Neuer Weg für Pflegekräfte und Patienten: Eine Freie Pflegekraft im Interview

Genug Zeit – sogar für Familienvideos auf dem Handy Pflegerin Sylvia Z. plant ihre Arbeit selbst..jpgFoto - privat: Genug Zeit – sogar für Familienvideos auf dem Handy: Pflegerin Sylvia Z. plant ihre Arbeit selbst.

Der Schichtdienst ist für Pflegekräfte ein häufiger Grund, aus ihrem Beruf auszusteigen. Besonders nach der Geburt eines Kindes oder durch andere familiäre Verpflichtungen werden die unregelmäßigen Arbeitszeiten unvereinbar mit dem Privatleben. Viele kündigen daher und bestreiten ihren Unterhalt als Reinigungskräfte oder Kassierer im Supermarkt, obwohl sie gelernte Fachkräfte sind.

Sylvia Z. fand für sich eine Alternative. Sie war Pflegedienstleitung, als ihr Ehemann durch einen Verkehrsunfall pflegebedürftig wurde. Um ihn versorgen und trotzdem in ihrem Berufsfeld bleiben zu können, machte sie sich im ambulanten Bereich freiberuflich. Heute pflegt sie neben ihm weitere Patienten in deren häuslicher Umgebung und ist zudem als selbstständige Pflegegutachterin und -beraterin tätig. Wie ihr das gelungen ist und welche Rolle dabei ein Koblenzer Startup spielt, verrät sie im Interview.

Frau Z., als freiberufliche Einzelpflegekraft gestalten Sie Ihren Arbeitsalltag selbst. Wie muss man sich das vorstellen?

Also, mein Tag beginnt damit, dass ich morgens um 04:00 aufstehe, mich fertigmache, mit den Hunden rausgehe und dann meinen Mann versorge. Dann beginnt mein Dienst. Ich habe vier Patienten und zwei davon möchten sehr zeitig gepflegt werden. Das ist mein Glück, denn so kann ich mir für alle viel Zeit nehmen. Das bedeutet, nicht nur „Guten Morgen“, Bettdecke weg und los geht’s, sondern man hat die Ruhe, auch zu fragen: Wie war die Nacht, gab es abends noch irgendwelche Probleme? Und wenn ich dann wieder gehe, wissen meine Patienten, dass sie mich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen können, wenn etwas ist. Einen Patienten fahre ich noch mittags an und die anderen erst wieder abends, weil zwischendurch Angehörige zur Betreuung kommen. Das ist für mich ein großes Plus, weil ich so auch die Zeit habe, die eigene Pflege zu Hause zu organisieren. 

Und wie ist der Kontakt zu den Kunden entstanden?

Das sind alles Patienten, die ich durch Mundpropaganda gewonnen habe. Auf dem Land gibt es oft große Familien; da spricht sich das rum. Ich habe nach dem Unfall meines Mannes die Weiterbildung zur Pflegesachverständigen gemacht. Ich arbeite also auch für Leute, die Probleme haben, einen Pflegegrad zu bekommen. Die fahre ich dann an, lasse mir das letzte Gutachten geben und stelle einen neuen Antrag. Danach bleibe ich Ansprechpartner, bis alles in Sack und Tüten ist. Und wenn sie dann die ersten Erfahrungen mit Pflegediensten machen, sagen sie oft: „Das gefällt mir nicht; da kommt jeden Tag eine andere“ oder sie merken, dass die Pflegedienste kaum Zeit haben oder die Grundpflege nur im Bett machen. Und dann heißt es oft: „Sylvia, kannst du nicht?“. So kam ich zur Pflege zurück.

Wo sehen Sie die Hauptunterschiede zwischen einer Freien Pflegekraft und Pflegediensten?


Nach dem Unfall ihres Mannes wollte kein Pflegedienst Sylvia Z. mehr anstellen – aber sie fand eine Alternative..pngIn der fehlenden Flexibilität und der Unpersönlichkeit der Pflegedienste. Als Einzelpflegekraft bin ich in alles involviert: In Geburtstage, Jubiläen und Ähnliches. Dann werde ich gefragt: „Was denkst du, inwieweit können wir die Mutter oder den Vater einbeziehen?“ Oder: „Bekommst du es hin, dass sie oder er an dem Tag auch gut drauf ist?“ Der Pflegedienst dagegen kommt, wäscht die Patienten, zieht sie an und das war’s. Alles Weitere wird zusätzlich abgerechnet – ob es das Fensteröffnen ist, das Bettmachen oder ob es darum geht, den Menschen von einem Raum in den anderen zu bringen. Ich finde das ganz schlimm. Ich bin eigentlich mal Schwester geworden, um Schwester zu sein und nicht, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ich habe immer gesagt: Es sind Menschen, die ich vor mir habe, und Menschen brauchen Zeit, brauchen mal ein persönliches Wort, wollen auch mal in die Arme genommen werden, um zusammen zu weinen, wenn etwas Schlimmes passiert ist.

(Foto - privat: Nach dem Unfall ihres Mannes wollte kein Pflegedienst Sylvia Z. mehr anstellen – aber sie fand eine Alternative.)

Als Einzelpflegekraft arbeiten Sie alleine. Macht Ihnen diese Verantwortung auch Angst?

Nein, ich war viele Jahre Leitung und weiß, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Was mich aber ärgert, ist, dass Hausärzte oft keine Ansprechpartner mehr sind und Patienten jahrelang Medikamente verschreiben, ohne nochmal drüber zu schauen. Dann, denke ich mir, liegt die Verantwortung, aktiv zu werden, bei der Pflegekraft, denn Angehörige sind damit überfordert. Das bedeutet aber nicht nur Verantwortung, sondern auch die Möglichkeit, zu helfen. Auch wenn es um Formulare von Behörden geht oder darum, den Schwerstbehindertenausweis beim Versorgungsamt zu bestellen. 

curassist ist eine Plattform, die angestellten Pflegern den Schritt in die Freiberuflichkeit erleichtern soll. Inwieweit spielt das Startup bei Ihrem Werdegang eine Rolle?

Durch curassist kann man jetzt direkt über die Kassen abrechnen. Die sperren sich sonst sofort. Und Pflegekräften wird viel Arbeit mit den Ämtern abgenommen. Sonst sagt einem keiner, an wen man sich wenden und wie man es machen muss; auch in der Ausbildung nicht. Und sich mit den Ämtern auseinanderzusetzen, ist ein langer Kampf, der viel Zeit kostet. Da finde ich es gut, dass es jetzt jemanden gibt, der das regelt.

Wie sehen Sie die Zukunft der freiberuflichen Pflege?

Es wird mehr werden. Die Unzufriedenheit der Pflegekräfte steigt, weil immer mehr auf sie abgewälzt wird. Ich denke, dass sich viele, die aussteigen, obwohl sie noch Motivation haben, über kurz oder lang selbstständig machen werden, wenn sich diese Möglichkeit weiter rumgesprochen hat. Diese individuelle Pflege und Zusammenarbeit mit den Patienten ist ganz anders als in Institutionen. Pflegekräfte beugen sich nicht gerne der Vorgabe, morgens schon 15 Patienten anzufahren. Man will Zeit haben und am Ende zufrieden rausgehen. Und das bleibt einem nur in der Selbstständigkeit.

Möchten Sie den Pflegekräften oder den Patienten noch etwas auf den Weg geben?

Ich wünsche jedem Angehörigen, dass er die Pflege für seine Familienmitglieder bekommt, die er für optimal hält. Und jede Pflegekraft, die unzufrieden ist, sollte den Weg in die Selbstständigkeit wählen, denn man kann nur gewinnen. An Erfahrung, aber auch daran, dass man mit seinem Leben letztlich zufriedener ist. 


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