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Demenzpflege nach Böhm – Wertschätzung des Einzelnen im Fokus

Derzeit leben schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen in Deutschland mit dem Befund Demenz. Vor allem ältere Menschen sind davon betroffen. Gedächtnisverlust, eine Abnahme des Denk- und Urteilsvermögens, Desorientiertheit und Persönlichkeitsveränderungen sind die Folgen des durch die Demenz verursachten geistigen Abbaus. Für die Betroffenen bedeutet dies erhebliche Beeinträchtigungen – die Bewältigung des einst vertrauten Alltags wird für sie zur Herausforderung. Viele ziehen sich deshalb in sich selbst zurück und vereinsamen. Gerade deshalb ist es für Demenzkranke wichtig, ihre Selbständigkeit so lange wie möglich aufrecht zu erhalten – denn sie bildet die Basis für ihre Selbstachtung.

Ältere Frau guckt traurig aus dem Fenster.
© Fotolia.com | De Visu

Dieser Erkenntnis folgte auch der Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Erwin Böhm, als er 1983 das psychobiografische Modell der „Reaktivierenden Pflege" entwickelte. Oberste Ziele des Pflegemodells nach Böhm sind die Reaktivierung von Erkrankten mit Destruktionstrieb und Rückzugstendenzen, die Symptomlinderung ohne Einsatz von Psychopharmaka und eine Erhöhung des Selbstwertgefühls beim alten Menschen. In der Praxis steht dabei die Unterstützung des vorhandenen Könnens und die Wertschätzung des Einzelnen im Vordergrund. Damit dies in der alltäglichen Pflege umgesetzt werden kann, definiert Böhm vier Leitlinien: das Milieu, das Normalitätsprinzip, die rehabilitative Hausideologie und die psychobiografische Pflegeplanung.

Das Milieu – ein Erinnern an Kindheit und Jugend

Zertifizierte Böhm-Einrichtungen,wie beispielsweise das Cura Seniorencentrum Zeven, schaffen für den Bewohner zunächst eine vertraute Umgebung (Milieu). Dabei spielt es eine große Rolle, ob die Bewohner eher aus einem städtischen oder einem ländlichen Umfeld kommen, denn daran orientiert sich die Gestaltung der Zimmer. „Die Möbel, Alltagsgegenstände oder Deko-Elemente reichen bei uns vom Schreibtisch mit alter Schreibmaschine und Aktenordern - für den ehemaligenBankangestellten - über eine Nähecke mit unterschiedlichen Stoffen, Nadeln, Fäden und Knöpfen für die früherenHausfrauen, bis hin zur Werkbank samt alter Hobelmaschine für die pensioniertenHandwerker", erklärt Einrichtungsleiterin Ingrid Pieratzki. „Durch diese Umgebung entsteht ein ‚Daheim-Gefühl‘, die Bewohner sollen an ihre Kindheit und Jugend erinnert werden", so die Pflegefachfrau. Denn laut Böhm erfolgt die stärkste Prägung eines Menschen bis zum eigenen 25. Lebensjahr, danach relativiert sich das Altersgedächtnis.

Das Normalitätsprinzip – ein normales Leben

Neben der räumlichen Gestaltung berücksichtigt Prof. Böhm in seinem Betreuungskonzept auch sehr stark das Alltagsleben, die Normalität. Die Bewohner sollen zur Ruhe kommen, Gewohntem nachgehen können. Die individuelle Biografie ist dabei wichtig. Wer sein Berufsleben beispielsweise als Handwerker verbracht hat, soll sich auch im Seniorenheim mit handwerklichen Tätigkeiten beschäftigen dürfen, statt beispielsweise Computerkurse besuchen zu müssen.

Auch im Bereich der Körperpflege spielt das persönliche Erleben und die Erfahrung eine wichtige Rolle. Die Bewohner, die in den 1930er bis 1950er Jahren zu Erwachsenen heranwuchsen, sind es aus dieser Zeit nicht gewohnt, zu duschen. Menschen mit Demenz haben die starke Tendenz, sich in ihnen unbekannten Situationen unwohl zu fühlen, sich zu ängstigen. Um den daraus entstehenden „Weglauf"-Impulsen entgegenzuwirken, wird in vielen Böhm-Einrichtungen dem Waschen in der Badewanne der Vorzug gegeben - das beruhigt und erinnert an die eigene Kindheit und Jugend.

Rehabilitative Hausideologie – Gewohntes stärkt Kompetenz

Demenzerkrankte sind zwar nicht mehr in der Lage, Neues zu erlernen, jedoch Verschüttetes wieder zu aktivieren. Welche Möglichkeiten das sein können, wird durch die genaue Beobachtung und das Wissen über die jeweilige Biografie von den Pflegenden herausgearbeitet. Eine Köchin wird auch weiterhin den Küchentrubel genießen und Kartoffeln schälen – das gibt ihr das Gefühl von Wertschätzung und Zuhause.

Im Alltag in der Pflegeeinrichtung wird aber ebenso gemeinsam der Tisch gedeckt, Kuchen gebacken, Wäsche zusammengelegt, Haustiere wie Katzen oder Vögel gefüttert – mal mit mehr, mal mit weniger Unterstützung. So sollen die Selbstständigkeit der Menschen gestärkt und gewohnte Fähigkeiten reaktiviert werden. Mit einem besseren Selbstwertgefühl steigen auch die Kompetenzen, Aufnahmefähigkeit und die Bereitschaft zur Kommunikation.

Psychobiografische Pflegeplanung – Impulse geben Vertrauen

Nach Böhm sollen Pflegende nicht nur Betten, sondern auch den Menschen pflegen. Die Pflegenden müssen in die Welt des Demenzerkrankten eintreten, statt ihn aus seiner Welt herauszureißen. Fragen wie „Was ist oder war dem dementiell veränderten Bewohner wichtig?", „Wie ist er früher mit Problemen umgegangen?", „In welcher Entwicklungsstufe steht er gerade?" werden in Böhm-Dokumentationen beantwortet. Anhand weiterer Beobachtungen wird sicher festgestellt, auf welche Impulse der Erkrankte anspricht. Die Ergebnisse dieser Beobachtungen werden dokumentiert und gut sichtbar im Dienstzimmer ausgehängt. So können Gäste, Mitarbeiter aus anderen Bereichen oder auch der Hausmeister immer angemessen reagieren.

Ein Praxisbeispiel aus dem Cura-Seniorencentrum Zeven: Eine an Demenz erkrankte Bewohnerin ist auf der Suche nach ihrem Mann, der in einem anderen Bereich lebt. Als Sie zu einem Mitarbeiter kommt und ihn fragt, wo ihr Mann sei, sie müsse ihn besuchen, lautet der Impuls, also die Antwort, des Mitarbeiters: „Die Türen sind nicht verschlossen". Mehr muss nicht gesagt werden. Für die Betroffene heißt das, sie kann sich jederzeit frei bewegen, sie ist zufrieden mit der Reaktion, fühlt sich nicht in ihrer Selbstständigkeit beschnitten.

Die Mitarbeiter in einer zertifizierten Böhm-Einrichtung müssen in ihrem Beruf völlig umdenken, sich vom normalen Pflegealltag lösen. Viel Empathie und Wissen über den einzelnen Menschen sind hier die Grundpfeiler des Pflegealltags. Zwar lässt sich damit ein vorhandener Gehirnabbau nicht rückgängig machen, aber Sterbenswünsche, Weinerlichkeit und Rückzugstendenzen können positiv beeinflusst werden.

 

Quelle: Cura Unternehmensgruppe


 


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