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Plaudereien Gläubige und orthodoxe Juden in Zürich

Re: Gläubige und orthodoxe Juden in Zürich
geschrieben von WoSchi
als Antwort auf karl vom 27.04.2012, 13:19:24
Vielen Dank für Deine Anmerkung, Karl!
es ist leider so, dass "man" ausserhalb des jüdischen Lebens viel zu wenig vom Bezug der Juden zum Töten von Tieren und dem Verzehr von Fleisch weiss. Wird Fleisch von Nicht-Juden oft gedankenlos konsumiert, so ist ein tägliches Fleischessen bei Juden eher selten, jedoch weiss man beim Kauf vom Fleisch geschächteter Tiere doch eine ganze Menge: Nämlich dass diese Tiere NICHT aus einer Massentierzucht stammen und sie artgerecht gehalten und gefüttert wurden.

Das Gebot "Du sollst nicht töten" gilt grundsätzlich auch für Tiere - deshalb ist Juden zum Beispiel auch der Verzehr von gejagten Tieren wie Reh und Hirsch verboten. Das Gebot wird quasi durch die strenge Ritualisierung und das Erheben zum religiösen Akt aufgehoben - und hier wird sehr streng kontrolliert, wie die Tiere gehalten werden. Leider kann man das von "normalen Schlachthöfen" nicht behaupten.

Ich Zitiere noch einmal

Tötungsverbot und Tötungstabu wurden aufgehoben, indem das Töten von Tieren zu einem religiösen Akt erklärt wurde und als Tieropfer im Tempel unter bestimmten Bedingungen, - sie dienten dazu das Töten und die zur Tötung erlaubten Tierindividuen und Tierarten zu beschränken - erlaubte. Tiere dürfen seither, obwohl sie wie der Mensch als nefesch chaja, als mit Odem beseelte Lebewesen bezeichnet werden, getötet werden, und ihr Fleisch ist, sofern es die Bestimmunge der rituellen Reinheit erfüllt, "koscher" und zum Verzehr erlaubt.

Das historisch entstandene Handwerk der Schechita, stellt einen enormen Fortschritt des Tierschutzes bei Schlachtungen dar. In Zeiten, als Tiere erstochen, erschlagen, erdrosselt, gesteinigt wurden, schrieb das Judentum die schonendst mögliche Methode des Schlachtens vor und entwickelte geeignete Methoden und Ausbildungsweisen.
In der heutigen Zeit haben sich die Bedingungen des betäubungslosen religiösen Schlachtens verändert: industriell organisiertes Schlachten mit Wendeapparaten und im Akkord ist nicht mehr mit dem jüdischen Tierschutzgebot vereinbar. Das Verbot, daß kein Tier die Todesangst und das Töten des anderen Tieres mitansehen darf, kann nicht mehr erfüllt werden.
Die Haltung der Tiere in den Fleischfabriken ist nicht mehr vereinbar mit den Geboten der Tora, die körperlichen, seelischen und emotionalen Bedürfnisse der Tiere zu achten.
Elektronenmikroskopische Verfahren zeigen: das Gebot, kein Blut zu verzehren, kann nicht erfüllt werden, weil sich immer Partikel von Restblut im Fleisch befinden.
So wie um die letzte Jahrtausendwende die biblische Polygamie von Rabbi Meir HaGola aus Mainz weltweit abgeschafft wurde, zugunsten der Monogamie als neuer Pflicht für die gesamte jüdische Gemeinschaft, da Polygamie nicht mehr zeitgemäß und nicht mehr mit den Werten der Menschen kompatibel war, wird auch das Brauchtum (minhag) Judentum mit Fleischkonsum zu verbinden, aufgegeben werden.
Die Lösung lautet Vegetarismus, die seit je Forderung und ethische Orientierung der Schöpfungsberichte der Tora waren.

Die Speisegesetze unterscheiden zwischen reiner und unreiner, koscherer und treifener Nahrung.
In der heutigen Zeit müssen die Qualitätsanforderungen wie sie durch die Schechita und Kaschrut zum Ausdruck kommt, ergänzt werden durch tiergerechte und tierschutzbestimmte Haltungs-, Transport-, und Schlachtbedingungen.
"Koscher" bedeutet einst wie heute tiergerecht und dem Tierschutz verpflichtet. Unter allen Umständen. Auch wenn dies bedeutet: Gewohnheiten des Menschen verändern!
Judentum bedeutet nicht "Fleischessen" und "Kochrezepte verehren".
Das Fleisch gequälter Tiere ist niemals koscher.
Aus Intensivmast- und Akkordschlachtanlagen kann kein koscheres Fleisch, keine koschere Milch, kein koscheres Ei gewonnen werden.



Es wäre zu begrüssen, wenn diese Erklärung das Handeln und die Sichtweise auf jüdische Bräuche etwas zum Verständnis beitragen könnten.
miriam
miriam
Mitglied

Re: Gläubige und orthodoxe Juden in Zürich
geschrieben von miriam
Da ich keine gläubige bzw. praktizierende Jüdin bin, möchte ich keine Erläurengen zum jüdischen bzw. jüdisch-orthodoxen Ritual hier geben.

Das Schächten ist eben ein Ritual welches bei orthodoxen Juden praktiziert wird. Meine Israelische Freundin Z., die eigentlich eine gläubige und praktizierende Katholikin ist, sagte mir mal, dass das Schächten jedefalls eine weniger quälende Form des Schlachten ist.

Da das Schächten nicht nur zum jüdisch-orthodoxen Ritual gehört sondern auch im Islam Vorschrift ist, gingen wir (Z. und ich), wie viele andere auch, zum Einkaufen zu ihrem arabischen Metzger.

Dies nicht um ein Ritual einzuhalten, sondern eben wegen der weniger grausamen Form des Schlachtens.

Miriam
schorsch
schorsch
Mitglied

Re: Gläubige und orthodoxe Juden in Zürich
geschrieben von schorsch
als Antwort auf miriam vom 27.04.2012, 13:59:58
Falls dich jemand töten wollte und dir 2 Möglichkeiten anheim stellen würde, nämlich erschiessen oder den Hals aufschneiden und langsam ausbluten lassen, welche würdest du denn wählen?

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digi
digi
Mitglied

Re: Gläubige und orthodoxe Juden in Zürich
geschrieben von digi
als Antwort auf miriam vom 27.04.2012, 13:59:58
:: ..., dass das Schächten jedenfalls eine weniger quälende Form des Schlachten ist.

In dem Moment wenn die Halsschlagadern durchgeschnitten werden,
geht schlagartig 'das Licht aus'.
Vergleichbar mit Hühnern.
Vorausgesetzt es macht ein Fachmann.

Medea
Medea
Mitglied

Re: Gläubige und orthodoxe Juden in Zürich
geschrieben von Medea
als Antwort auf digi vom 27.04.2012, 16:13:12
Über das Schächten gehen die Meinungen stark
auseinander - KAGfreiland für Kuh, Schwein,
Huhn & Co, Schweiz, schreibt dazu folgendes:

Kampagne «Schächten, nein»

Importfleisch
Käfig-Kaninchen
Kuhzüchtiger
Vogelgrippe
Schächten

Positionspapier zum Thema Schächten (PDF 72kb)

Tiere, die geschächtet werden, leiden massiv. Stark belastend sind einerseits die Vorbereitungshandlungen, die das Tier in Panik bringen, andererseits der eigentliche Schächtschnitt durch den Hals und drittens die Zeit des Ausblutens bei vollem Bewusstsein. Bei den heute in der Schweiz angewandten Schlachtmethoden muss das Tier um vieles weniger leiden als beim Schächten.







Schächten in Deutschland

Schafe werden besonders häufig geschächtet.

Das betäubungslose Schlachten (Schächten) ist in Deutschland aus Tierschutzgründen grundsätzlich verboten (§ 4 a Tierschutzgesetz). Angehörigen bestimmter Religionsgemeinschaften, denen zwingende Vorschriften ihrer Religion das Schächten vorschreiben oder den Genuss von Fleisch nicht geschächteter Tiere untersagen, können jedoch eine Ausnahmegenehmigung von diesem Verbot bei der zuständigen Behörde beantragen.

Jahrelang waren die Behörden davon ausgegangen, dass moslemische Mitbürger nicht von diesem Ausnahmerecht Gebrauch machen können, da der Islam die Betäubung der Tiere zulässt. Im Januar 2002 entschied jedoch das Bundesverfassungsgericht auf Klage eines moslemischen Metzgers, dass Gläubige eine Ausnahmegenehmigung zum betäubungslosen Schlachten erhalten können, sofern sie bei Antragstellung darlegen, dass ihr Glaube dies erfordere.


Aktueller Sachstand
Die strenge Genehmigungspraxis nach der Grundgesetzänderung hat zu erneuten Klagen des moslemischen Metzgers geführt. Im November 2006 entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, dass trotz der Verankerung des Staatsziels Tierschutz im Grundgesetz Religionsvertretern eine Ausnahmegenehmigung zum Schächten erteilt werden muss. Es sei nun am Gesetzgeber, das Tierschutzgesetz so zu ändern, dass dem Staatsziel Tierschutz Rechnung getragen wird. Nach unserer Ansicht kann das nur durch Streichen der Ausnahmeregelung für das betäubungslose Schlachten im Tierschutzgesetz erreicht werden.

Die Länder Hessen und Schleswig-Holstein starteten 2007 eine Gesetzesinitiative zur Änderung des Tierschutzgesetzes. Die Ausnahmegenehmigung sollte demnach zwar nicht entfallen, aber dem Staatsziel Tierschutz durch eine Verschärfung der Bedingungen vermehrt Rechnung getragen werden. Nachdem die Initiative zum Erliegen kam, haben die Bundesländer den Gesetzesentwurf erneut beim Bundesrat eingebracht, der ihn im Februar 2010 angenommen und damit das Gesetzgebungsverfahren wieder in Gang gebracht hat.
lars
lars
Mitglied

Re: Gläubige und orthodoxe Juden in Zürich
geschrieben von lars
als Antwort auf Medea vom 27.04.2012, 16:26:33
Ich denke Medea, die Juden wissen genau, dass die Tiere nicht leiden müssen?
Allerding finde ich es sehr positiv, dass Tiere nur aus koscherer Tierhaltung kommen.


Nun Karl, ist mein Thread doch zu einem beachtlichen Thema geworden, konnte dabei viel lernen über das Judentum!


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Medea
Medea
Mitglied

Re: Gläubige und orthodoxe Juden in Zürich
geschrieben von Medea
als Antwort auf lars vom 27.04.2012, 16:36:39
Wikepedia schreibt u.a. :

"Gegner des Schächtens kritisieren, dass die Bewusstlosigkeit des Tieres nicht sofort eintritt, da die Blutversorgung des Gehirns auch durch nicht durchtrennte Gefäße im Bereich der Wirbelsäule und des tiefen Nackens erfolgt, und verweisen auf manche Video-Aufnahmen geschächteter Tiere, die einen teilweise mehrminütigen Todeskampf durchleben, obwohl sichtbar die Luftröhre und Halsschlagadern durchtrennt wurden. Eine sofortige Bewusstlosigkeit sei daher beim Schächten nicht automatisch gegeben, was darauf zurückzuführen sei, dass der Ausblutungsprozess eine gewisse Zeit benötigt. Auch sei ein Beharren auf dem Schächten ohne vorherige Betäubung mit dem Hinweis auf das erforderliche Ausbluten nicht überzeugend, da ein betäubtes Tier in gleicher Weise ausblutet wie ein nicht betäubtes. Außerdem würden auch beim besten Ausbluten immer noch Blutrückstände im Fleisch bleiben, so dass dieses Argument angezweifelt werden kann."


Ich bin eine erklärte Gegnerin des Schächtens .......

Medea.

Lars ich bitte Dich, diese Schlachtmethode nicht allein am
Judentum in der Schweiz und in Deutschland festzumachen, dort werden noch die wenigsten Tiere auf diese Weise getötet.


Nein Diggi, so schlagartig geht das "Licht nicht aus" ....



Re: Gläubige und orthodoxe Juden in Zürich
geschrieben von WoSchi
als Antwort auf Medea vom 27.04.2012, 16:48:25
Hi Medea - ich bitte unbedingt zu bedenken, dass es einen sehr grossen Unterschied zwischen dem Schächten der Moslems und dem Schächten bei den Juden besteht - denn nur ein eigens ausgebildeter Schochet (d.h. jüdischer Metzger) darf unter Anwesenheit eines Rabbiners schächten - im Islam daf das jeder, der ein Messer besitzt. Das ist der Grund, warum praktizierende Juden eben nicht beim moslemischen Metzger kaufen, Moslems aber durchaus gerne beim kosher Metzger.
Re: Gläubige und orthodoxe Juden in Zürich
geschrieben von mart1
als Antwort auf Medea vom 27.04.2012, 16:48:25
Ich kenne aus eigener Anschauung die Praktiken im Schlachthof beim Rinder-, Schweine- und Hühnerschlachten. Nein, die hier öfters verlinkte Sendung habe ich mir nicht angesehen - brauche ich nicht zusätzlich.

Dagegen ist das Verbluten, ob mit vorhergehender oder mit nachher erfolgter Betäubung oder ohne Betäubung eine harmlose Tötungsart - für mich.
Medea
Medea
Mitglied

Re: Gläubige und orthodoxe Juden in Zürich
geschrieben von Medea
als Antwort auf WoSchi vom 27.04.2012, 17:07:01
Hi Wolkenschieberin,
was in deutschen/europäischen Schlachthöfen geschieht,
ist ebenfalls grauenhaft und den großen Unterschied zwischen dem
jüdischen und dem moslemischen Schächten sehe ich auch.
In einem Stadtteil hier haben Muslime auf dem Balkon
Lämmer geschächtet, mit Grauen denke ich daran.

Mein Fleischverbrauch ist seit Jahren minimal,
allerdings zum Vegetarier habe ich es auch noch
nicht gebracht. Meine Enkelin Antonia ißt seit
rund zwei Jahren keine Wurst und kein Fleisch
mehr - das hat die Großmutter noch nicht geschafft.

Grüße M.


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