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Plaudereien Über die Dummheit

tranquilla
tranquilla
Mitglied

Re: Über die Dummheit
geschrieben von tranquilla
als Antwort auf digi vom 16.07.2011, 10:33:59
Deshalb werfe ich ich nur kurz den Begriff des Nullpunktes hier in den Freddy (Henne - Ei).
Da gab es ja (noch) keine Tradition (oder das was wir als den Begriff 'Tradition' verstehen).
Ergo müsste doch logischweise die Tradition erst mit fortschreitender 'Zukunft' entstehen können. Und somit unwägbar wandelbar sein. Unabsehbar wandelbar.

Ob es dann eine Tradition überhaupt geben kann? Wenn diese jederzeit über den Haufen geworfen werden kann. Eben weil niemand in die Zukunft schauen kann.


@digizar,schon wieder habe ich erklärungsbedarf, wenn ich deine fragen verstehen will.


was verstehst du unter tradtion?

soweit ich weiß, begründet sich die traditon in der gegenwart aus dem wissen und den erfahrungen der vergangenheit. dieses, das wissen, wird in der gegenwart angewandt - und ist wandelbar durch die erkenntnisse und erfahrungen der gegenwart. zukünftiges wissen und zukünftige erfahrungen gibt es nicht(meines wissens). bei karl steht es als: "...gegenwart der erwartung der zukunft".

wenn ich es verstanden habe, habe ich gegenwärtig eine vision, was zukünftig sein könnte, aber wissen was ist in der zukunft kann ich nicht. ergo, kann ich zwar eine tradition, die auf den erfahrungen der vergangheit fußt in der heutigen erwartung auf eine (vielleicht veränderte) zukunft ablehnen, verändern, wandeln. aber das tue ich heute in der gegenwart. und in der erreichten visionären zukunft begründet sich dann die gewandelte traditon auf der vergangenheit und muss vielleicht wieder verändert werden. und trotzdem gibt es es traditon, weil auf erfahrungen der vergangheit ruhend.

als beispiel für mich habe ich das kerzenlicht genommen, das durch die erfindung des gaslichtes abgelöst wurde und dann zur industriellen revolution führt. allein die vision des gaslichtes kann doch nicht das kerzenlicht ersetzen. oder habe ich jetzt etwas falsch verstanden, falsch gedacht - also dumm?

und wenn du den begriff nullpunkt einwirfst, und diesen als absolutes nicht vorhandensein von irgendeiner vergangheit definierst und mit dem nicht vorhandsein von tradition gleichsetzt. ist es nicht so, dass mit dem vergehen auch des kleinsten faktor an zeit eine vergangenheit entstanden ist und damit die möglichkeit der entstehung éiner tradition?

nebenbei: für mich schreitet die zukunft nicht fort - die zukunft ist für mich unendlich - für mich schreitet die gegenwart fort. in der gegenwart entwickele ich mich, verändere mich, bin wandelbar. aber ich bin immer ich in meinem denken und handeln. es kann sein, um beim thema zu bleiben, dass ich morgen mein heutiges handeln als dumm ansehe (wobei hier die frage offen ist, was dummheit überhaupt ist) man könnte es ja auch einfach nur als falsch bezeichnen. aber begründet ist mein handeln aus dem, was ich aus der vergangheit mitbringe in die heutige gegenwart - womit ich wieder bei der aussage von karl wäre von der gegenwärtigen erinnung an die vergangenheit. (karl, ich hoffe ich habe dich richtig verstanden.)

aber vielleicht ist das jetzt auch alles dumm gedacht und ganz anders.
ich bin aber lernfähig, wenn man mir etwas erklärt - noch - lache - wer weiß wie lange noch.

tranquilla

miriam
miriam
Mitglied

Re: Über die Dummheit
geschrieben von miriam
Ein anderer bemerkenswerter Text, der sich eigentlich mit der "aggressiven Grundbegabung der Gattung Mensch" befasst - um dann in diesem Zusammenhang auch über die Dummheit einiges zu sagen, ist dem bedeutenden Psychoanalytiker und Schriftsteller, Alexander Mitscherlich (1908 – 1982), zu verdanken.

Es geht hier um seine Dankesrede anlässlich der Vergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, den er im Jahr 1969, erhielt.

Hier ein Fragment aus diesem bemerkenswerten Text der den Titel "Über Feindseligkeit und hergestellte Dummheit" trägt – und den Zusammenhang zwischen Aggressivität und Dummheit macht.

Im Link befindet sich der vollständige Text (nach der Laudatio von Heinz Kohut)

Zitat:


Die Fähigkeit, in Lebenslagen von sehr unterschiedlichem Gewicht sich aggressiv zu verhalten, geht auf eine aggressive Grundbegabung der Gattung Mensch zurück.
Die Zielvorstellung aller Kultur, sobald das nackte physische Elend überwunden ist, besteht demnach in der Milderung der feindseligen und zerstörerischen Formen von Aggression durch die Förderung ausgleichender seelischer Kräfte, wie Mitgefühl, Verständnis für die Motive des anderen und ähnliches.

Dieser Förderung steht die Dummheit im Wege.
Ich meine damit nicht die Begabungsdummheit, sondern die anerzogene Dummheit, die sorgfältig durch Erziehung zu Vorurteilen herbeigeführte Dummheit.

Im Erfolgsfall solcher Erziehung - und er tritt leider massenhaft ein - ersetzt dann bei dem Versuch einer Konfliktlösung mit steigender Erregung das Vorurteil die Arbeit kritischer Reflexion.
Vor allem zeigt sich eine verstärkte Unfähigkeit, eigene Probleme unbestechlich zu betrachten.
Gerade darin weiß sich das Individuum von seiner Gesellschaft beschützt. Denn deren Auftrag lautet dann nicht: denke, beobachte, wäge ab, sondern: handle in Konformität, so, wie alle handeln!

Das kann zu heroischen Leistungen beflügeln, aber auch zu ungeheuerlichen Selbsttäuschungen.
Beides haben wir erlebt. Wegen dieser Blindheit spreche ich von hergestellter Dummheit.

Ende des Zitats.

Ich denke, dass viele von uns dieser Form der Dummheit, schon begegnet sind.

Miriam
schorsch
schorsch
Mitglied

Re: Über die Dummheit
geschrieben von schorsch
Wenn ich die Zitate und Meinungen von längst gestorbenen oder auch noch lebenden Koriphäen so lese, komme ich langsam zum Schluss, wir Normalsterblichen hier seien zu dumm, selber beurteilen zu können, was Dummheit eigentlich ist.

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miriam
miriam
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Re: Über die Dummheit
geschrieben von miriam
als Antwort auf schorsch vom 17.07.2011, 09:35:48
Schorsch, ich sehe dies nicht als einem Beweiß, dass wir zu dumm sind.

Im Laufe des Nachlesens um darüber schreiben zu können, fielen mir erst die unterschiedlichen Facetten auf, in denen sich die Dummheit präsentiert. Deswegen auch die zahlreichen Autoren, die ich hier zitiere, bzw. aus deren Werke ich Textfragmente gebracht habe.

Ich persönlich fand, dass es ein Anlass ist, nachzudenken. Über das, was sich vielleicht unter einem anderen äußeren Aspekt präsentiert, und im Grunde genommen - eine Form der Dummheit sein könnte.

Miriam
ehemaligesMitglied35
ehemaligesMitglied35
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Re: Über die Dummheit
geschrieben von ehemaligesMitglied35
als Antwort auf miriam vom 16.07.2011, 20:06:44
Ich weiß nicht...ist da etwas dumm gelaufen?
Miriam


Vermutlich.

Ich stelle mir den skeptischen Blick des Flugsauriervaters auf seine Gattin vor, als der Archeopterix im Nest lag.

Gruß
hobbyradler
hobbyradler
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Re: Über die Dummheit
geschrieben von hobbyradler
als Antwort auf ehemaligesMitglied35 vom 17.07.2011, 10:55:13

Ich stelle mir den skeptischen Blick des Flugsauriervaters auf seine Gattin vor, als der Archeopterix im Nest lag.
geschrieben von FritzR


Der Vater dachte sicherlich der Archeopterix sei aus einem Kuckucksei geschlüpft.
Ciao
Hobbyradler

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miriam
miriam
Mitglied

Re: Über die Dummheit
geschrieben von miriam
als Antwort auf hobbyradler vom 17.07.2011, 11:01:16


Ja - denkt Ihr alle ich sei dumm?

Wer bitte war mein Vater?
tranquilla
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Mitglied

Re: Über die Dummheit
geschrieben von tranquilla
als Antwort auf schorsch vom 17.07.2011, 09:35:48
Wenn ich die Zitate und Meinungen von längst gestorbenen oder auch noch lebenden Koriphäen so lese, komme ich langsam zum Schluss, wir Normalsterblichen hier seien zu dumm, selber beurteilen zu können, was Dummheit eigentlich ist.


@schorsch,
dass sehe ich anders. das was gesagt wurde von, du nennst es koriphäen, und allgemein anerkannt wird, muss ich doch nicht einfach als unbesehene wahrheit übernehmen. ich kann es tun im vertrauen, dass immer stimmt was diese person sagt, aber ich muss es doch nicht. und ich tue es auch nicht. die welt verändert sich, warum nicht auch der wahrheitsgehalt einer aussage, aus heutiger sicht gesehen?

für mich sind sie ein aufhänger darüber nachzudenken und meine postition dazu zu beziehen, meinen standpunkt, und diesen dann auch vertreten zu können - mit meinen eigenen worten.

einen beweis mit zitaten zu führen, das könnte mich auch nicht beeindrucken, schorsch, da geht es mir ähnlich wie dir (das ist jetzt eine vermutung). das zeugt ja nur davon, dass einer gut auswendig lernen kann und nicht, dass er selbst denken kann.

davon abgesehen, noch könnte ich keine endgültige definiton abgeben, die kurz und prägnant sagt, was dummheit für mich ist (kannst du es?) - ich bin aber beim nachdenken darüber.

tranquilla



tranquilla
tranquilla
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Re: Über die Dummheit
geschrieben von tranquilla
als Antwort auf miriam vom 17.07.2011, 09:19:57

Zitat:

Die Zielvorstellung aller Kultur, sobald das nackte physische Elend überwunden ist, besteht demnach in der... Förderung ausgleichender seelischer Kräfte, wie Mitgefühl, Verständnis für die Motive des anderen und ähnliches.
...
Dieser Förderung steht die Dummheit im Wege. ...die anerzogene Dummheit, die sorgfältig durch Erziehung zu Vorurteilen herbeigeführte Dummheit.
...
Gerade darin weiß sich das Individuum von seiner Gesellschaft beschützt. Denn deren Auftrag lautet dann nicht: denke, beobachte, wäge ab, sondern: handle in Konformität, so, wie alle handeln!

Miriam



dieses jetzt von mir deutlich gekürzte zitat, das miriam einstellte, hat mich doch sehr nachdenklich gemacht.

ohne jetzt politisch werden zu wollen:
heißt das denn nicht auf den einfachsten nenner gebracht, dass die "gesellschaft" immer mehr "verdummt"? (weil durch erziehung dumme ja wiederum erziehen im sinne ihrer erziehung )

und was ist dann mit der kultur, verändert die sich dann auch? (die kultur wird ja auch von der gesellschaft getragen)

und die von diziar angesprochenen tradition? diese müßte sich doch dann auch ändern, oder liege ich da falsch?

- wenn das so ist, dann verwundert es mich nicht mehr so sehr, was so geschieht in diesem land und weltweit

tranquilla

miriam
miriam
Mitglied

Re: Über die Dummheit
geschrieben von miriam
als Antwort auf tranquilla vom 17.07.2011, 14:37:08
Liebe Tranquilla,

auch ich werde keine eigene Definition der Dummheit abgeben können, auch denke ich, dass an und für sich eine Definition betreffend Dummheit (oder auch einige andere menschliche Eigenschaften), nicht nötig, sogar vielleicht nicht möglich, ist.

Es sind eher Gedanken über die Dummheit - was mich fasziniert, ist wie unterschiedlich der Bezug dazu ist, bei allen Autoren von denen ich Texte hier eingesetzt habe.

Nun, mal gucken was noch auf diesem Weg zu finden ist. Es wird sicherlich keine allgemein-gültige Wahrheit sein - und auch keine Definition.

Liebe Grüße

Miriam

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