Hiddensee

Autor: ehemaliges Mitglied

Hiddensee


Hiddensee

Zahllose Steine am Strand, kleine, große, schlanke, schmale, dicke,
unversehrte und angeschlagene, gewöhnliche, interessante,
bizarr von Wasser und Reibung an anderen zurecht geschliffen,
in vielen Farben, mit Löchern, Runen, Falten, Warzen, Dellen
und geheimnisvollen gravierten Inschriften.

Manche umfangen andersfarbige Einschlüsse, manche sind zu Konglomeraten verklumpt,
manche fallen auf, und manche sind unscheinbar.
Manche zeigen Augen, Nasen, Münder, andere gleichen Tieren,
und die meisten vermitteln wegen ihrer abgeschliffenen Kanten
den Eindruck großer Sanftheit und Harmonie.

Auch Menschen werden ihre Kanten von der Zeit – dem Wasser –
und der Reibung an anderen Menschen abgeschliffen,
was sie letztendlich innerlich härter – gleich widerstandsfähiger,
und äußerlich sanfter – gleich duldsamer macht.

Die Zeit intensiviert - wie bei den Steinen – unsere Farben
und lässt sie leuchten, ehe sie am Ende ihrer Lebensspanne abtrocknen
und wieder zu Sand und Staub zerfallen.

Üppiger Urwald mit unerwarteten Ausblicken auf graues oder tiefblaues Meer, einmal trügerisch glatt wie Öl, und zuzeiten mit gischtenden Schaumkronen wie die Wilde Jagd.

Im tiefgrünen Dunkel plötzlich flammender Fingerhut, gefährlich gefleckt.
Ein schlanker Leuchtturm erhebt sich über blühenden Wiesen,
und ich wüsste gerne, wie er von der Seeseite wirkt.
Sein Signalfeuer bleibt mir verborgen, da der Sonnenuntergang im Westen
tiefste Versenkung verspricht, und der Heimweg im Dunkeln riskant erscheint.

Heideland im Süden, weicher Sand, und unter Kiefern kreuzt ein Schäfer mit seiner Herde den Weg zum Kleinen Leuchtturm.
Abstieg zum Strand und den abenteuerlichen Gesichtern der Holzpflockbunen, die dem Ansturm der Wellen trotzen.

Schnecken mühen sich über den Sand, und am Wellensaum findet sich buntes Strandgut.
Kormorane hocken auf den Bunen und breiten ihre Flügel zum Trocknen aus.
Möwen sitzen am Ausguck oder ruhen sich aus.
Beim Wandern entlang des Meeres lecken die Wellen an meinen Schuhen,
und ich weiche nicht immer rechtzeitig aus.

Die Reetdächer entzücken mit ihren sanften Schwüngen an Gauben und Firsten.
Im Hafen buntes Allerlei – Segelboote, Fischkutter, Dingis, Mastengewirr, Bootsstege, Poller, Netze, Taue, schwere Eisenketten – und Menschen, Möwen und Schwäne.

Im Dorf lebhaftes Treiben, Einheimische rufen sich Grüße im ungewohnten Platt zu, und Touristen mustern das Angebot an Souvenirs.
Bernstein, bizarres Schwemmholz und andere Funde, verarbeitet zu Kunst und Kitsch, Bilder, Bücher und frech beschriftete Taschen geben sich ein buntes Stelldichein.

Hiddensee – ach! Vorbei!

© wunderkruke
 


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Kommentare (4)

U. Petri

Liebe Barbara,

ach, ich war noch nie in Hiddensee!
Was ich da alles versäumt habe hast Du so anschaulich erzählt,
daß man eigentlich nur die Augen schließen müßte, um sich alles vorzustellen.
Ja, wenn ich das könnte!. . .
So aber rührst Du nur die Sehnsucht auf in dem Topf der Gefühle. . . 
Ich glaube, ich muß das einfach ein paar mal lesen - vielleicht sehe
ich doch - die  Steine - das Wasser - den Strand - die Kiefern - 
und noch so vieles andere??

Auf jeden Fall,
danke, daß Du so anschaulich über Hiddensee geschrieben hast!

Sei herzlich gegrüßt
Ursula
 

werderanerin

Hiddensee - ja, eine kleine aber wunderschöne Insel, die man z.B. von Schaprode aus per Schiff erreichen kann. Mehrere Orte werden angefahren. 

Das schöne, sie ist autofrei und man sieht viele Räder aber auch Fuhrwerke gemächlich, holpernd vorbei fahren. Nur das Postauto, die Polizei und die Feuerwehr haben dort die Sondererlaubnis, mit einem Auto zu fahren.

Ich kenne Hiddensee schon als kleines Mädel, war immer schon damals von den kleinen Häuschen fasziniert, gefühlt nicht größer als ich...😉.

Lange her alles und heute fahren viele Menschen mal kurz rüber und verbringen einen Tag am Strand o.ä. - alles viel zu voll, auch wenn es sich ein wenig verteilt aber das ist ja überall so, siehe auch Rügen, Darß und Usedom.

Kristine dankt für diese schöne Anregung

ehemaliges Mitglied

@werderanerin  

Liebe Kristine -

vor vielen Jahren schrieb ich einer deutschen Schriftstellerin, die nahe Berlin lebt, weil mir ihre Schilderung einer Radreise mit einem Bekannten durch   Irland so gefallen hatte, denn ich bin "Irland-verrückt". Daraus entstand eine schöne Brieffreundschaft, und sie lud mich ein, mit ihr eine Woche auf Hiddensee zu verbringen. Es war eine wunderbare Woche - wir wanderten fast die ganze Insel ab. Wir hatten ein kleines Ferienhaus direkt hinter der Strandpromenade gemietet, und wir verstanden uns bestens.Ich habe viel Strandgut fotografiert, vor allem die wunderschönen, unterschiedlichen Steine, da ich sie ja nicht alle mitnehmen konnte. Ich denke sehr gern dahin zurück...
Eine Stofftasche mit der Aufschrift "Meine Leute waren auf Hiddensee - und alles, was sie mitgebracht haben, ist diese Sch...-Tasche" ist immer noch in Gebrauch...
Lieben Dank für Deinen Kommentar - und LG - Barbara

 

werderanerin

Ja, liebe Barbara, ich kann garnicht anders, als dir zu antworten. Es gibt soviel schönes und u.a. gehört Hiddensee unbedingt dazu.

Schon zu DDR Zeiten war dieses kleine Eiland eine Art Sehnsuchtsort für diejenigen, die Ruhe brauchten, träumen wollten und erleben konnten, was es heißen kann...mal die Seele baumeln zu lassen.

Wir waren als Kinder immer schon auf der großen Insel Rügen, in Saßnitz, dort wohnte eine Tante. Fast immer aber fuhren wir nach Schaprode, auch dort wohnte ein Verwandter unseres Vaters.

Ich sehe noch das kleine Häuschen vor mir...ein Garten mit Blumen war davor, die Eingangstür war so niedrig, dass mein Vater immer den Kopf einziehen musste. 

Dann ging es fast immer mit dem Schiff nach Hiddensee rüber. Die Strände waren damals nicht voll, sodass ein Aufenthalt immer auch schön war.

Erinnern kann ich mich an die Feuerquallen...nur auf Hiddensee gab es die, taten furchtbar weh, wenn man sie berührte.

Ja...,ein Rückzugsort, den es so kaum noch gibt , aber immer noch schön ist.

Kristine





 


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