Forum Fremdsprachen Latein "Tempus fugit" - "Carpe diem" / Ein Austausch über lateinische Sentenzen

Latein "Tempus fugit" - "Carpe diem" / Ein Austausch über lateinische Sentenzen

Silberweide
Silberweide
Mitglied

RE: "Tempus fugit" - "Carpe diem" / Ein Austausch über lateinische Sentenzen
geschrieben von Silberweide
als Antwort auf margit vom 04.11.2018, 20:56:55
Danke, lieber Investigador, für deine Erläuterungen! Und volles Verständnis von meiner Seite. Auch bei mir ist in den letzten Jahren viel Energie in die Flüchtlingshilfe geflossen, und das ist ja auch eine wunderbare Arbeit, die wirklich Früchte trägt. Deshalb von mir einfach danke fürs Initiieren dieses Threads!


Liebe Margit,

allerschönsten Dank für deine Mühe und das Einstellen der Übersetzung mitsamt historischer Anmerkung! Besonders schön finde ich es, wenn ich anhand der Übersetzung Wort für Wort den lateinischen Text "aufschließen" kann. Zum Beispiel:

Clarorum quoque virorum hic affectus querellas evocavit.
Dieser Zustand rief auch die Klagen von berühmten Männern hervor.

 
Dieses "Auseinanderziehen" von Satzgliedern kenne ich aus dem Griechischen als Sperrstellung oder Hyperbaton, und es stellt mich immer vor große Herausforderungen.
 
Berühmter auch Männer dieser Zustand Klagen hervorrief.
 
Das ist das, was wirklich dasteht, nicht?
Ich habe mich oft gefragt, was die Jungs davon hatten, dass sie solche Satzstellungen konstruierten. Irgendeinen Grund muss es geben ...

 
Ansonsten finde ich die Beschäftigung mit Seneca höchst interessant und würde gern mehr von ihm hier sehen. Ich bin ihm in "Die Wölfin von Rom"  und anderen Nero-Romanen begegnet und war beeindruckt. Und ausgerechnet in dem Lehrbuch Kantharos zum Griechisch-Unterricht geht es bereits in Lektion 3 ausgerechnet um die Stoiker. Ob das ein Zeichen ist? Und wenn ja, wofür?

Gruß, Rani
 
 
 

 
margit
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Administrator

RE: "Tempus fugit" - "Carpe diem" / Ein Austausch über lateinische Sentenzen
geschrieben von margit
als Antwort auf Silberweide vom 05.11.2018, 19:31:22

Liebe Rani,

es freut mich, wenn Dir meine Übersetzung weitergeholfen hat.
 

Berühmter auch Männer dieser Zustand Klagen hervorrief.
 

Das ist das, was wirklich dasteht, nicht?

Ja, wenn Du jedes Wort in der Reihenfolge überträgst, wie es dasteht.

Die wörtliche Reihenfolge lässt sich im Deutschen aber nicht beibehalten, wenn der Text verständlich bleiben soll.

Im obigem Satz will Seneca besonders hervorheben, dass auch berühmte Männer über die Kürze des Lebens klagen. Diese Hervorhebung geschieht durch die Stellung am Beginn des Satzes und das quoque (auch), das immer hinter dem betonten Wort steht.

Deshalb korrigiere ich meine Übersetzung in:

Dieser Zustand rief die Klagen sogar (auch) von berühmten Männern hervor.

Ansonsten finde ich die Beschäftigung mit Seneca höchst interessant und würde gern mehr von ihm hier sehen.
 

Du kannst gern ein neues Thema zu Seneca eröffnen, in diesem Thread soll es ja um lateinische Sentenzen gehen.

Ich stelle folgende Sentenz zur Diskussion:

"vitam brevem esse, longam artem"


Margit

 
margit
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Administrator

RE: "Tempus fugit" - "Carpe diem" / Ein Austausch über lateinische Sentenzen
geschrieben von margit
als Antwort auf investigador vom 05.11.2018, 19:14:19

Lieber Investigador,

ich freue mich, dass du Dich hier wieder gemeldet hast und hoffe, dass Dir die ärztliche Kunst hilft und Du bald wieder Zeit für uns findest.

Als erfahrene ST-Foristin schreibe ich längere Beiträge manchmal in Word und kopiere sie dann ins Forum oder ich mache mir eine Kopie, um nicht den ganzen Beitrag zu verlieren, wenn ich mich beim Absenden verklicken sollte.

Du schreibst, dass Du in der Schule auch Altgriechisch gelernt hast. Stand in Deinem Griechisch-Buch auch auf der ersten Seite der Leitspruch:
Bildschirmfoto 2018-11-06 um 22.31.50.png
"Der nicht geschundene Mensch ist nicht erzogen"?

In Latein hatte ich begabte Lehrer, im Griechischen nicht so sehr. Vielleicht lag es aber auch an mir.

Mit Spannung erwarte ich die nächste Latein-Sentenz von  Dir.

Margit


 


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Silberweide
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RE: "Tempus fugit" - "Carpe diem" / Ein Austausch über lateinische Sentenzen
geschrieben von Silberweide
als Antwort auf margit vom 06.11.2018, 22:35:08
Vita brevis, ars longa.
Aha! Wiki verrät mir, dass das vermutlich von Hippokrates stammt; damit sind wir im 5. Jahrhundert, da fühle ich mich doch gleich viel mehr zu Hause. Und zu meiner Freude kommt auch gleich noch die griechische Entsprechung daz
u: Ὁ μὲν βίος βραχύς, ἡ δὲ τέχνη μακρά.

Mit Kunst soll wohl die Heilkunst gemeint sein. Nach dem griechischen Wortlaut würde ich sagen: Das Leben ist zwar kurz, aber die Kunst (Geschicklichkeit) groß (weit, ausgedehnt).

Was machen wir nun daraus? Vielleicht: "Den Ärzten fällt immer etwas ein, mag auch der Nutzen naturgemäß begrenzt sein ..."?

Lächeln


 
margit
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Administrator

RE: "Tempus fugit" - "Carpe diem" / Ein Austausch über lateinische Sentenzen
geschrieben von margit
als Antwort auf Silberweide vom 08.11.2018, 18:16:55

Das lateinische Zitat stammt aus Seneca Schrift "die Kürze des Lebens", wo er wiederum Hippokrates ("den größten unter den Ärzten") zitiert.

Ich würde es so interpretieren, dass das Leben des Einzelnen zwar nur kurz ist, die Kunst oder das Wissen (im Lat. heißt ars nicht nur Kunst, sondern auch auch Wissenschaft) der Ärzte sich über Generationen aufbaut und erhält.

Im griechischen Zitat steht interessanterweise nicht longa (lang), sondern μακρά (groß).

Seneca hat hier die Übersetzung mit dem Adjektiv "lang" gewählt. Dies tat er sicherlich aus stilistischen Gründen. Jeder gebildete Römer hatte als Schul-/Studienfach auch Rhetorik und Grammatik. In diesem kurzen Zitat von Seneca wird das gleich zweimal deutlich: 

"vitam brevem esse, longam artem"

1. brevem - longam (kurz - lang) ist eine Antithese

2. und die Wortstellung ist auch eine stilistische Figur, ein Chiasmus (Überkreuzstellung von Satzgliedern,  nach dem griechischen Buchstaben Chi - Χ  benannt).

vitam brevem     esse,
        x
longam artem

Für die Ohren eines Römer waren diese Feinheiten ein Genuss, für den modernen Lateinschüler sind sie das nicht unbedingt. 

Wollen wir mit der nächsten Sequenz fortfahren?

"Non exiguum temporis habemus, sed multum perdidimus."

Nicht wenig Zeit haben wir, aber viel (Zeit) haben wir verschwendet.

Margit

Silberweide
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RE: "Tempus fugit" - "Carpe diem" / Ein Austausch über lateinische Sentenzen
geschrieben von Silberweide
als Antwort auf margit vom 09.11.2018, 09:30:17
Smiley

Die Qualen der Schüler kann ich mir vorstellen. 

"Non exiguum temporis habemus, sed multum perdidimus."
Das ist ja soweit ganz gut verständlich, man kann es eigentlich nur bestätigen! 

Exiguum temporis, interessant durch den Genitiv vielleicht: ein Weniges an Zeit, nicht wahr?

Wenn wir überlegen, mit welchem römischen Autor wir uns hier noch weiter beschäftigen könnten, würde ich gern auch Apuleius in Vorschlag bringen. Ist der goldene Esel eigentlich sprachlich sehr schwierig?

Danke, Margit, & herzliche Grüße!

 

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margit
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Administrator

RE: "Tempus fugit" - "Carpe diem" / Ein Austausch über lateinische Sentenzen
geschrieben von margit
als Antwort auf Silberweide vom 09.11.2018, 09:49:27

Liebe Silberweide,

exiguum temporis kan man schon mit "ein weniges an Zeit" übersetzen, es klingt aber doch sehr nach Latein. Den französischen Teilungsgenitiv übersetzen wir ja auch nicht mit "vom Tee":

je voudrais une tasse de thé
ich möchte gern eine Tasse Tee.

August Rode, dessen Übersetzung der Metamorphosen (der ursprüngliche Titel, später "der goldene Esel" genannt) 1920 erschienen und jetzt im Netz auf der Gutenberg-Seite zu finden ist, schreibt über das Werk:
"Der goldene Esel des Apuleius, dieser wenigstens dem Namen nach allgemein bekannte satirisch-mystische Roman, ist mit so viel Menschenkenntnis, Witz, Munterkeit und Laune geschrieben, mit so angenehmen, wohlerfundenen, komischen, tragischen und poetischen Episoden durchwebt, daß nicht allein Boccaz und Raphael, La Fontaine und Le Sage denselben stückweise, jeder in seinem Fache, benutzt, sondern daß auch alle um uns liegenden kultivierten Nationen sich denselben durch wiederholte Übersetzungen völlig eigen zu machen gesucht haben."

aber auch:
" ... des Apuleius Schreibart ist bei weitem nicht die beste. Er kettet ewig lange Perioden zusammen, ist sehr kostbar und schwülstig in seinem Ausdrucke, gebraucht unerhörte Wortfügungen und veraltete, ja wohl gar selbsterfundene Wörter und Redensarten.

Apuleius (123 n. Chr. in Madauros geboren) hat in der Geschichte großen Einfluss auf die Literatur, Kunst und Musik gehabt, ist aber im Original schwer zu lesen.

Margit

Silberweide
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RE: "Tempus fugit" - "Carpe diem" / Ein Austausch über lateinische Sentenzen
geschrieben von Silberweide
als Antwort auf margit vom 09.11.2018, 18:24:19

Danke, das gibt mir erst mal zu denken ... Lächeln


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