kinder, die Teil der neuen Digitalwelt sind und in sie hineingeboren wurden. Die Übersetzung fand ich bei https://www.sozonline.de/


Mein lieber kleiner Enkel,
ich möchte nicht, dass dieser Brief zu sentimental daherkommt und Ratschläge über Nächstenliebe, das Vaterland, die Welt und all sowas erteilt. Du würdest nicht zuhören und zum Zeitpunkt, wo du das in die Praxis umsetzt (du erwachsen und ich nicht mehr da), wird sich das Wertesystem so sehr verändert haben, dass meine Empfehlungen sich vermutlich als veraltet herausstellen.

Daher will ich mich mit einer einzigen Empfehlung begnügen, die du jetzt schon in die Praxis umsetzen kannst, während du auf deinem iPad surfst, und ich werde mich davor hüten, dir davon abzuraten, nicht weil ich wirken würde wie ein mürrischer Greis, sondern weil ich es auch tue. Ich kann dir höchstens empfehlen, solltest du dabei zufällig auf die Hunderte Pornoseiten stoßen, die auf vielfältigste Art den Verkehr zwischen zwei Menschen oder zwischen einem Menschen und einem Tier zeigen: Versuch nicht zu glauben, dass das Sex ist, im übrigen ziemlich eintönig, denn das ist eine Inszenierung, die dich zwingt, das Haus nicht zu verlassen, um die echten Mädchen anzuschauen. Ich gehe davon aus, dass du heterosexuell bist, falls nicht, passe meine Ratschläge deinem Fall an: Aber schau dir die Mädchen an, in der Schule oder wo du spielen gehst, denn die wirklichen sind besser als die im Fernsehen und eines Tages werden sie dir mehr Befriedigung bereiten als die, denen du online begegnest. Glaub dem, der mehr Erfahrung hat als du (wenn ich Sex nur am Computer angeschaut hätte, wäre dein Vater nie geboren und wer weiß, wo du dann wärst, mehr noch, dich gäbe es gar nicht).

Darüber wollte ich mit dir nicht sprechen, sondern von einer Krankheit, die deine Generation und selbst die schon etwas Älteren ereilt hat, die womöglich schon zur Universität gehen: der Verlust der Erinnerung.
Es stimmt schon, wenn du wissen möchtest, wer Karl der Große war oder wo Kuala Lumpur liegt, musst du nur einige Tasten drücken, und das Internet sagt es dir sofort. Tu das, wenn es nützlich ist, aber wenn du es getan hast, versuch dich zu erinnern, wovon die Rede war, damit du nicht gezwungen bist, ein zweites Mal zu suchen, solltest du das dringend benötigen, zum Beispiel für eine Aufgabe in der Schule. Es besteht nämlich die Gefahr, dass du den Wunsch verlierst, das in deinem Kopf zu speichern, weil du denkst, dein Computer kann dir das in jedem Moment sagen. Das wäre ein wenig so, als wenn du meintest, nachdem du gelernt hast, dass es Busse oder die U-Bahn gibt, die dir erlauben, mühelos von der Straße X zur Straße Y zu kommen (was sehr bequem ist, tu es ruhig immer, wenn du in Eile bist), du brauchtest nicht mehr zu gehen. Aber wenn du nicht genug gehst, wirst du «behindert», wie man diejenigen nennt, die sich im Rollstuhl fortbewegen müssen. Gut, ich weiß, dass du Sport treibst und deinen Körper zu bewegen weißt, aber kehren wir zurück zu deinem Gehirn.
Das Gedächtnis ist ein Muskel wie die Beine, wenn du es nicht trainierst, rostet es ein und du wirst (geistig) behindert, d.h. – reden wir Klartext – ein Idiot. Und weil darüber hinaus für alle das Risiko besteht, an Alzheimer zu erkranken, wenn man alt wird, ist das ständige Training des Gedächtnisses ein Mittel, dieses unerfreuliche Geschick zu vermeiden.
 
Hier also meine Diät. Lerne jeden Morgen einige Strophen, ein kurzes Gedicht oder, wie wir es mussten, «La Cavallina Storna» [von Giovanni Pascoli] oder «Il sabato del villaggio» [von Giacomo Leopardi] auswendig. Und vielleicht eiferst du ja mit deinen Freunden um die Wette, wer sich besser erinnern kann. Wenn dir Gedichte nicht gefallen, lerne die Aufstellungen von Fußballmannschaften, aber Achtung, du musst nicht nur wissen, wer die Spieler vom AS Rom heute sind, sondern auch die der anderen Mannschaften und vielleicht auch die Mannschaften der Vergangenheit (stell dir vor, ich erinnere mich an die Aufstellung vom AC Turin, als ihr Flugzeug bei der Basilica von Superga [1949] abgestürzt ist, mit allen Spielern an Bord: Bacigalupo, Ballarin, Marosi etc.). Mach Gedächtniswettbewerbe, etwa zu den Büchern, die du gelesen hast (wer war an Bord der Hispaniola auf der Suche nach der Schatzinsel? Lord Trelawney, Kapitän Smollet, Doctor Livesey, Long John Silver, Jim…). Schau, ob deine Freunde sich daran erinnern, wer die Domestiken der drei Musketiere und von D’Artagnan waren (Grimaud, Bazin, Mousqueton und Planchet)… Und wenn du nicht Die drei Musketiere lesen willst (du weißt nicht, was du versäumst), tu es halt mit einer der Geschichten, die du gelesen hast.
Es scheint ein Spiel (und es ist ein Spiel), aber du wirst sehen, wie dein Kopf sich mit Personen, Geschichten und Erinnerungen jeder Art bevölkert. Du wirst dich gefragt haben, warum die Computer früher elektronische Gehirne genannt wurden: Das ist, weil sie nach dem Vorbild deines (unseres) Gehirns konzipiert worden sind, aber unser Gehirn hat mehr Verbindungen als ein Computer, es ist eine Art Computer, den du immer mit dir trägst und der wächst und durch Übung gekräftigt wird, während der Computer auf deinem Tisch an Geschwindigkeit verliert, je länger du ihn benutzt, und nach ein paar Jahren musst du ihn austauschen. Dein Gehirn hingegen kann 90 Jahre alt werden, und mit 90 Jahren wird es sich (wenn es in Übung gehalten wurde) an mehr Dinge erinnern als du heute. Und das gratis.
Dann gibt es das historische Gedächtnis, das nicht die Tatsachen deines Lebens betrifft oder die Dinge, die du gelesen hast, sondern das, was geschehen ist, bevor du geboren wurdest.
Wenn du heute ins Kino gehst, musst du um eine bestimmte Uhrzeit reingehen, wenn der Film beginnt, und sobald der Film begonnen hat, nimmt dich jemand sozusagen an die Hand und sagt dir, was geschieht. Zu meiner Zeit konnte man jederzeit das Kino betreten, auch in der Mitte der Vorführung, man kam rein, während Dinge passierten, und man versuchte zu verstehen, was vorher geschehen war (wenn der Film dann wieder von vorne losging, sah man, ob man richtig gelegen hatte – abgesehen davon, dass man sitzenbleiben und ihn noch einmal anschauen konnte, wenn einem der Film gefallen hatte). Das Leben ist wie ein Film zu meiner Zeit. Wir treten ins Leben, wenn viele Dinge schon geschehen sind, seit Hunderttausenden von Jahren, und es ist wichtig zu lernen, was geschehen ist, bevor wir geboren wurden; es dient dazu, besser zu verstehen, denn heute geschehen viele neue Dinge.
Nun müsste dir die Schule (über deine persönliche Lektüre hinaus) beibringen, zu erinnern, was vor deiner Geburt geschehen ist, aber man sieht, dass sie das nicht gut macht, denn verschiedene Umfragen sagen uns, dass die Schüler von heute, auch die, die schon die Universität besuchen, wenn sie zufällig 1990 geboren sind, nicht wissen (und vielleicht auch nicht wissen wollen) was 1980 passiert ist (ganz zu schweigen von dem, was vor 50 Jahren geschah). Statistiken sagen uns: Wenn man Leute fragt, wer Aldo Moro war, antworten sie, das war der Chef der Roten Brigaden – dabei wurde er von den Roten Brigaden umgebracht.
Reden wir nicht über die Roten Brigaden, sie bleiben für viele etwas Geheimnisvolles, und doch waren sie vor über 30 Jahren Gegenwart. Ich bin 1932 geboren, zehn Jahre nach der Machtergreifung des Faschismus, aber ich wusste sogar, wer zu Zeiten des Marsches auf Rom (was ist das?) Ministerpräsident war. Vielleicht hat mir das die faschistische Schule beigebracht, um mir zu erklären, wie dumm und böse dieser Minister war («der feige Facta»), den die Faschisten abgesetzt haben. Gut, aber wenigstens wusste ich es. Und dann, abgesehen von der Schule, weiß ein Junge von heute nicht, wie die Schauspielerinnen vor zwanzig Jahren hießen, während ich wusste, wer Francesca Bertini war, die in den Stummfilmen zwanzig Jahre vor meiner Geburt gespielt hat. Vielleicht weil ich in der Abstellkammer in unserem Haus in alten Zeitschriften geblättert habe, aber ich lade dich eben ein, in alten Zeitschriften zu blättern, denn es ist eine Art zu erfahren, was geschehen ist, bevor du geboren bist.
Aber warum ist es so wichtig zu wissen, was früher geschehen ist? Weil das, was früher passiert ist, dir oftmals erklärt, warum bestimmte Dinge heutzutage geschehen, und in jedem Fall ist es eine Art, wie bei der Aufstellung der Fußballmannschaften, unser Gedächtnis zu bereichern.
Merke, das kannst du nicht nur mit Büchern und Zeitschriften tun, sondern sehr wohl auch mit dem Internet. Das kann man nicht nur nutzen, um mit Freunden zu chatten, sondern auch um mit der Weltgeschichte zu chatten. Wer waren die Hethiter? Und die Kamisarden [Hugenotten in den Cevennen]? Und wie hießen die drei Karavellen von Kolumbus? Wann sind die Dinosaurier verschwunden? Konnte Noahs Arche ein Steuer haben? Wie hieß der Vorfahre vom Ochsen? Gab es vor hundert Jahren mehr Tiger als heute? Was war das Königreich von Mali? Und wer hingegen sprach vom Reich des Bösen? Wer war der zweite Papst in der Geschichte? Seit wann gibt es Mickey Mouse?
Ich könnte ewig weiter machen, und das wären alles schöne Rechercheabenteuer. Und an alle kann man sich erinnern. Es wird der Tag kommen, an dem du alt bist und dich fühlst, als hättest du tausend Leben gelebt, denn es wird dir vorkommen, als seist du bei der Schlacht von Waterloo dabeigewesen, oder bei der Ermordung von Julius Cäsar, und nicht weit weg von dem Ort, an dem Berthold Schwarz aus Versehen das Schießpulver entdeckte, als er versuchte herauszufinden, wie man Gold herstellt, und dabei in die Luft geflogen ist (und das geschah ihm recht). Freunde von dir, die ihr Gedächtnis nicht trainiert haben, werden hingegen nur ein Leben gelebt haben, ihr eigenes, das ziemlich melancholisch und arm an großen Emotionen gewesen sein wird.
Pflege also dein Gedächtnis, und lerne von morgen an «La Vispa Teresa» auswendig.
 
* Quelle: http://espresso.repubblica.it/visioni/ 2014/01/03/news/umberto-eco-caro-nipote-studia-a-memoria-1.147715.

RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf ehemaliges Mitglied vom 25.02.2022, 08:50:08


Antwort von Eduard Mörike zu Theodor Storms Brief vom 3. Juni 1865


Stuttgart, den 10. Juni 1865

Verehrter teurer Freund!

Gleich bei den ersten Zelien Ihres Briefes erriet ich Alles! - ein angstvoll voreilender Blick auf die folgende Seite bestätigte mir's.-Ich fing von Neuem an zu lesen und als ich fertig war, vermochte ich lange nicht meine Leute zu rufen, um es ihnen zu sagen. Mein erster Eindruck war ein dumpfer Schreck, ein verworrener Schmerz, augenblicklich mit tausend bitteren Gedanken versetzt, die sich wider mich kehrten. Um die reine Empfindung der edelsten Trauer und deren Ausdruck Ihnen gegenüber sollte ich mich, so schien es, durch eine Reihe unbegreiflicher Versäumnisse ganz und gar selbst gebracht haben. Und doch kam es bald anders, es war etwas in mir, das mich auf Ihre Güte hoffen ließ, nachdem dies redliche Bekenntnis abgelegt wäre.
Bester Mann, ich kann für diesmal nicht viel weiter sagen, allein ich komme sicherlich in nächster Zeit wieder. Hier folgt das liebe Bild. Wie oft ist es die Jahre her von uns und Anderen beschaut und bewundert worden! Wir haben es zum Abschied noch Alle einmal lange angesehen und trösten uns auf den von Ihnen gütigst verheißenen Ersatz.

In Ihrem letzten Büchein kommt die herrliche Beschreibung eines in Mittags-Einsamkeit von Bienen umsummten blühenden Bäumchens. Diese Schilderung (mit der ich schon manchem Freund einen vorläufigen Begriff der süßesten Reize Storm'scher Malerei gegeben habe) trat mir in diesen Tagen ungesucht auf einmal vor die Seele und ich wusste kein schöneres Bild für den stillen Verkehr Ihrer Gedanken mit der geliebten Frau im Nachgenuß alles dessen, was Sie an ihr hatten. Erhalten sie sich Ihren männlichen Mut für das Leben, für Ihre ruhmvolle Tätigkeit nach mehr als Einer Seite.

Wir grüßen Sie und Ihre Lieben aufs Innigste: ich aber insbesondere bin mit unveränderlicher Verehrung und Anhänglicheit der Ihrige.
E.M.


Clematis
mit Dank an @Corgy

 
Sirona
Sirona
Mitglied

RE: Ich hab mein Herz hineingeschrieben - Briefe
geschrieben von Sirona
Bonhoeffer9.jpg
Dietrich Bonhoeffer - Bekenntnis

Bekannt geworden ist er insbesondere durch sein Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Dass „Glauben“ auch für ihn ein beschwerlicher Weg war und wodurch er dann zum Christentum gefunden hat, schrieb er in einem persönlichen Bekenntnis 1936 an die Berliner Vikarin Elisabeth Zinn:

„Ich stürzte mich in die Arbeit in sehr unchristlicher und undemütiger Weise. Ein wahnsinniger Ehrgeiz, den manche an mir gemerkt haben, machte mir das Leben schwer und entzog mir die Liebe und das Vertrauen meiner Mitmenschen. Damals war ich furchtbar allein und mir selbst überlassen. Das war sehr schlimm. 
Dann kam etwas anderes, etwas, was mein Leben bis heute verändert und herumgeworfen hat. Ich kam zum ersten Mal zur Bibel. Das ist auch wieder sehr schlimm zu sagen. Ich hatte schon oft gepredigt und geschrieben - und ich war noch kein Christ geworden, sondern ganz wild und ungebändig mein eigener Herr. Ich weiß, ich habe damals aus der Sache Jesu Christi einen  Vorteil für mich selbst, für eine wahnsinnige Eitelkeit gemacht.
Ich bitte Gott daß das nie wieder so kommt. Ich hatte auch nie, oder doch sehr wenig gebetet. Ich war bei aller Verlassenheit ganz froh an mir selbst. Daraus hat mich die Bibel befreit und insbesondere die Bergpredigt. Seitdem ist alles anders geworden. Das habe ich deutlich gespürt und sogar andere Menschen um mich herum. Das war eine große Befreiung. Ich habe gelernt daß das Leben eines Christen der ihn umgebenden Not gehören muß und dass der christliche Pazifismus, den ich noch kurz vorher leidenschaftlich bekämpft hatte, mir auf einmal als Selbstverständlichkeit aufging. Dennoch fühle ich mich nicht ein für allemal gerettet, ganz im Gegenteil. Es gibt immer noch viel Ungehorsam und Unlauterkeit im Beruf, ich ertappe mich täglich dabei. Aber ich finde diesen Beruf schön und bin bereit den Weg durchzugehen. Vielleicht dauert er gar nicht mehr so lange.“
Gelesen in dem Buch „ Wir hätten schreien müssen“ von Christian Feldmann (Herder-Verlag)

Der Glaube fällt keinem Menschen einfach so in den Schoß, man muss sich schon intensiv damit auseinandersetzen und insbesondere über die Bergpredigt nachdenken, in der Jesus den Weg beschreibt den Menschen gehen sollten um im Einklang mit Gottes Richtlinien leben zu können.
Mich hat die Offenheit und Ehrlichkeit von Dietrich Bonhoeffer sehr berührt, er hat sich nicht als Heiliger dargestellt sondern als ein Mensch, der täglich Fehler macht. Das macht ihn menschlich und sehr sympathisch.
Bei seiner Feststellung „Vielleicht dauert er gar nicht mehr so lange“ bekam ich beim Lesen eine Gänsehaut und mußte daran denken, dass er tatsächlich Recht hatte, denn noch im April 1945 - also kurz vor Ende des 2. Weltkrieges - wurde er durch die Nazis hingerichtet und somit endete sein Lebensweg.




 

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