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Plaudereien Junge, wie die Zeit vergeht

Drachenmutter
Drachenmutter
Mitglied

Junge, wie die Zeit vergeht
geschrieben von Drachenmutter
Hallo Ihr Lieben,

ich muss mal ein wenig sinieren. Heute, ach nee, ist ja schon gestern gewesen, boah schon sooo spät? Also gestern wurde meine Kleine, mit 1,81 m 5 cm größer als ich, 23 Jahre alt. Wo sind all' die Jahre hin? Sie sind wie im Fluge vergangen. Meine Güte, bin ich wirklich schon sooo alt? Als ich in ihrem Alter war, waren Leute mit 55 schon scheintot. Irgendwie fühle ich mich gar nicht wie 55, aber meine Knochen sprechen da eine andere Sprache. Nicht so einfach, sich damit abzufinden. Alles geht langsamer. Das Treppensteigen beginnt Schwierigkeiten zu machen, runter ist es schlimmer, als rauf. Ätzend. Die jungen Leute beginnen, mich mitleidig anzusehen. Wie finde ich das denn? Boah, schlimm.

Mein Töchterchen hat uns zum Essen eingeladen, ins Steakhaus, das erste Mal. Früher war das umgekehrt. Geht's nun bergab? Wir haben über dies und das geplaudert, auch über den Tag ihrer Geburt, das war ihr peinlich, ihrem Freund gegenüber. Sie hat die Augen verdreht. Ich habe das fein registriert, aber nichts gesagt. Sie haben andere Themen heute, wollen nichts hören von ihrer Kindheit. War bei uns doch nicht anders. Dieser Rollentausch ist mir heute so sehr bewusst geworden. Es beschleicht mich eine gewisse Wehmut. Gehöre ich nun zum alten Eisen?

Na, das hatte ich grad mal auf dem Herzen, ich denke Ihr versteht mich, oder?
--
woelfin
Linta †
Linta †
Mitglied

Re: Junge, wie die Zeit vergeht
geschrieben von Linta †
als Antwort auf Drachenmutter vom 03.10.2008, 00:24:23


Ach herrje, Du Küken !
Könnte ich noch einmal 55 sein.......

Noch gehörst DU nicht zum alten Eisen.

Mit 55 bin ich noch über Tisch und Bänke, mach ich
ja heute teilweise noch.
Als ich mir den Videoclip über das Oktoberfest anschaute
wäre ich am liebsten gleich los in die Loopingbahn,
leider konnte ich aus zeitlichen Gründen nicht nach
München, aber..........

ninna




heijes
heijes
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Re: Junge, wie die Zeit vergeht
geschrieben von heijes
als Antwort auf Drachenmutter vom 03.10.2008, 00:24:23
Liebe Woelfin, das kommt mir irgenwie bekannt vor.

Richtig alt fühlts du dich, wenn dir zum ersten Mal in der Bahn von einem jungen Burschen der Platz angeboten wird *g* und dann beim Umsteigen dir noch einer deinen Koffer tragen will, ist mir letztens passiert, dachte bei mir, gehörst du jetzt auch schon zu den "Grufties"(wie die Jugend so schön sagt), fühlst dich doch gar nicht so alt. Aber dann die 3 Stockwerke zu meiner Wohnung rauf, habe ich gedacht es wäre doch schön wenn dir jetzt jemand den Koffer hochtragen würde. Es war aber keiner in Sicht *g*
Als ich um die 20 Jahre alt war, da galten 30-jährige schon als scheintot .
Mögen auch die Knochen nicht mehr so wollen, solange man im Herzen noch jung bleibt, ist man nicht "ALT".
Ninna hat recht mit dem was sie sagt. Meine Mutter hat als 90jährige noch jede Woche das große Haus meines Bruders geputzt, Wäsche gewaschen, jeden Tag gekocht den Garten gemacht und ihre geliebten Turnübungen, da war mancher Jüngere neidisch, was sie noch so alles konnte und das nach 3 Herzinfarkten. Sie war immer im Herzen jung geblieben und gerne mit Jüngeren zusammen. Ein Ausspruch von ihr war: ne,ne Kinda, ins Altenheim jeh ich nich, was soll ich bei den ALTEN. Wenn wir dann schmunzelten, sagte sie: ich weiss ja das ich auch alt bin, aber so alt auch wieder nicht.
Also was sollst, genießen wir das Leben so lange es geht und behalten uns immer etwas Jugend im Herzen.
So jetzt habe ich mich aber verplappert und muss ins Bett
--
heijes

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minu
minu
Mitglied

Re: Junge, wie die Zeit vergeht
geschrieben von minu
als Antwort auf Drachenmutter vom 03.10.2008, 00:24:23
Mit 40 fühlte ich mich wie 80, müde, ausgelaugt, erschöpft. Schaffte es kaum mich die Treppen hoch zu klimmen.
Heute mit 65 fühle ich mich wie 50. Kann 4 Stunden laufen, am Anfang schaffte ich mit viel Schmerzen, kaum eine viertel Stunde. Die Schmerzen sind weg, bin wieder voller Lebensfreude. Das alles seid ich auf dem Land wohne, ein Hündli hüte und jeden Tag laufe. Heute können wir zwei Leben leben. Eines bis 50 und das zweite von 50 bis 100. Was tut man die zweiten 50 Jahre? Ich habe viel zu tun, doch was tun die Menschen, die bis jetzt nur gearbeitet haben und kein Hobby, keine Freunde haben?
Die Zahl der Jahre kann man vergessen. Man ist wirklich so alt, oder so jung, wie man sich fühlt.
Herzlichen Gruss Emy
--
minu
nasti
nasti
Mitglied

Re: Junge, wie die Zeit vergeht
geschrieben von nasti
als Antwort auf minu vom 03.10.2008, 02:46:23

Ich habe mich gefühlt erste mal wie eine alte Frau mit 61 Jahre, wo ich aufgehört hatte mit meine Arbeits Aktionen, und bleib mir nur das Atelier.
Messen, Volksfeste, Weihnatsmärkte, Bürgerfeste, etc., das war ein Sucht bei mir, nach 2 Jahre Entzug habe mich endlich beruhigt, 10 kg zugenommen, und das dank meinem älteren Sohn. Er hat mich immer so behandelt als wäre ich die Tochter, und er der Vater,also große Einladungen bei Ihn waren und sind immer angesagt.
Wehe wenn in meiner Tasche die Handy klingelt!!!! Ich krabbele in der Tasche, wegen ewige Unordnung und viel "Krempel" in de Tasche kann ich nicht sofort finden, dann verliert er die Fassung und kauft für mich eine neue Tasche. Schon die fünfte.*G*
Neulich die Hausherrin in einem WE Wohnung in Madeira stützte mich vorsichtig bei der Treppe steigern,als wäre ich behindert.
Na Amen, dachte ich mir, und in WE Wohnung waren überall große Spiegeln. Überall!!!!!Gnadenlos müsste mich beobachten wie ich durch die Wohnung watschele wie eine Ente. Seitdem ist mir gelungen paar Kilo verlieren, meine Faulheit überspielen und endlich mehr Bewegung an Tag einlegen.
Jetzt bin ich dabei so "frischer" gehen, und es geht.

Nasti



omaria
omaria
Mitglied

Re: Junge, wie die Zeit vergeht
geschrieben von omaria
als Antwort auf Drachenmutter vom 03.10.2008, 00:24:23
Liebe Woelfin!
Dieses Thema begleitet mich schon lebenslänglich...
Ich kann mich gut erinnern,
dass ich überhaupt keine Freude daran hatte,
30 zu werden!!!
Irgendwie schloss sich da ein Kreis:
"Jugend adé - jetzt wirste alt!"

Das Leben geht weiter,
und die Uhr tickt unaufhörlich und unüberhörbar...
40 - 50 - 60 ...
alle diese runden Geburtstage ließen mich innehalten
und zurück, aber auch nach vorne, denken!
Jung? Alt? Alles relativ!

Meine Schwiegermutter ist gerade 96 geworden,
lebt allein in einem großen Haus
und will völlig selbstbestimmt leben!
Und sie kann es!

omaria

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niederrhein
niederrhein
Mitglied

So leben wir und nehmen immer Abschied. (Längerer Text)
geschrieben von niederrhein
als Antwort auf Drachenmutter vom 03.10.2008, 00:24:23
Eigentlich ein Unsinn, sich wegen eines längeren Textes gleichsam zu entschuldigen; also dieser Text ist vermutlich für jene Menschen keine Lektüre, die sich hier nur mal spontan, gleichsam aus dem Bauch, äußern und/oder irgendeine Meinung von sich geben wollen ... Der Text richtet sich an jene, die dieses Thema tiefer beschäftigt.




So leben wir und nehmen immer Abschied.

(Schluß der achten Duineser Elegie von Rainer Maria Rilke)


[...] Wo sind all' die Jahre hin? [...] meine Knochen sprechen da eine andere Sprache [...] Mein Töchterchen hat uns eingeladen [...] Früher war das umgekehrt. Geht's nun bergab? [...] Sie haben andere Themen heute, wollen nichts hören von ihrer Kindheit. War bei uns doch nicht anders. [War es das?] Dieser Rollentausch ist mir heute so sehr bewusst geworden. [...] woelfin
geschrieben von woelfin



Vermutlich ein Thema, das nicht nur hier, in diesen virtuellen Gefilden des ST, viele bewegt. Zudem ein Thema mit mehreren Aspekten.


(1) Die eigene Befindlichkeit; das Wahrnehmen und Erleben der körperlichen und geistigen Veränderungen.

Vermutlich sind nicht wenige ältere Menschen heute hier in Europa physisch wesentlich besser dran als die entsprechenden Altersgruppen vor etwa fünfzig oder hundert Jahren, wofür wir ja heute die Ursachen wissen.

Trotzdem: Je nach persönlicher (Alters)Konstitution und Kondition, Lebenswandel, sozialer Situation (!) und individueller Entwicklung läßt sich eben der biologische Prozeß des Alterns nicht aufhalten. (Und ich persönlich finde es gut so.)
Wie weit man diesen eigenen physischen Alterungsprozeß bewußt erlebt und wahrnimmt, wieweit man daran leidet, traurig ist ... nun das gehört vermutlich eben zur Tragik des Alterns und/oder des menschlichen Lebens, denn offensichtlich wollen heute einige/ wenige/ viele/ die meisten Menschen nicht mehr altern.
(Das allein wäre ein eigenes Diskussionsthema, das ich aber hic et nunc nicht führen möchte.)

Die geistigen Veränderungen: Ebenso wie die physischen Veränderungen ein schleichender Abbauprozeß, der ebenfalls letztlich nicht aufhalten läßt; hier allerdings scheint wohl die/der einzelne die Entwicklung (wie übrigens auch im körperlichen Bereich) mehr oder weniger etwas beeinflussen zu können. Dennoch: Es berührt einen schon, wenn man gelegentlich nicht nur alltägliche Dinge wie etwa einen festausgemachten Termin, einen Geburtstag vergißt, sondern sich etwa ein Buch kauft, sich CDs anschafft und dann feststellt: „Oh je, das habe ich schon längst in meinem Regal.“
(Bei einem bestimmten Buch dachte ich seinerzeit noch: „Das interessiert mich außerordentlich, das Thema kommt mir so bekannt vor.“ Na kein Wunder; ich hatte es zuhause bereits im Regal ...

Zum physischen Bereich: Einige der Kommunität hier haben meine diesjährige Fahrradreise von Lenggries (südlich von Bad Tölz) bis nach Flensburg registriert. Ich gestehe ehrlich: Vorher war ich wahnsinnig unruhig (ängstlich?) - und hätte sich mir eine Ausrede angeboten, ich wäre vielleicht nicht mehr gefahren.
Ob es die letzte große Tour war – ich weiß es nicht, Pläne habe ich noch weitere ...
Die allmählichen körperlichen Veränderungen (sofern ich diese in meinem Alltag überhaupt registriere) nehme ich durchaus hin ... Aber jeder wird halt diesen – eben sehr unterschiedlich verlaufenden – körperlichen Abbauprozeß auch unterschiedlich wahrnehmen und bewerten.
Zum Beispiel wird der sehr körperlich bewußte und sportlich engagierte Mensch vermutlich diesen Prozeß schmerzlicher wahrnehmen als ein anderer Mensch.
Und wie Menschen, denen ihre sexual-körperliche Attraktivität und ihr Äußeres immer wichtig war bzw. einen Teil (oder total?) ihres existentiellen Bewußtsein bestimmte und bestimmt, mit ihrem Alterungsprozeß klarkommen, ist deren Problem ... peinlich nur (so sehe ich es), wenn man als Frau über fünfzig, gar sechzig oder noch älter glaubt, mit der natürlichen Schönheit eines Mädchens oder eines jungen Frau – möglich auch noch sexuell – konkurrieren zu müssen.
Dies gilt analog natürlich auch für die Männer, die häufiger ihre biologisch-biographische Situation verkennen ... siehe den alten Goethe in Marienbad, über den damals in allen deut-schen Residenzstädtchen gelacht wurde, nur er merkte es nicht ...

Vielleicht gehört es zur Weisheit des Alters, sich nicht mehr selbst zu belügen und auch die altersbedingte Situation und das „unabänderliche Schicksal“ des Alterns (dazu gehört natürlich die Veränderung und schließlich auch das Sterben) anzunehmen?


(2) Die Umkehrung der Kräfteverhältnisse oder auch oft Machtverhältnisse zwischen Eltern und Kind(er).

Der Schriftsteller Arno Geiger (ich verzichte hier auf die etwas umständliche Verlinkung. Siehe Wikipedia, DIE ZEIT ... dort findet man etliches zum Autor) schilderte im letzten Jahr in der ZEIT in einem doppelseitigen sehr nüchternen und vielleicht deswegen so anrührenden Bericht den Besuch bei seinem alzheimer-erkrankten Vater, wo er u.a. fast „beklagte“, wie sich auf einmal (hier im Falle dieser Erkrankung relativ schnell!) die Situation, das Kräfteverhältnis sich geändert hat.
Seit seiner Geburt war sein Vater Bezugspunkt, der Überlegene, der ruhende Pol, derjenige gewesen, der einen getröstet, Rat gegeben hat etc. Und fast wirft er dem Vater vor, ihn doch jetzt verlassen zu haben, ihn in Stich gelassen zu haben ...

Eine Dame, selbst Jahrgang 1949, hatte ihren Vater (85 Jahre) im letzten Jahre verloren. Auf meine Frage, wie das damals war und wie sie es erlebt hatte, fing sie an, mit der spontanen Hemmungslosigkeit eines Kindes (!) zu weinen. Auf meine leisen Worte, ihr Vater hätte doch durchaus ein Alter erreicht, in dem man sterben kann bzw. in dem das Sterben ein wirklich natürliches Ereignis ist, sagte sie, daß eben ihr Vater immer dagewesen sei ... und sie sich nicht vorstellen können, daß er jetzt nicht mehr da sei.
(Von irgendjemand hörte ich, die eigenen Eltern haben für das (Unter)Bewußtsein eine Art Unsterblichkeit ...)

Im Gegensatz dazu (das fällt jetzt hier spontan ein): ... wie Ludwig Thoma in seinen Romanen die unerbittliche Härte, diese brutalen Machtkämpfe zwischen den Jungen und den Alten schilderte, wo man nicht nur endlich den endgültigen Abgang der Alten erwartete und er-sehnte, sondern bereits bei der Beerdigung die weiteren Macht- und Verteilungskämpfe hell aufbrannten. Wo man bei der Ablösung, Übertragung des Hofes um den Sitzplatz am Ofen/Feuerstätte, um die tägliche Ernährung (wieviel Brot, wieviel Fleisch, wieviel Salz ... man den Alten zugestand) stritt und dies notariell ausmachte ... weit entfernt von der Kind-Eltern-Idylle à la Ludwig Richter in seinen Zeichnungen und Bildern.

Das Kind-Eltern-Verhältnis (neben dem Geschwister-Verhältnis) konstituiert – oder soll man auch schreiben: formt und/oder deformiert, begründet und/oder zerstört ein ganzes, das eigene Leben? (Hier im ST schon einmal an anderer Stelle erwähnt: Wie wurde bzw. wird z.B. Niklas Frank (Jahrgang 1939) mit der Existenz seines [toten] Vaters und seiner Mutter fertig? Haben diese beiden Eltern nicht automatisch das Leben ihres Kindes mitzerstört? (Obwohl ja alle Eltern den Anspruch erheben, wir wollen ja nur dein Bestes ...))

Seit ein, zwei Jahren frage ich fast alle Menschen, mit denen ich etwas länger zu tun habe, nach ihrer Kindheit, nach dem Verhältnis zu ihren Eltern, wo und wie sie die Eltern positiv und negativ prägten, wie sie das Älterwerden ihrer Eltern wahrnehmen. Wobei eines sehr erstaunlich (und/oder vielleicht wiederum nicht verwunderlich?) ist: Fast „unbarmherzig“ registrieren jene das Alt- und "Schwachwerden" ihrer Eltern und die damit einhergehenden, eben nicht immer positiven Veränderungen, die, diese "Kinder", ja selbst alt werden ... also so ab fünfzig Jahre ... als wollten sie mit der übersensiblen Wahrnehmung der altersbedingten (und/oder persönlichkeitsbedingten) Veränderungen ihrer Eltern ihr eigenes Älterwerden und das damit verbundene Unbehagen verdrängen und/oder auf die eigenen Eltern projezieren.

Altwerden war und ist nie ein Vergnügen, sondern letztlich ein unerbittlicher, letztlich finaler Prozeß, dem sich jeder einzeln und allein stellen muß. Beim und im Sterben ist man allein.
Vielleicht stirbt man beim Anhören des Wohltemperierten Klaviers oder der Goldbergvariationen in seinen letzten Stunden leichter ...?


(3) Das andere Bewußtsein der [erwachsenen) Kinder.

Ich muß lächeln ... es ist doch fast natürlich, daß „Kinder“ in ihrem offenbar lebenslangen Ablösungsprozeß von den Eltern ...
... der letztlich erst mit dem Tode der Eltern endgültig erfolgt ist oder der aufgrund einer pathologischen Prägung durch die Eltern vielleicht nie endet? Kafkas literarisches Werk ist wesentlich durch den Vater mitbestimmt worden. Von Hitler und Stalin (Montefiores Biographie des jungen Stalin - vor kurzem geschenkt bekommen) heißt es, daß deren emotionale Zerstörung durch deren prügelnde Väter erfolgt sei. Florian Havemanns aktuelles Buch über seinen Vater sei – so in einer Kritik – Ausdruck einer traumatisch-narzisstisch erlebten Kränkung durch den Vater Robert Have-mann.
(Und bei dem Auftreten/Texten mancher Menschen hier im ST frage ich mich insgeheim auch nach deren Kindheit, Sozialisation, Traumatisierungen etc.)[/indent]
... ihre Version vom Leben, von der Welt etc. haben wollen und zumindest zu einem gewissen Zeitpunkt nichts von ihrer Kindheit und das noch durch die Eltern(!) erfahren wollen, denn damit wird doch diese Abhängigkeit wieder aktualisiert und affirmiert. Häufig wollen sie erst wieder etwas von ihrer Kindheit hören, wenn sie selbst Kinder haben.

Nicht zuletzt geht der Blick der Kinder nach vorn, während die Perspektive von uns alten Menschen immer mehr zurück geht.
Es tritt geradezu ein Perspektivwechsel ein (man lese nur die Texte der ST-MitgleiderInnen!):
Man blickt mehr nach hinten als auf die Gegenwart (in der man nur noch eine periphere oder überflüssige Rolle - als bloßer Renten- und Leistungsempfänger - spielt) oder gar in die Zukunft.

Den Blick nach hinten mache ich persönlich gerne, weil sich eben so die Chance bietet, wenigstens jetzt einiges Gelesene und Studierte, Erlebtes und Erfahrenes in Bezug auf Hintergründe und Zusammenhänge besser zu verstehen, damit ich nicht völlig verblödet von diesem [i]theatrum mundi
, diesem Welttheater (immer schwankend zwischen Possenspiel, Bauerntheater, Absurdes Theater, Komödie, manchmal auch eine Tragödie) abtrete ...


(4) Eines der zentralen Themen der Literatur (neben dem ewigen Thema der Beziehungen zwischen Mann und Frau) ist die Reflexion, die Schilderung der eigenen Kindheit, der Eltern, das Verhältnis zu den Eltern, der Kampf mit und gegen die Eltern etc.
Ich habe mich entschlossen, mich mit diesen literarischen Komplex in nächsten Jahr intensiver zu beschäftigen.
Die Schriftstellerin Claire Goll (seinerzeit verheiratet mit dem expressionistischen Autor Yvan Goll) schilderte in ihrem autobiographischen Roman „Die Traumtänzerin“, wie ihre (relativ junge und wohl sehr attraktive) Mutter die Verehrer ihrer Tochter in ihr eigenes Bett zog ... welch eine reizende Mutter-Tochter-Idylle! Welch ein kooperatives Zusammenleben!
Wobei der sexuelle Konkurrenzkampf zwischen Mutter und Tochter sicher auch ein hübsches Thema wäre ... ich muß mal diesbezüglich wieder Mythen studieren; über das reizend-kameradschaftlich-kollegiale Verhältnis zwischen Väter und Söhnen bei den Olympiern sind wir ja seit bzw. mit den griechischen Mythen explizit gut informiert.


Zwei nicht uninteressante Bücher in diesem Zusammenhang ...

http://community.seniorentreff.de/storage/pic/userbilder/a30f1d57825f100a5a9ba38c76fffe20/archivbuchtitel0103.10.2008/106527_1_Archiv_Buchtitel_01_03.10.2008.jpg[/img]

Verantwortlich[i]
Die Bertha
vom Niederrhein



(Was das Nachlassen der geistigen Kräfte angeht ... diese Duineser Elegien von Rilke ... alle zehn konnte ich mal auswendig ... jetzt stotterte ich bereits bei der ersten herum ...)
Medea
Medea
Mitglied

Re: So leben wir und nehmen immer Abschied. (Längerer Text)
geschrieben von Medea
als Antwort auf niederrhein vom 03.10.2008, 16:22:38
Witta Pohl (Schauspielerin)
schreibt über ihre Mutter:

"Heute sehe ich, daß meine Mutter ein Vorbild für mich war.
Meine Mutter ist eine tolle Frau. Sie hat sich nie hingesetzt
und gesagt: "Ich kann nicht". Sie hat gekämpft. Wir haben bei Bielefeld auf dem Lande gelebt und sie hat ihre sechs Kinder alle aufs Gymnasium gebracht, ist dafür zum Bauern arbeiten gegangen.

Jetzt, Mitte neunzig, studiert sie Philosophie und ist verliebt.
Sie hat sich mit ihrem Liebsten verlobt. Das ist ein Geschenk vom lieben Gott. Ich sehe das so. Sie bekommt jetzt etwas zurück. Sie bekommt das Glück geschenkt, weil sie durchgehalten hat. Weil sie nie aufgegeben hat. Und so funktioniert das Leben."

Nie aufgeben - daran ist wohl Wahres dran.
Es gab auch in meinem Leben Situationen, wo ich gerne alles hingeworfen hätte. Tat ich aber nicht und bin tatsächlich immer wieder gestärkt aus Schicksalsschlägen herausgegangen.

Ich hatte das große Glück, immer noch beide Eltern zu haben, als ich längst bereits Großmutter war - ein wunderbares Gefühl für mich. Ihr Verlust hat mich hart getroffen -
so lange ich denken konnte, waren sie ja da - nun stehe ich in der ersten Reihe.

Zum Älterwerden:
Mit sechzig war die siebzig noch himmelweit entfernt und die eventuell nachlassenden Kräfte und Schönheitseinbußen kein Thema.
Das ändert sich, wie ich erstaunt festgestellt habe.
So gänzlich problemlos ist das nicht. Doch mit meiner gehörigen Portion an Gelassenheit und Selbstironie aber auch Selbstwertgefühl wird diese neue Hürde ebenfalls genommen.


Medea.
luchs35
luchs35
Mitglied

Re: So leben wir und nehmen immer Abschied. (Längerer Text)
geschrieben von luchs35
als Antwort auf Medea vom 04.10.2008, 11:28:52
Wie schnell die Zeit verweht und wir immer wieder Abschied nehmen müssen war heute Morgen für mich bittere Realität.

Ich musste Abschied nehmen von meiner Freundin, mit der ich nahezu 25 Jahre eng verbunden war.
Abschied nehmen hätte ich schon vergangenen Sonntag nehmen sollen, als wir uns auf einem fröhlichen Fest trafen, lachten und erzählten. Sie war in unserem Freundeskreis die Jüngste, 10 Jahre jünger als ich, sportlich, aktiv , erfolgreich als Liedersängerin, nie krank, ein glücklicher, sonniger Mensch in ihrer Ehe, in unserem Freundeskreis, bei allen, denen sie begegnete.
Am Sonntagabend noch erfreute sie uns mit ihrem Gesang, am Montagmorgen war sie tot, Herzstillstand.
Im Festrummel bin ich abschiedslos gegangen, um keine Aufbruchstimmung zu erzeugen, nicht ahnend, dass wir uns das letztemal gesehen hatten.

Nach der Beerdigung heute Morgen sassen wir Freundinnen noch zusammen, fassungslos und geschockt, sprachen darüber, wie gegenstandslos unsere Alltagsbeschwerden sind, wie schnell und endgültig ein Abschied sein kann.
Alle Theorie verschwand im Nebel, nur die Erkenntnis, wie endlich unser Leben ist und wie kurz, stand im Raum.
Für einen Moment empfanden wir das zerbrechliche Gut "Leben" sehr intensiv, doch danach ging der Alltag weiter, jeder mit seinen Aufgaben und Wünschen beschäftigt.

*Immer Abschied nehmen* sollte ein bewusster Teil des täglichen Lebens sein . Es kann schon in der nächsten Sekunde für immer sein. Die Zeit eilt dahin und nimmt in jeder Minute ein bisschen von unserem Leben mit.

Vielleicht habe ich mich vom ursprünglichen Thread entfernt, aber das waren heute meine etwas traurigen Gedanken dazu.
--
luchsi35
Drachenmutter
Drachenmutter
Mitglied

Re: So leben wir und nehmen immer Abschied. (Längerer Text)
geschrieben von Drachenmutter
als Antwort auf luchs35 vom 04.10.2008, 12:57:16
Das tut mir so Leid Luchsi., auch, dass Du Dich nun nicht verabschieden konntest. An solche Situationen denke ich auch manchmal, wenn man zum Beispiel im Streit auseinander geht und sich doch eigentlich gerne hat. Wie schnell kann es passieren, dass man sich später bittere Vorwürfe macht, dass man in diesem Moment so verstockt war. Hätte man nur gewusst, dass es die letzte Begegnung war. Aber das können wir nicht wissen und deswegen versuche ich möglichst, nie im Zorn ins Bett zu gehen oder mich im Zorn von einem geliebten Menschen abzuwenden. Ich könnte es nicht ertragen, wenn er dann plötzlich für immer ginge und ich hätte immer diese letzte Begegnung im Zorn in der Erinnerung. Wie Du schon sinngemäß schreibst, vieles wird unwichtig im Angesicht des Todes. Vielleicht sollten wir öfter darüber nachdenken, ob das, worüber wir uns aufregen wirklich so wichtig ist.

Liebe Grüße,
--
woelfin

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