Literatur Schöne Lyrik

Sirona
Sirona
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
goldgraber03-k.jpg

Die Goldgräber - Emanuel Geibel

Sie waren gezogen über das Meer,
nach Glück und Gold stand ihr Begehr,
drei wilde Gesellen, vom Wetter gebräunt,
und kannten sich wohl und waren sich freund.

Sie hatten gegraben Tag und Nacht,
am Flusse die Grube, im Berge den Schacht,
in Sonnengluten und Regengebraus
bei Durst und Hunger hielten sie aus.

Und endlich, endlich, nach Monden voll Schweiß,
da sahn aus der Tiefe sie winken den Preis,
da glüht es sie an durch das Dunkel so hold,
mit Blicken der Schlange, das feurige Gold.

Sie brachen es los aus dem finsteren Raum,
und als sie′ s fassten, sie hoben es kaum,
und als sie′ s wogen, sie jauchzten zugleich:
"Nun sind wir geborgen, nun sind wir reich!"

Sie lachten und kreischten mit jubelndem Schall,
sie tanzten im Kreis um das blanke Metall,
und hätte der Stolz nicht bezähmt ihr Gelüst,
sie hätten′ s mit brünstiger Lippe geküsst.

Sprach Tom, der Jäger: "Nun lasst uns ruhn!
Zeit ist′ s, auf das Mühsal uns gütlich zu tun.
Geh, Sam, und hol′ uns Speisen und Wein,
ein lustiges Fest muss gefeiert sein."

Wie trunken schlenderte Sam dahin
zum Flecken hinab mit verzaubertem Sinn;
sein Haupt umnebelnd beschlichen ihn sacht
Gedanken, wie er sie nimmer gedacht.

Die andern saßen am Bergeshang,
sie prüften das Erz, und es blitzt′ und es klang.
Sprach Will, der Rote: "Das Gold ist fein;
nur schade, dass wir es teilen zu drein!"

"Du meinst?" - "Je nun, ich meine nur so.
Zwei würden des Schatzes besser froh" -
"Doch wenn -" - "Wenn was?" - "Nun, nehmen wir an,
Sam wäre nicht da" - "Ja, freilich, dann - -"

Sie schwiegen lang; die Sonne glomm
Und gleißt′ um das Gold; da murmelte Tom:
"Siehst du die Schlucht dort unten?" - "Warum?" -
"Ihr Schatten ist tief, und die Felsen sind stumm." -

"Versteh′ ich dich recht?" - "Was fragst du noch viel!
Wir dachten es beide und führen′ s ans Ziel.
Ein tüchtiger Stoß und ein Grab im Gestein,
So ist es getan, und wir teilen allein."

Sie schwiegen aufs neu′ . Es verglühte der Tag,
wie Blut auf dem Golde das Spätrot lag;
da kam er zurück, ihr junger Genoss,
von bleicher Stirne der Schweiß ihm floss.

"Nun her mit dem Korb und dem bauchigen Krug!"
Und sie aßen und tranken mit tiefem Zug.
"Hei lustig, Bruder! Dein Wein ist stark;
er rollt wie Feuer durch Bein und Mark.

Komm, tu uns Bescheid!" - "Ich trank schon vorher;
nun sind vom Schlafe die Augen mir schwer.
Ich streck′ ins Geklüft mich." - "Nun, gute Ruh′ !
Und nimm den Stoß und den dazu!"

Sie trafen ihn mit den Messern gut;
er schwankt′ und glitt im rauchenden Blut.
Noch einmal hub er sein blass Gesicht:
"Herr Gott im Himmel, du hältst Gericht!

Wohl um das Gold erschluget ihr mich.
Weh euch! Ihr seid verloren wie ich.
Auch ich, ich wollte den Schatz allein
und mischt′ euch tödliches Gift an den Wein."


 
LisaK
LisaK
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von LisaK
als Antwort auf Sirona vom 28.05.2024, 07:09:01
Guten Morgen Sirona,
das Gedicht von Emanuel Geibel beschreibt deutlich, wohin Habsucht und Gier
die Menschen führen,
ins Verderben.
Dennoch scheinen sie leider unausrottbare Bestandteile des menschlichen Wesens zu sein.
Eine gute Woche wünscht dir
Lisa

Das Unersättliche.
Weißt du was nie zu ersättigen ist? Das Auge der Habsucht;
Alle Güter der Welt füllen die Höhle nicht aus.

Johann Gottfried von Herder (1744 - 1803),
deutscher Kulturphilosoph, Theologe, Ästhetiker, Dichter und Übersetzer
Maikel
Maikel
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Maikel
als Antwort auf Sirona vom 28.05.2024, 07:09:01

Das Gedicht 'Die Goldgräber' von Emanuel Geibel erinnert mich an den Film 'Der Schatz der Sierra Madre' von 1948 und natürlich an die Literaturvorlage, den gleichnamigen Roman von B.Traven aus dem Jahr 1927. Vielleicht kannte Traven ja das Gedicht von Geibel?


Zu dem Thema Habsucht, Gier und Unvernunft fiel mir auch dieses Gedicht wieder ein:



 

***


Karl Wilhelm Ramler
(1725-1798)



Der Rabe und der Haushahn


Ein Rabe schleppte tausend Dinge,
Geld, Glaskorallen, Perlen, Ringe,
In seinen Winkel, wo er schlief.

Der Haushahn sah dies an, und rief
"Was tust du, Freund, mit diesen Sachen,
Die dich doch niemals glücklich machen?"

"Ich weiß es selbst nicht", sprach der Rabe.
"Ich hab es nur, damit ich´s habe."



***

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Songeur
Songeur
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Songeur
als Antwort auf Songeur vom 26.05.2024, 12:51:52
Der neue Alexander I


Es ist ein König in Thule, der trinkt
Champagner, es geht ihm nichts drüber;
Und wenn er seinen Champagner trinkt,
Dann gehen die Augen ihm über.


Die Ritter sitzen um ihn her,
Die ganze historische Schule;
Ihm aber wird die Zunge schwer,
Es lallt der König von Thule:


„Als Alexander, der Griechenheld,
Mit seinem kleinen Haufen,
Erobert hatte die ganze Welt,
Da gab er sich ans Saufen.


Ihn hatten so durstig gemacht der Krieg
Und die Schlachten, die er geschlagen;
Er soff sich zu Tode nach dem Sieg,
Er konnte nicht viel vertragen.


Ich aber bin ein stärkerer Mann
Und habe mich klüger besonnen:
Wie jener endete, fang ich an,
Ich hab mit dem Trinken begonnen.


Im Rausche wird der Heldenzug
Mir später weit besser gelingen;
Dann werde ich, taumelnd von Krug zu Krug,
Die ganze Welt bezwingen.“


Heinrich Heine


 
Songeur
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Songeur
als Antwort auf Songeur vom 28.05.2024, 10:20:31
Der neue Alexander II

Da sitzt er und schwatzt, mit lallender Zung',
Der neue Alexander;
Den Plan der Welteroberung,
Den setzt er auseinander:


"Lothringen und Elsaß, das weiß ich längst,
Die fallen uns zu von selber;
Der Stute folgt am End' der Hengst,
Es folgen der Kuh die Kälber.


Mich lockt die Champagne, das beßre Land,
Wo jene Reben sprießen,
Die lieblich erleuchten unsern Verstand
Und uns das Leben versüßen.



Hier soll sich erproben mein Kriegesmut,
Hier soll der Feldzug beginnen;
Es knallen die Pfropfen, das weiße Blut
Wird aus den Flaschen rinnen.


Hier wird mein junges Heldentum
Bis zu den Sternen moussieren!
Ich aber verfolge meinen Ruhm,
Ich will auf Paris marschieren.


Dort vor der Barriere mach ich halt,
Denn vor den Barrierepforten,
Da wird kein Oktroi bezahlt
Für Wein von allen Sorten."


Heinrich Heine
Sirona
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
Weitmarer-Holz.jpg
€igenes Foto - Weitmarer Holz Bochum

Aus dem Walde
Emanuel Geibel

Mit dem alten Förster heut
bin ich durch den Wald gegangen,
während hell im Festgeläut′
aus dem Dorf die Glocken klangen.

Golden floß ins Laub der Tag,
Vöglein sangen Gottes Ehre,
fast, als ob der ganze Hag
wüßte, daß es Sonntag wäre.

Und wir kamen ins Revier,
wo, umrauscht von alten Bäumen,
junge Stämmlein sonder Zier
sproßten auf besonnten Räumen.

Feierlich der Alte sprach:
"Siehst du über unsern Wegen
hochgewölbt das grüne Dach?
Das ist unsrer Ahnen Segen.

Denn es gilt ein ewig Recht,
wo die hohen Wipfel rauschen;
von Geschlechte zu Geschlecht
geht im Wald ein ewig Tauschen.

Was uns not ist, uns zum Heil
ward′ s gegründet von den Vätern;
aber das ist unser Teil,
daß wir gründen für die Spätern.

Drum im Forst auf meinem Stand
ist mir′ s oft, als böt′ ich linde
meinem Ahnherrn diese Hand,
jene meinem Kindeskinde.

Und sobald ich pflanzen will,
pocht das Herz mir, daß ich′ s merke,
und ein frommes Sprüchlein still
muß ich beten zu dem Werke.

"Schütz euch Gott, ihr Reiser schwank!
Mögen unter euren Kronen,
rauscht ihr einst den Wald entlang,
Gottesfurcht und Freiheit wohnen!

Und ihr Enkel, still erfreut,
mögt ihr dann mein Segnen ahnen
wie′ s mit frommem Dank mich heut
an die Väter will gemahnen."

Wie verstummend im Gebet
schwieg der Mann, der tiefergraute,
klaren Auges, ein Prophet,
welcher vorwärts, rückwärts schaute.

Segnend auf die Stämmlein rings
sah ich dann die Händ′ ihn breiten;
aber in den Wipfeln ging′ s
wie ein Gruß aus alten Zeiten.


 

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LisaK
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von LisaK
Vatergruß.png
Sirona
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
Balkon Tückinger Höhe.jpg
Sommerlied 
Jakob Haringer 1898 - 1948

Freu dich dass die Blumen duften,
süß bei Bauernbrot und Speck.
Lass die Schurken und die Schuften,
lass den ganzen, ganzen Dreck.

Und die Sonne schimmert golden,
und das Bier ist gut und frisch.
Schmetterling und Lindendolden,
flattern auf dem Gartentisch.

Was gekommen, was gegangen,
allem trink ich lustig zu.
Keine Wünsche, kein Verlangen
stört die liebe Sommerruh.

Und im Herz blühen Mohn und Lerchen,
und du lachst so wunderbar.
Kind mit deinem alten Märchen,
täusche nicht mein graues Haar.

Denn ich lernt mich längst bescheiden,
ohne zwar, was all‘ geschah.
Blaue Nacht, du nahst so seiden,
und die Sterne sind schon da.


Das Werk von Jacob Haringer (1898 - 1948) besteht hauptsächlich aus Gedichten. Seine Lyrik hat vorwiegend die eigenen Empfindungen zum Thema und schwankt zwischen tiefem Gefühl, extensiver Melancholie und oft wüsten Ausfällen gegen Gott und die Welt. Haringer wurde von Hermann Hesse, Alfred Döblin und Erich Mühsam gefördert. 


 
LisaK
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von LisaK
Mein Garten.png
Sirona
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
edelmann_burg_kostuem_gewand.jpg

Der Hidalgo
Emanuel Geibel

Es ist so süß zu scherzen
mit Liedern und mit Herzen
und mit den ernsten Streit!
Erglänzt des Mondes Schimmer,
da treibt′ s mich fort vom Zimmer,
durch Platz und Gassen weit;
da bin zur Lieb′ ich immer
wie zum Gefecht bereit.

Die Schönen von Sevilla
mit Fächern und Mantilla
blicken den Strom entlang;
sie lauschen mit Gefallen,
wenn meine Lieder schallen
zum Mandolinenklang.
Und dunkle Rosen fallen
mir vom Balkon zum Dank.

Ich trage, wenn ich singe,
die Zither und die Klinge
vom Toledan′ schen Stahl.
Ich sing an manchem Gitter
und höhne manchen Ritter
mit keckem Lied zumal,
den Damen gilt die Zither,
die Klinge dem Rival.

Auf denn zum Abenteuer,
schon losch der Sonne Feuer
jenseits der Berge aus.
Der Mondnacht Dämmrungsstunden,
sie bringen Liebeskunden,
sie bringen blut′ gen Strauß,
Und Blumen oder Wunden
trag' morgen ich nach Haus.


Hidalgo (Edelmann) nennt man seit dem Mittelalter in Spanien den aus alten christlichen Familien stammenden Adel ohne besonderen Titel. 



 

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