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Wie fesselnd darf Fürsorge sein?

Um Stürze und Verletzungen zu verhindern, kommen in vielen Pflegeheimen bewegungseinschränkende Maßnahmen zum Einsatz. Wie steht es hier um Ethik, Recht und aktuelle Erkenntnisse?

Die Anwendung von freiheitsentziehenden Maßnahmen (FeM) bei Bewohnern in Alten- und Pflegeheimen findet seit einigen Jahren einen breiten Diskurs in Gesellschaft, Medien und Politik. Das Bewusstsein darüber, wie schwerwiegend solche Eingriffe erlebt werden, ist zwischenzeitlich gewachsen. Dennoch gibt es weiterhin Pflegeeinrichtungen, in denen oftmals noch keine alternativen Maßnahmen Anwendung finden.

Was sind freiheitsentziehende Maßnahmen?

Nach einer fachlichen und international gebräuchlichen Definition handelt es sich bei freiheitsentziehenden Maßnahmen um solche „Maßnahmen, die die körperliche Bewegungsfreiheit einschränken und die nicht vom Betroffenen selbstständig entfernt werden können und/oder den Zugriff auf den eigenen Körper verhindern" (Evans 2002, Joanne Briggs Institute). Hierzu zählen zum Beispiel sogenannte Fixierungen durch Gurte im Bett oder am Rollstuhl, Bettgitter, festgestellte Rollstuhlbremsen, abgeschlossene Zimmertüren, aber auch die Ruhigstellung durch Medikamente, die nicht ausschließlich der Heilbehandlung dienen.

Warum kommt es zum Einsatz freiheitsentziehender Maßnahmen?

Als Grund für die Anwendung freiheitsentziehender Maßnahmen wird meistens ein Sicherheitsdenken bei Sturzgefährdung pflegebedürftiger Menschen angegeben. Aber auch Verhaltensweisen bei demenziell erkrankten Bewohnern wie Unruhe und Umherwandern führen oftmals zur Anwendung von FeM. Viele Pflegende haben Angst vor einer Haftung, wenn sich Bewohner Verletzungen durch ihr Verhalten oder Sturz zuziehen. Verantwortliche befinden sich in der Zwickmühle zwischen der Sorgfaltspflicht einerseits und Wahrung der gesetzlich geschützten Würde und Freiheit einer Person andererseits.

Rechtliche Aspekte

Bedingung aller freiheitsentziehenden Maßnahmen ist ihre Legitimation. Die im Grundgesetz verankerten Rechte auf Freiheit einer Person dürfen nur in Ausnahmefällen eine Einschränkung erfahren. Hierzu muss zunächst eine Gefahr bestehen, dass sich der Betreute aufgrund seines gesundheitlichen Zustandes durch eigenes Verhalten selbst schädigt oder tötet.

Zudem dürfen freiheitsentziehende Maßnahmen nur durchgeführt werden, wenn die Betroffenen selbst schriftlich zugestimmt haben. Falls Betroffene nicht einwilligungsfähig sind, muss die Genehmigung durch einen Betreuer oder einen Bevollmächtigten beim Vormundschaftsgericht eingeholt werden. Liegt nichts davon vor oder fehlt ein rechtfertigender Notstand, können Fixierungen den Tatbestand der Freiheitsberaubung (§ 239 StGB) erfüllen.

Folgen und Risiken

Ist der Einsatz freiheitsentziehender Maßnahmen rechtlich legitimiert, bleibt dennoch die Frage offen, ob es auch fachlich gerechtfertigt ist. Denn bei regelmäßigem und dauerhaftem Einsatz können diese zu erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei den Betroffenen führen. Neben Hautabschürfungen und Hämatomen folgt durch die Ruhigstellung oft auch eine Immobilisation (Muskelabbau und Versteifung der Gelenke). Psychosoziale Aspekte wie soziale Isolation, Depression und Aggression verursachen wiederum Verhaltensauffälligkeiten, denen dann oftmals mit sedierenden Medikamenten begegnet wird. Der gesundheitliche Gesamtzustand des Betroffenen verschlechtert sich erneut, was zu einer vermehrten Anwendung freiheitsentziehender Maßnahmen führt. Ein Teufelskreislauf, unter dem nicht nur Pflegebedürftige leiden, sondern auch das Pflegepersonal oftmals mit Schuldgefühlen und Arbeitsunzufriedenheit konfrontiert wird. Folglich erscheint es nicht nur wichtig, Nutzen und Risiko solcher Maßnahmen gewissenhaft abzuwägen, sondern auch angebracht, deren prinzipielle Wirksamkeit kritisch zu hinterfragen.

Aktueller Stand des Wissens

Freiheitseinschränkende Maßnahmen bei Alten- und Pflegeheimbewohnern werden zunehmend kontrovers diskutiert. In internationalen Forschungsprojekten setzt man sich seit gut zwei Jahrzehnten verstärkt mit der Anwendung von FeM im Altenpflegebereich sowie Ansätzen zu ihrer Vermeidung auseinander.

Studien zeigen jede Menge negative Folgen auf. Umgekehrt belegt weltweit keine Studie den positiven Effekt von FeM. So erweisen sich bewegungseinschränkende Maßnahmen meistens als ungeeignet, um Stürze zu vermeiden. Die wissenschaftliche Beweislage spricht für einen Verzicht von FeM, und internationale Experten fordern verstärkt als Qualitätsstandard eine FeM-freie Pflege. Auch in Deutschland wurden lokale und überregionale Projekte initiiert, die das Ziel der Reduktion und Vermeidung von FeM haben.

Alternativen

Fürsorge kann heute in den meisten Fällen anders aussehen und auf freiheitsentziehende Maßnahmen verzichten. Dabei unterstützten moderne Technik und Hilfsmittel wie Niedrigbetten, Sensormatten, Hüftprotektoren etc., die nach individuellen Bedürfnissen und Anforderungen ausgewählt und eingesetzt werden können.

Zusätzlich öffnen innovative Pflegemodelle den Weg zu einer wirksamen Reduzierung von FeM. Sogenannte milieutherapeutische Pflegekonzepte ermöglichen, individuell auf Bedürfnisse Demenzkranker einzugehen. Hierzu zählen auch bauliche Maßnahmen in Pflegeeinrichtungen, bei denen die spezielle Architektur hilft, Behinderungen zu kompensieren, Orientierung und Sicherheit zu geben, Sinne zu stimulieren und Selbstständigkeit der Bewohner im Alltag zu fördern.

Ein „Patentrezept" gibt es nicht, aber eine Reihe an Möglichkeiten. Die Vermeidung von FeM muss bei der Heim- und Pflegedienstleitung höchste Priorität genießen. Dann lassen sich Konzepte entwickeln, an denen sich pflegende Mitarbeiter orientieren und mit alternativen Methoden arbeiten können.

Immer nur das letzte Mittel der Wahl

Freiheitsentziehende Maßnahmen sollten nur nach gewissenhafter Abwägung der Freiheitsrechte mit den Fürsorgepflichten unter bedingungsloser Beachtung der Würde des Menschen und seiner Selbstbestimmung angewendet werden. Auch bei schwerwiegenden Konstellationen lassen sich heutzutage fast immer Alternativen finden, um möglichst viel Sicherheit zu gewährleisten, ohne bei den Betroffenen das Gefühl völliger Ohnmacht auszulösen.

 

 

 

 

Quelle: PROCON Seniorenzentren gGmbH
Bildquelle: PROCON

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