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THEMA:   Nur eine kleine Episode ....

 9 Antwort(en).

Medea. begann die Diskussion am 16.02.03 (15:44) mit folgendem Beitrag:

Ich habe heute vormittag das Heimzimmer meines gestern mittag verstorbenen Vaters leergeräumt, hatte mir zwei leere Koffer und eine große blaue Ikea-Tasche mitgebracht.
Gestern gegen 9.30 wurden meine Mutter und ich zu ihm gerufen, wir haben seine Hände gehalten, ihn gestreichelt, mit ihm leise geredet. Er wußte, daß wir da waren, war ganz ruhig, sein leiser Atem wurde immer weniger und ganz plötzlich war gar nichts mehr. Wir sind noch rund eine Stunde bei ihm geblieben und dann gegangen. Und heute nun das unvermeidliche Leerräumen, schöne Heimzimmer sind immer noch Mangelware.
Er hatte viele Hemden, Schlafanzüge, jede Menge Unterwäsche, den Kram im Badezimmer. Ich legte alles ordentlich in die Koffer und die Tasche, sah mich noch einmal im Raum um - und da war er - sein Hut. Und als ich ihn vom Haken nahm und auf die Tasche legte, verließ mich die Haltung. Ich begann zu weinen und weinte, und weinte und konnte nicht mehr aufhören, ich, eine Frau von Mitte Sechzig. Ich weinte um diesen alten Mann, der bei Gott kein bequemer Vater gewesen war, aber immer da, wenn er merkte, er wurde gebraucht.
Ich weiß gar nicht so recht, warum ich das soeben aufgeschrieben habe, wen interessiert schon der Tod eines so alten Menschen außer seinen Familienmitgliedern.
Aber komisch, mir ist nun ein wenig leichter um's Herz.

Medea.


Rainer (klr) antwortete am 16.02.03 (16:15):

Recht getan, Medea


Nuxel antwortete am 16.02.03 (16:22):

Liebe Medea

ich kann nachempfinden,was Du fühlst und denkst,ohne in Details zu gehen!
Und ich denke,nachvollziehen zu können,was Du empfindest.

Du weintest,weintest,weintest-so Deine Worte.

Ich kann sie nachempfinden,mehr als Du denkst!
Es ist für mich beinahe unmöglich,die passenden Trostworte zu finden,ich kann nur sagen,in Gedanken bin ich neben Dir und höre Dir zu.
Und in der Erinnerung wirst Du den geheimnisvollen Rückweg zum Vater finden.
Später kommen Erinnerungen,auch fröhliche,lass ihnen den nötigen Raum!
Unsere Eltern sind unser eigentliches Zuhause-was sie uns an Positivem oder auch Negativem vermittelten,prägte uns.
Aber,wir konnten uns weiter entwickeln,wenn wir wollten,oder die nötige Kraft dazu hatten.
Versuch an die harmonischen,positiven Erlebnisse zu denken,dann tut der endgültige Verlust nicht so weh.
Halt die gute Erinnerung wach----
ich weiss,dass es hilft!
Nuxel


Simba antwortete am 16.02.03 (17:47):

Medea, es tut mir sehr leid für dich dass du deinen vater verloren hast - betrachte es doch mal von der anderen Seite:wie glücklich kannst du dich doch schätzen, dass du deinen Vater so lange haben durftest. Ich hab meinen mit 13 Jahren durch einen Unfall verloren und nicht mehr allzuviele Erinnerungen an ihn. Wieviele Fragen hätte ich noch an ihn gehabt und noch heute bedauere ich es dass ihn nur als Kind kannte - ich hätte gerne mit ihm als Erwachsene geprochen - von Mensch zu Mensch und nicht als Kind zum Vater. Tja das ist mir grade so eingefallen als ich deine Zeilen las, ich wünsche dir viel Kraft, denn der Verlust tut in jedem Alter weh .....


katharina antwortete am 16.02.03 (18:54):

liebe medea,

mich berührt dein text sehr, auch wenn ich weder dich kenne, noch deinen vater gekannt habe.
er stellt - zwischen all den lebensutensilien und handgriffen versteckt - die tiefe bindung einer tochter an ihren vater dar. dass dies so ganz und gar nicht rührselig-sentimental passiert, macht mir den text sehr "hautnah".

was das aufschreiben betrifft: die schrift und auch früher schon: das aufzeichnen, das hat etwas "bannendes". es ist ein weg, etwas greifbar zu machen, das sonst nicht greifbar ist. ich glaube (bzw. kenne ich das von mir), dass dein gefühl der erleichterung daher rührt: du hast vater&tochter in diesem kleinen text "aufgehoben". und das so gut, dass selbst ich es als völlig außenstehende mit-fühlen kann.

in verbundenheit
katharina


schorsch antwortete am 17.02.03 (11:03):

Glücklich wer neben weinen auch noch von-der-Seele-schreiben kann....


Rosmarie S antwortete am 17.02.03 (15:28):

Leider kam ich heute Morgen nicht online, deshalb jetzt ein wenig verspätet... :-(

Liebe Medea,

auch mich erschüttert dein Text. Aber nicht nur, weil mich jeder Tod und jede Trauer anrühren.
Auch meine Eltern verstarben beide in einem Heim und ich habe - wie du - schon bald das Zimmer ausräumen müssen.
Beim Tod meiner Mutter durfte ich anwesend sein (Papa starb leider unerwartet im Khs.). Ich empfinde das heute noch als ein großes Geschenk.

Was ich in deinem Text wunderbar finde, ist dass du ganz offensichtlich schon zu Lebzeiten Frieden mit deinem "nicht bequemen" Vater geschlossen hast und dass du außerdem den Mut gefunden hast, deine tiefe Erschütterung und deine Gefühle mit uns zu teilen!
Dein zutiefst anrührender Text bereichert mir diesen Morgen!

Ich wünsche dir viel Kraft in den nächsten Tagen und Wochen!


Medea. antwortete am 26.02.03 (18:06):

Ich möchte allen danken, die in so liebevoller Weise an mich gedacht haben, hier und auch privat.
Gestern haben wir meinen Vater zu Grabe getragen (der etwas verspätete Zeitpunkt ergab sich aus der Tatsache, daß meine Schwester aus den USA nicht Hals über Kopf anreisen konnte). Die Pastorin hat sehr persönliche, anrührende Abschiedsworte gefunden, "So nimm denn meine Hände" (das damalige Hochzeitslied meiner Eltern) und "Jesu geh voran, auf der Lebensbahn" wurden gesungen, zum Schluß erklangen zwei Strophen des Riesengebirgsliedes - es war ein guter Abschied und ich merkte, wie Ruhe in mein Herz einkehrte.
Es ist mir wichtig, denen, die mit mir fühlten, das noch einmal zu sagen.
Danke.

Medea.