Literatur Leseproben

Leseproben
geschrieben von vogelfrei

So manches Mitglied hier im ST schreibt gerne und hat vielleicht sogar ein Buch veröffentlicht. Ich denke, wir könnten hier Leseproben einstellen und über das Geschriebene uns austauschen. Wer hat Lust dazu?

Ich mache mal den Anfang und stelle eine Leseprobe aus meinem letzten Buch ein. Und da kommt sie auch schon:

Leseprobe aus dem 2. Kapitel:

Bei Tisch
„Papa, hast du heute wieder einen Mörder verhaftet?“
„Marisol“ sagt die Mutter, „lass deinen Vater in Ruhe essen, er muss ja nicht die draußen herrschende schreckliche Welt mit in unser Haus bringen. Du solltest lieber deinen Teller leer essen und nicht nur darin herumstochern.“
„Ich mag aber keinen Fisch“, erwidert Marisol, „ich will lieber wissen, wie der Mörder aussieht und wen er getötet hat.“
„Du weißt ja noch gar nicht, ob dein Vater einen Mörder gefasst hat.“
„Eben, deswegen muss ich ihn ja fragen.“
„Ramona“ mischt sich jetzt Don Augusto ein, „lass Marisol doch ruhig fragen. Es ist nicht gut eine natürliche Neugierde bei einem Kind zu unterdrücken. Außerdem, hier in diesem Haus interessiert sich außer Marisol niemand für meine Arbeit.“
Dabei lässt der Vater seinen Blick über die drei Anwesenden streifen. Außer Doña Ramona und Marisol, sitzt noch der Sohn des Hauses mit gelangweiltem Blick am Tisch. Er ist Marisols großer Bruder Eduardo und da er beträchtlich älter ist als sie, kehrt er seine Überlegenheit erheblich heraus. Er weiß, dass er damit Marisols Wut entfacht, und das vergnügt ihn ungemein.
Er sagt: „Ich glaube Mama hat Recht. Marisol ist noch viel zu klein, um sich mit solchen Scheußlichkeiten zu befassen.“
Wutentbrannt schaut Marisol ihren Bruder an, streckt ihm die Zunge raus und sagt: „Du bist echt doof.“
Es folgt ein heftiges Wortgeplänkel zwischen den beiden. Sie sind so erregt, dass ihre Teller unberührt bleiben.
Da sagt Don Augusto: „Schluss jetzt, bei Tisch wird nicht gezankt. Ihr solltet dem Essen von Mama mehr Beachtung schenken, denn es schmeckt vorzüglich.“
„Aber Papa, Mama hat doch das Essen gar nicht gekocht, sie kann ja gar nicht kochen, Tina ist doch die Köchin.“ Dabei schaut sie ihre Mutter frech an.
„Marisol, ich glaube deine Mutter hat solche Worte nicht verdient. Gewiss, Tina kocht für uns, aber deine Mutter hat mit der Familie und dem riesigen Haus Arbeit genug. Aber ich möchte jetzt doch dein Wissensdrang befriedigen. Ja, ich habe heute einem Mörder die Handschellen angelegt. Er hat seine Frau aus Eifersucht umgebracht.“
„Wieso habt ihr ihn nicht vorher, bevor er die Frau getötet hat, ins Gefängnis gesteckt? Die arme Frau, jetzt nützt es ihr ja nicht mehr, dass du ihm Hand-schellen angelegt hast. Du hättest es viel eher machen sollen. Ist das der Mann aus Agaete?“
„Ich finde, du solltest wirklich nicht mit Marisol darüber reden, schließlich ist sie erst fünf“ sagt Doña Ramona.
„Mujer“ (Frau), „lass es gut sein. Wenn sie sich dafür interessiert, sollten wir es nicht unterdrücken. Außerdem hat sie Recht. Hinweise auf die Gewalttätigkeit des Mannes hatten wir. Es wäre unsere Aufgabe gewesen, die Frau besser zu schützen.“
„Das sage ich ja die ganze Zeit“ erwidert Marisol, „wenn ich groß bin werde ich Detektivin und du wirst sehen, es werden keine Morde mehr geschehen.“
„Ich habe es gewusst, du bist eine Schnüfflerin“ sagt Marisols Bruder.
Inzwischen hat die Mutter so ein verdrießliches Gesicht aufgesetzt, dass sogar Marisol das Thema fallen lässt und schweigt. Während sie brav ihren Teller aufisst, lässt sie ihre Blicke durch das Esszimmer schweifen. Sie liebt die langen Mittagessen im Kreise der Familie. Ihre Lieblingstante Jacinta ist auch öfters bei den Mahlzeiten dabei und meistens ergreift sie für Marisol Partei. Es gibt allerdings Tage, an denen diese Zusammenkünfte der Familie um den langen Tisch, der eigentlich für mindestens zwölf Personen konzipiert ist, sehr steif und formell verlaufen. Das kommt vor, wenn der Vater von seiner Arbeit erschöpft nach Hause kommt, er über einen schweren Fall grübelt und kaum ein Wort heraus bringt. An so einem Tag hat Doña Ramona das Sagen. Sie stammt aus einer sehr reichen Familie, wo es sehr konventionell und streng zugegangen ist. Das hat sie geprägt. Marisol bringt die Köchin so manches Mal zum Lachen, weil sie das vornehme Getue ihrer Mutter nachahmt. Ihr Vater ist da ganz anders. Er ist im Hafenviertel geboren und aufgewachsen und er hat es durch harte Arbeit bis zum Hauptkommissar von Vegueta gebracht.



https://www.atelier-karin-steinberg-berge.de/meine-buecher/die-schaukel-am-meer/

RE: Leseproben
geschrieben von Susan Melville
als Antwort auf vogelfrei vom 29.07.2017, 13:37:57

Als Autorin von Gedichten mach ich dann mal weiter mit einem Gedicht. emoji_grinning


Seelenerwachen

Als meine Seele sanft erwachte,
ein kleines Licht darin entfachte,
bekam mein Leben einen Sinn,
weil ich durch dich neu geboren bin.


Ist es auch manchmal nicht leicht,
Du – nur Du hast mein Herz erreicht.
Ein Herz, das oft voller Schwermut,
Gefahr lief zu ertrinken in der Flut.

Meine Seele ist der Flut entkommen,
neue Lebenslust hatte sie gewonnen.
Steht nun wieder alleine am Strand,
den Weg vom Ufer zu dir nicht fand.

Wehmütig schaut sie zum Himmel auf,
ahnt dabei nur wage den weiteren Lauf.
Die Seele, die jedoch bereits erwacht,
hat sich wieder auf den Weg gemacht.

So wandert sie alleine nun eine Zeit,
doch spürt sie in der Nähe ein Geleit.
Eine weitere Seele, die neben ihr geht,
das Schicksalsrad wurde neu gedreht.

© Susan Melville


 
Zum Buch

RE: Leseproben
geschrieben von vogelfrei

Vor Jahren schrieb ich diese Geschichten und besonders "Joapira" (die Handlung findet auf der kanarischen Insel El Hierro statt) liegt mir sehr am Herzen. Hier eine Leseprobe:

Joapira

Joapira kann alles Mögliche sein, vielleicht ist es eine duftende Blume, oder eine üppige Pflanze, ein Fluss, vielleicht ist es gar ein Schnaps, oder der Name einer schönen Frau; nein, all das ist es nicht - Joapira ist ein kleiner Lavaberg. Auf seinem schwarzen Gestein steht ein weißer Glockenturm. In der ganzen Golfebene der Insel El Hierro ist sein elektrischer kalter Klang zu hören. Am Abend, kaum dass die Sonne untergegangen ist, leuchtet sein weißes Neonlicht in die beginnende Abenddämmerung. Es ist die Zeit, in der der Turm sich immer mehr vom zunächst hellblauen, allmählich marineblauen, dann schwarzen Himmel abhebt; eine besinnliche Stunde für die Menschen in der Ebene. Es ist acht Uhr abends. Ich kann mir gut vorstellen, dass so mancher hier auf der Insel einen Augenblick innehält, um diese abendliche Stimmung einzufangen, die Schläge zu zählen: Drei Mal, wieder drei Mal und dann noch zwanzig Mal wiederholt sich das Läuten, verstärkt von der steilen Felswand, welche die Golfebene wie ein Hufeisen zum Meer hin abgrenzt. In früheren Zeiten hätte ein Glöckner Tag und Nacht zu tun, denn nicht nur die Zeit wird verkündet, sondern auch das emsige Leben in der alten Kirche am Fuß des Joapira: Messen, Abendandachten, Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen werden mit ausdauerndem Gebimmel eingeläutet.
Von meiner Wohnung, die sich direkt gegenüber der Kirche befindet, konnte ich innerhalb von zwei Wochen zwei Beerdigungen beobachten. Während der Zeremonie verhielt sich die Menge ganz still, nahm ohne Dramatik daran teil. Es war kein tränenreiches Ritual, denn der Tod ist für die Menschen auf der Insel ein Teil ihres Lebens. Der blumengeschmückte Sarg wird nach der Messe, entweder von Männern in Uniform, oder von einem Auto, zu dem Friedhof am steilen Hang langsam getragen oder gefahren, so, dass die Menschen, die den Verstorbenen zu Fuß zu seiner letzten Ruhestätte begleiten möchten, den Anstieg schaffen können. Auch dies vollzieht sich schweigend, ohne Pomp. Nur wenige sind es, die diese Mühsal auf sich nehmen. Die große Menge wartet geduldig schweigend vor der Kirche, bis der Sarg aus ihrem Blickfeld verschwunden ist, und dann, zunächst verhalten, allmählich jedoch immer lebhafter, wird die Gelegenheit zu einem Schwätzchen vor der Kirche oder auf dem Kirchplatz, der Plaza de la Candelaria, wahrgenommen, wobei so mancher Herreño die Möglichkeit für einen Abstecher in die Bar nutzt, die gegenüber der Kirche liegt.
Die Hauptstraße macht um den Berg Joapira und seinem campanario (Glockenturm) einen scharfen Bogen, läuft an der Kirche, dem Platz mit den zwei Bars vorbei. Die scharfe Kurve bewirkt, dass vorüber fahrende Autos und Lastwagen ihre Geschwindigkeit enorm drosseln müssen. Gleich nach der Kurve - das wissen die Fahrer - befinden sich die einladenden Parkplätze vor den Bars, und da sie sowieso den Fuß vom Gaspedal nehmen müssen, können sie ja auch gleich eine Kaffeepause einlegen. Für diese kurze Fahrtunterbrechung lohnt es sich natürlich nicht, den Motor abzuschalten; dieser läuft und läuft, denn man konnte ja nicht wissen, dass sich in der Bar gerade ein guter Freund aufhielt, mit dem man doch länger über das letzte Fußballspiel diskutieren würde.
All das Treiben kann ich von meinem Balkon betrachten. Öfters, wenn ich gerade lesen möchte, werde ich verführt, hinunter zu schauen, um das dort herrschende Treiben zu beobachten. Manchmal lasse ich meinen Blick über die Landschaft schweifen, hänge dabei meinen Gedanken nach, erinnere mich an dies und jenes.
Heute, hier in El Hierro, bin ich nur Tourist - damals aber, vor vielen Jahren, gehörte ich ganz dazu, denn meine Wurzeln liegen in dieser Insel, meine Ahnen sind Herreños, ich bin hier geboren und aufgewachsen. In jungen Jahren verließ ich El Hierro, ging nach Deutschland, baute mir dort eine Existenz auf, gründete eine Familie. Meine Frau liegt seit einigen Jahren in einem mit Blumen geschmückten Grab in Deutschland, um dessen Pflege ich mich nicht mehr kümmern muss, denn dies haben mir meine Kinder und Enkelkinder abgenommen. Überhaupt, ich habe jetzt viel Zeit und hoffe, noch einige Jahre vor mir zu haben. Und nun sitze ich hier, lese viel, beobachte die Menschen da unten, surfe in meiner Vergangenheit, wie die Jugend heutzutage im Internet. So manches aus früherer Zeit gefällt mir, aber einiges ist weniger schön, hat all die Jahre zentnerschwer auf meinem Gewissen gelastet. Heute leiste ich mir den Luxus, diese Bürde beiseite zu schieben, damit befreie ich mein Gewissen aus der Knechtschaft, denn ich weiß, meine Zeit wird nicht ausreichen, all den von mir verursachten Müll zu recyceln.
Und während ich hier sitze, oder umherwandere, sehe ich dich klar und deutlich, merke, dass du noch immer in meinem Herzen bist, obwohl ich damals, als wir noch jung waren, dir nicht erlaubt habe, dich in ihm einzunisten. Ich habe dir nie gesagt, dass ich dich liebe, dass du die erste Frau warst, für die ich wirkliche Liebe empfunden habe. Ich war zu ehrgeizig, hatte große Pläne, wollte zu Reichtum gelangen, wollte dem beschwerlichen Leben auf der Insel den Rücken kehren, und um das zu erreichen, verließ ich dich, ging nach Deutschland. Dort bekam ich das, was ich mir vorgenommen hatte, heiratete auch eine deutsche Frau, mit der ich mich gut verstand und die obendrein ein gutes Einkommen hatte. Auch sie liebte ich, aber nicht mit dieser einmaligen Frische, wie ich sie damals für dich empfand. Meine Frau und ich waren miteinander glücklich, so glücklich, wie es eben das Leben erlaubt. Auch meine Kinder sind in Ordnung, es sind gute Menschen geworden. Ich kann also restlos zufrieden sein. Beeinflusst von der gegenüberliegenden Kirche, dem Glockenturm mit seinem Gebimmel, sage ich, der nicht Gläubige: Gracias a Dios (Gott sei's gedankt), und merke mit Erstaunen, dass ich wieder zu meiner Muttersprache zurückgefunden habe, dass längst vergessene Wörter mir wieder einfallen.

Pianissimo - Sechs Geschichten ueber Lust-Erotik-Liebe

RE: Leseproben
geschrieben von Susan Melville
als Antwort auf vogelfrei vom 01.08.2017, 14:01:59
Ein Gedicht aus dem neuen Buch von mir "Spuren der Melancholie:


Quo vadis?
 
Sag mir, wohin dein Weg dich führt,
wenn deine Seele nichts mehr spürt.
Wenn dein Herz langsam gefriert,
weil du alles verlierst.

Sag mir, wie lang wird der Weg sein,
den du nun gehst für dich allein.
Wenn kein Ziel in weiter Ferne,
niemand hatte dich gerne.

Sag mir, was wirst du am Ende finden,
wenn die Lebenssäfte schwinden.
Dein Weg ist vorherbestimmt,
weil der Tod immer gewinnt.

Sag mir, mein Herz,
“Wohin gehst du?”

© Susan Melville




 

 
 
 

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