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Plaudereien Wohin in den Urlaub?

adam
adam
Mitglied

Wohin in den Urlaub?
geschrieben von adam
Unsere Gesellschaft langweilt sich langsam, aber sicher zu Tode. Die meisten Risiken des Alltags wurden beseitigt oder sind versicherbar und das Risiko, das man in der Freizeit unter der Rubrik "Hobby" eingeht, ist kalkulierbar und damit fade geworden. Die Menschen streben deshalb nach mehr, wollen die Nervenanspannung. Aber wo bleibt die Spannung, zum Beispiel beim Bundgeespringen, wenn das Seil nur bei jedem dreitausendsten Sprung reißt? Deshalb neigt der Bundesbürger dazu, seinen Urlaub aufzupeppen. Die folgende Geschiche sei erlaubt:

Meine Freundin brachte das Thema zur Sprache.
"Schatz", sagte sie "Ich bin fix und fertig und du bist auch nicht mehr der Frischeste. Wir brauchen dringend Urlaub. Geh doch nach der Arbeit beim Reisebüro vorbei und lass dich beraten, aber nichts Langweiliges, wie Badeurlaub oder Schwarzwald. Mal was anderes, du verstehst?"
Ich verstand und lenkte am späten Nachmittag dieses Tages meine Schritte gen Reisebüro, um dem Wunsch meiner Gattin zu entsprechen.
Im Reisebüro luden Hochglanzposter mit Palmen zu fernen Stränden und bezaubernd anzusehende Bikinimädchen schmiegten sich an blumengeschmückte Bars. Eine nette junge Frau begrüsste mich freundlich und fragte nach meinem Begehr.
Bereitwillig erzählte ich von unserem Entschluss, Urlaub zu machen, was sie nicht zu überraschen schien. Sie taxierte mein Äusseres und breitete ein anheimelnd auf mich wirkendes Prospekt des Schwarzwaldes vor mir aus. Ich dachte an meine Freundin, verzog ablehnend das Gesicht und versuchte, ihm mehr männliche Härte zu verleihen. Dies hatte den Erfolg, dass mir die Dame einen Badeurlaub an der Ostsee offerierte. Möglichst lässig tat ich auch hierzu mein Missfallen kund und deutete an, dass etwas Abenteuer schon sein sollte. Das Ergebnis war, dass sich bei den nächsten Vorschlägen der Schwarzwald in Übersee befand und wir statt in der Ostsee in einem exotischen Ozean plantschen sollten. Zwar hatte sich der Begriff "Urlaub" inzwischen in "Exkursion" verwandelt, aber es ging immer um Bäume und Wasser, was mir wiederum nicht recht sein konnte, wenn ich an meine Frau dachte.
Die nette junge Dame war ratlos und nahm mich dann scharf ins Auge.
"Sie wollen also etwas ganz Besonderes, etwas Exotisches, richtig Aufregendes?" fragte sie mit veschwörerischer Stimme und, als ich entschlossen nickte, verschwand sie mit der Bemerkung: "Bitte warten sie einen Moment, ich hole die Chefin!" durch eine Tür, an der ein Schild mit der Aufschrift "Privat" befestigt war.
Da ich eine neue Taxierung meiner Person erwartete, straffte ich meine Haltung. Die Chefin war eine durchtrainierte Brünette, die mich neugierig betrachtete und dann ihrer Angestellten einen Blick zuwarf als wolle sie sagen: "Was?? Der??!!". Dann wandte sie sich mir zu:
"Na, dann wollen wir mal sehen, wo wir sie hinschicken."
Für mich befremdlich war, dass mir die nette junge Angestellte noch einen gehetzt wirkenden Blick zuwarf, ihre Jacke vom Haken riss und fluchtartig das Reisebüro verliess. Nicht weniger befremdlich war, dass die Chefin hinter ihr die Tür verriegelte.
"Etwas Ausgefallenes soll es sein? Wird aber nicht ganz billig!" meinte sie mit nachdenklich herausforderndem Gesicht. Diese Bemerkung erhöhte jedoch nur meine Neugier und ich erklärte in selbstbewusstem Ton, dass Geld keine Rolle spiele. Dafür erntete ich ein dankbares Lächeln.
"Was ich ihnen als Alternative zu einem Allerweltsurlaub anzubieten habe, ist das Reality-Risk-Traveling", dozierte die Chefin.
"Die Idee basiert auf einem Erlebnis, das eine Gruppe Heissluftballonfahrer in der Sahara hatte. Obwohl ihre Versicherung sie vor dort marodierenden Banden gewarnt hatte und es ablehnte, die technische Ausrüstung zu versichern, gingen sie das Risiko ein und überflogen ein Gebiet der Wüste. Kaum waren sie am ersten Abend gelandet, sahen sie auch schon in die Läufe von einem Dutzend Kalaschnikows und waren ihre technische Ausrüstung los. Nachdem die Räuber weg waren, wechselten die Ballonfahrer schnell die Unterhosen, aber kaum wieder zu Hause, gaben sie mit ihren angeblichen Heldentaten so fürchterlich an, dass in ihrem Bekanntenkreis und nur wenig später auch bei einem grösseren Publikum, der Wunsch nach ähnlichen Abenteuern aufkam. Und wir, in unserem Reisebüro, haben es uns zur Aufgabe gemacht, derartige Wünsche zu erfüllen."
Sie kramte, sich misstrauisch umsehend, unter der Theka, dass ich mir vorkam wie der Besucher einer kleinen Bücherei, der nach Pornographie gefragt hatte.
"Hier zum Beispiel habe ich einen Vorschlag, der sie auch in die Sahara führt. Mindestens sechs, höchstens zehn Teilnehmer sind vorgeschrieben. Wir setzen sie am Rand der Wüste ab. Die Dauer dieser Survival-Tour ist selbstredend offen und steht unter dem Motto: "Wir schlagen uns durch von Fundamentalistencamp zu Fundamentalistencamp". Und wie bei allen unseren Reisen erhält jeder Teilnehmer, der die Heimat wieder erreicht, eine Plakette mit der Aufschrift "Ich habe meinen Urlaub überlebt". Diese Plaketten überreichen wir übrigens auch in Bronze, Silber oder Gold, je nach Abenteuergrad der Reise."
Ich brauchte nur eine Augenbraue fragend nach oben zu ziehen und die Chefin erklärte mir, dass die beschriebene Tour noch kein Edelmetall verdiene.
Natürlich: Vor meinem geistigen Auge sah ich mich braungebrannt, den Burnus elegant gefaltet, auf einem weissen Reitkamel die Weiten der Wüste durcheilen. Doch dann wandelte sich das Bild und ich sah meine Freundin, halb verschmachtet, sich mit aufgeplatzen Lippen durch die wasserlose Öde schleppen. Und ihr Blick verriet mir, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon längst eine Beute der Geier geworden war. Nein, das war mir denn doch zu trocken und ich äusserte mich entsprechend. Die Chefin reagierte ein wenig pikiert:
"Nun ja, ein Ausflug mit dem Albverein ist es nicht." Wieder wühlte sie unter dem Tresen.
"Vielleicht das hier, für Bronze. Dort ist es auch garantiert feuchter. Das zentrale Kongogebiet. Mit etwas Glück erleben sie ein Massaker unter den ethnischen Gruppen. Für diesen Zweck bekommen alle Survivalteilehmer ein Eimerchen mit Löschkalk, den sie dann in die Massengräber streuen können. Das nenne ich Urlaub: Abenteuer und humanes Handeln. Wenn das keine völkerverbindenden Auswirkungen hat....!"
Mir verursachte schon allein der Ausdruck "ethnische Gruppen" schwerste Übelkeit, die Aussicht auf köpfespaltende Hackmesser war mir ausgesprochen zuwider und ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass meine Freundin das Verstreuen von Löschkalk auf massakrierte Menschen zu ihrem neuen Hobby küren würde. In diesem Sinne lehnte ich die Safari in`s Kongogebiet ab.
Jetzt war die Chefin wirklich enttäuscht, aber sie hatte eine weitere Überraschung auf Lager.
"Wenn sie weder in die Wüste, noch in den Dschungel wollen, dann bleibt nur die Stadt, der Zivilisationsdschungel mit allen seinen Risiken. Für die silberne Plakette bringen wir sie in eine ostafrikanische Hafenstadt. Die Männer bleiben im Stadtzentrum, wo sie entsprechende Etablissements finden, die Frauen begeben sich in den Hafen. Und wer da von Schutzmassnahmen spricht, der hat den abenteuerlichen Sinn des Urlaubs nicht verstanden oder dem Papst nicht richtig zugehört. Und das Schönste an dieser Reise: Zu Hause geht der Nervenkitzel noch monatelang weiter. Es ist nur bedauerlich, daß die Ärzte hierzulande nicht mehr mit vollem Einsatz mitziehen, von den Krankenkassen ganz zu schweigen.......!"
Das war der Moment, in dem ich, hysterisch schreiend, mit den Fäusten an die verschlossene Ladentür trommelte. War denn die Welt völlig verrückt geworden? Was wollten sie uns für die goldene Plakette bieten? Eine Fahrt ins Eismeer, mit einem Nachbau der Titanic? Ich wollte es nicht wissen, ich wollte nur weg!
Daheim erstattete ich meiner Freundin Bericht und wir waren uns einig. Den grössten Anteil unseres Urlaubsbudgets spenden wir einem afrikanischen Krankenhaus, das sich um verwaiste Kinder kümmert. Wir sind von der Abenteuerlust geheilt und erfreuen uns an der relativen Sicherheit unserer vier Wände und unseres Landes. Allen Bundgeespringern wünschen wir einen fröhlichen Seilriss, aber wir verbringen unseren Urlaub im Schwarzwald und werden dort wandern. Wir haben nur ein wenig Angst vor den Eichhörnchen, von denen viele ja Tuberkolose haben sollen und davor, dass wir uns verlaufen könnten. Aber das bekommen wir in den Griff. Vielleicht borgt uns ja Karl sein I-Phone, ...mit Kompassapp.

--

adam


miriam
miriam
Mitglied

Re: Wohin in den Urlaub?
geschrieben von miriam
als Antwort auf adam vom 30.09.2010, 12:31:36
Lieber Adam - danke dir für diesen klugen Text.

Warum schreibst du ihn nicht unter "Eigene Geschichten"? (Siehe Formulierspass).
Natürlich - als neuer Thread.

Liebe Grüße

Miriam
eko †
eko †
Mitglied

Re: Wohin in den Urlaub?
geschrieben von eko †
als Antwort auf adam vom 30.09.2010, 12:31:36
Hallo adam,

einfach köstlich - Deine Geschichte !

Erst war ich ja innerlich am protestieren, weil Du mir meinen geliebten Schwarzwald madig machen wolltest. Doch als ich Deinen Entschluss las, in ebendiesem Deinen Urlaub zu verbringen, da war ich versöhnt

Nur, ein iPhone zur Orientierung brauchste da wirklich nicht. Mein Schwarzwaldverein hat in Zusammenarbeit mit den Fremdenverkehrsbüros in den vergangenen zwei Jahren das gesamte Wegenetz mit neuen Schildern versehen. Da kannste Dich wirklich nicht mehr verlaufen.

e k o

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nasti
nasti
Mitglied

Re: Wohin in den Urlaub?
geschrieben von nasti
als Antwort auf adam vom 30.09.2010, 12:31:36
Ich und mein Freund organisieren unsere Reisen immer ohne Reisebüro, 14-te Oktober sollten wir nach Rom abreisen. Mit Flug ist sehr unsicher, mit Auto noch schlimmer, wir haben uns entscheiden für Zug, und eine hübsche Apartment für 2 Woche nähe Colosseum schon gebucht.
Nur heute kamen die Schwierigkeiten
mit Zugreise. 14 Stunden von München nach Rom in Nachtzug--alle Plätze schon reserviert--und wir haben den Salat.
Doch wäre besser durch eine Reisebüro, wie hier:


http://www.youtube.com/watch?v=Q9bwha1r5lA
adam
adam
Mitglied

Re: Wohin in den Urlaub?
geschrieben von adam
als Antwort auf miriam vom 30.09.2010, 12:41:27
miriam,

ich habe die Geschichte absichtlich unter Plaudereien gebracht. Warum nicht mal über Sinn und Unsinn von Urlaubszielen plaudern?



eko,

ich meine, der Sinn und Zweck des Urlaubs sollte das Ziel bestimmen. Wer sich erholen will, ist schlecht beraten, eine Tour auf den Mt. Everest zu buchen. Sinn machen kann jedes Ziel und deshalb sollten Urlaubsorte nicht ab- oder aufwertend verglichen werden, was ja gerne getan wird.
Da muß ich gestehen, daß ich auch schon Erholung nötig gehabt hätte, aber mein Urlaubsziel so ausgesucht hatte, daß ich nach dem Urlaub erst recht reif für die Insel war.

Was das Verlaufen anbelangt, ist mir das schon in einem ziemlich mickrigen Wald im Remstal gelungen. Demzufolge finde ich aus dem Schwarzwald ohne Kompass nie wieder raus.

--

adam


olga64
olga64
Mitglied

Re: Wohin in den Urlaub?
geschrieben von olga64
als Antwort auf adam vom 30.09.2010, 15:06:43
Mein Lover und ich fliegen nächste Woche nach Mallorca, wo wir wieder das grosse Glück haben, den Gästetrakt von Freunden in einem schönen Haus mit Pool bewohnen zu dürfen; ein kleines Auto steht auch für uns am Flughafen bereit. Als Gegenleistung bringen wir schwarzes Brot und deutsche Wurst mit und beaufsichtigen ca 2 Stunden täglich spanische Handwerker, die das Haus winterfest machen werden. Diesen "job" füllte ich schon jahreszeitenversetzt einige Male zur Zufriedenheit aus - wir freuen uns. Die Flüge zu je 70.-- Euro haben wir bereits im Mai gebucht. Frühstück werden wir in der Villa einnehmen; Abendessen ausser Haus - auch über das Kulturprogramm in Palma de Mallorca haben wir schon Infos. Freue mich sehr noch einmal vor der dunklen Jahreszeit mediteranes Ambiente um mich haben zu können. Olga

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Re: Wohin in den Urlaub?
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf olga64 vom 30.09.2010, 16:26:19


cool

mein lover und ich

das wollten sicher auch alle wissen
olga64
olga64
Mitglied

Re: Wohin in den Urlaub?
geschrieben von olga64
als Antwort auf vom 30.09.2010, 16:28:55
Toller Beitrag von Ihnen, trifft wirklich das Thema immens gut - Kompliment. Und um zum Thema zu kommen - wohin geht es bei Ihnen in Urlaub? Ob mit oder ohne Lover? Olga
Re: Wohin in den Urlaub?
geschrieben von ehemaliges Mitglied
als Antwort auf olga64 vom 30.09.2010, 17:35:05

sorry, aber wohin ICH fahre, ist nicht das thema hier *gg

(im übrigen klingt das wort LOVER aus dem mund einer älteren dame
nicht besonders passend - was wohl ihr lover dazu sagen würde )

olga64
olga64
Mitglied

Re: Wohin in den Urlaub?
geschrieben von olga64
als Antwort auf vom 30.09.2010, 17:38:36
Das Thema heisst "wohin in Urlaub" - weshalb ist dies dann nicht das Thema?
Mein Lover weiss, dass er von mir so benannt wird - er mag das, weil wir in einem jahrelangen Verhältnis zueinander stehen, wo die Unabhängigkeit des Einzelnen Garant dafür ist, dass wir uns aufeinander freuen, wenn wir zusammen sind.Auch als ältere Dame darf ich dies doch sicher so empfinden oder bin ich zwangsverpflichtet, asexuell neben meinem nicht mehr geliebten Ehemann zu leben und meine verkümmerte Emotionalität z.B. bei Enkeln auszuleben? Das entspricht nicht meiner Lebenslust. Noch Fragen?Olga

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