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Weihnachten & Advent Einsam am Heiligen Abend

Sirona
Sirona
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Einsam am Heiligen Abend
geschrieben von Sirona
 
 
 

Herman Bang (1857-1912) Dän. Schriftsteller und Journalist
Thomas Mann schrieb 1902 in einem Brief: »Jetzt lese ich beständig Herman Bang, dem ich mich tief verwandt fühle.«

Jedesmal wenn Weihnachten kommt, muß ich an Herrn Sörensen denken. Er war der erste Mensch in meinem Leben, der ein einsames Weihnachtsfest feierte, und das habe ich nie vergessen können.

Herr Sörensen war mein Lehrer in der ersten Klasse. Er war gut, im Winter bröselte er sein ganzes Frühstücksbrot für die hungrigen Spatzen vor dem Fenster zusammen. Und wenn im Sommer die Schwalben ihre Nester unter den Dachvorsprung klebten, zeigte er uns die Vögel, wie sie mit hellen Schreien hin und her flogen. Aber seine Augen blieben immer betrübt.
Im Städtchen sagten sie, Herr Sörensen sei ein wohlhabender Mann. „Nicht wahr, Herr Sörensen hat Geld?“ fragte ich einmal meine Mutter. „Ja, man sagt’s.“ – „Ja … ich hab‘ ihn einmal weinen sehen, in der Pause, als ich mein Butterbrot holen wollte …“
Herr Sörensen ist vielleicht so betrübt, weil er so allein ist“, sagte meine Mutter. „Hat er denn keine Geschwister?“ fragte ich. „Nein – er ist ganz allein auf der Welt…“

Als dann Weihnachten da war, sandte mich meine Mutter mit Weihnachtsbäckereien zu Herrn Sörensen. Wie gut ich mich daran erinnere. Unser Stubenmädchen ging mit, und wir trugen ein großes Paket, mit rosa Band gebunden, wie die Mutter stets ihre Weihnachtspäckchen schmückte.
Die Treppe von Herrn Sörensen war schneeweiß gefegt. Ich getraute mich kaum einzutreten, so rein war der weiße Boden. Das Stubenmädchen überbrachte die Grüße meiner Mutter. Ich sah mich um. Ein schmaler hoher Spiegel war da, und rings um ihn, in schmalen Rahmen, lauter schwarzgeschnittene Profile, wie ich sie nie vorher gesehen hatte.
Herr Sörensen zog mich ins Zimmer hinein und fragte mich, ob ich mich auf Weihnachten freue. Ich nickte. „Und wo wird Ihr Weihnachtsbaum stehen, Herr Sörensen?“ – „Ich? Ich habe keinen, ich bleibe zu Hause.“
Und da schlug mir etwas aufs Herz beim Gedanken an Weihnachten in diesem „Zuhause“. – In dieser Stube mit den schwarzen kleinen Bildern, den schweigenden Büchern und dem alten Sofa, auf dem nie ein Mensch saß – ich fühlte das Trostlose, das Verlassene in dieser einsamen Stube, und ich schlug den Arm vors Gesicht und weinte.
Herr Sörensen zog mich auf seine Knie und drückte sein Gesicht an meines. er sagte leise: „Du bist ein guter, kleiner Bub.“ Und ich drückte mich noch fester an ihn und weinte herzzerbrechend.
Als wir heimkamen, erzählte das Stubenmädchen meiner Mutter, ich hätte „gebrüllt“.
Aber ich schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, ich habe nicht gebrüllt. Ich habe geweint. Und weißt du, ich habe deshalb geweint, weil nie jemand zu Herrn Sörensen kommt. Nicht einmal am Heiligen Abend…“

Später, als wir in eine andere Stadt zogen, verschwand Herr Sörensen aus meinem Leben. Ich hörte nie mehr etwas von ihm. Aber an jenem Tag, als ich an seiner Schulter weinte, fühlte ich, ohne es zu verstehen, zum ersten Male, daß es Menschen gibt, die einsam sind. Und daß es besonders schwer ist, allein und einsam zu sein an Weihnachten.
Klara39
Klara39
Mitglied

RE: Einsam am Heiligen Abend
geschrieben von Klara39
als Antwort auf Sirona vom 19.12.2017, 12:43:54
Danke, Sirona, für Deinen Eintrag! Ich bin zwar auch alleine, aber zum Glück nicht einsam an Weihnachten - das ist für mich ein himmelweiter Unterschied. Möge niemand einsam sein zu Weihnachten...(veilleicht könnten wir hier im Forum etwas dagegen tun - auch wenn´s nur virtuell sein kann?)
Grüßle und gute Wünsche für Dich
Klara
olga64
olga64
Mitglied

RE: Einsam am Heiligen Abend
geschrieben von olga64
als Antwort auf Klara39 vom 19.12.2017, 13:13:12

DAs ist ein vernünftiger Standpunkt, den Sie vertreten. Auch ich war schon einige Male von "Alleinsein an Weihnachten" bedroht; dieses Fest ist ja auch so stark emotional überfrachtet mit Erwartungen und dann nicht ausbleibenden Enttäuschungen, weil sich auch bei denen, die nicht allein sind, selten alles so gestaltet und erfüllt, wie sie es sich wünschen.
Rechtsanwälte erklären jedes Jahr, dass Weihnachten die beste Zeit ist, um neue Mandanten zu gewinnen; die Scheidungsanträge zu Beginn des neuen Jahres nehmen dann jeweils sprunghaft zu.
Als sich bei mir einige Male abzeichnete, an Weihnachten allein zu sein und ich mir dies nicht so ganz zutraute, begann ich bereits im Frühherbst danach zu fahnden, wem es ähnlich geht. Dann lud ich einige Leute zu mir ein; wir haben gut gegessen, getrunken und auch Spass gehabt. DAs waren schöne Abende - es kommt auf die Eigeninitiative an, wie fast immer im Leben. Olga


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Sirona
Sirona
Mitglied

RE: Einsam am Heiligen Abend
geschrieben von Sirona
als Antwort auf olga64 vom 19.12.2017, 16:41:29

So leicht ist es mit der Eigeninitiative nicht immer. Zugegeben wenn man noch in der Mitte des Lebens steht, ist es gut möglich Kontakte zu knüpfen und sich auf neue Bekanntschaften einzulassen.
Doch bei älteren Menschen ist dies aus diversen Gründen nicht mehr möglich; Immobilität und Krankheit bzw. Verlust des Partners sowie von Freunden und Verwandten machen viele Senioren einsam. Oft leben die Kinder – falls vorhanden - in anderen Städten oder sogar im Ausland.
Und nicht jeder ältere Mensch kann die Energie aufbringen sich aus der Einsamkeit selbst zu befreien.
 
Sirona

Bruny
Bruny
Mitglied

RE: Einsam am Heiligen Abend
geschrieben von Bruny
als Antwort auf Sirona vom 19.12.2017, 19:25:14

Ich finde es schrecklich wenn sich gerade ältere Menschen einsam fühlen müssen. Aber es ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wie man diesem Teufelskreis entfliehen kann weiß ich leider nicht. Es ist nicht jedem gegeben Kontakte zu knüpfen und deshalb bleiben einsame Menschen eben einsam, es wird niemand an die Türe klopfen um die Einsamkeit aufzuheben. 
Ich selbst kenne das Gefühl nicht, obwohl ich sehr oft alleine war in meinem Leben habe ich mich nicht alleine und noch nie einsam gefühlt.
Bruny

hema
hema
Mitglied

RE: Einsam am Heiligen Abend
geschrieben von hema
als Antwort auf Bruny vom 19.12.2017, 20:32:04

Ich fühle mich auch nie einsam, weil ich mich selber beschäftige und wir hier im Internet haben doch so viele Möglichkeiten.
Natürlich gibt es Menschen die sich einsam fühlen. Aber man kann sich auch im Kreis vieler Menschen
einsam sein.

Vielleicht ist es möglich sich in Gedanken mit anderen Menschen verbunden zu fühlen.



 


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olga64
olga64
Mitglied

RE: Einsam am Heiligen Abend
geschrieben von olga64
als Antwort auf Sirona vom 19.12.2017, 19:25:14
So leicht ist es mit der Eigeninitiative nicht immer. Zugegeben wenn man noch in der Mitte des Lebens steht, ist es gut möglich Kontakte zu knüpfen und sich auf neue Bekanntschaften einzulassen.
Doch bei älteren Menschen ist dies aus diversen Gründen nicht mehr möglich; Immobilität und Krankheit bzw. Verlust des Partners sowie von Freunden und Verwandten machen viele Senioren einsam. Oft leben die Kinder – falls vorhanden - in anderen Städten oder sogar im Ausland.
Und nicht jeder ältere Mensch kann die Energie aufbringen sich aus der Einsamkeit selbst zu befreien.
 
Sirona
Das ist mir ein wenig zu allgemein gehalten und verbirgt latent schon wieder mal irgendwelche diffuse Vorwürfe an die Gesellschaft usw.
Wenn eine Situation unerträglich wird, hat man nur eine Chance, sie zu ändern, in dem man sich selbst ändert und in diesem Fall auf andere zugeht. Es gibt gerade in Deutschland viele Möglichkeiten, sich anderen an Weihnachten anzuschliessen ,weil es dankenswerterweise auch immer Institutionen und Menschen gibt, die sich dafür engagieren und helfen wollen.
Ein guter Ansatz ist übrigens auch, um sich selbst zu helfen, anderen zu helfen. Der Möglichkeiten gibt es viele: heimatlos gewordenen Flüchtlingen, Altenheime, auch Knastbesuche usw. Das lenkt auch von der eigenen Problematik ab und kommt wie ein Bumerang als Hilfe für sich selbst zurück. Olga
Sirona
Sirona
Mitglied

RE: Einsam am Heiligen Abend
geschrieben von Sirona
Das ist mir ein wenig zu allgemein gehalten und verbirgt latent schon wieder mal irgendwelche diffuse Vorwürfe an die Gesellschaft usw.
(Zitat Olga)

 
Es ist doch immer wieder sehr interessant was alles aus einem Beitrag gelesen werden kann. Von latenten diffusen Vorwürfen an die Gesellschaft ist nun wirklich nicht die Rede, es geht lediglich darum dass es tatsächlich viele Menschen gibt, die am Heiligen Abend allein sind. Diverse Gründe wurden angeführt. Natürlich gibt es viele Möglichkeiten den Heiligen Abend nicht allein verbringen zu müssen, aber ob ein Abend inmitten fremder Menschen (Seniorentreffen) nicht eher ein Einsamkeitsgefühl hervorrufen kann? Man kann sich auch bei einer Gesellschaft einsam fühlen. Hier spielen wahrscheinlich auch wehmütige Erinnerungen an frühere Weihnachtsfeste eine Rolle, bei denen Menschen noch gesund und mobil waren und auch die Familie noch vollzählig war.
 
Hermann Hesse hat es einmal sehr treffend in einem Gedicht formuliert:
 
Kennst du das auch, daß manchesmal
inmitten einer lauten Lust,
bei einem Fest, in einem frohen Saal,
du plötzlich schweigen und hinweg gehn mußt?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
wie Einer, den ein plötzlich Herzweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
du weinst, weinst ohne Halt - Kennst du das auch?



xenia
xenia
Mitglied

RE: Einsam am Heiligen Abend
geschrieben von xenia
als Antwort auf Bruny vom 19.12.2017, 20:32:04

Hallo Bruni,

das Alleinsein impliziert ja nicht zwingend, dass der Mensch auch einsam ist.
Ich z.B. lebe schon viele Jahre allein - allerdings mit einer Katze - und habe
mich nie einsam gefühlt. Es gibt bestimmt auch viele andere Menschen, denen
es so geht wie mir.

Dir und allen hier Lesenden und Schreibenden wünsche ich eine wunderschönes
Weihnachtsfest und einen gelungenen Start in ein gesundes neues Jahr 2018.

Lieben Gruß
xenia

Bruny
Bruny
Mitglied

RE: Einsam am Heiligen Abend
geschrieben von Bruny
als Antwort auf xenia vom 21.12.2017, 15:20:14

Deine guten Wünsche erwidere ich gerne Anstoßen, liebe Xenia.
Mögen wir nie einsam sein Winken.
Bruny


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