Soziales Ab in die Schublade?

karl
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Administrator

Re: Ab in die Schublade?
geschrieben von karl
Zum Thema fand ich den Beitrag in Leschs Kosmos sehr erhellend.



Er zeigt wie Vorurteile entstehen und welche Funktion sie haben. Schlimm wird es erst, wenn wir nicht mehr bereit sind, Vorurteile durch Erfahrungen auf den Prüfstand zu setzen.

Karl
mane
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Mitglied

Re: Ab in die Schublade?
geschrieben von mane
als Antwort auf haumi vom 27.06.2016, 06:52:27

Für mich kann ich sagen, dass, wenn ich mit erst mal mir fremden Menschen zusammen komme, ein kennenlernen stattfindet.
Während diesem "Kennenlernen" geht bei mir (auch unbewusst) ein Schalter in Richtung Sympathisch oder Unsympathisch.
Die beiden Worte Sympathisch oder Unsympathisch sind etwas unglücklich darum eine kleine Ergänzung aus dem Volksmund:
Entweder stimmt die Chemie oder sie stimmt nicht.
Das erste Beisammensein verläuft bei mir immer in einer netten freundlichen Atmosphäre ab.
Mit den Menschen die ich denn Sympathisch finde (und umgekehrt natürlich auch) werden fast immer neue Treffen vereinbart und der Kontakt festigt sich.
Mit den Menschen welche ich Unsympathisch finde, gehe ich freundlich auseinander und treffe sie höchsten noch einmal zufällig.

Damit möchte ich zum Ausdruck bringen, das ich einen Menschen nicht nach seinem Aussehen, seiner Herkunft oder seiner Religion bedingt in eine Schublade stecke, sondern das mehr oder weniger unbewusst eine Auswahl getroffen wird mit wem ich weiterhin in Kontakt bleiben möchte.
Auch will ich nicht behaupten, das die Menschen, die ich nicht sympathisch finde böse oder schlechte Menschen sind, da empfängt meine Antenne einfach nicht das richtige Signal.
Wenn ich also jemanden in eine Schublade stecke, geschieht das nicht spontan sondern nach einer Unterhaltung.
Und ... eine Schublade bei mir kann fast immer wieder geöffnet werden!
LG
haumi


Liebe haumi,

ich freue mich sehr, Dich wieder einmal zu lesen.

Das ist wichtig, dass Deine "Schubladen" fast immer wieder geöffnet werden können. Wie schnell können wir selbst in einer Schublade landen, aus der wir manchmal sehr schwer wieder herauskommen.

Du schreibst ganz richtig, dass, besonders der erste Eindruck, den wir von einem Menschen innerhalb weniger Sekunden bekommen, unbewusste Mechanismen in Gang setzt.
Unsere Reaktionen werden von kleinauf von unseren Erfahrungen geprägt, die sich nach einigen Wiederholungen festsetzen. Dann nimmt die Reaktion nicht mehr den Umweg über das bewusste Denken, sondern sie ist eine unbewusste Handlung.

Wir legen Schubladen an, damit es für unser Gehirn leichter wird, die Informationen einzuordnen.
Wichtig ist es zu lernen zu hinterfragen, ob diese Schublade auch für die momentane Situation oder Person angemessen ist.

Wenn unsere Antennen "nicht das richtige Signal empfangen", dann ist unser Gegenüber meist ganz anders als wir und wir sind verunsichert. Menschen, die uns ähnlich sind, haben bessere Chancen als solche, die andere Charakterzüge, Werte usw. haben.

Liebe Grüße,
Mane
mane
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Mitglied

Re: Ab in die Schublade?
geschrieben von mane
als Antwort auf Edita vom 27.06.2016, 09:50:03

Ich will meistens zu keiner Gruppe gehören, ich bin auf meine Art "Einzelkämpfer", ich mag in meinem privaten Umfeld kein "Rudelverhalten", auch nicht hier im Forum, daß ich vielleicht in eins reingehöre will ich nicht abstreiten, aber das bei meinen Entscheidungen zu berücksichtigen, das sehe ich nicht ein und liegt mir auch nicht, das liegt vielleicht auch mit daran, daß ich mich schon gegen viele solcher Rudel zur Wehr setzen mußte, also halte ich mich lieber fern von Rudeln, alleine schon deren Riten finde ich meist lästig oder gar abstoßend!

Darüberhinaus denke ich, daß ich ohne meine Mausi nicht so geworden wäre wie ich heute bin, und sie ist mir seit 40 Jahren ein fast schon penetranter "Coach" weil er mir nie eine Pause gönnt!
Edita


Hallo Edita,

gehören wir nicht alle mehreren Gruppen an?
Ich verstehe jedoch, wie Du es meinst. Auch in der Gruppe, z.B dem Seniorentreff, behältst Du Deine Individualität und Entscheidungsfreiheit, auch gegen vermeindliche "Rudel"-angehöroge. So habe ich Dich kennen- und schätzen gelernt.

Das Leben mit Deiner Tochter hat Dich geprägt. Diese hat sich zu einer taffen jungen Frau entwickelt, wie ich das im Thread "Ich frage meine linke Hand" verfolgen konnte. Das ist zum einen der starken Persönlichkeit von Mausi und zum anderen Dir zu verdanken, weil Du sie immer nach Kräften in ihrer Besonderheit unterstützt hast.
Wie Du weißt, haben wir auch ein kleines "besonderes" Mädchen in unserer Familie, die sich, aufgrund liebevoller, kompetenter Umgebung und vollem Einsatz ihrer Eltern auf eine Art und Weise entwickelt hat, mit der Außenstehende nie gerechnet haben.

Menschen mit Behinderung werden oft, aufgrund von Vorurteilen/Schubladendenken, auf ihre Behinderung reduziert und nicht in ihrer individuellen Persönlichkeit und ihren Fähigeiten wahrgenommen. Werden sie z.B. in der Schule nur wenig gefördert, weil ihnen wenig zugetraut wird, kann diese Einschätzung sich zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung entwickeln.

Alles Gute,
Mane

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mane
mane
Mitglied

Re: Ab in die Schublade?
geschrieben von mane
als Antwort auf karl vom 27.06.2016, 11:16:43
Zum Thema fand ich den Beitrag in Leschs Kosmos sehr erhellend.



Er zeigt wie Vorurteile entstehen und welche Funktion sie haben. Schlimm wird es erst, wenn wir nicht mehr bereit sind, Vorurteile durch Erfahrungen auf den Prüfstand zu setzen.

Karl
geschrieben von karl


Ein interessantes Video, lieber Karl.

In dem Verhalten der gezeigten jungen Frau, wird sich mancher wiedererkennen. Wie der Mann mit Vollbart, der sich ihr in der Bahn nähert, sie ganz schnell in "Bombenstimmung" versetzt, ohne dass der Verstand dieser Stimmung standhalten würde. Es gibt so eine Art Unwohlsein gegenüber dem Fremden in unserem Inneren, welches tief in uns verwurzelt zu sein scheint.

Es ist interessant, wie die Dokumentation versucht, den Gründen nachzuspüren. Sie geht dabei zurück in die graue Vorzeit, als Gruppen in Konkurrenz mit anderen Clans standen, besonders wenn die Nahrung knapp war. Wer Fremde als potentiell gefärlich ansah, hatte bessere Chancen zu überleben als derjenige, der das Risiko unterschätzte.

Dass Fremdem auch heute noch im ersten Moment mit Vorsicht begegnet wird, liegt lt. Evolutionsbiologen am uralten Erbe. Vorurteile sind hilfreich für rasche Einschätzungen - aber, sie müssen immer wieder auf den Prüfstand.
Mane
olga64
olga64
Mitglied

Re: Ab in die Schublade?
geschrieben von olga64
als Antwort auf mane vom 28.06.2016, 12:21:56
Jeder ist ein Fremder in der Fremde und Vorurteile und Klischees sind einfach nur dumm. Aber das lernt ein Grossteil der Menschheit wohl nie.

Ich hatte heute ein ERlebnis in meinem Fitness-Studio. Dort trainiert seit Jahren eine muslimische Frau, die mit langer Hose, langem Shirt und Kopftuch bekleidet ist, was noch nie einen störte. Heute trat aber eine deutsche Frau auf, etwas füllig und bekleidet in den sog. Presswurst-Look, der alles erkennen liess, was Frauen so zu bieten haben, auch im "Übermass". Sie keifte, dass "die doch das Kopftuch abnehmen soll". Ich fragte sie, welche Probleme sie damit habe? Sie meinte: das sei doch nicht normal. Ein Mann fragte sie dann, wer denn bestimmen würde, was normal sei?
Die Muslima wollte gehen, wir hielten sie aber zurück und entschuldigten uns bei ihr für dieses dämliche Gekeife unserer Landsfrau, worauf diese meinte, wir würden schon sehen, was uns geschieht, wenn diese Terroristen unser Land weiter überrollen. Dann walzte gottlob sie selbst aus dem Studio, weil auch ein Trainer schon auf sie aufmerksam wurde.
Ich war nur froh, dass ich mich eingemischt hatte und kurz darauf trainierten wir alle friedlich weiter - mit und ohne Kopftuch. Olga
mane
mane
Mitglied

Re: Ab in die Schublade?
geschrieben von mane
als Antwort auf olga64 vom 28.06.2016, 16:57:02
Hallo Olga,

ich gehe davon aus, dass jeder Mensch Vorurteile hat - auch wenn die meisten es vehement bestreiten würden. Sie sind eine menschliche Eigenschaft, denen wir uns oft gar nicht bewusst sind.
Und fast jeder kennt auch sie andere Seite, die der Betroffenen: Arbeitslose, Geschiedene, Blonde, Dunkelhäutige, Korpulente usw....
Diese wissen, wie es ist, in Schubladen gesteckt und wie es sich anfühlt ausgegrenzt zu werden.
Wichtig ist, sich die vorgefertigten Bilder selbst einzugestehen. Dann können wir lernen, uns nicht von ihnen leiten zu lassen.

Sie schreiben über Ihr heutiges Erlebnis in Ihrem Fitness-Studio, wo eine "etwas füllige" Frau eine muslimische Frau beleidigt hatte. Sie haben sich hier vorbildlich verhalten - so schätze ich Sie auch ein.
In meinen Augen hätte es jedoch gereicht, die Situation zu schildern, ohne dass Sie sich über den Körper der Frau lustig machen. Darin erkenne ich Vorbehalte "fülligen" Menschen gegenüber. Was meinen Sie?
Mane

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schorsch
schorsch
Mitglied

Re: Ab in die Schublade?
geschrieben von schorsch
als Antwort auf karl vom 27.06.2016, 11:16:43
Interessante Erkenntnisse und überraschende zugleich: Auch mein Nachbar mit dem X-Beinen hat das gleiche Y-Gen wie ich mit meinen O-Beinen!
Sylvie46
Sylvie46
Mitglied

Re: Ab in die Schublade?
geschrieben von Sylvie46
als Antwort auf mane vom 28.06.2016, 22:48:08
Hallo Mane !!!
Mit Kopfschütteln lass ich über "Ab in die Schublade?" !!!
Ich habe vor 40 Jahren meinen Abschluss in "Angewandte Psychologie" gemacht. In meinem Alltag als Familien-Managerin + der Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Mitmenschen bin ich N I E auf "Schubladisierte" getroffen. Eine Schublade wird von Zeit zu Zeit ausgeräumt + N E U geordnet !!!
Als ich mit 5 Jahren in den Kindergarten kam, gab es für jedes Kind eine Schublade, welche mit einem Bildchen beklebt war. Jedes Kind konnte wählen. Ich habe gewartet + war erstaunt, das keiner die "grosse Schnecke mit Haus" nahm. Das "Fräulein" wollte mich "trösten" - ich erklärte: "Ich liebe Schnecken - die sind immer "Zuhause" !!!
Die anderen Kinder waren sooo traurig + einige weinten, ich handelt einen Kompromis aus, dass jeder eine Woche seine "Sachen" unterbringen kann !!!
Meine Erfahrung: Jeder will auf seine Art "glücklich" werden + weiss nicht wie, benötigt "ab + zu" HILFE, aber er muss sie selbst wollen !!!
Herzlich
Sylvie
Klaro
Klaro
Mitglied

Re: Ab in die Schublade?
geschrieben von Klaro
als Antwort auf mane vom 25.06.2016, 12:59:53
Hallo Ihr Lieben,

Schublade auf - Mensch rein - Schublade zu, da sind Menschen oft sehr gut drin.

In wenigen Sekunden stecken wir, meist unbewusst, eine uns unbekannte Person in eine Schublade, wo sie oft nicht wieder herauskommt, weil wir ihr nicht die Möglichkeit geben, sie richtig kennenzulernen. Damit nehmen wir vielen bereits in den ersten Sekunden der Begegnung die Chance, sich zu öffnen und ihren wahren Charakter und ihre Fähigkeiten zu zeigen.

Wie genau schätzen wir sie wirklich ein? Was für Erfahrungen habt Ihr gemacht? Bewahrheitet sich der erste Eindruck in der Regel? Und, wie ist das virtuell?

Was ist mit unserer Selbsteinschätzung - sehen wir uns selbst so, wie andere uns sehen?
Der Philosoph Blaise Pascal meinte dazu: "Der Mensch ist sich selbst das rätselhafteste Ding der Natur", weil er auf sich selbst keinen objektiven Blick haben kann. Stimmt das? Neigen wir eher dazu, ein besonders positives Bild von uns zu zeichnen und unsere Fähigkeiten höher einzuschätzen, als sie wirklich sind?

Habt Ihr Lust, Euch mit mir über das Thema zu unterhalten?
Gruß Mane
geschrieben von mane


Hallo Mane,

ich denke dieses Schubladenverhalten ist - menschlich. Wobei ich da auch unterscheiden möchte, über einen kurzen Augenblick wo man Jemanden sieht oder spricht und Menschen, denen man immer wieder begegnet, die zum eigenen Lebenskreis gehören.

Ich selber denke - leider - auch oft in Schubladen. Vor allem, wenn ich z.B. Leute beim Einkaufen begegne. Junge Familien, wo die Eltern in aller Öffentlichkeit ihre Kinder anbrüllen oder zumindest sehr lautstark reden, dazu entsprechende Jogging- oder Billigkleidung tragen, Bierbäuche haben und ungepflegt wirken - da ist bei mir die Schublade offen.

Dann bei meinem kurzen Krankenhausaufenthalt letzte Woche - eine ältere Person im Nachbarbett, die sich vehement mit eindeutigem Münchner Dialekt der jungen Stationsärztin widersetzte und meinte - sie kann den verschriebenen Rollator aus diesem und jenem Grund nicht benutzen, was auf Unverständnis von Seiten der Ärztin und ihrer Angehörigen stieß und die sich mir gegenüber in den nächsten 24 Stunden als eine ausgesprochen nette, kultivierte, herzliche, liebevolle und entgegenkommende Person offenbarte. Nein, ich habe sie nicht in irgendeine Schublade gesteckt, dazu war der erste, etwas negative Eindruck zu kurz.

Im virtuellen Bereich kann man bei langjähriger Kennung von Nicknamen diese oft auch einordnen. Manche schreiben fast ausschließlich oberlehrerhaft und besserwisserisch, andere immer leicht und schnell aggressiv, andere wirken intolerant und schnell beleidigt, viele aber auch ausgesprochen ausgeglichen und humorvoll. Das diese Menschen in der Realität vielleicht ganz anders sind, ist gut möglich.

Sich selber zu reflektieren finde ich schwierig, mir gelingt das nicht zufriedenstellend.

Liebe Grüße

Klaro
mane
mane
Mitglied

Re: Ab in die Schublade?
geschrieben von mane
als Antwort auf Sylvie46 vom 29.06.2016, 11:29:44
Hallo Mane !!!
Mit Kopfschütteln lass ich über "Ab in die Schublade?" !!!
Ich habe vor 40 Jahren meinen Abschluss in "Angewandte Psychologie" gemacht. In meinem Alltag als Familien-Managerin + der Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Mitmenschen bin ich N I E auf "Schubladisierte" getroffen. Eine Schublade wird von Zeit zu Zeit ausgeräumt + N E U geordnet !!!
Als ich mit 5 Jahren in den Kindergarten kam, gab es für jedes Kind eine Schublade, welche mit einem Bildchen beklebt war. Jedes Kind konnte wählen. Ich habe gewartet + war erstaunt, das keiner die "grosse Schnecke mit Haus" nahm. Das "Fräulein" wollte mich "trösten" - ich erklärte: "Ich liebe Schnecken - die sind immer "Zuhause" !!!
Die anderen Kinder waren sooo traurig + einige weinten, ich handelt einen Kompromis aus, dass jeder eine Woche seine "Sachen" unterbringen kann !!!
Meine Erfahrung: Jeder will auf seine Art "glücklich" werden + weiss nicht wie, benötigt "ab + zu" HILFE, aber er muss sie selbst wollen !!!
Herzlich
Sylvie


Hallo Sylvie,

unter "Schubladisierte" verstehe ich Menschen, die negativ oder positiv, aufgrund ihres Verhaltens, wegen Äußerlichkeiten, ihrer Herkunft u.a. mit Vorurteilen behaftet sind.
Wenn wir einem Menschen begegnen, sehen wir ihn in der Regel nicht so, wie er wirklich ist. Die erste Einschätzung ist von der Situation abhängig, in der wir ihn treffen, ebenso von unseren Erfahrungen und wenn diese fehlen, aufgrund von Annahmen, Gelesenem, Anerzogenem und mehr.
Die erste Bewertung geschieht spontan und meist unbewusst.

Meine Erfahrungen mit Schnecken sind anders als Deine. Ich sehe sie, besonders wenn es viel regnet, wie sie in Mengen meinen Gemüse- und Blumengarten bevölkern. Unbesiegbare schleimige Monster, die alles verspeisen, was ich gerade angepflanztt habe. In meinem Kopf sind Bilder von abgeknabberten Tagetes, Dahlien und Kohlpflanzen und unermüdlich die Hauswand hochkletternde Tiere, die auch vor meinen Fleißigen Lieschen in den Kästen nicht haltmachen.

Ich weiß natürlich, dass es eine Vielzahl von Schneckenarten gibt, von denen nur ein kleiner Teil - die großen und kleinen Nacktschnecken, in meinem Garten ihr Unwesen treiben. Mir ist auch klar, dass sie einen Nutzen im Ökosystem haben, einige gar essbar sind usw.
Gruß Mane

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