Der Alptraum vor der Traumreise

Autor: ehemaliges Mitglied

Sichtlandung oder auch Blindflug moderner Großraumjets in Wolken und Nebel ohne Instrumentenlandungsmöglichkeit auf Nordnorwegischen Flughäfen? Möglicherweise ein Anachronismus der modernen Luftfahrt mit Gefährdungspotential für den Massentourismus.
Dort wo schon die Deutsche Luftwaffe während des 2. Weltkriegs ihre Feldflughäfen hatte und die langsameren propellergetriebenen Kampfflugzeuge durch Sichtbehinderung infolge Nebels und Wolkenbildung stark beeinträchtigt waren, werden heute schnelle Großraumjets, beispielsweise des Typs Airbus A 320, offensichtlich den gleichen Landebedingungen und –gefahren ausgesetzt wie vor 65 Jahren.
Erlebt an Bord eines Airbus A 320, auf einem Flug nach Kirkenes in Nordnorwegen vor Einschiffung zu einer südgehenden Hurtigreise.
Nach pünktlichem Abflug in Düsseldorf gegen 7:30 begann der Landeanflug auf Kirkenes nach ruhigem Flug gegen 10:30. Nach einiger Zeit des Sinkfluges und des üblichen Ablaufs des Sicherheitsprocedere beim Landeanflug tauchte die Maschine in Wolken ein und befand sich merklich weiterhin im Sinkflug. Ohne Vorwarnung oder Ankündigung der Crew erfolgte plötzlicher Durchstart, der die meisten Fluggäste wohl beängstigte, wie die plötzliche einkehrende Ruhe zu erkennen gab.Seitens des Cockpits wurde dann mitgeteilt, man habe die Landebahn nicht sehen können und werde einen weiteren Anflug einleiten; die Ruhe im Flugzeug war nun fast zu hören. Nach merklichem Turn und deutlichen Zeichen des Sinkfluges und der Hoffnung, dass man jetzt “Land gewinnen werde“, kam das alsbaldige erneute Loch im Bauch bei nochmaligem Durchstarten.Nachdem die Maschine wieder an Höhe gewonnen hatte, teilte das Cockpit mit, man habe wiederum die Landebahn nicht sehen können und müsse nun, abgesehen von den Gefahren gebirgiger Umgebung, auch zum Auftanken einen Ausweichflughafen ansteuern. Wohin die Reise gehen sollte wurde nicht mitgeteilt. Die Ruhe im Flugzeug war weiterhin bemerkenswert. Ein auf der anderen Seite neben mir sitzender Freund meinte, man könne doch vielleicht im unweiten Murmansk zwischenlanden!?Kabinenpersonal zur Entgegennahme dieses Vorschlags war gerade nicht in der Nähe. Hinter mir konnte ich eine ältere Dame beim Beten beobachten. Als ich eine Toilette aufsuchen wollte, bat mich eine Stewardess, sie doch vorzulassen, es sei sehr dringend; was mich bedenklich stimmte. Endlich erneutes Einleiten des Sicherheitsprocedere vor angekündigter Landung, man habe gute Sicht hieß es.
Die Erleichterung in der Maschine war merklich. Der Mikromonitor zeigte eine kurze Landebahn, die abrupt am Ende eines Fjords, des Porsangerfjords wie sich später herausstellte, endete; Kapitän und Copilot mussten hier schon mächtig “in die Eisen steigen“ , um es einfach auszudrücken.
Wie sich herausstellte, waren wir auf dem Flugfeld Banak bei Lakselv gelandet, etwa 200 km westlich von Kirkenes, wo schon im 2. Weltkrieg Viermotorige Condor FW 200 der deutschen Luftwaffe stationiert waren. Hier standen zwei weitere Opfer der Wetterverhältnisse über Kirkenes, eine spanische Boeing und ein norwegischer Airbus.
Zu erwähnen ist noch, dass der Airbus, den man nicht verlassen durfte, entgegen sonstiger Sicherheitsgepflogenheiten, voll besetzt von einem norwegischen Militärtankwagen aus betankt wurde.
Schließlich wurde nach vielen Telefonaten, die Cockpittür stand während des Aufenthaltes in Banak auf, ein dritter Landeanflug auf Kirkenes angekündigt, wo die Sichtverhältnisse jetzt besser seien, wie es hieß. Nach erfolgreicher Landung wurde die Crew reichlich beklatscht. Schließlich hatten die “Jungs“ im Cockpit der schweren Kiste eine fliegerische Meisterleistung vollbracht, wie auch früher “Die Männer in ihren fliegenden Kisten“.
Reguläre Ankunft in Kirkenes war geplant gegen 11:00, endgültige Ankunft gegen 15:00. Im Gegensatz zum Flugende am Rande des Alptraums erwies sich die Reise mit dem Postschiff von Kirkenes nach Bergen als Traumreise. Wer näheres über Nordnorwegische Flugplätze zu Kriegszeiten erfahren will, deren Verhältnisse den heutigen, wegen mangelnden Geländes und nordischer Wetterverhältnisse, vielleicht manchmal noch sehr ähneln können, dem wird folgend Lektüre empfohlen:
Walter Henkels, Eismeerpatrouille, Als Kriegsflieger in der Arktis. Verlag Econ 1978
Rdicitus

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Kommentare (1)

tilli Hoffentlich konntest du trotzdem deinen Urlaub geniessen.
Ich habe ähnliches erlebt.Der Flug von Minerlane Wody nach Kiev, hatte solche Problem,aber die Russen habe es hinbekommen.Bloß mein Mann ist danach niemals mehr in ein Flugzeug gestiegen.
Viele grüße Tilli

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