Forum Kommentare zu den Artikeln der Blogger Gruppenbeitraege "Die Mauer war natürlich nicht gut - für keinen !"

Gruppenbeitraege "Die Mauer war natürlich nicht gut - für keinen !"

anjeli
anjeli
Mitglied

Ich kann das alles nachvollziehen
geschrieben von anjeli
obwohl ich keine Familie in der DDR hatte.

Ich war direkt nach der Wende drei Jahre in Frankfurt/Oder eingesetzt, um mit einem
Kollegen ein Bildungszentrum aufzubauen.

Während meiner Tätigkeit hatte ich sehr viele berufliche und private Kontakte. Ich habe keinen Menschen kennengelernt der den Mauerbau gutgeheissen hat.

Alle Menschen waren erleichtert, dass sie jetzt in Freiheit leben konnten.

Aufgefallen ist mir, dass bei Mitarbeiterbeprechungen, die in einer Gastatätte bei einem gemütlichen Abendessen stattgefunden haben, die Mitarbeiter aus Ost sehr leise
oder gar nicht gesprochen haben.
Auf meine Nachfrage, warum sie so leise sprechen und teilweise unbeteiligt der Diskussion beiwohnen, bekam ich Antworten, die mich entsetzten.
Unsere Mitarbeiter hatten immer noch Ängste, dass sie ausspioniert werden könnten, dass
der Feind am Nebentisch sitzen könnte und das ihnen Nachteile entstehen könnten.

Ich konnte es verstehen, denn sie kannten es nicht anders. Sogar in den eigenen vier
Wänden konnten sie sich nicht zwangslos unterhalten, waren sie nicht sicher, weil diese Plattenbauten sehr hellhörig waren.

Ich habe dann nochmal einen kleinen Vortrag gehalten über Demokratie und Redefreiheit.
So nach und nach haben unsere Mitarbeiter sehr viel gelernt.

Auch kann ich sagen, dass ich während meiner gesamten Tätigkeit immer freundlich und
offen von den Menschen aufgenommen wurde.
Ich habe gerne diese Tätigkeit verrichtet und denke manchmal an die schöne Zeit in der
ehemaligen DDR zurück.

Für den Mauerbau habe ich keine Verständnis und ich meine, dass der Sozialismus ohne
Mauer schon viel eher gestorben wäre.

anjeli
Kopie aus :"Der Bau der Berliner Mauer war richtig!"
geschrieben von klaus
Zitat von adam - aus dem Thread : "Der Bau der Berliner Mauer war richtig!"

"könntest Du, als ehemaliger Bürger der DDR, mir zustimmen, wenn ich der Meinung bin, daß das DDR-Regime die Grenzen dicht gemacht hat und die Menschen in ihrem Staat im Namen des Sozialismus ausgebeutet hat? "



Das kann ich.

Dabei spielt besonders die geistige Ausbeutung eine Rolle.
Man wurde gezwungen, Dinge zu machen, die man nicht machen wollte.
UND - ganz normale Dinge, die man machen wollte, wurden untersagt.
Das ist eines der Hauptmerkmale kommunistischer Diktaturen( der anderen Diktaturen sicher auch).

Beispiele mal nur aus meinem Berufsbereich:

-Zwangsweise Teilnahme am Parteilehrjahr der SED- mit immer wieder den gleichen Themen, die im Endeffekt auf eine Huldigung von Partei und Regierung hinausliefen.
Da durfte man sich über die kluge Parteiführung auslassen, auch - wenn sie den größten Mist baute.
Das war der Zwang zum Lügen. Wer nicht log, sondern nur seine eigene Meinung zu den Grundfragen sagte,die nicht mit der Meinung der SED übereinstimmte, bekam ernste Schwierigkeiten - bis hin zur vollständigen "Isolierung"(über die "Stufen":Beschneidung der Aufstiegsmöglichkeiten, zwangsweiser "Abgang in die Produktion", Knast)
Deshalb hielt natürlich die Mehrheit die "Schnauze" und las - wenn notwendig die vorgeschriebenen Parteiparolen ab.
Die Mehrheit der DDR-Bürger waren eben keine Helden, woraus die SED-Führung dann ulkigerweise Zustimmung ableitete.
(Anmerkung: ich war nie Parteimitglied, musste aber als Lehrer am Parteilehrjahr der SED teilnehmen, was für andere Berufsgruppen nicht unbedingt üblich war).
(2. Anmerkung: im letzten Vorwendejahr wurden die Diskussionen schon deutlich offener und hin und wieder gab es "kleine Proteste" gegen die starre Haltung der SED-Führung, was sich dann - Thema Vorbildwirkung- wie eine Welle ausbreitete.
Ich glaube "Massenmut" braucht Vorbilder - so habe ich es jedenfalls erlebt.

- Das war der Zwang zur Wahl zu gehen und dort den vorgefertigten Zettel mit den SED-Bonzen, die man natürlich zumindest v. der Spitzenriege her kannte, da sie ja auf Lebenszeit an der Macht sein sollten- in eine Wahlurne zu werfen.
Wer sich dem widersetzte wurde so lange drangsaliert, bis er sich beugte und dann "wählen" ging.
Aus bestimmten Bereichen( Schulen, Hochschulen, Verwaltung...) wurden Wähler, die es wagten, die Kabine zu benutzen, aus ihren Berufen entfernt.

Das ließe sich fortsetzen.

Der Zwang, seine eigene Meinung nur seinen Freunden und Familienmitgliedern mitzuteilen( was auch noch gefährlich werden konnte - siehe IM's der Stasi...) und in der Öffentlichkeit zu lügen - die Isolierung( geistig und "technisch") vom "Rest der Welt"- gehört zu den schlimmen "Highlight's" der SED-Diktatur mit IHRER "SCHUTZMAUER" in der ehem. DDR.

Die materielle Seite war eigentlich noch das kleinere Übel, denn im Vergleich zu den anderen soz. Staaten gin es uns nicht schlecht. Das muss ich hier nicht begründen, da das andere schon mehrfach ausfürlich getan haben.
An die ständigen materiellen Engpässe ( Lebensmittel, wie Obst, Frischfleisch ... technische Artikel aller Art...)hatte man sich gewöhnt und entsprechend angepasst( Hamsterkäufe, Tauschwirtschaft, rechtzeitige Anmeldung ...) - eben EINGERICHTET.

Wer sich heute in einer Umfrage dafür entscheidet, dass er gern die Mauer wieder haben würde, hat sicher über die Fragestellung nicht nachgedacht oder ist darüber sauer, dass seine ehemaligen Privilegien nichts Besonderes mehr sind.




karl
karl
Administrator

Danke Klaus!
geschrieben von karl
Ich finde es sehr gut, dass Du diesen Beitrag auch hier eingestellt hast, denn er ist genau das, was ich mir von dieser Gruppe erhoffe, dass Schilderungen zur DDR von außen wie von innen die ehrlichen Befindlichkeiten schildern, die Menschen hatten, die mit dem Staat in Berührung kamen oder in ihm gelebt haben.

Wie ich im anderen Thread schon schrieb, waren mein Zwillingsbruder und ich in einem Zeltlager des CVJM als wir die Nachricht vom Mauerbau, am 13. August 1961 unserem 13. Geburtstag, erfuhren. Obwohl wir damals eigentlich nur Fussball im Kopf hatten, waren wir tief erschüttert. Das Ereignis wurde im Lager ausführlich diskutiert. Selbst uns Kindern war sofort bewusst, dass dies die Trennung vieler Familien bedeuten würde und wir machten uns Sorgen um Westberlin. Nicht nur bei der Maueröffnung während der Wende, sondern auch bei einem Besuch im vereinigten Berlin Ende der 90er Jahre hatte ich Glücksgefühle als ich sah, dass die Grenze teilweise unsichtbar geworden war.

Ich bin gegen alle Mauern (oder Gräben), die errichtet werden, um Menschen zu trennen.

Karl

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