Neuvorstellungen Ünal, aus Neuss

Der-Waldler
Der-Waldler
Mitglied

RE: Ünal, aus Neuss
geschrieben von Der-Waldler
als Antwort auf JuergenS vom 14.01.2021, 13:26:53
über unser aller letzter Lebensphase zu schreiben, fehlt hier ein wenig,
 

Genauso ist das, Jürgen. Mich hat das von Anfang an gewundert. An anderer Stelle (Klick!) wird da aber auch schon drüber diskutiert, was mich sehr freut, da das eines meiner "Lebensthemen" ist...

Lieben Gruss

DW
RE: Ünal, aus Neuss
geschrieben von Ünal
als Antwort auf Der-Waldler vom 14.01.2021, 13:24:56

Hallo nochmals Waldler,

danke für die unverdienten Blumen.

Dazu kann ich dir, wenn du lesen magst, ein Beispiel nennen, was mich in meiner Kindheit sehr geprägt hat.

Mein älterer Bruder war damals aufgrund seiner Hochzeit nach München gezogen und ich war noch recht jung.
An einem Tag sind wir zu einem großen BMW-Händler gefahren aber da es schon recht spät war, kam uns, kaum waren wir auf dem Gelände, auch schon der Hausmeister mit seinem sehr alten Hund entgegen und beschimpfte uns ohne jeglichen Grund gleich als "Scheiß Kanacken, haut ab. Ist sowieso schon geschlossen" und machte auch schon das Tor. Dabei drückte er sogar das Tor gegen den Körper meines Vaters. Als mein Bruder sich gerade regte, das Tor wieder aufzudrücken und dem alten Mann eines zu verpassen, hielt ihn mein Vater mit den Worten zurück: "lass gut sein, Sohn, Der Alte hat nur eine begrenzte Sicht".

Als wir dann am nächsten Tag nochmals vorbeikamen und tatsächlich einen Wagen kauften, wurde er zu unserem Erstaunen damit beauftragt, uns die Schlüssel und die Papiere auszuhändigen. Doch er war dabei plötzlich so ganz anderes, als noch am Abend davor. Sehr nett, ausgesprochen höflich und zuvorkommend. Als er einen Augenblick wegging, wies mein Vater meinen bei seinem Anblick erneut erzürnten Bruder auf, nichts zu sagen. Mein Bruder hielt sich natürlich an die Anweisungen unseres Vaters und wir fuhren, ohne dem Besitzer, also dem Händler gegenüber auch nur ein Wort über den alten Mann und unseren Erlebnis am Vorabend zu erwähnen.

Mich prägte dieses Erlebnis ungemein. Mir wurde klar, dass niemand wirklich schlecht ist. Wir nur allzu oft zu schwach sind, unsere wahre Größe, nämlich den eines sozialen Wesens zu zeigen.
Denn der Mann, der noch einige Stunden vorher plötzlich und grundlos ohne wirklich jeglichen Grund so herablassend und beleidigend gewesen war, konnte plötzlich auch ganz nett sein.

Es wäre halt für uns alle ungleich besser und schöner, wenn wir unseren Mitmenschen gegenüber unsere schöne Seite nicht nur dann zeigen würden, wenn wir etwas erwarten oder uns Vorteile erhoffen.
Aber das macht einen Menschen nicht schlecht, höchstens schwach.

Jedenfalls konnte ich, als wir mit dem neuen Wagen wegfuhren, in seinen Augen seine Reue erkennen. Und das prägte mich für den Rest meines Lebens.

Aber ich bitte alle darum, hier nicht anzunehmen, dass ich als Kind ausländischer Gastarbeiter aufgrund dieses Erlebnisses ein verkehrtes Bild von den Deutschen allgemein hätte.
Ich habe hier so viel Menschlichkeit erlebt, auch und oft von Menschen, die sich nichts das geringste von mir erhofften oder erwarteten, dass ich der schlechteste Mensch sein würde, wenn ich hier verallgemeinernd gleich auf eine ganze Kultur schließen würde.
Denn verallgemeinern ist meist das leichteste, gleichzeitig aber auch das falscheste.

Liebe Grüße
Ünal

RE: Ünal, aus Neuss
geschrieben von Ünal
als Antwort auf JuergenS vom 14.01.2021, 13:26:53

Hallo lieber JürgenS,

vielen lieben Dank für deine schönen Worte.

Ich kann dir nur empfehlen, das Thema soweit "bei Seite zu lassen", wie du es am liebsten magst.
Daran ist nichts verkehrtes und schon gar nichts falsches.

Es ist halt nur unsere Angst, oder auch nur die Ungewissheit vor dem, was vielleicht nicht ist.
Nicht jeder ist religiös und nicht jeder erwartet noch etwas, wenn die Zeit gekommen ist, zu gehen.
Man kann es so handhaben, wie man es selbst gern möchte.
Denn ob ich unendliche Angst vor dem sterben habe, oder diese gar herbeisehne, ändert nichts an der Tatsache, dass es uns alle irgendwann ereilt.
Es ist auf der anderen Seite ja schließlich auch nicht so, dass diese irgendwie erleichtert wird, je mehr Gedanken wir uns darüber machen.

Fakt ist aber folgendes: Es gibt nichts, was unverzeihbar wäre. Außer vielleicht das absichtliche töten eines Menschen. Aber vielleicht ist solch etwas grausames auch nur die schlimmste aller Taten, zu denen wir fähig sind. Aber was auch immer der Mensch getan hat, wird uns alles vergeben.

Wenn es dir hilft oder du es möchtest, kann ich dir gern etwas mehr von dem erzählen, was ich selbst erlebt habe.
Ohne natürlich irgendwie garantieren zu können, ob es denn auch tatsächlich so ist, oder nicht doch nur ein sehr subjektives Erlebnis gewesen ist.


Liebe Grüße
Ünal


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Der-Waldler
Der-Waldler
Mitglied

RE: Ünal, aus Neuss
geschrieben von Der-Waldler
als Antwort auf Ünal vom 14.01.2021, 14:24:41

Lieber Ünal,

Du hast nun schon mehrfach von Deinem Vater erzählt und in mir entsteht das Bild eines sehr lebensklugen, weisen, herzlichen Mannes. Wie schön, so etwas lesen zu dürfen.

Einen lieben Gruss

Der Waldler

 

Samick
Samick
Mitglied

RE: Ünal, aus Neuss
geschrieben von Samick
als Antwort auf JuergenS vom 14.01.2021, 13:26:53

@Ünal ......und bis zum 05.01.21 einen treuen Freund Namens Benji.
Leider war es altersbedingt Zeit für unseren treuen Begleiter, uns zu verlassen.

Hallo Ünal , ich denke Benji war ein Hund . Magst du verraten welche Rasse ER war ?

Wir haben auch einen Hund , elf Jahre alt , Kangal Dame Emma .
In meinem BLOG hab ich etwas darüber geschrieben .
Gruß Herbert
CharlotteSusanne
CharlotteSusanne
Mitglied

RE: Ünal, aus Neuss
geschrieben von CharlotteSusanne
als Antwort auf Ünal vom 14.01.2021, 14:38:37

Lieber Ünal,
es ist eine gute Entscheidung von Dir, Dich im ST anzumelden !


german welcome.gif

In Deinem Thread über Deine Nahtoderfahrung habe ich reichlich Herzchen verteilt und alles gelesen,
was ich sehr interessant fand. Du teilst uns alles in einer sehr freundlichen Art mit, die auch ich sehr
sympathisch finde.

Vor allem gefällt mir auch, was Du von Deinem Vater schreibst. Ein sehr lebenskluger Mann !
Sollte er noch unter Euch sein, wünsche ich ihm von Herzen alles Gute !

Über den  Verlust Deines Hundes möchte ich Dir mein ganzes Mitgefühl ausdrücken. Auch seit
unser Langhaardackel schon viele Jahre tot ist, bleibt er unvergessen............... und manchmal träume
ich noch von ihm. Und so gibt es im ST viele Mitglieder, die entweder Haustiere haben oder Deinen
"frischen" Verlust nachempfinden können, weil sie sich an ihre eigenen Tiergefährten erinnern.
Ich habe eigentlich hier im ST nur Tierfreunde kennengelernt.  Tierhasser hätten hier keine Chance.

Ich wünsche Dir sehr herzlich, daß Du Dich hier im ST gut einlebst. Und den Anfang hast Du
eigentlich schon ganz souverän und bravourös geschafft  ! 

Alles Gute für Dich und Deine Familie, besonders in diesen Corona-Zeiten  -  und vor allem :

GESUNDBLEIBEN !

Ein schönes Wochenende wünscht

Charlie


 


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karl
karl
Administrator

RE: Ünal, aus Neuss
geschrieben von karl
als Antwort auf Ünal vom 14.01.2021, 14:38:37

Lieber Ünal,

auch mir ging es schon einmal sehr schlecht und ich habe dabei schlimme und skurrile Träume gehabt.
Ich gebe zu, dass ich mystischen Interpretationen von Nahtoderfahrungen selber eher skeptisch gegenüber stehe und wohl schon aufgrund meines früheren Berufes immer naturwissenschaftliche Erklärungen suche.

Was mir aber an Deinen Beiträgen hier außerordentlich gut gefallen hat, das ist Deine ruhige und freundliche Art auf andere Diskutanten einzugehen. Deshalb bist Du eine Bereicherung für unser Forum!

Ich möchte mich deshalb den Willkommensgrüßen der bisherigen Schreiber gerne anschließen und hoffe, dass unsere Bekanntschaft mit Dir eine dauerhafte sein wird.

Karl

RE: Ünal, aus Neuss
geschrieben von Ünal
als Antwort auf Samick vom 14.01.2021, 16:15:14

Hallo Samick,

natürlich. 
Er war eine Englische Bulldogge. Die sanfteste Seele der Welt.

Schon als kleines Kind, als ich zum ersten Mal die Zeichentrickserie "Tom und Jerry" sah, hatte ich mich in sie verliebt.
Später, ab dem Grundschulalter führte ich die Hunde der Bewohner eines Alten- und Behindertenheimes in der Nähe unserer Wohnung aus. Freiwillig und sowas von gerne. Ich glaube, ich freute mich jedes mal mehr, als die Hunde selbst, die wie verrückt an den Fenstern klebten, sobald sie mich kommen sahen.
Und für so ein Vergnügen bekam ich sogar Geld von den meisten BewohnerInnen.

Da wir aber in einer Wohnung lebten, durfte ich persönlich nie einen Hund haben.
Aber damals versprach ich mir selbst, mir sofort einen Hund anzuschaffen, sobald ich eine eigene Wohnung hätte.
Aber das ging dann leider doch nicht so schnell und bedingt durch Heirat, Beruf, Kinder, zuzüglich Schichtarbeit, kam es erst viel später dazu.
Aber trotzdem wurde unser erster Hund ein Boxer. Seine schönen und treuen Blicke werde ich nie vergessen können.
Und nach ihm kam endlich eine Englische Bulldogge in unsere Familie. Das war 2010. 
Doch mit der Zeit bereute ich meinen Entschluss sehr und als er dann am 05.01.21 vor unseren Augen qualvoll erstickte, wurde mir klar, was ich angerichtet habe.
Und auch jetzt noch schreibe ich diesen Text mit Tränen in den Augen.
Er war ein so sanftes Wesen, nie gebissen, niemals Aggressionen gezeigt, sich immer zufrieden gegeben. Uns immer treu begleitet. Uns so oft den ganzen Stress in nur einer Sekunde genommen...
Er war immer für uns da. Obwohl es so viele Menschen gibt, die ich wirklich sehr schätze und auch liebe, gab es dennoch keine 5 Menschen auf der Welt, die ich mehr liebte als meinen Hund.

Er hatte Atemschwierigkeiten, diese wurden in den letzten Wochen immer schlimmer. Da er aber bereits 11 Jahre war, Englische Bulldoggen in der Regel nur 8-10 Jahre Alt werden, riet man uns von einer Operation ab, da Hunde wesentlich länger bräuchten, um solch eine schwerwiegende Operation zu verkraften. Und Altersbedingt wäre es ohnehin schon fast unverantwortlich. Da wäre eine Spritze noch das humanste gewesen.
Aber ich konnte nicht. Er hatte ja keinerlei Beschwerden und war, ausgenommen seine Atemproblematik, vollkommen gesund.
Am Dienstag Morgen fing er an, ständig zu röcheln. Meine Frau hatte es wohl geahnt und sagte mir, sie wolle ihn alleine zum Tierarzt bringen. Ich beharrte darauf, dass ich mitkomme, was meine Frau aber nicht wollte.
Sie wusste, ich würde ihn nicht einschläfern lassen.
Wir saßen zusammen und redeten noch, als er sich plötzlich aufbäumte, uns ansah und zusammenbrach.
Es dauerte zum Glück nicht lange aber seit dem und mit ihm ist in mir auch etwas gestorben.
Mir wurde klar, dass ich durch den Kauf einer Englischen Bulldogge solch unmenschliche Züchtungen erst ermöglichte. Wie man es auch sehen möchte, ich trage die Mitschuld an seinem qualvollen Tod...
Ich vermisse ihn so sehr, meine sanfte Seele 

old_go
old_go
Mitglied

RE: Ünal, aus Neuss
geschrieben von old_go
als Antwort auf Ünal vom 14.01.2021, 10:13:41

///.... dass es im Leben nicht darauf ankommt, das Böse zu bekämpfen, sondern es vielmehr darum geht, sich davor zu hüten, seinen Beitrag zum Schlechten zu leisten.///

Diese,deine Worte,
                              Ünal,
                                      haben eine große Aussagekraft!

Was du uns bisher von deinen Überlegungen und Erfahrungen vermittelt hast,ist anerkennenswert und macht nachdenklich!

Nur deine Schilderung vom Verhalten des Mitarbeiters mit Hund, bei  euerm  abendlichen Vorbeischauen am Autohaus,
und am Tag danach, sehe ich anders!

Wenn dieser Mitarbeiter wirklich eine Kehrtwendung in eurer "Beurteilung" gemacht hätte,wäre zumindest eine Entschuldigung seinerseits,
statt devotem Verhalten bei Papier-u. Schlüsselübergabe erfolgt.

Ein Sprichwort sagt:

"man kann den Menschen nur vor den Kopf,nicht hinein schauen"

der "Kleine Prinz"   (
Antoine de Saint-Exupéry) sagt:

Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Ich denke aber,etwas vorsichtig sein,ist nie verkehrt.

Ich freue mich auch,
                                   "Willkomen im ST" sagen zu können!
                                     

Margerite, Gänseblümchen, Blume, Weiß

old_go
old_go
old_go
Mitglied

RE: Ünal, aus Neuss
geschrieben von old_go
als Antwort auf Ünal vom 14.01.2021, 22:18:55

//Mir wurde klar, dass ich durch den Kauf einer Englischen Bulldogge solch unmenschliche Züchtungen erst ermöglichte//

Deine Trauer,Ünal,
                             kann ich so gut mitempfinden!

Auch,die Überlegung,durch den Erwerb einer Qualzucht sich mitschuldig zu fühlen.

Aber,es wurde lange Jahre nie auf derartige strafwürdige Rasseveränderungen bei der Züchtung geachtet oder hingewiesen!

Einer meiner Brüder war auch vernarrt in die Boxer,ich erinner mich an einen,der eine extrem breite "Heldenbrust" hatte und eine besonders tiefe Stimme.
Ein Bild von einem gestromten Boxer!
                                                                 Axel

Wenn der im Garten am Zaun entlang "aufpasste" war sein tiefes Gebell wirklich nicht zu überhören und Viele hatten Angst vor ihm.

Nur gut,dass die nicht wußten,was für ein zärtlicher Babysitter er war!

old_go


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