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          Georg von Signau: Noch weit bis Eden


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Er schloss seine Augen wieder und begann, tief ein- und auszuatmen. Endlich wurden seine

Gedanken wieder klar. Nein, was er erlebt hatte, das war kein Traum und keine Ohnmacht

gewesen. Mühsam rappelte er sich auf. Er griff sich die Rute, damit er sich aufstützen konnte. Alle

Glieder waren wie gerädert. Aber er gab nicht mehr nach, musste sich Gewissheit verschaffen, dass

seine Erlebnisse keine Hirngespinste waren.


Der Mond schien hell genug, dass er in der Lichtung die Spuren der Wohnwagen erkennen konnte.

Ja, hier waren zwei riesig grosse helle Flecken, wo die Sonne nicht hatte hin scheinen können und

deshalb das Gras nicht grün, sondern gelb war. Das waren also die Standplätze der Wagen

gewesen. Und hier lagen doch noch zerschlissene Teppiche, Scherben von Tongeschirr, ein

einzelner Frauenschuh, rostige Bleche und eine Schüssel aus Plastik, die im Boden einen

kreuzartigen Riss hatte. Also wenn das keine Beweise der Existenz von Zigeunern waren!? Dazu

kamen noch die frischen Wagenspuren, die eindeutig von einem schweren Zugfahrzeug und zwei

Anhängern stammten.


Die Ereignisse vom Vortag erschienen ihm bruchstückhaft in seinem brummenden Schädel. Und

langsam verdichteten sie sich wieder zu einem Ganzen. Nein, kein Zweifel: er hatte das alles nicht

geträumt, sondern es war Wirklichkeit, unglaubliche zwar, aber trotzdem unleugbare. Er wanderte

unschlüssig weiter auf der verlassenen Lichtung herum. Irgendwie war ihm, es könne doch nicht

sein, dass man ihn einfach hier zurückgelassen hatte, ohne ein Wort des Abschiedes, ohne eine

Erklärung, warum und wieso. Da; da lagen doch ein paar abgelaufene Pneus, zu einem Kreuz

formiert, im Zentrum des Kreuzes eine Flasche. Im hellen Mondlicht war Friedel, dieses Kreuz sei

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