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Pflege der Altersseele – Das Böhm-Konzept

Die Diagnose Demenz, mit ihren mehr als 70 verschiedene Formen, bringt für Angehörige und Betroffene eine gravierende Veränderung im Zusammenleben. Zu den häufigsten Demenzformen zählendie Alzheimer-Demenz und die vaskuläre Demenz.

Pflegering kümmert sich um ältere dame und hält die Hand.
© Gina Sanders | Fotolia.com

Vaskuläre Demenz wird von Durchblutungsstörungen im Gehirn ausgelöst, wohingegen die Demenz vom Alzheimer-Typ eine altersbedingte Krankheit des Gehirns ist, während deren Verlauf die Nervenzellen des Gehirns unwiederbringlich zerstört werden.Für die komplexe und anspruchsvolle Pflegearbeit mit Demenzbetroffenen sind mehrere Pflegemodelle entwickelt worden. Das einzig umfassende Pflegemodell für Betroffene, welches sich in der Praxis bewährt hat, ist das psychografische Pflegemodell nach Professor Erwin Böhm.

Das Böhm'sche Pflegemodell

Professor Erwin Böhm isteiner der bedeutendsten zeitgenössischen Pflegeforscher für psychogeriatrische Pflege.Er hat die psychobiografische Pflegetheorie und die sich daraus ergebenden reaktivierenden und symptomspezifischen Pflege begründet. Sein Pflegemodell wird im In- und Ausland anerkannt und angewendet. Es zielt neben der somatischen Pflege vor allem auf die Seelenpflege älterer Menschen. Ein Hauptziel dabei ist die Altersseele durch die Orientierung an früheren Lebensgewohnheiten zu aktivieren und Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken vergangener Zeit zu reaktivieren. Innerhalb dieses Modells sollen die demenzbetroffenen älteren Menschen so lange und in so vielen Alltagssituationen wie möglich selbständig denken und handeln. Um dies zu ermöglichen, müssen die Pflegenden sie verstehen, wissen was sie wollen, und was sie zu bestimmten Verhaltensweisen bewegt. Entscheidend für Pflegende istdabei, die Lebensgeschichte sowie prägnante Erlebnisse im Leben des Betroffenen zu kennen.

Die Biographie spielt eine entscheidende Rolle

Pflegende und Betreuende müssen also lernen, den demenzbetroffenen Menschen besser zu verstehen. Das ist die eigentliche Herausforderung des psychobiografischen Pflegemodells nach Professor Böhm. Pflegende müssen wissen:

  • Was hat diesen Menschen geprägt?
  • Was erlebte er in seiner Kinder- und Jugendzeit?
  • Was ist und war für ihn normal?

Verständnis und Einfühlungsvermögen

Die Grundpfeiler des Böhm-Konzeptes sind das Wissen um die jeweilige Normalität und das Verständnis für ein bestimmtes Verhalten Demenzbetroffener. Hierzu benötigen Pflegende ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen.Sie begeben sich im wahrsten Sinne des Wortes in die Welt der Betroffenen „hin" und lernen deren Gefühle und Denkweisen kennen. Eva Neef, Leiterin der AWO Beratungsstelle in Koblenz, erklärt dies so: „Wenn wir als Pflegende wissen, wie wir den demenzbetroffenen Menschen erreichen können, was für sein Leben wichtig war, und wie er seinen Alltag gelebt hat, werden wir ein anderes Verständnis für ihn aufbringen. Dadurch können wir dem Betroffenen wieder Lebensfreude geben und ihn wieder zu den an seiner Biografie orientierten Alltagsnormalität heranführen."

Pflegerin und ältere Frau.
© Arbeiterwohlfahrt Bezirksverband Rheinland e.V.

Positive Veränderungen dank Böhm-Modell

Das Pflegemodell nach Böhm führt auf den wichtigen Ebenen Motivation, Verständnis und Empathie zu tiefgreifenden, positiven Veränderungen in der täglichen Arbeit der Mitarbeiter. Die Erfahrungen aus stationären Pflegeeinrichtungen zeigen, dass die Zufriedenheit der Bewohner und auch der Mitarbeiter größer ist, wenn beim Umgang und Kontakt mit Demenzbetroffenen im Sinne des Böhm-Modells gehandelt wird. Betroffene finden sich in ihrer Umgebung besser zurecht, zeigen geringere Weglauftendenzen und benötigen weniger Psychopharmaka. Sie sind lebendiger, ausgeglichener und beteiligen sich wieder am täglichen Leben. Mitarbeiter geraten seltener in Konflikt- und Belastungssituationen, der Kontakt mit Angehörigen ist persönlicher und wird gegenseitig verständnisvoller. Die Pflegesituation verbessert sich maßgeblich.

Das Pflegemodell in der Praxis

In den AWO Seniorenzentren haben Demenzbetroffene beispielsweise die Möglichkeit, sich in ihrer eigenen Welt frei zu entfalten. Sie gestalten ihren Tagesablauf nach eigenen Wünschen und werden darin individuell mit tagesstrukturierenden Maßnahmen gefördert. Möbel und Einrichtungsgegenstände aus vergangener Zeit wecken dabei Erinnerungen und reaktivieren zusätzlich Gefühle und Gedanken.

Ein weiterer konzeptioneller Ansatz zur Pflege und Betreuung von Demenzbetroffenen innerhalb der AWO ist die Anwendung eines speziellen Wohnküchenkonzeptes. Dieses Konzept verbindet effektiv die Verpflegung der Bewohner mit dem allgemeinen Pflege- und Betreuungskonzept. Unter dem Aspekt der Ganzheitlichkeit werden Betroffene gezielter individuell nach ihren körperlichen und geistigen Bedürfnissen versorgt, betreut und gepflegt, mit dem Ziel Selbstständigkeit, Zufriedenheit und Mobilität zu fördern. Alltägliche Aufgaben wie beispielsweise das Zubereiten von Speisen werden in den Tagesablauf der Demenzbetroffenen integriert, um das Erleben von Alltäglichkeit und das Empfinden von Normalität zu fördern. Tägliche Routine-Aufgaben bieten dabei eine verbesserte Tagesstruktur und eine stabile Orientierungsmöglichkeit. Selbstbestimmen und mitgestalten – dadurch schaffen die Wohnküchen ein vertrauensvolles, stimulierendes und mobilisierendes Gruppenerlebnis und geben den Demenzbetroffenen ein Stück Alltagsnormalität zurück. 

 

Quelle: Arbeiterwohlfahrt Bezirksverband Rheinland e.V.


 


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