Vorostern
Wie wird das Leben doch
zu einem leeren Haus,
wo nur die Wände noch Geschichten leben,
gerahmte Augen starr dein Sein erfassen,
der Klinke keiner mehr die Hände geben
die Füße deiner Stühle,
eingeschlafen,
sich gehen lassen,
und immerzu die vielen Türen
nur noch nach draußen führen.

Als wär das Leben wieder voll,
versuche ich mit Eifer
die Fenster zu beleben
und auch den kühlen Raum,
wie ein geliebtes Wesen,
mit Gottes Segen.

Ich freue mich, oder ich tu nur so,
dass dann mein Haus erstrahlt
als würd’s
etwas zum Feiern geben
und sich der Tisch anfühlt,
als sei er eingerahmt
mit Lust und Leben.

Lisa N.


P.s: Die Kinder sind in der Welt verstreut, die Enkel sind beschäftigt. Die meisten älteren Menschen kennen das. Es ist  normal, dass die Jungen flügge werden und die Eltern mit ihrem Schicksal zurecht kommen müssen, auch wenn die Sehnsucht immer gegenwärtig ist. Mein Gedicht ist, wie ich das immer sage, nur ein Gedicht. Ein ganz wenig Galgenhumor ist dabei. Aber nicht weiter schlimm.

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Kommentare (4)

Ulrike Nikolai

Ein nachdenkliches Gedicht, viel gelebtes Leben erinnernd. Und die Traurigkeit darüber ausstrahlend, dass vieles anders geworden ist.

Es spricht wie die blühende Blume, die langsam, aber doch zufrieden ihren Kopf hängen lässt, wissend, dass sie ihre Samen in die Zukunft fallen lassen darf.

Sie MUSS nichts mehr, sie DARF, was sie mag ... und wenn es das leise Betrachten in schönen Gedichten ist.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Hermann Hesse - Stufen

Danke für dieses berührende Gedicht! 🙏
 

Lisan

@Ulrike Nikolai

Liebe Ulrike,
wie Rilke sagt: du musst das Leben nicht (mehr) verstehen, dann wird es werden wie ein Fest" , so soll es sein. Alles annehmen, wie es kommt und sich mit jeder Situation anfreunden. Im Alter lernt man das alles.
Danke dir und sei lieb gegrüßt von Lisa

Christine62laechel


Liebe Lisa,

so geht es wirklich vielen von uns jetzt. Ich habe noch keine Enkelkinder, und mein erwachsener Einzelkind macht jetzt Urlaub in meinem ehemaligen Heimatland; das Osterfest wird er mit seinen Freunden verbringen. Ich könnte natürlich nicht erwarten - und das sage ich ihm immer wieder - dass er mir oft Gesellschaft leistet, damit ich mich nicht einsam fühle. :) Zum Glück kann man jederzeit telefonieren, oder per Internet sprechen: mit Familienmitgliedern, mit Bekannten... Wie konnten die älteren Menschen früher mit ihrem Alleinsein zurecht kommen, das kann ich mir schlecht vorstellen. Und die meisten von uns müssen es mal werden, da hilft nichts.

Aber - freuen wir uns dann zum Beispiel auch über so einen Besuch von der schönen Katze aus der Nachbarschaft, die sich heute mal wieder meinen Hof genau angeschaut hat. :)

Mit besten Grüßen
Christine



mieze.jpg

Lisan

@Christine62laechel  

Liebe Christine, danke für deinen Besuch und deinen Kommentar. Nachbars Katze, der Luky, ist leider im vergangenen Jahr verstorben. Er kann im Sommer immer durch das Fenster, ließ sich niemals streicheln, aber inspizierte die Wohnung, setzte sich dann ins Fenster zur Straße und guckte hinaus. Wenn er genug hatte, kam er wieder durchs Wohnzimmer, durch Schlafzimmer wieder hoch aufs Fenster und in den Hof hinaus. Für mich war das immer das Highlight des Tages.
Ja, im Alter muss man halt andere Prioritäten setzen. Sende dir liebe Grüße.
Lisa


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